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Kommentar

Wo sind die Bisexuellen im Bundestag?

In der Geschichte der Bundesrepublik haben sich bislang 39 aktuelle und frühere Bundestagsabgeordnete als lesbisch, schwul oder trans geoutet – aber keine einzige bisexuelle Person im Parlament. Bekennt endlich mal Farbe und seid Vorbild!

Es gibt aktuell 19 geoutete queere Bundestagsabgeordnete: 15 schwule und 4 lesbische. Im Laufe der Zeit gab es sogar 39 geoutete Bundestagsabgeordnete: 29 schwule, 9 lesbische und 1 trans Mann (siehe Kasten am Ende des Kommentars). Aber niemals eine Person, die sich in mehr als ein Geschlecht verlieben kann. Wie kann das sein?

Als öffentliche Person hat man eine Vorbildfunktion, und mit einem Coming-out kann man eine Menge erreichen. Der Satz "Ich bin schwul – und das ist auch gut so" vom einstigen Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) im Jahr 2001 ist noch heute in aller Munde.

Und gerade bisexuelle Menschen können ein paar Vorbilder gebrauchen, die unmissverständlich klarstellen, dass sie bisexuell oder pansexuell sind und dass das eben auch gut so ist. Bisexuelle sind im Beruf deutlich seltener geoutet als ihre homosexuellen Kolleg*innen: Ein Viertel der Bis bleiben vollständig ungeoutet.

Bisexuelle Sichtbarkeit ist wichtig

Die Medien wachen langsam auf: Bisexuelle Charaktere kommen in Film und Serien immer öfter vor – selbst Disney versteckt seit "Willkommen im Haus der Eulen" Bisexualität nicht mehr völlig. Aber Freddie Mercury wird im sonst großartigen "Bohemian Rhapsody" die Bisexualität abgesprochen.

"Bisexual erasure" nennt man die Unsichtbarmachung von Bisexuellen. Und bevor so manch einer das Thema als unwichtig abtun will: Das ist ein ernstes Problem – gerade bisexuelle Jugendliche fühlen sich nämlich auch deswegen ausgeschlossen und leiden gesundheitlich unter fehlender Anerkennung.

Bisexuelle Sichtbarkeit ist also wichtig. Woran liegt es also, dass die deutschen Politiker*innen sich nicht trauen?

Dass die Vorbildfunktion vielen nicht wichtig ist, sieht man zur Genüge im rechtspopulistischen Bereich: Respektlos sind nicht nur Möchtegern-Diktatoren wie Trump, Putin, Erdogan, Bolsonaro, der sogar seinen Sohn lieber tot als schwul sehen würde, oder in der EU auch Orbán und Duda, sondern in Deutschland auch zahlreiche AfD-Abgeordnete und manchmal auch Politiker*innen aus den demokratischen Parteien.

In anderen Ländern gibt es bisexuelle Spitzenpolitiker*innen

In anderen Ländern zeigen sich diverse Hochrangige dagegen offen mit ihrer Vorliebe für mehr als ein Geschlecht:

• In den USA zeigen sich Kate Brown, die Gouverneurin von Oregon, und Kyrsten Sinema, Mitglied des Senats. Beide gehören den Demokraten an. Brown ist mit einem Mann verheiratet, hat die sogenannte Homoheilung in Oregon verboten und sagte einmal: "Ich möchte das [ihre Bisexualität] teilen, weil Menschen nicht immer so sind, wie sie scheinen."

• In Dänemark outete sich der ehemalige Forschungsminister Tommy Ahlers als bisexuell. Er sagte: "Wenn Leute erwähnen, dass sie ein Gerücht [mein sexuelles Interesse an Männern] gehört haben, erkläre ich, dass es kein Gerücht ist, weil da kein Funken ausgedacht ist."

• In Australien hielt die grüne Senatorin Janet Rice sogar eine Rede zum Thema Bisexualität: "BiWeek ist eine Chance für uns, die Vielfalt der Bi+ Menschen in Australien anzuerkennen." Rice war mit einer trans Frau verheiratet, die sie vor ihrer Transition geheiratet und mit ihr zwei Kinder bekommen hat.

Und es gibt da noch viele weitere hohe Politiker*innen aus etwa aus Schottland, Schweden, Kanada, Niederlande, Italien und vor allem den USA und Großbritannien.

Bisexuelle Ricarda Lang kandidiert für die Grünen


Grüne Kandidatin für den Bundestag: Ricarda Lang mit Biflagge (Bild: Georg Kössler)

Vielleicht erleben wir bei der Bundestagswahl 2021, die am 26. September drei Tage nach dem Tag der bisexuellen Sichtbarkeit stattfindet, ja eine Premiere: Die Vize-Bundesvorsitzende der Grünen, Ricarda Lang, tritt jedenfalls an – im Wahlkreis Backnang – Schwäbisch Gmünd. Lang zeigt sich gerne mit der Bi-Flagge, wie man auch im letzten "Bisexuellen Journal" (PDF) nachsehen und -lesen kann: "Bisexualität wird verdrängt. Bisexuelle Menschen sind kaum sichtbar und werden oft diskriminiert. Gerade bisexuelle Frauen werden häufig nicht ernst genommen."

