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Neu bei C.H. Beck

Warum Nora Eckerts Autobiografie ein Glücksgriff ist

Der anregende Roman "Wie alle, nur anders: Ein transsexuelles Leben in Berlin" bietet einen lebendigen Blick auf das vergangene West-Berlin sowie fundierte Einblicke in die Situation von trans Menschen in Deutschland.


Die trans Frau Nora Eckert lebt seit 1973 in Berlin (Bild: Hassan Taheri)

Der Buchmarkt kommt in Bezug auf geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung erfreulicherweise in Bewegung. Das zeigt sich mittlerweile in allen Genres, bis hin zum Schulbuch. Und das gilt auch für autobiografische trans Perspektiven, die jetzt auch in renommierten Publikumsverlagen erscheinen.

Nach Jayrôme C. Robinets Autobiografie "Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund" (Hanser 2019, queer.de rezensierte) und dem von Linus Giese verfassten Spiegel-Bestseller "Ich bin Linus. Wie ich der Mann wurde, der ich schon immer war" (rororo 2020, queer.de rezensierte) ist gerade "Wie alle, nur anders: Ein transsexuelles Leben in Berlin" von Nora Eckert bei C.H. Beck herausgekommen.

Eckert arbeitete im Travestieclub "Chez Romy Haag"


"Wie alle, nur anders" ist als Hardcover und E-Book erhältlich

Nora Eckert, die mittlerweile Rentnerin ist, ist vielen von uns über ihre ehrenamtliche Arbeit bei TrIQ (TransInterQueer e.V.) bekannt. Sie kam 1973 nach West-Berlin, arbeitete im bekannten Travestieclub "Chez Romy Haag" und später zunächst als "Schreibdame", bevor sie Opernkritiken für verschiedene Kulturredaktionen verfasste. Sie hat bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht, mit "Wie alle, nur anders: Ein transsexuelles Leben in Berlin" nun ihre Autobiografie.

Das Buch, das als klassische Biografie aufgebaut und gut gegliedert ist, beginnt mit der Ankunft von Nora in West-Berlin. Sie freundet sich rasch mit der "Berliner Schnauze" an – und insgesamt mit der Stadt:

Die Ankunft im damaligen Kreuzberg […] empfand ich wie ein Nachhausekommen. Am liebsten wäre ich erst gar nicht wieder weggefahren. Hier fand das Leben immer auf der richtigen Gefühlsfrequenz statt: schnörkellos, trotzdem herzlich, ruppig, aber nie nachtragend. (S. 17)

"Tja, so ist das Leben" – "Ja, so isses"

Nora Eckert beschreibt das Berliner Leben, mit Blick auf die Clubs, aber auch den Alltag in Geschäften. Und es ist genau der Rahmen, der ihr ihren Lebensweg möglich macht oder doch zumindest deutlich erleichtert. Das gilt auch für das Coming-out als trans Frau – in ihrem Kiez:

Natürlich wussten die Kassiererinnen längst, was mit mir los war. […Es] saß damals die mir sympathischere Kassiererin an der Kasse. Ich stand vor ihr und wir schauten uns an. Sie mit großen Augen und ich wahrscheinlich eher verschämt und dennoch unverzagt. Die Szene verlangte in diesem Moment nach einer Pointe. Also sprach ich achselzuckend und ein wenig altklug den Satz: "Tja, so ist das Leben." "Ja, so isses", antwortete sie. Und damit war die Sache auch schon erledigt. (S. 80)

So leicht war der Lebensweg nicht überall: Die Schule in Nürnberg wollte gemeistert sein, die Ausbildung in Gießen. Das Coming-out als trans Frau gelang im Kiez gut, die Stelle im "Chez Romy Haag" ermöglichte ein Auskommen. Die Familie wurde vor vollendete Tatsachen gestellt – die Mutter akzeptierte ihre Tochter rasch, die Geschwister folgten, am längsten brauchte der Vater. Schwierigkeiten machte besonders das Transsexuellengesetz, das – trotz vielfältiger Beanstandungen durch das Bundesverfassungsgericht – noch immer massive Hürden für die geschlechtliche Selbstbestimmung in Bezug auf Vornamen und Personenstand mit sich bringt.

Mehr als eine leichtgängige und anregende Autobiografie

Noras Bericht wird dabei nie schwer: Sie beschreibt ihren Weg, auftretende Herausforderungen und wie sie sie löste. Ganz nebenbei erläutert sie zentrale juristische und biologische Inhalte, jeweils auf dem aktuellen wissenschaftlichen Sachstand.

Im Anschluss an die Beschreibungen der Transition und des Passings kommt sie zu ihrer langjährigen kulturellen Arbeit und thematisiert ihre Naturverbundenheit, bevor sie – wie mit einem Zirkel – bei ihren Ursprüngen ankommt: ihrer Kindheit, ihrer Schule, als Arbeiterkind.

"Wie alle, nur anders: Ein transsexuelles Leben in Berlin" ist ein Glücksgriff. Nora Eckert liefert nicht "nur" eine leichtgängige und anregende Autobiografie, sondern sie eröffnet auch einen lebendigen Blick auf das vergangene West-Berlin und bietet fundierte Einblicke in die rechtliche Situation von trans Menschen in Deutschland und in die biologische Differenziertheit von Geschlecht. Vor allem aber macht sie jungen Menschen Mut, ihren eigenen Weg zu gehen. Dafür kann es Unterstützung brauchen, wie sie unter anderem von TrIQ angeboten wird.

Infos zum Buch

Nora Eckert: Wie allen nur anders: Ein transsexuelles Leben in Berlin. Autobiografischer Roman. 208 Seiten. Mit 17 Abbildungen. Format: 14,2 x 22,1 cm. Verlag C.H. Beck. München 2021. Hardcover mit Schutzumschlag: 22,00 € (ISBN: 978-3-406-75563-7). E-Book: 16,99 € (ISBN: 978-3-406-75564-4).


#1 LotiAnonym
  • 14.03.2021, 06:13h
  • Beim lesen dieses wunderbaren Artikels kamen mir doch glatt wieder die Tränen in die Augen. Auch mußte ich sogleich an Die Prächtigen Schwestern im Park denken. Dieses Buch wird von mir auf alle Fälle gekauft werden. Denn ich bin regelrecht neugierig darauf mehr von Nora Eckerts Leben zu erfahren. Denn auch ich verliebte mich prompt 1972 in Westberlin ohne wenn und aber. Mensch, was waren das noch für schöne Zeiten. Des nachts mit Freund mal ne Runde durch die Kiezkneipen machen, durch Kreuzberg und Neukölln. Wo einem niemand blöde kam. Im Gegenteil. Da könnt ich auch so viel gutes berichten. Und was ist heute? Mensch Berlin, wie haste Dir bloß verändert.
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#2 LotiAnonym