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Interview

"Man kann niemanden zwangsverpflichten, ein öffentliches Coming-out zu haben"

Wir sprachen mit Regisseur Jakob M. Erwa ("Die Mitte der Welt") über fehlende Namen bei #ActOut, Minderheiten-Quoten in Film und TV sowie die Diversität seiner neuen Serie "Katakomben".


Jakob M. Erwa verfilmte 2016 die schwule Liebesgeschichte "Die Mitte der Welt" (Bild: Sven Serkis)

Geboren wurde Jakob M. Erwa am 17. Juli 1981 im österreichischen Graz, sein Filmstudium absolvierte er an der Münchener Filmhochschule. Gleich für seinen Abschlussfilm "Heile Welt" wurde er bei diversen Filmfestivals geehrt, während anschließend "HomeSick" Weltpremiere auf der Berlinale feierte. Viereinhalb Jahre nach seiner Bestseller-Verfilmung "Die Mitte der Welt" ist nun seine neue Serie "Katakomben" bei Joyn zu sehen. Wir haben aus diesem Anlass mit ihm telefoniert.

Jakob, wie nahm das Projekt "Katakomben" für Sie seinen Anfang?

Nach der Verleihung des Bayerischen Filmpreises, den ich für "Die Mitte der Welt" bekommen habe, haben mich die Jungs von der Produktionsfirma Neuesuper angesprochen. Die mochten, was ich da auf der Bühne gesagt hatte, und fragten, ob wir nicht einmal zusammen ein Projekt entwickeln wollen. So habe ich dann angefangen, mit Florian Kamhuber an einer Geschichte über moderne Liebe zu arbeiten, an der wir auch nach wie vor noch dran sind. Doch irgendwann kam uns "Katakomben" in die Quere, weil Flo einen Zeitungsartikel über das Tunnelsystem unter München gelesen hatte und mich fragte, ob wir nicht schnell mal eine Geschichte dazu pitchen wollen. Wir haben uns dann drei Tage in Berlin eingeschlossen, einen groben Plot überlegt und die Figuren entwickelt.

Entstanden ist jetzt eine spannende Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte und Sozialdrama mit Gruselthriller-Elementen...

Geschichten über junge Menschen finde ich immer cool, denn über die so genannte First-Life-Krise kann man einfach spannende Sachen erzählen. Aber besonders interessant an unserer Idee fand ich tatsächlich die soziale Komponente. Das ist schließlich schon eine perfide Sache. München ist einerseits diese schicke, cleane, teure Stadt, in der es immer heißt, dass es kein Drogenproblem gibt. Doch andererseits gibt es eben diese Katakomben, wo plötzlich eine Grauzone und all die Leute akzeptiert werden, die oben das saubere Stadtbild zerstören würden. Also Drogensüchtige, Obdachlose oder Sexarbeiter*innen. Das fand ich heftig. Und ich wollte unbedingt einen Weg finden, diese beiden Welten aufeinander knallen zu lassen und – bei aller Unterhaltung – etwas Kritisches über unsere Gesellschaft zu erzählen.

Diversität wird in "Katakomben" sehr großgeschrieben. Muss man darum – sei es im Drehbuch oder bei der Besetzung – heute noch sehr kämpfen?

Bei uns waren alle Beteiligten sehr offen dafür. Aber klar, die Idee muss schon erst einmal ausgesprochen werden. Das mache ich aber sowieso immer. Wenn mir Stoffe angeboten werden, sage ich inzwischen gleich dazu: Wenn ihr mich kauft, kauft ihr auch eine gewisse Diversität und Vielfalt. Das ist mir einfach ein wichtiges Anliegen, und da bin ich auch gerne larger than life. Ich wünsche mir eine Vielfalt in der Gesellschaft, und die möchte ich in meiner Arbeit spiegeln. Dafür möchte ich ein Sprachrohr sein.


Szene aus "Katakomben". Die sechsteilige Serie läuft seit dem 11. März 2021 bei Joyn Plus+ (Bild: Joyn)

Die Selbstverständlichkeit, mit der der Staatsanwalt asiatisch-stämmig und die Gerichtsmedizinerin als person of color erzählt werden, ist für die deutsche Filmbranche immer noch ungewohnt...

Ich habe das von Anfang an als Wunsch eingebracht, und von Flo bis zur Redaktion waren alle sofort mit dabei. Es gab nie Diskussionen darüber, dass ich eine POC als Gerichtsmedizinerin besetzen wollte. Und besonders freue ich mich, dass noch nicht einmal die Frage kam, ob diese Gerichtsmedizinerin auch dann noch Sabine Behnke heißen kann, wenn sie von Dela Dabulamanzi gespielt wird. So muss es sein, aber eine Selbstverständlichkeit ist das noch lange nicht.

