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Interview

Sexualisierte Gewalt: Warum melden sich Opfer erst Jahre später?

Der Berliner Psychologe Marcus Behrens berät bei Mann-O-Meter schwule Opfer sexueller Übergriffe. Er erklärt im Interview, warum viele sich nicht wehren, die Taten verdrängen und auf eine Anzeige verzichten.


Viele Opfer sexualisierter Gewalt empfinden extreme Scham (Bild: daniel-reche-718241 / pexels)

Herr Behrens, nicht wenige schwule Männer lassen sexualisierte Gewalt über sich ergehen. Wie kann es kommen, dass ein erwachsener Mann bei einer solchen Grenzüberschreitung nicht Nein sagen kann?

Einige können es sicher sagen, aber es gibt eine klassische Konstellation, in der vom meist männlichen Täter sexuelle Gewalt eingesetzt wird. Meistens nutzt er ein Machtgefälle oder ein Autoritätsverhältnis aus. Dazu wählt er die Opfer nach speziellen Kriterien. Zum Beispiel, dass sie eine schwächere Position in sozialer oder ökonomischer Hinsicht als er haben.

Was passiert mit den Opfern im Moment der Grenzüberschreitung?

So eine Situation ist überfordernd. Die Männer sagen sich, als erwachsener Mann darf ich nicht in diese Situation kommen, sie sind verwirrt, was da gerade läuft. Ich muss immer Herr der Lage sein, denken sie sich. Dieses in unserer Gesellschaft gängige männliche Selbstbild wird in dem Augenblick zerstört. Sie denken, ich muss doch Nein sagen oder zuschlagen, was jetzt aber passiert, ist gar nicht vorgesehen. Solche Gedankenketten können auch schon bei Jungs mit zwölf Jahren ablaufen.


Psychologe Marcus Behrens

Was geschieht nach einem solchen Ereignis mit den Männern?

Die erste Reaktion ist meistens, so zu tun, als wäre nichts passiert. Dabei kann es aber durch Schlüsselreize zu wiederkehrenden Erinnerungen an die Situation kommen. Die Männer können das nicht kontrollieren. In diesen sogenannten Flashbacks muss das Opfer mit voller Wucht die traumatische Situation neu durchleben. Die Erinnerungen zu unterdrücken, ist daher harte Arbeit. Kommt aber etwas durch, zum Beispiel ausgelöst von einem Geruch, einem Foto oder auch einem Zeitungsartikel zum Thema sexuelle Gewalt, kann der Deckel sofort hochfliegen, den die Männer mühsam runtergedrückt halten.

Wie sehen die Männer die Option, nach der Grenzüberschreitung zur Polizei zu gehen?

Daran hindert sie oft die schwächere Position, nach der sie vom Täter ausgewählt wurden. Außerdem kann es sein, dass sich im Rahmen der Verdrängungsarbeit ein unangenehmes Gemisch aus Emotionen zusammengebraut hat. Vielleicht fand das Opfer es anfangs ein bisschen geil, bekam eventuell sogar eine Erektion, das kann bis zum Samenerguss gehen. Gleichzeitig empfand das Opfer die ganze Situation aber auch vollkommen übergriffig und eklig. Wird es dann bei der Polizei nach Einzelheiten gefragt, antwortet die dann: Wie bitte? Das klingt nach einvernehmlichem Sex. War man selbst noch nicht in so einer Position, lässt sich schwer nachvollziehen, was im Zustand der erwähnten Überforderung alles passieren kann.

Wie leben Opfer nach so einem Erlebnis weiter?

Sie empfinden extreme Scham und sagen, sie hätten etwas falsch gemacht, um die Sache ad acta legen zu können. Das ist natürlich Quatsch, Opfer haben nie etwas falsch gemacht. Sie geben sich aber selbst die Schuld, wie zum Beispiel mit "Ich hätte ja Nein sagen können". Damit erlangen sie scheinbar, so absurd das auch klingt, für sich wieder Kontrolle über die Situation. Dieser Versuch einer Selbstermächtigung zieht sie aber letztlich nur in einen Teufelskreis hinein, der schwer zu durchbrechen ist.

Heilt die Zeit irgendwann einmal die Wunden?

