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Abgrenzen als Überlebensstrategie

Eine migrantische Lesbe ermittelt

Wegen einer berüchtigten "taz"-Kolumne über die Polizei hätte Horst Seehofer Hengameh Yaghoobifarah beinahe angezeigt. Nun hat das provokante Schreibtalent das Genre gewechselt und ihren Debütroman "Ministerium der Träume" vorgelegt.


Hengameh Yaghoobifarah arbeitet in der Redaktion des "Missy Magazine", schreibt außerdem für die "taz" und weitere deutschsprachige Medien (Bild: Heinrich-Böll-Stiftung / wikipedia)

Im letzten Jahr hat Hengameh Yaghoobifarah gezeigt, was für eine politische Welle eine Kolumne (über die Polizei) auslösen kann. Nun ist Yaghoobifarahs Debütroman erschienen, der ebenfalls von rassistischen Strukturen handelt – mit weniger Polemik und vielen Zwischentönen. Eingebettet ist der Roman in eine Kriminalgeschichte. Er macht deutlich, welche Kraft vom literarischen Schreiben über politische Missstände ausgehen kann.

"Ministerium der Träume" ist ein spannungsvoller Krimi, den man nicht weglegen kann. Er handelt von Nas, die in einer Bar in Berlin arbeitet und zu Beginn des Buchs erfährt, dass ihre Schwester Nushin umgekommen ist. Autounfall, sagen die Polizisten. Doch das glaubt Nas nicht. Sie entdeckt, dass ihre Schwester Geheimnisse hatte, und kommt ihnen im Laufe von 384 Seiten auf die Spur.

Erinnerung an rechtsextreme Anschläge


Der literarische Krimi "Ministerium der Träume" ist Anfang Februar bei Blumenbar erschienen

Nas und Nushin sind die Kinder iranischer Eltern. Mit ihrer Mutter immigrieren die Schwestern in den Achtzigern von Teheran in eine triste Siedlung nach Lübeck-Hudekamp ("Wer hier lebt, hat sich das nicht ausgesucht") und werden dort Zeuginnen rassistischer Hetze, wie die Leserin in Rückblenden erfährt. Rechtsextreme Anschläge der deutschen Geschichte werden ins Gedächtnis gerufen. Diese haben, wie sich herausstellt, indirekt etwas mit dem Tod der Schwester zu tun.

In "Ministerium der Träume" werden Erfahrungen benannt, die in der deutschen Literatur noch nicht besonders oft eine Rolle gespielt haben. Belehrend ist der Roman aber nicht. Das Politische fügt sich – und das ist eine große Stärke Yaghoobifarahs – mühelos in den Text ein. Das gilt zum Beispiel auch für die Geschlechteridentitäten. Yaghoobifarah selbst definiert sich als nichtbinär und auch die Figuren identifizieren sich oft nicht mit Heterosexualität.

Geboren 1991 in Kiel, steht Yaghoobifarah für eine Generation, die ein Bewusstsein für Rassismus und gesellschaftliche Privilegien entwickelt hat – "wokeness" (dt. etwa: "erwacht sein") wird das oft genannt. In der deutschen Literatur sind Stimmen, die die Erfahrungen von Minderheiten beschreiben, noch immer in der Unterzahl. Doch es werden erfreulicherweise mehr: Man denke etwa an "Streulicht" von Deniz Ohde oder "1000 Serpentinen Angst" von Olivia Wenzel, zwei starke Romane aus dem vergangenen Jahr, die auf der Long- beziehungsweise Shortlist des Deutschen Buchpreises standen.

Pöbeln um zu überleben

Obwohl sich die Protagonist*innen gegen Nazis auflehnen, die Polizei kritisieren oder sich über die typischen deutschen Eltern amüsieren, reflektieren sie – oder andere – im Buch ihre eigene Rolle kritisch. "Bin ich weniger Annika, nur weil ich Joghurt- und Eisbehälter als Tupperdosen verwende?", fragt sich Nas an einer Stelle, nachdem sie sich zuvor exzessiv über die typische "überambitionierte Fußballmama" aufgeregt hat, "die hinter jedem random Schwarzen Typen in Kreuzberg einen Drogendealer vermutet".

Dass die Hauptfigur so viel gegen die deutsche Mehrheitsgesellschaft pöbelt, ist eine Überlebensstrategie. So wurde Nas, die sich selbst als "migrantische Lesbe" bezeichnet, in frühen Jahren etwa von einem Rechtsradikalen vergewaltigt.

Trotz dieser ernsten Themen ist der Roman mit viel Humor, Popkultur-Referenzen und in coolem Slang geschrieben. Das liest sich etwa so: "Die Sache mit der Trauer ist: Du fühlst dich scheiße, und das geht erstmal nicht vorbei. Was kickt, ist Langeweile wegen Depressionen. Zu Hause passiert einfach nichts, ich bleibe nur auf meinem eigenen Film hängen, wie ein Alptraum ohne Wecker, aber halt auch ohne Schlaf."

