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Oral History

Die Geschichte der homosexuellen Gefühle in der Bundesrepublik

Benno Gammerl hat ein hervorragendes Buch über die Emotionsgeschichte von Schwulen und Lesben geschrieben: "anders fühlen" räumt mit historischen Mythen auf und zeigt, dass sich manche Konflikte nicht verändert haben.


Angekommen in der Mitte der Gesellschaft? Bunte queere Sichtbarkeit auf dem CSD (Bild: rihaij / pixabay)

Es ist komplex. Das ist vielleicht eine Binsenweisheit, aber es ist zugleich eine große Erkenntnis von Benno Gammerls "anders fühlen". Seine Emotionsgeschichte, so nennt der Historiker sie selbst, gibt sich nicht mit simplen Thesen zufrieden, sondern erkundet und dekonstruiert sie. Einer der Mythen: Unmittelbar nach dem Krieg mussten Schwule und Lesben in Westdeutschland versteckt und unzufrieden leben, erst mit der gesellschaftlichen und juristischen Liberalisierung ab Ende der Sechzigerjahre wurde es besser.

Doch ganz so einfach war es nicht. Gefühle stehen nicht in Gesetzestexten. Gammerls Schlüssel zu den Emotionen: Er hat Interviews mit insgesamt 32 Schwulen und Lesben geführt. Die Vielfalt ist bemerkenswert. Die Gesprächspartner*innen sind zwischen 1935 und 1970 geboren, wohnen – oder wohnten, denn nicht mehr alle sind noch am Leben – auf dem Land, in der Stadt oder haben sich nicht für eines von beiden entschieden. Manche waren aktivistisch engagiert, andere haben Pride-Paraden eher kritisch beäugt. Einige sind HIV-positiv oder hatten Krebs. Manche haben studiert, andere nicht. Einige leben in dauerhaften Beziehungen, einige sind Single. Der eine hält Gefühle für essenzialistisch – also naturgegeben und universell.

Die Interviews lassen Geschichte aufleben


Gammerls Buch "anders fühlen" ist vor wenigen Tagen im Hanser Verlag erschienen

Benno Gammerl dagegen vertritt eine konstruktivistische Theorie. Gefühle seien also veränderbar, kulturell geformt, werden von Vorbildern geprägt und unterliegen einem historischen Wandel. Es ist aufschlussreich und spannend, dass der Forscher an diesem konkreten Konflikt mit Herrn Schumann über unterschiedliche Gefühlstheorien einen Einblick in seine Arbeit und die Interviews gibt. Denn Gammerl ist nicht nur der neutrale Beobachter, sondern prägt als Interviewer das Gespräch mit. "Wie meine Notizen zu den Gesprächen mit Herrn Schumann zeigen, ärgerte ich mich über seine Art des Erzählens, die auf mich sehr eingeübt und allzu kohärent wirkte."

Der Historiker beweist, wie fruchtbar die Methode der Oral History sein kann: Die Interviews, die Benno Gammerl präzise einordnet und fundiert kommentiert, lassen die Geschichte aufleben. Sie zeigen, was hinter den bekannten Wegmarken wie der Liberalisierung des Paragrafen 175 für persönliche Empfindungen stecken. Es ist einfach wahnsinnig spannend, was Frau Gruberova (geboren 1952) oder Herr Kuhn (geboren 1938) zu erzählen haben. Geschickt nutzt er außerdem schwule und lesbische Zeitschriften und Magazine als Primärquellen, die die Aussagen stützen und weitere Perspektiven in den Blick nehmen.

Gefühle machen Geschichte


Benno Gammerl ist Historiker mit den Schwerpunkten Imperiengeschichte und Emotionsgeschichte (Bild: Hanser / F.K. Schulz)

Dafür teilt Gammerl "anders fühlen" in drei große Kapitel ein: "Nachkriegsdekaden: Ausweichen", 1970er-Jahre: Aufbrechen!" sowie "1980er-Jahre: Ankommen". Gleichzeitig zeigt er, dass keine strikten Grenzen gezogen werden können. Weder mussten alle Homosexuellen im Nachkriegs-Westdeutschland ihre sexuelle Orientierung vollständig verbergen noch sind alle ein paar Jahrzehnte später angekommen. Es gibt kein lineares Erfolgs- und Befreiungsnarrativ. Es ist komplex.

Sein Stil ist dabei dem Thema angemessen anspruchsvoll, aber nie abgehoben. Gammerl formuliert verständlich, wenn er so manches historisches Bild geraderückt und Verbindungslinien zu heute zieht. Denn so manche Konflikte kommen einem erstaunlich bekannt vor: Verteilungskämpfe zwischen Lesben und Schwulen, Streit über Anpassung versus Subversion oder die Vereinnahmung "unserer" Themen durch Massenmedien, die schon in den Achtzigerjahren manchen aufgestoßen ist.

"anders fühlen" macht deutlich, dass sowohl Zurückhaltung als auch Protest wichtig waren für gesellschaftlichen Fortschritt. Gerade diese Verschiedenheit sei "Katalysator des Aufbruchs" gewesen. Und das Werk, das auf Gammerls Habilitation basiert, beweist, dass Gefühle transformatives Potenzial haben: "Gefühle haben eine Geschichte, und zugleich machen sie Geschichte."

Direktlink | Benno Gammerl über sein Buch
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Infos zum Buch

Benno Gammerl: anders fühlen. Schwules und lesbisches Leben in der Bundesrepublik. Eine Emotionsgeschichte. 416 Seiten. Hanser Verlag. München 2021. Gebundene Ausgabe: 25 € (ISBN 978-3-446-26928-6). E-Book: 18,99 €
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#1 kara_novelAnonym
  • 23.03.2021, 08:51h
  • interessant. und vor allem bin ich nun gespannt auf die gefühle der DDR-LGBTIQs "Die Geschichte von Lesben und Schwulen in der DDR verdient ihr eigenes Buch." so Gammerl. hoffe hr gammerl kann nun dazu arbeiten. sind ja gut 17% der heutigen BRD-Homos, die - geboren als ddr-homos - ganz andere umstände hatten.
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