Was halten Sie in Sachen Diversität und Gleichberechtigung von Quoten oder Selbstverpflichtungen? Dominik Graf fürchtet da ja um seine künstlerische Freiheit als Regisseur!

Da wir als Gesellschaft noch nicht so weit sind, dass es der Markt – wie man so schön sagt – von selbst regelt, halte ich es schon für notwendig, Regeln zu machen. Wenn wir irgendwann mal in einer idealen Welt leben, in der solche Dinge selbstverständlich sind, dann können wir vielleicht drüber diskutieren, ob so etwas unnötig ist. Aber im Moment sind wir noch nicht so weit, deswegen glaube ich, dass es solche Maßnahmen braucht.

Auch zu meinen Ungunsten. Ich hatte schon zweimal Anfragen von Produktionen, die mit mir arbeiten wollten, aber dann einen Rückzieher gemacht haben, weil die Redaktion unbedingt eine Regisseurin haben wollte.

Empört Sie das?

Natürlich ärgere ich mich in so einem Moment auch, wenn eigentlich offensichtlich alle das Gefühl haben, dass es inhaltlich total mit mir passt, und ich am Ende nur das falsche Geschlecht habe. Aber mein Gott, ich will ja auch, dass wir endlich mehr Gleichberechtigung erreichen. Und dann ist es jetzt eben an unserer Generation, dass dafür einige auch zurückstecken müssen.

Sie selbst gehen schon lange offen mit Ihrer Homosexualität um. Wie beurteilen Sie den Schritt, den kürzlich die 185 Schauspieler*innen mit ihrem ActOut-Manifest gegangen sind?

Das war ein ganz großer, längst überfälliger Schritt. Ich habe darüber mit vielen Kolleg*innen vor und hinter der Kamera in den letzten Jahren immer wieder gesprochen und mir genau so etwas gewünscht. Eine breite Front, die daherkommt und sagt: wir sind hier und wir sind überall. Dass man die Privatleben eines Schauspielers oder einer Schauspielerin von ihrer Arbeit trennen kann, sollte eigentlich kein Problem sein. Aber auch das ist noch lange nicht selbstverständlich, deswegen muss man immer mal wieder solche großen Bretter fahren.


Jakob M. Erwa am Set von "Katakomben" (Bild: Joyn / Neuesuper / Arvid Uhlig)

Es gibt aber bedauerlicherweise auch viele queere, durchaus prominente Schauspieler*innen, die bei der Aktion nicht mitmachen wollten.

Ich war bei ein paar Leuten auch ein bisschen enttäuscht, dass sie bei der Aktion nicht dabei waren. Aber man kann eben auch niemanden zwangsverpflichten, ein öffentliches Coming-out zu haben. Vielleicht sehen diese Menschen jetzt, dass es etwas bringt, und sind bei der nächsten Welle dabei. Oder machen sich in einer anderen Form stark. Vielleicht ist es auch gut, wenn es nicht nur eine Welle gibt und dann die nächsten zehn Jahre wieder nichts mehr. Womöglich können die anderen Personen, an die wir da gerade denken, ja einfach demnächst was nachlegen. Das wäre meine Hoffnung.

In direktem Zusammenhang damit steht auch immer die Frage, wen man für welche Rollen besetzt. Wie sehen Sie Forderungen wie die, queere Rollen nur mit queeren Schauspieler*innen zu besetzen?

Ich würde das jedes Mal als Einzelfall behandeln. Ich arbeite seit langem an einem Film mit dem Titel "Valeska" über eine trans Frau, das ich unter anderem deswegen noch nicht umgesetzt habe, weil ich einfach noch keine perfekte trans Schauspielerin für die sehr herausfordernde Rolle gefunden habe. Da muss man sich dann die Frage stellen, ob ein Projekt gar nicht stattfinden soll, bloß weil man nicht "politisch korrekt" besetzen kann? Ist das sinnvoll, wenn es gleichzeitig bedeutet, dass die entsprechenden Themen womöglich gar nicht auf der Leinwand behandelt werden? Man kann außerdem nicht unsere Situation hier im deutschsprachigen Raum mit den USA oder so vergleichen.

In welcher Hinsicht?