Wenn Nas unter Schock durch einen Wald irrt, nachdem sie vom Tod ihrer Schwester erfahren hat, sind ihre Beine "wie durchtränkte Löffelbiskuits in einem schlecht zubereiteten Tiramisu", ihre Erinnerung löst sich auf "wie eine Tablette in einer Pfütze".

Yaghoobifarah beherrscht auch die Zwischentöne

Als Yaghoobifarah im vergangenen Jahr in der "taz" ihre Kolumne über die Polizei veröffentlichte, regte sich teils heftiger Widerstand. Es hagelte Anzeigen – unter anderem drohte auch Bundesinnenminister Horst Seehofer eine an – weil in der Kolumne die Polizei in einem Sprachbild mit Müll verglichen wurde. Der Text war von der Pressefreiheit gedeckt, entschied der Deutsche Presserat. Doch manche bedauerten auch, dass durch die Provokation vom eigentlichen Thema – rassistischen Vorfällen in der Polizei – abgelenkt wurde.

In "Ministerium der Träume" beherrscht Yaghoobifarah hingegen die Zwischentöne und erzählt auch von der inneren Einsamkeit der Hauptfigur, ausgelöst durch traumatische Erfahrungen.

Yaghoobifarah arbeitet in der Redaktion des "Missy Magazine", schreibt außerdem weiter für die "taz" und andere deutschsprachige Medien. Bleibt zu hoffen, dass "Ministerium der Träume" nicht der letzte Ausflug ins literarische Schreiben war.

Infos zum Buch

Hengameh Yaghoobifarah: Ministerium der Träume. Roman. 385 Seiten. Blumenbar. Berlin 2021. Gebundene Ausgabe: 22 € (ISBN 978-3-351-05087-0). E-Book: 16,99 €


#1 Ralph
  • 16.02.2021, 10:46h
  • Die Wellen hat nicht die "Kolumne" an sich geschlagen, sondern die Qualifizierung von Menschen als Müll. So was gehört nicht in die taz, sondern in den "Stürmer".
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#2 nachgelesenAnonym
  • 16.02.2021, 11:29h
  • Antwort auf #1 von Ralph
  • da hast du wohl recht. iranier*nnen sehen sich selbst ja sehr gerne und stolz als "arier*innen". ich habe die kolumne von ihr in der taz noch mal nachgelesen. ein klares beispiel dafür, was passiert, wenn linksaußen und rechtsaußen sich die hand geben. hätte sie ihre aussagen über migrant*innen getroffen, wäre sie - zu recht! - im gesellschaftlichen aus gelandet. von mir bekommt sie jedenfall keinen müden euro für ihre buch-produkte.
    taz:
    taz.de/Abschaffung-der-Polizei/!5689584/
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#3 goddamn liberalAnonym
#4 audeasAnonym
  • 16.02.2021, 15:30h
  • Ich feier Hengameh. Vollste Soli gegen jede Hetze, die dieser tollen Person entgegenschlägt von Faschist*innen und Rassist*innen.
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#5 goddamn liberalAnonym
#6 SickoAnonym
  • 16.02.2021, 17:45h
  • Schreib Talent?
    Naja also die Kolumnen sind eigentlich eher zum Schreien, allerdings nicht wegen der Komik.
    Die ganze Selbstgefälligkeit die das immer raus tropft.
    Aber die bezeichnet sich selbst auch als poc, wo ich mich Frage was amerikanische poc dazu sagen, daß Caucasian people sich als poc bezeichnen, um eine unangreifbarkeit der eigenen fragwürdigen Meinung zu erreichen.

    Das Zitat trifft es ziemlich gut
    "Richtung und Tonalität der Rassismuskritik wird bestimmt von einer jungen akademisch gebildeten Generation, die einerseits darauf pocht, nicht auf Herkunft reduziert, sondern als "von hier" wahrgenommen zu werden, andererseits aber selbst Identitätspolitik betreibt - nicht nur durch die Selbstbeschreibung als People of Color, sondern auch im Zelebrieren von Elementen aus der Herkunftskultur. Politisch problematisch ist die moralische Überlegenheit, die aus der Betroffenheit abgeleitet wird, ohne selbst auf Ressentiments zu verzichten oder Ausgrenzung zu betreiben"
    Canan topçu
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#7 SickoAnonym
  • 16.02.2021, 17:50h
  • Ps: falls es den Roman in der Leihbücherei geben sollte würde ich ihn interessehalber ausleihen, aber nicht kaufen
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#8 T-800Anonym
#9 Matze GAnonym
  • 16.02.2021, 17:55h
  • Ich lese schon lange ihre Kolumnen. Leider sind die aber inzwischen oft sehr vorhersehbar und stilistisch auch nicht besonders.

    Frage mich, ob es ihr gelungen ist, eine Langform zu füllen. Interessant ist es auf jeden Fall, da sich sich vermutlich nicht ober die ganze Länge des Romans an Feindbildern abarbeiten wird.

    Vielleicht lese ich mal rein, wenn die Buchläden wieder aufmachen dürfen.
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#10 swimniAnonym