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Interview

"Labels sind völlig unzureichend, um einen Menschen zu beschreiben"

"We Are Who We Are" von "Call Me By Your Name"-Regisseur Luca Guadagnino über die Selbstfindung zweier Teenager ist eine der queersten Serien seit langem. Wir sprachen mit Hauptdarsteller Jack Dylan Grazer.


Jack Dylan Grazer als der 14-jährige Fraser in "We Are Who We Are" (Bild: Starzplay)

Am 7. März startete bei Starzplay mit "We Are Who We Are" einer der ungewöhnlichsten, faszinierendsten und vor allem queersten Serien seit langem (jeden Sonntag gibt es eine neue Folge). Für die Regie und als Ko-Autor zeichnet der Italiener Luca Guadagnino verantwortlich, der wie schon in seinem Kino-Hit "Call Me By Your Name" von jugendlichen Emotionen und Selbstfindung unter der Sommersonne Italiens erzählt (queer.de rezensierte)

Die Hauptrolle des Teenagers Fraser, der zu Beginn der acht Folgen mit seinen beiden Müttern auf einer US-Militärbasis nahe Venedig ankommt, spielt der junge Shooting-Star Jack Dylan Grazer, der auch schon in "Es", "Shazam" und – als junger Timothee Chalamet – in "Beautiful Boy" zu sehen war. Wir konnten mit dem 17-Jährigen ein Videotelefonat führen. Wenn auch kein allzu langes, denn der virtuelle High-School-Stundenplan ist aktuell ziemlich vollgepackt.

Jack, als Du vor ein paar Jahren mit Deiner Mutter zusammen im Kino "Call Me By Your Name" gesehen hast, hast Du angeblich danach zu ihr gesagt, dass Du mit diesem Regisseur mal arbeiten möchtest. Was hat Dich denn an dem Film damals so begeistert?

Ich habe den Film geliebt, weil er gleichzeitig wahnsinnig realistisch und trotzdem unglaublich kunstvoll und künstlerisch war. Und wunderschön. In der Geschichte von Elio und Oliver geht es ja um ziemlich komplexe Gefühle, aber die hat Luca Guadagino unglaublich leicht und echt auf die Leinwand gebracht.

In seiner Serie "We Are Who We Are" spielst Du nun den 14-jährigen Fraser, der in vielerlei Hinsicht damit beschäftigt ist, seine Identität zu hinterfragen und sich selbst zu finden. Konntest Du Dich mit ihm auf Anhieb identifizieren?

Ja, das konnte ich, auch wenn ich sagen würde, dass ich früher nicht sonderlich viel über meine Identität nachgedacht habe. Durch diese Rolle habe ich es dann aber definitiv getan. Spätestens, als ich für die Dreharbeiten in Italien ankam, konnte ich sowieso gar nicht anders, als mich zu fühle wie er: irgendwie fehl am Platz, weit weg von meinen Freunden und meinem gewohnten Alltag. So geht's ihm ja auch, als er mit seinen Müttern auf der amerikanischen Militärbasis dort ankommt. Ich hatte dort nichts zu tun, als mich mit Fraser und seiner Nachdenklichkeit zu beschäftigen. Das hat echt abgefärbt.


Poster zur Serie: Jeden Sonntag gibt es eine neue Folge auf Starzplay

Du hast Dich also richtig verändert durch die Rolle?

Klar, auf jeden Fall. Ich würde schon sagen, dass ich neue Erkenntnisse über mich selbst gewonnen habe durch diese Figur. Und auch sonst habe ich durch Fraser echt dazu gelernt. Mit Mode zum Beispiel konnte ich vor der Serie nicht viel anfangen. Ich dachte, da geht's um Eitelkeit und Oberflächlichkeit, doch inzwischen weiß ich, dass es keine schönere Art gibt, der eigenen Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen, als mit toller Mode. Früher habe ich mir wenig Gedanken darüber gemacht, was ich trage. Das ist dank Fraser – und der vielen kreativen Menschen aus der Modewelt, die ich für diverse Shootings kennen gelernt habe – jetzt echt anders.

Wie viele Freiräume hat Luca Guadagnino Euch Schauspieler*innen eigentlich gelassen? Konntet Ihr die Figuren selbst mitgestalten?

Luca arbeitet unglaublich kollaborativ, viel mehr als ich das von anderen Regisseuren kenne. Natürlich hat er eine klare Vision von den Figuren und hat sie zusammen mit den Drehbuchautor*innen geschaffen. Aber für ihn kennt letztlich niemand sie besser als die Schauspieler*innen, die sie verkörpern. Deswegen durften wir ganz viel mitreden, improvisieren und uns Freiheiten herausnehmen.

