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Leseprobe

Benjamin Patch: "Queer sollte die neue Norm sein"

In dem neuen Buch "Coming out" von Sebastian Goddemeier berichten queere Stars vom wichtigsten Moment in ihrem Leben. Wir dokumentieren das Kapitel über den Berliner Volleyball-Profispieler Benjamin Patch.


Der US-amerikanische Volleyballspieler Benjamin Patch steht seit 2018 beim Deutschen Meister Berlin Recycling Volleys unter Vertrag (Bild: benpatch13 / instagram)
  • Von Sebastian Goddemeier
    23. Februar 2021, 01:35h, 1 Kommentar

Benjamin Patch sitzt in einer Töpferwerkstatt in Berlin-Tiergarten. Hin-ter ihm stapeln sich ungebrannte Vasen, Schalen und Tassen aus Lehm. Geboren wurde er in Utah, der Amerikaner ist erst vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen, um hier Volleyball zu spielen. Bei den Berlin Recycling Volleys ist er ein Star – und in der queeren Szene mittlerweile auch. In einem Artikel im Tagesspiegel outete er sich 2020 ganz nebenbei als queer (queer.de berichtete).

"Queer zu sein fühlt sich immer noch wie ein Tabu an, damit wollte ich brechen", erklärt er und genießt dabei sein Mittagessen. Avocado, Reis, Wakame. Er kommt gerade vom Volleyballtraining. Eine kurze Pause, dann geht es zurück in die Halle am Olympiastadion. "Vor Jahren hieß queer zu sein im Mainstream noch, dass man gay ist. Heute hat das Wort eine ganz andere Bedeutung." Für Benjamin bedeutet queer zu sein "alles zu sein, was nicht der sozialen und systemischen Norm entspricht." Und so identifiziert er sich auch. Auf seinem Instagram-Account zeigt er sich in vermeintlich femininer Kleidung, mit Nagellack und Ohrringen, in verletzlichen Posen. "Queer sollte die neue Norm sein. Es geht um die Fähigkeit, sich mit jeder Person zu jeder Zeit verbinden und identifizieren zu können."

Eine Kindheit im US-Bundesstaat Utah

Aufgewachsen ist er in Layton im US-Bundesstaat Utah. Seine Eltern sind Mormonen. Als sie Benjamin im Kleinkindalter adoptierten, trat er direkt ihrer Kirche bei. Mormonen glauben, dass Gott erst in menschlicher Gestalt erscheint und durch gerechtes und rechtschaffenes Handeln zu einer göttlichen Form aufsteigt. Unter einem rechtschaffenen Leben verstehen Mormonen unter anderem Enthaltsamkeit, einmal im Leben als Missionar zu dienen und gesund zu leben. Kaffee, Zigaretten, Alkohol und andere Drogen sind daher tabu. Homosexualität erst recht. Heute geht Benjamin ins Berghain – einen Berliner Technoclub mit Darkroom – und hält sich sexuell für jedes Geschlecht offen. "Es gab Momente als Kind, da dachte ich: Ich bin hetero. Und dann gab es wieder Momente, in denen ich klar merkte, dass ich auch Männer mag." Sowohl emotional als auch sexuell fühlte er sich zu beiden Geschlechtern hingezogen und das, wie er sagt, bereits im Alter von drei Jahren.

Erst mit 26 fing er an, sich rückblickend mit seiner Schulzeit auseinanderzusetzen. "Sie sagten, ich sei schwul – stellt sich heraus: Sie hatten irgendwie Recht." Was Benjamin mit Humor zu überdecken versucht, waren drei schwere Jahre. Fast täglich wurde er emotional oder körperlich angegangen. Er hatte Angst zur Schule zu gehen. Aufgrund des Mobbings wollte er nicht queer sein. "Als Teenager habe ich alles getan, was mir von den Mormonen in der Kirche vorgeschrieben wurde. Das beinhaltete auch, heterosexuell zu sein. Mit 16 stand ich aber auf einmal auf meine Kumpels und hatte sexuelle Erfahrungen mit ihnen. Ich versuchte, es zu verdrängen, musste den Mormonen aber davon beichten." Sie gaben ihm zu verstehen, dass homosexuelle Handlungen gegen Gott seien und damit eine Sünde. Er würde in der Hölle enden, würde er noch mal Sex mit Männern haben. "Diesen Teil, der sich so sehr nach mir selbst anfühlte, musste ich unterdrücken. Das war natürlich sehr schwer, weil dieses Verlangen eben da war." Vier Jahre lang erlaubte sich Benjamin nicht, sich frei auszuleben, und hörte auf das, was ihm gesagt wurde. Scham und Schuldgefühle beherrschten sein Leben.

