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Widerstand gegen Rom

#PastoralerUngehorsam: Revolution in der Kirche

Nach dem kategorischen Nein des Vatikans zur Segnung homosexueller Partnerschaften geht ein Aufschrei durch die katholische Kirche. Theologen sehen in dem Proteststurm eine ganz neue Qualität. Einer zieht sogar Parallelen zur Französischen Revolution.


Papst Franziskus hat mit einem offeneren Debattenklima die Protestbewegung erst ermöglicht (Bild: Aleteia Image Department / flickr)
  • Von Carolin Gißibl und Britta Schultejans, dpa
    20. März 2021, 07:18h, 10 Kommentare

Katholische Pfarrer, die sich ganz offen gegen Rom stellen, ein Hashtag #PastoralerUngehorsam, der sich in der so autoritär aufgestellten katholischen Kirche verbreitet: Das entschiedene Nein des Vatikans zur Segnung homosexueller Partnerschaften hat die Diskussion darum nicht etwa erlöschen lassen, sondern in bislang nicht da gewesener Form angefacht.

"Es ist ein Machtwort", sagt Martin Kirschner, Professor für Theologie in Transformationsprozessen an der Katholischen Universität Eichstätt, über das Nein aus Rom. "Es ist der Versuch den Raum der Kirche zu besitzen und zu bestimmen, auch um offene Kommunikationsprozesse zu unterbinden."

Und dieser Versuch sei ins Gegenteil umgeschlagen: "Jetzt kann man beobachten, wie eine solche Intervention das Gegenteil von dem erreicht, was sie angeblich bewirken will: Statt eine Debatte zu beenden, wird diese Debatte gerade losgetreten, und zwar mit voller Wucht", sagt Kirschner. "Ein Machtwort, das Teile der Wirklichkeit ausblendet und die Konflikte zu unterbinden sucht, untergräbt die eigene Autorität. Es macht das sichtbar, was aus der eigenen Position ausgeschlossen und verleugnet wird."

Roma locuta, causa finita? Von wegen!

Online posten immer mehr Priester, dass sie die Vorgaben aus Rom falsch finden, sich nicht daran halten, dass sie "ungehorsam" sein wollen – ein eigentlich ganz unerhörtes Wort in der katholischen Kirche.

Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck meint, die kirchliche Lehre verlange "dringend eine erweiterte Sichtweise auf die menschliche Sexualität". Die Erklärung der Glaubenskongregation habe viele Menschen mit einer homosexuellen Orientierung gekränkt und verletzt (queer.de berichtete). Eine solche Position werde in der heutigen Zeit nicht mehr akzeptiert. Die Haltung der Gläubigen dürfe vom Vatikan nicht ignoriert werden.

Und Hunderte Kirchenleute wollen es Rom inzwischen schriftlich geben, dass sie da nicht mehr mitmachen wollen. Der Würzburger Hochschulpfarrer Burkhard Hose und der Pfarrer Bernd Mönkebüscher aus Hamm, der sich vor zwei Jahren öffentlich als homosexuell outete, haben eine Unterschriften-Aktion gestartet. "Wir wollen uns nicht auf diese sehr verengte und veraltete Sicht von Sexualität fixieren, sondern wir sehen liebende Menschen", sagt Hose der Deutschen Presse-Agentur.

Von Resonanz auf Boykottaufruf überrascht

Knapp 2.000 Menschen haben seinen Angaben zufolge inzwischen unterschrieben – die meisten von ihnen katholische Theologen, Priester, Ordensleute, Seelsorger, Pfarr- oder Gemeindereferenten (queer.de berichtete). Bis Palmsonntag werde gesammelt – dann soll die Liste dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, und der Vorsitzenden des Forums "Sexualität und Partnerschaft", Birgit Mock, übergeben werden. Ein genauer Termin stehe noch nicht fest – am liebsten noch vor Ostern.

"Die Begründung in dieser Entscheidung der Glaubenskongregation hat uns erschüttert: Diese geht von einem sehr überholten – inzwischen antiquierten – Naturrechtsbegriff aus", sagt Hose. "Auf solch einer Basis, die längst naturwissenschaftlich überholt ist, kirchliche Entscheidungen und Verlautbarungen zu formulieren, halten wir für unverantwortlich." Die Resonanz sei überwältigend. "Die große Anzahl, die uns selbst überrascht hat, zeigt doch, dass es einen Willen gibt, sich über solche bizarren Äußerungen aus Rom auch im konkreten, im pastoralen Alltag, hinwegzusetzen", sagt der Hochschulpfarrer.