Ich hoffe aber, dass es dann noch mehr mutige Bisexuelle geben wird – denn wir brauchen Euch – im Bundestag, in der Schule und in den Medien!

Und im Kampf für Menschenrechte wirkt man sogar noch etwas glaubwürdiger, wenn man selbst zur eigenen Diversität steht. Wer gute Arbeit leistet, braucht sich für nichts zu schämen. Angriffe von anderen Parteien gibt es sowieso.

Das Wort "bisexuell" ist im Plenum selten zu hören

Selbst lesbische und schwule Parteifreund*innen sind nicht immer ganz offen im Umgang mit dem Thema Bisexualität, wie ich in ehrlichen Gesprächen beim Besuch im Bundestag erfahren habe. Selbst die lesbische Alice Weidel überlebt es in ihrer extrem queerfeindlichen Partei, auch wenn sie gegen ihre eigenen Rechte kämpft. Dann wird es zumindest in anderen Parteien kein Problem sein, sich als bisexuell zu outen.

Die queerpolitischen Sprecher*innen der Grünen, Ulle Schauws und Sven Lehmann, setzen sich stark für trans Rechte ein, zeigen also, dass sie in der Community starke Verbündete sind. Beim Einsatz für bisexuelle Rechte könnte aber noch mehr passieren. Auch Jens Brandenburg (FDP), Karl-Heinz Brunner (SPD) und Doris Achelwilm (Linke) engagieren sich im Bundestag aktiv für die Rechte sexueller und geschlechtlicher Minderheiten. Dennoch ist "bisexuell" ein Wort, das im Plenum kaum zu hören ist.

Wenn man nach einer repräsentativen Studie von yougov aus dem Jahr 2015 geht, bei der sich 21 Prozent der Deutschen selbst im bisexuellen Bereich verorten, müssten im Bundestag eigentlich fast 150 Abgeordnete die Bi-Flagge im Saal schwenken. Mir persönlich würden erst einmal 15 reichen.

Geoutete Bundestagsabgeordnete

Grüne (5 aktuell, insgesamt 12)
Kai Gehring, Anja Hajduk, Sven Lehmann, Ulle Schauws, Wolfgang Wetzel
Ehemalig: Gerhard Schick, Volker Beck, Jutta Oesterle-Schwerin, Bettina Herlitzius, Birgit Bender, Herbert Rusche (später Piraten), Christian Schenk (trans Mann, später PDS), Ulrich Schneider

SPD (6 aktuell, insgesamt 10)
Karl-Heinz Brunner, Lars Castellucci, Timon Gremmels, Barbara Hendricks, Matthias Miersch, Michael Roth
Ehemalig: Sebastian Edathy, Michael Hartmann, Johannes Kahrs, Reinhold Robbe

Linke (2 aktuell, insgesamt 6)
Matthias Höhn, Achim Kessler
Ehemalig: Karin Binder, Lutz Heilmann, Sabine Jünger, Harald Petzold

FDP (3 aktuell, insgesamt 6)
Jens Brandenburg, Konstantin Kuhle, Thomas Sattelberger
Ehemalig: Jörg van Essen, Michael Kauch, Guido Westerwelle (verstorben)

CDU (2 aktuell, insgesamt 2)
Stefan Kaufmann, Jens Spahn

CSU (0 aktuell, insgesamt 1)
Ehemalig: Bernd Fabritius

AfD (1 aktuell, insgesamt 1)
Alice Weidel

Liste wurde aktualisiert


#1 agneta
  • 28.02.2021, 07:48h
  • Von schwulen, lesbischen und trans Menschen kann sich die Normalbevölkerung leicht abgrenzen. Aber dass auch der Familienvater, der heimlich sexuelle Kontakte mit einem Mann hat, zur LGBTQ Community gehört, verschreckt die Moralapostel bis in die Knochen.
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#2 Taemin
  • 28.02.2021, 10:29h
  • Antwort auf #1 von agneta
  • Ist das nicht das typische Bild aus den 50ern? Der Ehemann und Vater, den "eine homophile Veranlagung zu einem Doppelleben zwingt"? Ist das die heutige Lebenswirklichkeit von Bisexuellen?
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#3 Nesiree DickAnonym
  • 28.02.2021, 10:34h
  • Na immerhin gibt es ja Peter Altmaier, der sich offen zu seiner Objektsexualität bzw. zur Objektophilie bekennt.
    Er liebt ausschließlich sein Rädchen, auf dem er fährt.
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#4 TamiAnonym
  • 28.02.2021, 10:45h
  • Selbstverständlich ist es wichtig, dass sich gerade Bisexuelle outen und ein Vorbild für andere sind.

    Aber eben weil wir sowohl von den Cis-Heteros als auch von der LGBT+ Community diskriminiert werden, ist es viel schwerer für uns, uns offen zu zeigen.

    Außerdem ist es immer noch die Entscheidung jedes Einzelnen, ob er sich outet oder nicht.

