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Gedichtband
Liebe in einer durch und durch weiblich geprägten Welt
In ihrem zweiten Lyrikband "nackte gedichte" versammelt Rebecca Heinrich sinnliche queere Liebesgedichte – ansprechend illustriert mit Bildern von Julia Kössler und Martina Frötscher.

Rebecca Heinrich, geboren 1995, ist Literaturwissenschaftlerin an der Universität Freiburg, Autorin, Lyrikerin, Slam-Poetin, Kulturvermittlerin und Kunstdidaktikerin in deutscher und französischer Sprache (Bild: Dino Bossnini / Edition BAES)
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20. März 2021, 12:26h - 3 Min.

Der Lyrikband "nackte gedichte" ist in der Edition BAES erschienen
Der im Dezember 2020 im Verlag Edition BAES erschienene zweite Lyrikband der Tiroler Autorin Rebecca Heinrich "nackte gedichte" versammelt Liebesgedichte der Autorin aus den Jahren 2014 bis 2020. Die Texte sprechen von Liebe, Liebeskummer, Träumen, Begegnen und Träumen des Begegnens in einer durch und durch weiblich geprägten Welt. Ansprechend und liebevoll gestaltet wurde der Band vom Künstler*innenkollektiv "dreiundzwanzigminuseins", zu dem die Autorin selbst sowie die Grafikerinnen und Designerinnen Julia Kössler und Martina Frötscher gehören.
Untergliedert ist der Band in fünf Abschnitte, deren Titel durchaus sprechend sind für das, was sich auf den darauffolgenden Seiten näher entfaltet: "entferne mich in deinem hall", "sei du mir meine erste jahreszeit", "die königin fließt zu mir", "wir liefen vorm laufen davon" und "meine heimat, dein text".
In der Länge reichen die Texte vom fast aphoristischen Zweizeiler bis hin zum vierseitenlangen Poem. Die kurzen Texte fand ich dabei zumeist stärker als die längeren:
meiner braut
nur die ersten rosenknospen,
nur die erste magnolienblüte,
nur der erste augusttau
und mein letztes erblühen.
im sommer IV
ich habe mich in dich verlacht.
ich habe mich in dich verblickt.
ich habe mich in dich verhört.
ich habe mich in dich verspürt.
ich habe mich in dich verküsst.
aber was am meisten auffällt,
ich habe mich in dich verschrieben.
Bildwelt, Wortgestalt und Topos finden in solchen Texten mit einfachen Mitteln poetisch zusammen. Manche der längeren Texte kommen demgegenüber deutlich forcierter daher. Sie wollen mehr und erreichen dabei zum Teil weniger:
in der ferne kein hall mehr
wenn die tannennadeln über den himmel streichen, streichen
und der regen auf meinen lungen pocht, pocht
und sich die atemzüge durch den wald quälen, quälen,
dann denk ich an deine ferne, ferne,
entferne mich in deinem hall, hall,
wenn der wein wird immer schwerer, schwerer
und der wind die wipfel zum biegen verführt, verführt
und meine hand am donnerhall festhält, festhält,
(weil es doch auch am main gewitter gibt),
dann denk ich an deine ferne, ferne,
weil auf meiner haut das echo versiegt.
Weniger "Hall", weniger Wortwiederholung hätte hier möglicherweise mehr Echo beim Lesenden hervorrufen können. Vielleicht machen die durchaus zum Teil plakativen Stilmittel der Autorin manchen Lesenden den Zugang aber auch leichter und fließender:
das war es
als du und ich unsere hände hielten,
wir hatten ein einzelbett für uns zu zweit,
die wände, sie stürzten ein, sie wimmerten,
bebten, ächzten, der staub auf unseren haaren,
die trümmer über unseren köpfen, es krachte
und nichts blieb uns übrig. seichte wunden,
überall die angst vor tiefschlag, ein
magengeschwür, grün, sich ausbreitend.
und in der mitte, staubig blau,
diese blume, diese unbeirrbare,
diese poesie von unten, diese
einzige liebe, die wir mitnahmen
Das Beben im Einzelbett, das Stürzen und Trümmern, das Krachen und (Zer-)Schlagen, das sich ausbreitende Magengeschwür und die blaue Blume der Poesie in der Mitte, diese poetische Drastik mag für die einen genau richtig und für die anderen einfach schon etwas zu viel sein.
Sagen lässt sich aber sicherlich, dass die in "nackte gedichte" versammelten Texte und Illustrationen ganz unverstellt selbstbewusst und liebesgewiss in ihrer queeren Empfindungswelt sind. Und damit auch die Sinne ihrer Leser*innen gewinnen können.
Rebecca Heinrich: nackte gedichte. Mit Illustrationen von Julia Kössler und Martina Frötscher. 68 Seiten. Paperback. Edition BAES. Zirl 2020. 19,50 €. ISBN 9783951987224
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