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Interview
"Ich würde das immer wieder tun"
Jürgen Schrader war einer der Gäste in der WDR-Talkshow "Ich bin schwul! Was habt ihr gegen mich?" vom 13. März 1981. Wie denkt er 40 Jahre später über diese Sendung?

Jürgen Schrader (r.) mit seinem damaligen Freund Michael Müller am 13. März 1981 in in der WDR-Talkshow "Alles klar?!"
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13. März 2021, 10:38h 5 Min.
Vor 40 Jahren war der damals 20-jährige Jürgen Schrader zusammen mit seinem 21-jährigen Freund Michael Müller Gast der WDR-Talkshow "Alles klar?!" (queer.de berichtete). In der Folge "Ich bin schwul! Was habt ihr gegen mich?" erzählten die beiden jungen Männer offenherzig von ihrer Beziehung und dass sie in Bremen meistens Hand in Hand zu sehen seien. Jürgen kritisierte deutlich die immer noch existierenden "Rosa Listen" (Homosexuellenkarteien) und wies darauf hin, wie schwierig es für ein schwules Paar sei, gemeinsam eine Wohnung zu finden. Trotz aller Probleme hatten Jürgen und Michael eine Wohnung gefunden und erzählten von ihrem Glück, dass sie einen Tag nach der Sendung dort einziehen würden.
Wenn man den Äußerungen von Jürgen genau zuhört, kann man die Themen heraushören, die Jahrzehnte später noch sein Leben prägen. Dazu gehört nicht nur sein schwulenpolitisches Bewusstsein, sondern auch der Wunsch nach einer langfristigen Beziehung und einem bürgerlichen Leben. In der Sendung legt Michael mehrfach seine Arme zärtlich auf Jürgens Schulter. Damit sind sie in der Sendung das einzige schwule Paar, das als solches auch erkennbar ist.
Auf der Suche nach Jürgen Schrader hat mir das RAT&TAT-Zentrum in Bremen geholfen und den Kontakt vermittelt. Jürgen ist mittlerweile 60 Jahre alt und gab mir ein Interview.
Erzähl doch mal von deinem Coming-out!
Ich habe schon mit 13 Jahren gemerkt, dass ich Jungs anziehender als Mädchen finde. Fußballspielen und Versteckenspielen mit Gleichaltrigen fand ich damals sehr erotisch. Ich hatte tolle heterosexuelle Freunde, die auch von meinem Schwulsein wussten und die für mich eine sehr große Stütze waren. Auch gemeinsames Zelten und Nacktbaden war mit denen kein Problem. Was mir jedoch fehlte, waren schwule Freunde, ich fühlte mich wie eine einsame Pflanze und wollte unbedingt andere Schwule kennen lernen.
Und dann hast du Michael Müller kennen gelernt?
Als ich 18 war, habe ich über die Bremer Zeitschrift "Kursbuch" Michael Müller kennen gelernt. In der Rubrik "Männer suchen Männer" hatte er eine pfiffige Anzeige veröffentlicht, auf die ich antwortete. Michael wurde daraufhin nicht nur meine große Coming-out-Liebe und mein erster Mann, sondern zu der Zeit der Sendung auch der einzige Schwule, den ich überhaupt kannte.

Jürgen Schrader 1981 in der WDR-Sendung
Wie haben deine Eltern auf dein Coming-out und auf Michael reagiert?
Meine Mutter hatte einen Brief von Michael gefunden, woraufhin mich mein Vater zur Rede stellte: "Solange du deine Füße unter meinem Tisch hast, will ich nicht, dass du mit irgendwelchen Männern rummachst." Ich bin dann gezwungenermaßen ausgezogen, weil ich schließlich mein Leben und nicht das Leben meines Vaters leben wollte.
Warst du 1981 auch schon beruflich geoutet?
Am 1. März 1981 hatte ich meinen ersten Arbeitstag in einer neuen Firma. Um innerhalb der ersten beiden Wochen frei zu bekommen, habe ich meinem Chef gesagt, dass es um eine wichtige Fernsehsendung des WDR geht. Das Thema der Sendung habe ich zwar nicht genannt, aber natürlich haben sich alle Kollegen diese Sendung angesehen. Ihre Reaktionen danach waren sehr positiv: Die fanden das einfach nur klasse, dass ich offen zu meinem Schwulsein stehe. In dieser Firma bin ich übrigens noch immer und habe vor einigen Tagen mein 40-jähriges Betriebsjubiläum gefeiert.
Die Idee, an der Sendung teilzunehmen, hatte Michael?
Michael hatte mich auf diese WDR-Sendung "Alles klar?!" bzw. auf die Folge "Ich bin schwul!" aufmerksam gemacht und wollte, dass wir zusammen daran teilnehmen. Ich sagte sofort: "Ja klar! Machen wir!", auch wenn es zu dieser Zeit nicht selbstverständlich war, sich zu outen. Weil Michael oft gestottert hat, habe ich ihn in der Sendung auch vorgestellt. An die anderen Studiogäste kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Direkt nach der Sendung bin ich mit Michael zusammengezogen. Wir haben uns später jedoch getrennt, weil wir letztendlich doch nicht zusammenpassten. Er ist dann nach Berlin gezogen und hat dort viele Kontakte gesucht und genossen. Ich habe ihn seit fast 40 Jahren nicht mehr gesehen und kann – mit Bezug auf Aids – nur hoffen, dass er noch lebt.
Wie lebst du heute?
Seit knapp 38 Jahren bin ich mit meinem Freund Bernd Thiede zusammen; mittlerweile sind wir auch verheiratet. Wir sind beide im Bremer RAT&TAT-Zentrum engagiert. Bernd hat hier die Aids-Arbeit aufgebaut und war in Bremen der Erste, der aidskranke Menschen bis in den Tod begleitete. Ich habe damals die Aids-Hilfe Bremen mitgegründet. Heute kümmert sich mein Mann auch um meine demente Mutter, worüber ich sehr froh bin. Mein Vater ist vor rund 20 Jahren gestorben. In Bremen haben wir uns vor einigen Jahren auch ein Haus gekauft – in einer an sich recht spießigen Gegend. Als neue Nachbarn wurden wir hier ganz toll aufgenommen, was auch daran lag, dass wir offen und ehrlich mit unserem Schwulsein umgegangen sind. Heute leben hier vor allem junge Familien mit Kindern. Das nachbarschaftliche Wohnen ist einfach wundervoll.

Jürgen Schrader (l.) mit seinem heutigen Mann Bernd Thiede
Würdest du noch einmal – so offenherzig wie 1981 – aus deinem Leben erzählen?
Mittlerweile hat sich der Blick der Gesellschaft ja sehr geöffnet. Wer selbstbewusst zu seinem Leben steht, muss heute keine Angst mehr davor haben, schwul, lesbisch oder trans zu sein, und wird ja meistens auch im Freundeskreis und im Berufsleben akzeptiert. Für mich ist es ein schönes Gefühl, meine Gefühle nicht verstecken zu müssen. Mein Mann und ich waren auch schon Gäste bei Radio Bremen, als die für ihr Format "buten un binnen" anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Lebenspartnerschaftsgesetzes in Deutschland 2011 eine Sendung über Schwule und Lesben produzierten. Also ganz klar: Ich würde das immer wieder tun.
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