    Trotzdem finde ich gut, dass es diesen Artikel gibt, weil er uns Bisexuelle auch auf dieser Seite etwas sichtbarer macht und wichtige Themen wie Bi erasure und Gaywashing anspricht.
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#5 DominikAnonym
  • 28.02.2021, 11:23h
  • Ehrlich gesagt ist mir die sexuelle Identität eines Abgeordneten ziemlich schnuppe. Er oder sie sollte glaubwürdig, fleißig und kompetent sein und demokratische Werte vertreten. Mit wem er oder sie dann ins Bett geht, interessiert mich kein bisschen.
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#6 Taemin
#7 LupdejuppAnonym
  • 28.02.2021, 12:07h
  • Antwort auf #6 von Taemin
  • Im Schrank ist man wenn man seine Sexualität privat versteckt, nicht wenn man keine Lust hat sein Privatleben von den Medien und 80 Millionen Mitbürgern thematisiert zu wissen.... wir wissen das wir noch nicht an den Punkt sind dass ein outing mit achselzucken registriert wird, daher kann man von niemanden fordern hier "das Exempel" zu sein....
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#8 IndbiforAnonym
  • 28.02.2021, 12:18h
  • Vielen Dank für diesen Artikel! Bisexuelle haben es in vielerlei Hinsicht schwer.

    Zum einen gibt es nicht gerade wenige Menschen, die Bisexualität (warum auch immer) schlicht für nicht existent halten.
    Und wenn sich schwule/lesbische Menschen erstmal jahrelang hinter "Ich bin bisexuell" verstecken (weil es anscheinend weniger schlimm sein soll???), bevor sie mit "Ok, in Wirklichkeit bin ich schwul/lesbisch" herausrücken, dann fördert dies die Akzeptanz nicht gerade.

    Und wie oft habe ich schon Sätze geöhrt: "Wie? Du stehst auf beides? Bist du dir sicher? Irgendwann wirst du dich entscheiden müssen! Beides geht doch nicht!"

    Mein Umfeld ist absolut offen und tolerant. Wenn es um Schwule/Lesben/Trans und auch Bisexuelle geht, heißt es immer sofort: "Ist doch egal, mit wem jemand zusammenlebt/Sex hat." Sobald ich aber frage, wie sie reagieren würden, wenn sie jemanden kennenlernen und er/sie sagt: "Hey ich bin bi." - ja dann ist es schnell aus mit der vermeintlichen Toleranz/Akzeptanz. Bei anderen ist immer alles vollkommen egal und super. Wenn ich aber meine Freundinnnen frage, was sie davon halten würden, wenn ihr Traummann ihnen offenbart, dass er auch das Bedürfnis hat mit Männern Sex zu haben, dann kommt immer: "Nee also das geht gar nicht!" - das gleiche gilt für Kumpels mit einer möglichen Bi-Freundin.

    Soll heißen: Das so wenige Bisexuelle offen leben, liegt auch daran, dass unsere Gesellschaft auf Monogamie ausgerichtet ist und (potenzielle) Partner zwar in der Theorie tolerant sind, aber wenn es dann um sie selbst geht, fast niemand bereit ist, mit einem Bisexuellen eine Beziehung einzugehen. Außer er lebt die andere Seite nicht aus, aber das ist ja auch nicht gut.
    Am besten funktioniert (meiner Erfahrung nach) die Konstellation Bi-Mann und Bi-Frau. Weil dann beide nachempfinden können, wie es ist auf beide Geschlechter zu stehen. Nur leider gibt kaum/keine Plattformen wo gezielt nur (!!!) Bi-Menschen zueinander finden können.
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#9 WindheimerAnonym
#10 TheDadProfil
  • 28.02.2021, 14:00hHannover
  • Antwort auf #7 von Lupdejupp
  • ""Im Schrank ist man wenn man seine Sexualität privat versteckt, nicht wenn man keine Lust hat sein Privatleben von den Medien und 80 Millionen Mitbürgern thematisiert zu wissen....""..

    Nach dieser absurden Theorie leben alle in Schränken..

    ""wir wissen das wir noch nicht an den Punkt sind dass ein outing mit achselzucken registriert wird, daher kann man von niemanden fordern hier "das Exempel" zu sein....""..

    Nach dieser Einschätzung wird sich an der Situation dann auch nichts ändern..
    Denn das Wissen darum "noch nicht soweit zu sein" bringt die Gesellschaft und in ihr die LGBTTIQ*-Community keinen Millimeter weiter..

    Die Forderung an Menschen die im öffentlichem Fokus stehen, und hier ist vor allem die Politik angesprochen, und erst dann Sportprofis*, Darstellende* oder sonstige B-oder C-Prominente*, sich auch öffentlich entsprechend zu positionieren, und endlich nicht mehr mit "allgemein-verbindlichen Statements" um den heißen Brei herum zu reden, ist eine berechtigte Forderung die man nicht mit solchen Theorien und Einschätzungen vom Tisch wischen kann !

    Daher darf man dann auch mal gespannt sein wer sich im von Saskia Eskens und Kevin Kühnert anberaumten Online-Treffen am 11.März neu als Bisexuell oder Pansexuell, Inter* oder Trans* zu erkennen geben wird..
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