Frasers sexuelle Identität wird in "We Are Who We Are" nie gelabelt, auch von ihm selbst nicht. Schwul, hetero, bisexuell – das scheint für ihn alles gar nicht wichtig zu sein. Würdest Du sagen, dass das typisch ist für die heutige Teenager-Generation?

Im Großen und Ganzen schon, denke ich. Fraser ist vielleicht ganz besonders desinteressiert an Labels und weiß als Sohn zweier lesbischer Mütter auch, dass viele gesellschaftliche Konventionen überholt sind. Aber mir selbst und den meisten meiner Freund*innen ging es auch schon immer so. Labels sind nur Worte und völlig unzureichend, um einen Menschen zu beschreiben. Wichtig ist, was man fühlt, dass man herausfindet, wer man ist und was man will. Und das kann sich ständig ändern, denn wir alle sind nie statisch, sondern emotional immer in Bewegung.

Wie hast Du die Reaktionen auf die Serie bislang erlebt?

Mich hat gefreut, wie viele Menschen gesagt und geschrieben haben, dass sie einen Bezug gespürt haben zu Fraser und seiner Freundin Caitlin, die ja einerseits ganz ähnliche, dann aber auch wieder ganz andere emotionale Entwicklungen durchmacht. Die Freundschaft der beiden ist eine ganz besondere, in der sich scheinbar viele wiedergefunden haben. Für mich war das das Wichtigste bei "We Are Who We Are": gerade den jüngeren Zuschauer*innen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind mit ihren Gefühlen und damit, vielleicht nicht sicher zu sein, wer sie eigentlich sind.

Direktlink | Englischer Originaltrailer zur Serie
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Infos zur Serie

We Are Who We Are. Serie. USA/Italien 2020. Regie: Luca Guadagnino. Darsteller*innen: Jack Dylan Grazer, Jordan Kristine Seamón, Chloë Sevigny, Alice Braga, Francesca Moore, Faith Alabi, Spencer Moore II, Kid Cudi, Ben Taylor, Tom Mercier, Sebastiano Pigazzi. Laufzeit: 8 Folgen à 60 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. Seit 7. März 2021 auf Starzplay, jeweils sonntags wird eine neue Folge gezeigt


#1 indri16Profil
  • 12.03.2021, 10:29hKöln
  • Die Jugend mit ihrer Labelphobie geht mir zunehmend auf den Keks. Da sagt der junge Schauspieler Labels sind nur Worte und völlig unzureichend, um einen Menschen zu beschreiben. Häh? Labels waren auch noch nie dazu da, einen Menschen ausreichend zu beschreiben. Das Wort schwul bedeutet einfach nur, da ist ein Mann der Männer liebt bzw. attraktiv findet. Nicht mehr und nicht weniger. Ob dieser Mann konservativ denkt oder linksliberal, ob er Links- oder Rechtshänder ist, ob er Sushi mag oder lieber Gyros ist doch damit gar nicht gesagt. Noch nicht einmal, ob er im Verhalten eher feminin oder maskulin ist. Also was soll diese ewige Angst vor dem Label. Ich habe eher den Eindruck, da ist eine Generation, die möchte mit dem für sie negativ behafteten Wort Schwul nicht in Verbindung gebracht werden, weil sie nicht ausgegrenzt, sondern zwanghaft Teil der Mehrheitsgesellschaft sein möchte. Und wer es noch nicht genau weiß mit 16 der ist halt noch in der Findungsphase und das ist auch ok. Und sollte er Menschen beider Geschlechter (egal in welcher Intensität) lieben, dann nennt man das Bi. Ganz einfach und tut auch nicht weh.
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#2 Taemin
  • 12.03.2021, 10:46h
  • Mancher Leute einziges Persönlichkeitsmerkmal ist es, kein erkennbares Persönlichkeitsmerkmal haben zu wollen. Die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe wird als "Etikett" verdammt. Das scheint es nur bei LSBTI zu geben. Man stelle sich PoC vor, die sagen: "Ich bin zwar schwarz, aber deswegen bin ich doch nicht schwarz, ich esse Sushi, bin 1,80 groß und liebe Mozart." Oder Juden, die sagen: "Ich bin zwar Jude, aber deswegen bin ich doch kein Jude, ich fahre gern in die Berge, wiege 80 kg und lese Ken Follet." Das Schwul- oder Lesbischsein soll aufgelöst werden in einer trüben Suppe aus allen denkbaren Eigenschaften, die ein Mensch haben kann - wie bequem - so glaubt man, sich aus der Diskriminierung und der Solidarität stehlen zu können.
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#3 AtreusEhemaliges Profil
#4 WanndererAnonym
  • 12.03.2021, 11:31h
  • Faktisch ist es aber noch so, dass in unserer Gesellschaft mit einem Label auch bestimmte Eigenschaften erwartet werden. Deswegen ist es ja gut zu sagen, "Hey, das Label trifft mich nicht." Es bricht dann einfach mit der Erwartung. Weil man halt eben nicht nur seine Sexualität ist.
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#5 Paula RoydAnonym
  • 12.03.2021, 11:51h
  • Mir fällt es auch schwer, diese grundsätzliche Ablehnung von Eigenschaftsbezeichnungen nachzuvollziehen. Und besonders enervierend finde ich die Verbindung dieser Ablehnung mit dem Nimbus einer vermeintlichen besonderen Aufgeklärtheit und Offenheit, da in ihr zuweilen der latente Vorwurf liegt, dass Menschen mit nicht ambivalenter Selbsteinordnung nicht entsprechend aufgeklärt und offen, sondern verbohrt und geistig unbeweglich sind.

