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Deutscher Serienstart

Diese Serie hat alles, was wir in "Call Me By Your Name" liebten!

Die sehr queere, achtteilige TV-Serie "We Are Who We Are" des italienischen Regisseurs Luca Guadagnino läuft jetzt auf Starzplay – und bietet in Folge drei sogar ein kurzes Widersehen mit Elio.


Hetero, bi oder schwul? In "We Are Who We Are" versucht der 14-jährige Fraser (Jack Dylan Grazer) herauszufinden, wer er ist (Bild: Starzplay)

Luca Guadagninos TV-Serie "We Are Who We Are" (2020) beginnt, wie sein Film "Call Me By Your Name" (2018) endet. Wir sehen in Großaufnahme das Gesicht eines jungen Mannes, der auf seine verschränkten Arme gestützt vor sich hinstarrt. Elio spürt in der legendären letzten Einstellung des Films lange fünf Minuten seinem Schmerz nach, ohne sich von ihm abzuwenden.

Der 14-jährige Fraser in der Serie schafft das nur eine Minute, bevor er seine beiden Mütter am Flughafen anzickt. Sein Koffer ist beim Umzug verloren gegangen. Im Befehlston fordert er etwas zu Trinken. Eine der Frauen reicht ihm eine Wasserflasche, in der Wodka zu sein scheint. "Aber nur zwei Schlucke", sagt die Frau, bevor der Junge gierig trinkt. Der Auftakt für das Porträt einer reichlich seltsamen Beziehung zwischen Kind und seinen Eltern.

Fraserm muss man erst liebgewinnen

Elio und Fraser haben gemeinsam, dass beide hyperintelligent und hypernervös sind, letzteres pubertär bedingt. Damit hören die Gemeinsamkeiten auf, denn Fraser wirkt in der ersten Folge herzlich unsympathisch. Dieser kleine Anfall am Flughafen scheint seine Standardeinstellung zu sein. Und doch schaffen es Regisseur Luca Guadagnino und der wie Timothée Chalamet mit Strahlkraft gesegnete Darsteller Jack Dylan Grazer, dass wir Fraser liebgewinnen. Das ermöglicht uns Guadagnino erst ab Folge zwei, und im Rückblick macht das mutige Manöver auch künstlerisch Sinn.

In Folge eins begleiten wir Fraser nach der Ankunft in Italien auf eine US-amerikanische Militärbasis, in der seine biologische Mutter als Frau Oberst das Regiment übernimmt. Fraser mäandert wie die Story über das ihm unbekannte Gelände, pirscht sich an eine Gruppe Gleichaltriger heran, darunter seine Nachbarin Caitlin (sensationell Newcomerin Jordan Kristine Seamón). Fraser wird wegen seiner exaltierten Klamotten gemobbt oder landet so nichtsahnend wie vollständig bekleidet in den Duschen bei nackten GIs.

Großartig, wie Guadagnino hier das überraschte Gesicht des Jungen zeigt und uns sein Gefühl der ungewohnten Sensation von nackten Körpern nachvollziehen lässt. Ist Fraser hetero, bi oder schwul? Die ersten vier der acht Folgen, die für die Rezension zur Verfügung standen, geben darauf keine Antwort. Das ist logisch, weil es auch Fraser noch nicht klar zu sein scheint.

Junge Darsteller*innen springen nackt ins Meer


Poster zur Serie: Jeden Sonntag gibt es eine neue Folge auf Starzplay

Folge zwei dimmt die aufgekratzte Gefühlslage ein paar Grade runter, denn wir sehen sie aus der Perspektive von Caitlin und damit auch mehr Zusammenhänge. Teilweise sind es dieselben Szenen wie in Folge eins, raffiniert neu arrangiert. In der Story entfaltet sich jetzt die Beziehung zwischen Fraser und Caitlin, für die beide anscheinend nur wenige Worte benötigen. Fraser öffnet sich und fährt so erste Sympathiepunkte auch bei uns ein.

Diese Verbindung zu Caitlin installiert Guadagnino als das atemberaubend schöne Zentrum der Serie, bevor er Stück für Stück die Geschichten der anderen Figuren einsickern lässt, jede für sich ein Juwel. Sie funkeln voll Freundschaft, erster Liebe und Liebeskummer, Geschlechtsidentität und Sexualität. Die Geschichten gehen geschmeidig ineinander über, so wie die jungen Darsteller*innen ungekünstelt ins Meer rein- und rausspringen oder sich die Klamotten ausziehen, nackt sind und dann wieder anziehen.

Viel italienische Landschaft und Musik

Das alles könnte überall auf der Welt spielen. Guadagnino zeigt es aber in einer komprimierten Version Amerikas auf dem Militärstützpunkt mit viel Italianità rundherum. Die Reibung zwischen den Welten überträgt sich auf die Teenager, die aus einem bereits rissigen Patriarchat (Frau Oberst!) und einer nach außen uniformierten Heteronormativität (oft laufen exerzierende Soldaten durch die Szenen) auf eine Reise zu neuen Ufern aufbrechen. Wie geht Erwachsenwerden? Vielleicht bekommen die Jugendlichen am Ende eine tröstliche Antwort auf die oft schmerzliche Frage, wer wir wirklich sind.

Bis dahin gibt es wunderbare Fahrten auf Fahrrädern, viel italienische Landschaft mit Guadagninos typischer Liebe zum Detail, selbstvergessenes Tanzen und natürlich Musik, Musik, Musik. Die Ebenen Soundtrack und Musik in den Kopfhörern verschmelzen dabei zu einer aussagekräftigen Symbiose. Frank Ocean und die Rolling Stones gehen zum Beispiel langsam in Sufjan Stevens oder die Psychedelic Furs über. Auch Klaus Nomi spielt eine Rolle.

Es ist also alles dabei, was wir in "Call Me By Your Name" liebten, nur dass wir es mit "We Are Who We Are" länger genießen können.

Guadagnino zeigt uns sogar noch ein bisschen Elio. In Folge drei huscht Timothée Chalamet durch eine Szene. Er hat wohl bei den Dreharbeiten vorbeigeschaut. Der Schauspieler als Statist ist in dieser lauen Sommernacht aber kaum zu erkennen und leicht zu übersehen, weil im Vordergrund ein Mann nur mit Unterhose bekleidet ein Hemd bügelt. Guadagnino hat filmische Poesie wirklich meisterlich drauf.

Direktlink | Englischer Originaltrailer zur Serie
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Infos zur Serie

We Are Who We Are. Serie. USA/Italien 2020. Regie: Luca Guadagnino. Darsteller*innen: Jack Dylan Grazer, Jordan Kristine Seamón, Chloë Sevigny, Alice Braga, Francesca Moore, Faith Alabi, Spencer Moore II, Kid Cudi, Ben Taylor, Tom Mercier, Sebastiano Pigazzi. Laufzeit: 8 Folgen à 60 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. Ab 7. März 2021 auf Starzplay, jeweils sonntags wird eine neue Folge gezeigt


#1 AtreusProfil
  • 07.03.2021, 14:00hSÜW
  • Eine tolle Serie, die ich schon in englisch sehen durfte. Sehr empfehlenswert und ein weiterer Beweis, dass Italiens queer Cinema nicht mit Visconti gestorben ist. Ich erinnere nur mal an den noch recht jungen Film "Männer al dente". Typisch deutsche Schwachsinnsübersetzung aber auch ein sehenswertes Familiendrama um zwei schwule Söhne im patriachalen ländlichen Italien.
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