Auf Mormonen-Mission nach Columbus


Das Buch "Coming-out" von Sebastian Goddemeier erscheint am 23. Februar 2021 bei riva

Mit 20 begab er sich für ein Jahr auf Mormonen-Mission nach Columbus, Ohio. Missionen sind fester Teil des Mormonen-Glaubens. Für gewöhnlich begeben sich Männer für zwei Jahre ins Ausland, um dort andere Menschen von ihrem Glauben zu überzeugen. Benjamin hingegen leistete weniger Zeit ab und durfte in Amerika bleiben. Sein Job: an Türen klopfen und Menschen von seinem Glauben überzeugen. "Columbus ist eine sehr liberale Stadt. Dort leben sehr viele homosexuelle Menschen. Mit denen bin ich natürlich in Kontakt gekommen." Bisher kannte Benjamin weder queere Personen noch konnte er sich vorstellen, dass es okay ist, mit einem gleichgeschlechtlichen Partner zusammenzuleben. "Ich habe dort an Türen geklopft und gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern haben mir die Tür geöffnet. Damit bin ich erst gar nicht klargekommen." Auf der anderen Seite spürte er, dass von diesen Menschen eine sehr starke Anziehungskraft ausging.

"Ich musste ihnen meinen Glauben verkaufen und sie von den Mormonen überzeugen. Gleichzeitig sollte ich ihnen sagen, dass das, was sie da tun und wie sie leben, eine Sünde ist und dass sie in die Hölle kommen werden." Benjamin bekam Gewissensbisse. Es fühlte sich nicht richtig an, anderen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben: "Ich habe mich gefragt: Wie kann ich das zu diesen Menschen sagen, die absolut glücklich mit ihrem Leben sind und eine wunderschöne Familie und Kinder haben? Das war der Punkt, an dem sich mein Konzept von Homosexualität von einer Sünde zu etwas Schönem verwandelte." Er lernte, dass Liebe viele Facetten hat und in jede davon existieren darf und soll.

Die Religion hinter sich lassen

Mit 21 kam er zurück nach Utah und fasste einen Entschluss: Er wollte seine Religion hinter sich lassen. Das Jahr in Columbus und der Kontakt mit queeren Menschen hatten ihn so stark geprägt, dass er die mormonischen Glaubensgrundsätze nicht mehr mit sich vereinbaren konnte. Er wollte ein neues Leben leben, ohne Vorschriften, die ihn unglücklich machten. "Als ich zurück nach Utah kam, war mir klar, dass ich auf Männer stehe. Ab da ging alles sehr schnell. Ich schnippte mit dem Finger und hatte auf einmal einen Boyfriend." Von da an schwor er sich, nur noch so zu leben, wie er es wollte und für richtig befand.

Rückblickend weiß er, dass die Zeit bei den Mormonen einen tiefgehenden Einfluss auf seine Emotionen und seine Psyche hatte. "Ich habe jeden Tag in dieser Community gelebt, die mir sagte, ich müsse mit 21 heiraten und mit 22 ein Kind haben." Das erzeugte sehr viel Druck in ihm. "Jedes Mal, wenn ich eine Frau kennenlernte, fragte ich mich: Werde ich sie heiraten und Kinder mit ihr bekommen? Ich wusste gar nicht, wie ich einfach entspannt sein konnte. Es hat lange gedauert, bis ich den Glauben durchbrechen konnte, mit dem ich aufgewachsen bin." Mittlerweile hat er eine Balance gefunden, versucht, gesunde Beziehungen zu führen, sich bei Dates auf einen Kaffee zu treffen und zu schauen, wohin die Reise führt – ohne zu weit in die Zukunft zu denken oder in alte Muster zu verfallen.

Als Benjamin die Mormonen verließ, wollte er frei sein und sich nicht mehr erklären oder rechtfertigen müssen: "Ich bin, wie ich bin. Ich sehe keinen Grund, wieso ich ein Coming-out haben sollte. Wenn ich einen Freund habe, bringe ich ihn mit. Wenn es eine Frau ist, bringe ich sie mit – was soll's? Das sollte normal sein." Außerdem veränderte er sich äußerlich. Er färbte sich die Haare, ließ sich piercen und tätowieren – was ebenfalls gegen die strengen Regeln der Mormonen geht. "Ich war für die Mormonen quasi der leibgewordene Teufel, wenn ich in meinen Looks über den Uni-Campus lief." Es gab auf der einen Seite Freund*innen, die ihn unterstützten. Andere wollten ihn von der Universität, die ebenfalls dem Mormonentum zugehörig war, gekickt sehen und meldeten ihn – wegen seines Aussehens, vielleicht auch wegen seiner Sexualität. "Es war aber gar nicht so einfach, mich loszuwerden. Ich war das Gesicht des Volleyball-Programms an meiner Universität. Ich hatte also eine gewisse Stellung." Das machte es ihm aber nicht leichter, sich akzeptiert zu fühlen. Die breite Masse war gegen ihn.