Papst Franziskus ermöglichte die Protestbewegung

Und genau darin sehen Theologen und Kirchenreformer eine neue Qualität im Protest gegen Rom. Denn der revolutionäre Wind weht nicht mehr nur bei Reformbewegungen wie "Wir sind Kirche" oder "Maria 2.0", bei kirchlichen Vereinen und nicht einmal mehr nur bei den Mitgliedern der Kirchengemeinden, sondern ist jetzt angekommen bei den Geistlichen, die keine Scheu haben, offen ihre Meinung zu sagen. "Dieser Geist wächst", sagt Daniel Bogner, Professor für theologische Ethik an der Universität Freiburg in der Schweiz.

"Das ist eine ganz neue Ebene", sagt der Sprecher von "Wir sind Kirche", Christian Weisner. "Sie trauen sich." Das sei auch Papst Franziskus zu verdanken und einem offeneren Debattenklima, das dieser ermögliche. Unter Papst Benedikt XVI., da sind sich Weisner und Bogner sicher, hätte es das wohl nicht gegeben.

"Ein Gelegenheitsfenster, das Hoffnung macht"

"Im Moment gibt es ein Gelegenheitsfenster, das Hoffnung macht, dass in diesem vermeintlich starren Block vielleicht doch eine Dynamik und eine Veränderung möglich ist, die man so nicht vermutet hätte", sagt Bogner. "Die Katholiken, auch die katholischen Priester, werden sich bewusst, dass das Ganze auf dem Spiel steht, wenn man es nicht eigenverantwortlich mehr in die Hand nimmt als bisher. Denn die Kirche in ihrer derzeitigen Form steht ihrer eigentlichen Botschaft mehr und mehr im Weg."

Die Missbrauchskrise der vergangenen Jahre habe "das instabile Gebilde der katholischen Kirche derart in die Sackgasse und die Krise gebracht" und die Hoffnung auf Reformen, die von der Kirchenspitze ausgehen, "erweist sich zunehmend als vergeblich".

Bogner sieht in den Reaktionen auf das kategorische Nein der Glaubenskongregation zu Segnungen schwuler und lesbischer Beziehungen etwas, das er einen "dritten Weg" nennt, einen Weg zwischen Reformen von oben und dem ewigen, für viele Gläubige so frustrierenden Weiter so: "Man muss die Sache selbst in die Hand nehmen." Auf die Frage, ob ungehorsame Priester mit kirchenrechtlichen Konsequenzen rechnen müssten, sagt er diesen bemerkenswerten Satz: "Auch das Ancien Régime vor der Französischen Revolution hatte sein Recht." Das sei aber nach einem sozialen Kampf durch gewichtigeres Recht, Menschenrechte, ersetzt worden. "Dieser Prozess steht der Kirche in Teilen noch bevor."



#1 Louis RubAnonym
  • 20.03.2021, 10:25h
  • Die hier beschriebenen Aktivitäten von deutschen katholischen Geistlichen und Mitarbeitenden der kirchlichen Institutionen sind bemerkenswert. Sicher haben viele die Erkenntnis gewonnen, dass alle diese Katholiken in Mithaftung genommen werden für die Positionen ihrer Leitungsebene der Weltkirche, obwohl sie einzelne inhaltliche Fragen ganz anders sehen als diese. Dies alles verkennt aber folgendes: Die katholische Kirche ist kein demokratisches System wie etwa Parteien oder Bürgerinitiativen; trotz auch kirchlicher Initiativen oder des gemeinsamen "Synodalen Wegs" der deutschen katholischen Kirche, können diese Ebenen zwar ihre Meinungen äußern, letztlich wird alles jedoch "Top-Down" aus Rom entschieden. Es war und ist sogar bisher so, dass bei abweichenden Handlungen oder Meinungsäußerungen, diese Personen, etwa bei Professoren durch Entzug der Lehrerlaubnis, von der Kirche bestraft werden! Dies alles zeigt, wie weit trotz der gegenwärtigen Aktivitäten der unteren Ebenen der katholischen Kirche in Deutschland der Weg noch ist.
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#2 LegatEhemaliges Profil
  • 20.03.2021, 10:50h
  • Antwort auf #1 von Louis Rub
  • Vielleicht ist einfach Zeit für ein zweites Schisma, diesmal ber richtig?

    Weder kann der Vatikan auf Dauer verhindern, dass es in der westlichen Welt immer progressiver zugeht, noch will er verhindern, dass katholische Priester in Afrika gegen queere Menschen hetzen. Eine "Welkirche" ist das so oder so schon lange nicht mehr. Einzige richtige Lösung: Austreten und Schluss mit magischen Vostellungen, die unfassbares Leid über die Menschheit gebracht haben und weiter bringen.
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#3 LionAnonym
  • 20.03.2021, 11:18h
  • "Einer zieht sogar Parallelen zur Französischen Revolution."