Das kommt auf das Erleben und das Umgehen mit den Wunden an. Oftmals heilt sie aber nicht, im Gegenteil, denn Verdrängung ist nicht einmalig erledigt. Es ist anstrengende Arbeit, die nie aufhört. Stets müssen alle Trigger für Erinnerungen beseitigt werden. Junge Menschen schaffen das leichter, doch mit zunehmendem Alter kann man immer weniger Energie dafür aufbringen. So lässt sich das rational von außen betrachten, von innen nehmen die Opfer diesen Vorgang nicht bewusst wahr.

Es passiert oft, dass Männer erst viele Jahre nach dem Ereignis damit an die Öffentlichkeit gehen können. Mir fallen dazu Beispiele vom Canisius-Kolleg oder von der Odenwaldschule ein. Männern über 60 zog es plötzlich den Boden unter den Füßen weg, weil sie als Schüler Opfer geworden waren. Erst durch therapeutische Versorgung konnten sie sich Schritt für Schritt wieder an das Ereignis heranarbeiten und den Konflikt, den sie ein Leben lang mit sich herumtragen mussten, für sich lösen.



#1 SöderAnonym
  • 06.03.2021, 09:20h
  • Hätte mir die Zusammenhänge so nicht vorstellen können. Sehr gutes Interview, das sollten ganz viele lesen.
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#2 LotiAnonym
  • 06.03.2021, 15:56h
  • Antwort auf #1 von Söder
  • Oh ja. Sehr gut zusammengefasst.
    Bei einer Unterhaltung mit einem guten Freund, der wie auch ich in einem katholischen Heim gewesen ist, sagte dieser doch glatt zu mir, er hätte den sexuellen Übergriff durch den Vikar damals als Jugendlicher sogar geil gefunden. Er ist sogar heute noch der Ansicht, das viele Jugendliche durch eine erwachsene Person besser lernen können mit ihrer Sexuallität umzugehen. Ich konnte seine Ansichten darüber in keinster Weise teilen. Ich habe im Kinderheim miterleben müssen, wie eine Nonne ein vierjährigen Jungen regelmäßig in ihre Zelle holte. Er dort über Stunden verbrachte. Dieser Junge wurde von ihr einerseits verhätschelt und gleichzeitig vor allen Kindern aber auch geschlagen. Ich nahm mich mit 12 Jahren seiner an und er war dankbar für meine Freundschaft zu ihm. Der Nonne war das gar nicht recht.
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#3 euqumanAnonym
  • 06.03.2021, 16:49h
  • Wenn ein Junge von einem Mann sexuell missbraucht wird dann ist der Täter ,also der Mann aber meistens heterosexuell.

    Heterosexuelle Männer tun aus Machtgeilheit und Satanismus Jungs sexuell missbrauchen.
    Auch sind andere Ursachen dafür verantwortlich.
    Zum Beispiel Persönlichkeitsstörungen (z. B. dissozial)und anderen psychischen Erkrankungen (z. B.Abhängigkeiten), psychosozialen Schwierigkei-ten (z. B. psychosoziales Mileu) und Abhängig-keitsstrukturen mit Ausübung von Macht und Unterdrückung.
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#4 Dont_talk_aboutProfil
  • 06.03.2021, 21:47hFrankfurt
  • "Schwule Opfer" finde ich etwas missverständlich.
    Werden Schwule anders beraten als Heteros, die von einem Mann missbraucht wurden ?

    Die Tat sagt ja erstmal nur etwas über die sexuelle Präferenz des Täters aus. Die sexuelle Präferenz des Opfers sollte eigentlich gar keine Rolle spielen, der Missbrauch ist immer gleich schlimm.
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#5 FinalmSposato
  • 07.03.2021, 00:34h
  • Antwort auf #4 von Dont_talk_about
  • (Die sexuelle Präferenz des Opfers sollte eigentlich gar keine Rolle spielen, der Missbrauch ist immer gleich schlimm.)

    Gleich schlimm ja. Und doch hat es in diesem Zusammenhang grosse Bedeutung.