Über Italien nach Berlin


Autor Sebastian Goddemeier (Bild: Yasmin Nickel)

Benjamin beendete sein Studium und ging nach Italien, um professionell Volleyball zu spielen. "Ich war in Süditalien. Dort ist es ähnlich wie in Utah. Die Kultur, die Religion und Menschen, die keinen besonders weiten Horizont haben. Ich fühlte mich auf einmal wieder wie mit 20." Benjamin lebte in einer Umgebung, in der er nicht er selbst sein konnte. Er musste sich zurückhalten, um keine Probleme zu bekommen. "Ich war dort ein Jahr und nicht glücklich. Es war allerdings auch gefährlich, mich auszuleben. Ich hätte angegriffen werden können, also hielt ich mich lieber zurück." Umso erleichterter war er, als er 2018 bei den Berlin Recycling Volleys unter Vertrag genommen wurde.

Berlin, die Stadt mit den Schwulenclubs, Drag-Bars und dem Berghain. "In Berlin fühlte ich auf einmal Unterstützung und Akzeptanz. Berlin hat diesen Vibe, der dir sagt, dass du einfach du selbst sein kannst, ohne irgendwas zu befürchten. Für jeden gibt es in dieser Stadt den richtigen Platz." In seinem ersten Jahr in der Hauptstadt musste er sich jedoch erst einmal mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen, bevor er seine Zukunft in Freiheit genießen konnte. "Ich musste den ganzen Ballast loswerden. In Utah war ich total angespannt. Dann konnte ich kurze Zeit ich selbst sein und musste mich in Italien wieder verstecken – das war sehr viel."

Seine Identität als schwarzer Mann

In den letzten Jahren hat er seine Vergangenheit reflektiert, um sich selbst besser zu verstehen. Dabei kam er auf einmal mit einem ganz anderen Problem in Kontakt: seiner Identität als schwarzer Mann. "Ich bin schwarz, meine Eltern sind weiß. Was Adoptiveltern wissen müssen, ist, dass schwarze Kinder einen Bezug zu der Community brauchen, aus der sie stammen. Das hatte ich nicht." Er wuchs in einer sehr weißen Gegend auf und besuchte eine Kirche, in der ebenfalls alle weiß waren. "Ich wurde so erzogen, weiß zu sein. Ich hatte keinen Zugang zu meinen schwarzen Wurzeln."

Nicht queer sein zu dürfen, adoptiert zu sein und keine Zugehörigkeit als schwarze Person in seiner Community zu spüren, all das machte Benjamin sehr oft sehr traurig. "Es gab sehr dunkle Momente, in denen ich sehr viel geweint habe. Aber ich bin eine starke Person." Der Sport half ihm, nicht unterzugehen. "Ich stieg in den Mannschaften sehr schnell auf und fand mich ganz oben wieder. Die, die mich gemobbt hatten, gaben auf einmal damit an, mich zu kennen. Die klassische Geschichte." Aus diesen Erfahrungen lernte Benjamin etwas sehr Positives für sein Leben: zu jedem Menschen nett und freundlich zu sein – egal, wie man selbst behandelt wurde. "Ich weiß, wie es sich anfühlt, nicht gesehen zu werden. Dieses Gefühl möchte ich niemandem geben."

Um gelassen und ganz nah bei sich zu sein, braucht er nicht nur den Sport, sondern auch das Töpfern. Stolz zeigt er seine Keramikwerke in einem Studio in Berlin-Tiergarten. "Keramik war meine erste große Liebe", sagt er. Die Arbeit mit seinen Händen ist bis heute eine Möglichkeit für ihn, sich kreativ auszuleben. "Ich habe mich nach der Schule mit Kunst abgelenkt. Das hat mir geholfen, die ganzen Probleme für eine kurze Zeit zu vergessen." Außerdem fand er darin einen Safe Space. An der Töpferscheibe geht es nur darum, was er möchte – nicht darum, was andere von ihm erwarten.

Der Text ist ein gekürztes Kapitel aus dem neuen Buch "Coming-out. Queere Stars über den wichtigsten Moment in ihrem Leben" von Sebastian Goddemeier.

Infos zum Buch

Sebastian Goddemeier: Coming-out. Queere Stars über den wichtigsten Moment in ihrem Leben. Mit Melina Sophie, Nicolas Puschmann, Kevin Kühnert, Michael Michalsky, Gewitter im Kopf, Jolina Mennen, Bambi Mercury u.v.a. 224 Seiten. riva. München 2021. Softcover: 16,99 € (ISBN 978-3-7423-1655-4). E-Book: 12,99 €


#1 Dea*Anonym
  • 24.02.2021, 09:06h
  • Sorry, aber bei diesen Z-Promis von Stars zu reden geht schon etwas weit. Und mitten drin mal wieder der inflationär auftauchende Urban. Er, der Ex-Semiprofi in der DDR, der sich selber durch undurchsichtige Twitterkooperationen zwanghaft ins Gerede bringt. Dazu sich selber immer wieder als abschreckendes Beispiel für Fußballer COs darstellt ohne den Entwicklungen der vergangenen 30 Jahre seit seinem Ausstieg aus der aktiven Fußballwelt Respekt zu zollen.

    Das Buch an sich ist eine nette Idee, bleibt aber trivial und hinter meinen Erwartungen zurück. Coming Out Berichte, wie sie so oder so ähnlich tausend Mal erzählt, gehört und gelebt wurden.
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