Englischsprachige Produktionen wie gerade "It's a Sin" haben es natürlich wesentlich leichter, alle queeren Rollen mit queeren Schauspieler*innen zu besetzten. Schon einfach weil der Markt riesig ist – und es gleichzeitig sehr viel früher Role Models gab und sich das Selbstbewusstsein entwickelt hat, dass man queer sein und trotzdem als Schauspieler*in zum Star werden kann. Soweit sind wir noch nicht. Weswegen eben #ActOut auch so ein Meilenstein war. Allein um zu zeigen, was für einen großen Pool an queeren Schauspieler*innen es gibt, der einem zur Verfügung steht, wenn man bewusst so besetzen und die Community stärken will.

Direktlink | Offizieller Trailer zu "Katakomben"
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#1 hugoAnonym
  • 11.03.2021, 11:16h
  • Die sexuelle Identität ist ein Teil meines Datensatzes, wie Glaubensbekenntnis, politische Einstellung und z.B. mein Kontostand bei der Bank.
    Prinzipiell will ich die Datenhoheit gewahrt wissen und daher bestilmmen, wer welchen Teil meines Datensatzes von mir mitgeteilt bekommen soll. Nutzen und Schaden abzuwägen bleibt mir ganz alleine überlassen.
    Dies ist Gesetz und in DSGV festgeschrieben.
  • Antworten » | Direktlink »
#2 Taemin
#3 Sabelmann
#4 daVinci6667
  • 11.03.2021, 21:49h
  • Nein man kann niemanden zwangsverpfichten, ein öffentliches Coming-Out zu haben. Doch man kann sich entscheiden nicht mit so einer Person zusammen zu arbeiten oder eine Beziehung mit ihr einzugehen.

    Ich habe keine Geduld mehr mit solchen Schrankies zumal wenn sie in der westlichen Welt leben. Woanders kann es natürlich ganz anders aussehen,
  • Antworten » | Direktlink »
#5 kuesschen11Profil
  • 12.03.2021, 07:16hFrankfurt
  • Es gibt keine "Zwangsverpflichtung" der sexuellen Identität.

    Die Ehrlichkeit ist die bessere Variante zur Selbstlüge.

    Das Versteckspielen in der Öffentlichkeit führt nur zur Angst.
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#6 FraesdorffAnonym
  • 12.03.2021, 09:15h
  • "Flo [...] fragte, ob wir nicht schnell mal eine Geschichte dazu pitchen wollen."

    Bin ich der einzige, der sowohl die Ausdrucksweise als auch das dahinter stehende Arbeitseinstellung widerlich findet?
  • Antworten » | Direktlink »
#7 Taemin
#8 CanadianSarahAnonym
  • 13.03.2021, 10:26h
  • Kritik an der Überschrift:

    Immernoch müssen sich Trans öffentlich outen, um medizinische Maßnahmen zu bekommen. Tut man es nicht, kann selbst die einfachste Verschreibung oder Haarentfernung ein Spiessrutenlauf und recht teuer werden. Jobs und Existenzen können dadurch verloren gehen, weil man sich als Person "schlagartig" verändert.

    So ist die Überschrift falsch. Sicher könnte man der Person selbst überlassen, wann sie sich outet, aber das sehen einige Mediziner nicht vor. Stell dir mal vor, es brennt und keiner "darf" nicht vor einem Jahr löschen. Es ist einfach nur ein Quatsch.

    Man soll einfach NIEMANDEN zwangsverpflichten, ein öffentliches Coming out zu haben!!!! Sollte für alle in der LGBT gelten.
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#9 TheDadProfil
  • 13.03.2021, 12:51hHannover
  • Antwort auf #8 von CanadianSarah
  • ""Kritik an der Überschrift:""..

    Alles was Du anführst ist stimmig..
    Doch leider hat das nichts mit dem Artikel zu tun, denn Du übersiehst hier ganz konkret mit dem Begriff "öffentliches Coming Out" die Dimension um die es geht..
    Es gibt tatsächlich einen signifikanten Unterschied in diesen von Dir als "Öffentlichkeit" beschriebenen Vorgängen, und dem, worüber Jakob M. Erwa bezogen auf #ActOut spricht..

    ""Man soll einfach NIEMANDEN zwangsverpflichten, ein öffentliches Coming out zu haben!!!! Sollte für alle in der LGBT gelten.""..
    (Da fehlt schon mal das I..Ein Lapsus ?)

    Ich halte dies grundsätzlich für den falschen Ansatz, denn wenn wir Gesellschaft dahingehend verändern wollen eine frei&gleichberechtigte Gesellschaft zu sein, dann ist ein ComingOut künftig gar nicht mehr mit den Erfahrungen "belastet", die Du hier bezogen auf Trans*Sein anführst, und es gäbe dann auch gar keinen Grund mehr sich "gezwungen" zu sehen..
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