    Vom Geschlecht des Täters/der Täterin, bzw. welche sexuelle Orientierung der/die Missbrauchsbetroffene hat, kann massgeblich abhängen, wie stark nach dem Missbrauch sexuelles Erleben eingeschränkt wird.

    Da es sich bei mir um eine Täterin handelt, konnte ich mein Trauma der Kindheit/Jugend als erwachsener Schwuler viel leichter verdrängen. Irgendwann hoch kam alles trotzdem.

    Getriggert werde ich kaum beim Sex, sondern hauptsächlich wenn ich im Alltag auf ähnliche Frauen wie die Täterin treffe. Damit habe ich gelernt umzugehen.

    Bei einem Partner/ONS könnte es allenfalls triggern, hätte er zB. ähnliche Wesensmerkmale wie die Täterin oder würde ähnlich riechen etc.

    Ich will mir nicht ausmalen wie mein Sexleben aussähe, wäre es ein Täter gewesen. Zumindest wäre alles noch viel herausfordernder geworden.
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#6 BDSMlerAnonym
  • 07.03.2021, 07:24h
  • Ich bin ja schon froh, dass nicht wieder so Kommentare kommen wie "Wenn das Opfer sich nicht gleich meldet, ist das ja total unglaubwürdig..." Sowas können nur Leute sagen, die nie selbst sexuell missbraucht wurden. Ich selbst bin zweimal jeweils im Rahmen einer BDSM-Session missbraucht/vergewaltigt worden. Es behaupten ja immer alle, in der BDSM-Szene ginge alles "safe, sane and consensual" zu. Davon ist die Realität weit entfernt. Es gibt Arschlöcher, die einen fesseln und Dinge tun, die nicht im entferntesten verabredet waren, und welche, die jedes Stopsignal bewusst ignorieren, weil sie einen weiter quälen wollen und dann erst ihren speziellen Kick daraus holen. Und wenn man dann psychisch zusammenbricht, erklären sie einem noch, dass man als Bottom versagt hätte. Das alles ist alles andere als lustig. Ich habe mich nach den beiden Erlebnissen jeweils auch nicht getraut, das irgendwie anzuzeigen. Der Schmerz und die Scham saßen viel zu tief. Man weiß ja auch, was einem da für blöde Fragen gestellt werden können - und wenn der Vergewaltiger dann das Gegenteil behauptet, steht Aussage gegen Aussage, ihm passiert doch nichts, und man selbst steht blöd da. Also Hut ab vor allen, die es überhaupt schaffen, das zu melden.
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#7 TheDadProfil
  • 07.03.2021, 09:55hHannover
  • Antwort auf #4 von Dont_talk_about
  • """Schwule Opfer" finde ich etwas missverständlich.""..

    Daran ist nichts missverständliches..
    Schwule Opfer sind Menschen die sich selbst als Schwul identifizieren..
    Das muß im Zusammenhang mit der sexualisierten Gewalt zunächst gar nicht in Verbindung, oder im Vordergrund stehen, doch wenn es das tut, so wie in den Fall wo der Vater dem Kind sexualisierte Gewalt antut
    "damit der junge bloß nicht schwul wird"
    (dazu gab es hier schon entsprechende Artikel)
    dann wird auch klar wieso Schwule Opfer eine auf sie abgestimmte Hilfe benötigen..

    ""Werden Schwule anders beraten als Heteros, die von einem Mann missbraucht wurden ?""..

    In der Regel leider nicht..

    Deshalb müssen sich alle Hilfsangebote auf die Bedürfnisse der Opfer einstellen, was leider immer noch nicht überall der Fall ist, was meiner Erfahrung nach vor allem damit zu tun hat das Kinder grundsätzlich immer noch nicht als Wesen wahrgenommen werden die eine eigene Sexualität besitzen..