    Wie von meinen Vorrednern dargestellt wurde, beschreibt ein Begriff wie "schwul" grundsätzlich ein einzelnes Merkmal und erhebt nicht den Anspruch auf eine erschöpfende und abschließende Beschreibung eines Menschen.
    Und auch wenn sich das sexuelle Interesse im Laufe der Zeit entwickelt, so gibt es darin doch für viele Menschen Momente, in denen sie sich eindeutig als heterosexuell, bisexuell oder homosexuell bezeichnen würden. So wie Kerle, die zunächst denken, dass sie auch auf Männer stehen, bis sie dann irgendwann bemerken oder sich eingestehen, dass sie nur (noch) auf Männer stehen.

    Und ich habe auch kein Problem damit, wenn Menschen andere Menschen entgegen ihrer Selbstwahrnehmung/-einschätzung einordnen - Männer, die freiwillig und mit Freude an der Sache Sex mit anderen Männern haben, sind alles, nur nicht heterosexuell.
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#6 FrageAnonym
#7 GirlygirlEhemaliges Profil
  • 12.03.2021, 12:45h
  • Antwort auf #2 von Taemin
  • Schade, dass man hier keine Lach Emojis schreiben kann :( Ich habe die Erfahrung gemacht, dass hauptsächlich Leute, die man als bisexuellen Mann und lesbische Frau beschreiben würde, so eine Einstellung haben. Ich glaube das nicht nur, weil ich selbst solche Leute kennen kennengelernt habe, sondern weil auch beide Communities laut mehrerer Umfragen kleiner sind als die schwule bzw. bisexuelle Frauen Community.
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#8 LegatEhemaliges Profil
  • 12.03.2021, 13:22h
  • Antwort auf #7 von Girlygirl
  • "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass hauptsächlich Leute, die man als bisexuellen Mann und lesbische Frau beschreiben würde, so eine Einstellung haben."

    Ich bin ein voll geouteter (heißt: permanent immer wieder), selbst-identifizierter, stolzer, bisexueller Cis-Mann und teile die Einstellung von Ralph.

    Ich weiß auch nicht, warum du bisexuellen Männern und lesbischen Frauen hier was unterstellen musst.
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#9 LabelizerAnonym
  • 12.03.2021, 13:53h
  • Antwort auf #1 von indri16
  • Also ich denke, solange Außenstehende andere Menschen aufgrund ihrer Sexualität labeln, exotisieren oder diskriminieren, auch wenn es nur ein Aspekt ihres Seins ist, dann finde ich es recht gesund, fortgeschritten und aufgeklärt sich nicht auf das Spiel einzulassen und sich und andere Menschen eben nicht entsprechend dieser Merkmale definieren zu lassen.
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#10 bicurseEhemaliges Profil
  • 12.03.2021, 14:26h
  • Labels zementieren Stereotype und Vorurteile. Wer auf Vorurteile steht, kann sich gerne nennen wie er will. Wenn ich sage, ich bin bi, weil es die einfachste Beschreibung für meine Partnervorlieben ist, dann bin für Heteros eigentlich schwul, der Rest ist irrelevant. Für Schwule bin ich auch schwul, "verstecke" mich aber hinter dem Label bi, oder habe mich noch nicht entschieden. Wenn jeder die Labels sowieso missachtet und Vorurteile nicht nur verstärkt sondern verdreht, wofür überhaupt noch Labels? Jeder ist anders. Und "schwul" ist nicht nur ein Stereotyp, sondern historisch auch noch ein Schimpfwort. Toll, oder? Wer sich labeln lässt, hat kein Selbstrespekt.
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