    Na, dann kann man nur hoffen, dass es dazu kommt. Denn dann hätte der ganze Spuk endlich Mal ein Ende und wir hätten einen säkularen Staat und das nicht nur auf dem Papier.

    Mit dem Ende der französischen Revolution, erfolgte in Frankreich auch die Trennung von Kirche und Staat per Gesetz.
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#4 OffredAnonym
  • 20.03.2021, 13:34h
  • Um es gleich vorweg zu nehmen, nein, ich bin keine Psychologin, oder Ähnliches und ich stehe der RKK ungefähr so nahe, wie der Teufel einem Weihwasserbecken, dennoch geht mir eine Theorie nicht mehr aus dem Kopf: Kann es sein, dass Franziskus mit seiner kategorischen Segnungsverweigerung, genau diesen "Ungehorsam" willentlich provoziert hat?
    Nochmal, ich möchte weder ihn noch die RKK in Schutz nehmen oder verteidigen, aber vielleicht sind die Dinge nicht immer so offensichtlich schwarz weiß, wie es zunächst scheint.
    Franziskus hat schon mehr als einmal bewiesen, dass er anders ist, als seine Vorgänger. Aber auch er kann nicht im Alleingang, jahrhundertealte, verkrustete Strukturen, aufbrechen. Dafür ist der konservative Klerus, der ihn umgibt, einfach zu mächtig.
    Vielleicht hat er ja erkannt, dass sich die Dinge nur von innen heraus verbessern lassen. Und tut sein Bestes, um die nötige Motivation dazu zu liefern.
    Ich weiß, dass diese Theorie vielleicht etwas naiv ist, aber sie ist eben auch nur das: eine Theorie. Und sie entspringt der Hoffnung, das auch aus etwas augenscheinlich Schlechtem etwas Gutes werden kann.
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#5 LegatEhemaliges Profil
#6 goddamn liberalAnonym
#7 JasperAnonym
  • 20.03.2021, 19:11h
  • Es freut mich zwar, dass immer mehr Priester sich nicht dafür interessieren, was der Papst oder der Vatikan sagen. Aber solange auch diese Schwule und Lesben mit Segnungen abspeisen wollen, statt sie zu verheiraten, bleibt auch das Diskriminierung.

    Alles, was nicht 100% Gleichstellung ist, ist per definition Diskriminierung.

    (Wobei ich persönlich sowieso nicht verstehe, warum man Wert darauf legt, von irgendwelchen selbsternannten Gottesvertretern die Anerkennung seiner Beziehung zu bekommen.)
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#8 Roman BolligerAnonym
  • 21.03.2021, 09:17h
  • Die Verkrustung der Glaubeskongregation ist maximal. Sozusagen systemgenetisch. Selig sind die Gläubigen, welche krampfhaft-beweihwassert die Augen schliessen und bei lebendigem Leib ihr Hirn der vatikanischen Mumifikation unterziehen.

    Es dauerte 359 Jahre bis die KK 1992 den 1633 von der Glaubenskongregation als Ketzer verurteilten Galileo Galilei rehabilitierte und somit anerkannte, dass er richtig lag: die Erde (mit Verlaub: Rom) ist nicht das Zentrum des Universums, um welches sich die Sonne dreht.
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#9 Carsten ACAnonym
  • 21.03.2021, 09:23h
  • Das ist keine Revolution, sondern angesichts rapide steigender Kirchenaustritte versuchen diese Leute ihre Jobs und ihr Luxusleben zu sichern.

    Die haben Jahre und Jahrzehnte die homophobe Linie des Vatikans mit getragen und jetzt, wo immer mehr Mitglieder angewidert die Kirche verlassen, sollen sie plötzlich von heute auf morgen ihre Meinung geändert haben? Pah, absolut unglaubwürdig.

    Es geht eher um den Erhalt der eigenen Privilegien und wenn es darum ging, haben sich Priester immer schon sehr flexibel gezeigt.
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#10 wilhelmProfil
  • 22.03.2021, 17:10h69117 Heidelberg
  • ich war geschockt, als ich diese Vatikanmeldung las. Tiefstes MIttelalter!! Aber Waffen und Panzer und Kriegsschiffe segnen im Namen Gottes !! Wie Lange geht das noch in der Kirche ? von der Mißbrauchsbewältigung garnicht zu reden.
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