    Doch sexualisierte Gewalt angewendet an jungen Menschen deren sexuelle Identität schon offen Schwul oder Lesbisch ablesbar ist haben eine noch einmal gesteigerte Dimension, denn sie dienen den Täter*innen gleichzeitig zur angewendeten Machtausübung auch als "Ausrede", und in der Gedankenwelt der Täter*innen als eine Art "Konversionstherapie"..
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#8 anonymAnonym
  • 07.03.2021, 11:29h
  • ich fand den artikel sehr gut. ich bin opfer (täter: pfarrer evangelisch/hetero) über 2 Jahre mit ca 50 "vorfälle"
    Gerade als schwuler Mann hab ich heute noch große Probleme damit da eben im Grunde es sich um die gleiche sexualität handelt. Als langzeitfolgen stellt sich bei mir neben chron. depression auch der teufelskreis der einsamkeit ein. Es fällt mir sehr schwer in der "community" jemanden zu finden, bei dem es nicht gleich zu beginn nur um sex geht. Was dazu führt, das wenn jemand mich attraktiv findet ich sofort misstrauisch werde/ auf Abstand geh. Auch innerhalb einer Partnerschaft wirkt sich das aus denn jeder sexuelle Akt wird im Kopf laufend bewertet, ob man selbst das wirklich will. Die leichtigkeit und Unverblümtheit der meisten (oft promiskuitiv lebend/kein Vorwurf, nur tatsache) kenne ich dadurch nicht. Im gegenteil, wenn es wieder um Thema Treue geht, ist es sehr verletzend zu lesen wie viele es als altbacken abtuen, aber nicht sehen das Sex auch sehr zerstörerisch sein kann. Seit letzten Jahr gehe ich wieder das Thema stärker an und habe auch die Kirche kontaktiert bzgl. Entschädigungszahlung. Der zugesprochene Betrag den ich erhalten habe, spricht Bände wie in Deutschland mit Opfern umgegangen wird. Ein unternehmen welches 2019 5,6milljarden an Steuern kassiert hat, zahlt 28K, das sind 5,83 Monatsgehälter eines evangl. Pfarrers ü 40. Ich komm mir jetzt auch noch wie eine Hure vor. (Entschuldigung an die freiwilligen sexarbeiter, will euch mit dem vergleich nicht diskreditieren) Und bei all dem liegt aus meiner sicht, das Hauptaugenmerk der Öffentlichkeit immer bei den Tätern. Da stürzen sich dann alle Medien drauf und die Empörung ist groß. Aber was ist mit uns Opfer die ein LEBEN lang damit klar kommen müssen. Es kostet soviel Kraft und hat dadurch auch viel von meinem eigentlichen Potential geraubt und strahlt in allen Lebensbereichen aus. Und gerade ertappe ich mich selbst dabei, das geschriebene wieder zu löschen, da ich mir denke, es interessiert eh keinen....
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#9 FinalmSposato
  • 07.03.2021, 12:30h
  • Antwort auf #8 von anonym
  • Da irrst du dich gewaltig! Gut hast Du es abgeschickt. Bitte nichts mehr unter den Teppich kehren. Viele lesen das, mich eingeschlossen, andere und mich interessiert es, und vielen von uns Überlebenden gibt es Mut. Wir sind nicht alleine, wir sind viele!

    Dein Kommentar bestätigt was ich von vielen gehört habe und meine Erfahrungen. Je mehr die Missbrauchserfahrungen mit der eigenen Sexualität zu tun haben, je abhängiger und näher einem der Täter/die Täterin war, desto mehr Energie braucht es um mit dem Erlebten im Alltag umgehen zu können. Doch es kann klappen! Viele von uns sind heute sehr glücklich trotz allem was uns angetan wurde. Ich auch. Ich liebe mein Leben.

    Was das Thema Treue angeht, ticke ich genau gleich wie Dir obwohl die Täterin eine Frau war. Ich weiss nicht wie ich mich verhalten würde, wäre das mir nicht widerfahren. Wir brauchen halt viel Vertrauen um uns auf jemanden einzulassen. Das Urvertrauen ist weg. Man misstraut deshalb ständig. Kann man sich dann doch auf jemanden verlassen, wird die Beziehung sehr innig.

    Trotzdem ertappe ich mich manchmal das ich meinem Mann (oder früher meinem Freund) im Bett an den Schwanz fassen muss. Nicht weil ich kuscheln oder Sex möchte, sondern weil ich mich vergewissern muss, das es wahr ist und ich nicht träume. Ein Mann, Danke liebes Universum es ist nicht die Täterin, neben der ich jahrelang lag.
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#10 SöderAnonym