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Versöhnungskirche

Karfreitagsgottesdienst mit Claudia Roth zur Erinnerung an Homosexuellenverfolgung

Beim Gottesdienst in der Dachauer Versöhnungskirche geht es um das Leben des schwulen Pfarrers Karl Adolf Groß, der lange Jahre im KZ verbringen musste – als Gast hat sich die Vizepräsidentin des Bundestags angekündigt.


Claudia Roth war von 2004 bis 2013 Parteichefin der Grünen und ist seither Bundestagsvizepräsidentin (Bild: Deutscher Bundestag / photothek / Thomas Koehler)
  • 26. März 2021, 15:28h, noch kein Kommentar

Die Evangelische Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau wird am Karfreitag um 15 Uhr in einem Gottesdienst an die Homosexuellen-Verfolgung durch die Nationalsozialist*innen erinnern. Wie die Kirche mitteilte, wird Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) an dem Gottesdienst teilnehmen und im Anschluss ein Statement abgeben. Laut der Versöhnungskirche sei sie eingeladen worden, weil sie sich "seit vielen Jahren für die Rehabilitierung der vor und nach 1945 verfolgten Homosexuellen" einsetze.

Der Gottesdienst wird wegen der Corona-Pandemie im kleinen Kreis durchgeführt und live (oder zeitversetzt) im Internet gezeigt – ein Link wird am Karfreitag auf versoehnungskirche-dachau.de veröffentlicht.

Erinnerung an schwulen Pfarrer aus Württemberg

Im Gottesdienst soll an die Lebens- und Leidensgeschichte von Karl Adolf Groß erinnert werden, der 1931 als homosexueller Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg aus dem Dienst entfernt wurde – also zwei Jahre vor der Machtübernahme durch die Nazis. Noch heute gilt die Landeskirche Württemberg als die homophobste Deutschlands, die beispielsweise bis 2020 – und damit länger als die 19 anderen Landeskirchen – am Segnungsverbot für homosexuelle Paare festhielt (queer.de berichtete).

Nach seiner Entlassung ging Groß mittellos nach Berlin und hielt sich als Handelsvertreter über Wasser. Dort gründete er den Verlag Der Freie und verbreitete in hoher Auflage Texte der Bekennenden Kirche, einer Oppositionsbewegung evangelischer Christ*innen gegen die Nazis.

Im November 1937 wurde er wegen des berüchtigten Paragrafen 175 verhaftet, verhört und zu einer Geldstrafe verurteilt. Die Verbreitung einer Schrift gegen den NS-Chefideologen Alfred Rosenberg führte zu einer ersten politischen "Schutzhaft". Am 20. August 1939 wurde er erneut verhaftet. Als "staatsabträgliches Verhalten" wurde ihm zur Last gelegt, dass er regimekritische Predigtzitate des im KZ Sachsenhausen eingesperrten Martin Niemöller in einer Auflage von einer halben Million drucken und verteilen ließ. Er blieb bis zur Befreiung in Haft, zunächst im KZ Sachsenhausen, dann ab März 1940 in Dachau. Seine heimlich verfassten Tagebucheinträge veröffentlichte Groß, literarisch bearbeitet, im von ihm 1945 in München gegründeten Neubau-Verlag.

Zwar überlebte er die jahrelange Haft in NS-Konzentrationslagern, starb aber am 16. Februar 1955 an den gesundheitlichen Spätfolgen der unmenschlichen Haftbedingungen.

Versöhungskirche engagiert sich seit Jahrzehnten für Homosexuelle

Die Versöhnungskirche hatte sich bereits vor Jahrzehnten für die Aufarbeitung der Verbrechen gegen Homosexuelle engagiert. So zeigte sie in ihrem Gesprächsraum um die Jahreswende 1984/85 die Wanderausstellung "Homosexualität und Politik seit 1900". Damit wurde erstmals auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau die Verfolgung von sexuellen Minderheiten thematisiert.

Der Einsatz für Homosexuelle war in den Achtzigerjahren unter Christinnen und Christen noch umstritten: Als damals im Rahmenprogramm der Ausstellung ein Pfarrer mit der Arbeitsgruppe "Homosexuelle und Kirche" den Gottesdienst gestaltete, gab es Proteste von konservativen Gläubigen bei der Kirchenleitung.

Auch andere Vereine, die an die Gräueltaten der Nazis erinnern wollten, hatten damals Probleme mit Homosexuellen: Das Comité International de Dachau (CID) lehnte 1985 etwa einen Antrag von Homo-Gruppen ab, im Gedenkraum der KZ-Gedenkstätte ein Erinnerungszeichen zu installieren. Die Versöhnungskirche konnte jedoch 1988 die provisorische Aufstellung des Rosa-Winkel-Gedenksteins in ihrem Bereich ermöglichen.

Claudia Roth hätte im letzten Herbst auch ein Denkmal zur Erinnerung an homosexuelle KZ-Häftinge in der Gedenkstätte Flossenbürg (bei Nürnberg) einweihen sollen (queer.de berichtete). Aufgrund der Corona-Pandemie wurde die offizielle Einweihung auf einen noch unbekannten Termin verschoben. (cw)