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queer.de-Interview mit Gisela Manderla

"Damals habe ich noch gedacht, die Ehe ist eine Partnerschaft von Mann und Frau"

Gisela Manderla wollte vor vier Jahren am Ehe-Verbot für Schwule und Lesben festhalten. Ein Fehler, wie die Abgeordnete heute zugibt. Im queer.de-Interview wird klar, wie wichtig queere Sichtbarkeit für die Entscheidung von Parlamentarier*innen ist.


Gisela Manderla war von 2013 bis 2017 und ist wieder seit 2018 Abgeordnete im Deutschen Bundestag – die CDU-Politikerin ist Mitglied im Auswärtigen Ausschuss und im Verteidigungsausschuss (Bild: Deutsche Bundestag / Achim Melde)

2017 gehörte Gisela Manderla zu jenen 225 Unionsabgeordneten, die gegen die Ehe für alle stimmten. Zweieinhalb Monate später sorgte die Kölner Christdemokratin für Aufregung, weil sie ihr Nein im WDR-Lokalfernsehen damit rechtfertigte, dass sie auch Inzest-Ehen ablehne (queer.de berichtete).

Inzwischen hat sie ihre Meinung zur Ehe für alle geändert – und engagiert sich auch in anderen Feldern für Homosexuellenrechte. Im Interview mit queer.de-Redakteur Dennis Klein erklärt die CDU-Kandidatin im Bundestagswahlkreis Köln III, wie es zu ihrer Meinungsänderung gekommen ist.

queer.de: Als Redakteur eines queeren Portals bin ich es gewohnt, dass uns manche Politiker*innen als Perverse oder als Kinderschänder diffamieren. Ich war aber doch überrascht, dass Sie bei der letzten Bundestagswahl einen Inzestvergleich gebracht haben, um zu zeigen, dass Leute wie mir das Heiraten nicht gestattet wird. Wie stehen Sie heute zu dieser Aussage?

Manderla: Erstmal muss ich sagen, dass ich das nicht so gesagt habe. Ich habe damals in einem längeren Interview vom WDR, das später sehr verkürzt dargestellt wurde, kritisch hinterfragt, was "Ehe für alle" bedeutet. Ich habe dann klargemacht, dass ich zum Beispiel gegen die Ehe für Geschwister bin. Meine Kritik orientierte sich damals an dem Begriff "Ehe für alle".

Aber das Gesetz, über das es damals ging, hieß "Gesetz zur Einführung des Rechts auf Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts". Der Begriff "Ehe für alle" kam im Gesetzestext nicht ein einziges Mal vor. Dabei handelt es sich um einen Begriff aus den Medien.

Ich will das jetzt nicht entschuldigen. Wenn man sich den Bundestagsserver ansieht, dann wird dort auch von "Ehe für alle" gesprochen. So haben wir auch darüber diskutiert. Ich hatte damals das Gefühl, dass wir zu wenig darüber gesprochen haben. Heute weiß ich, dass das schon damals jahrelang im Bundestag diskutiert worden war, aber ich war in keinem dieser Ausschüsse gewesen und wurde mit diesem Thema nicht konfrontiert. Mir war es damals einfach zu wenig Diskussion, deshalb auch meine Entscheidung gegen das Gesetz. Ich hätte mich wohl mehr damit befassen müssen.


Anmoderation des Manderla-Interviews in der Sendung "Lokalzeit aus Köln" 2017 (Bild: Screenshot WDR)

Würden Sie heute noch mal mit "Nein" stimmen?

Nein, ich würde heute vollkommen anders entscheiden. Mein Hintergrund: Ich bin sehr stark katholisch geprägt. Damals habe ich noch gedacht, die Ehe ist eine Partnerschaft von Mann und Frau, aus der Kinder hervorgehen sollen. Aber heute sehe ich das anders: Die Gleichheit aller muss vor dem Recht und auch dem Grundgesetz bestehen.

Was hat zu Ihrer Meinungsänderung geführt?

Sie können sich vorstellen, dass ich mich nach dem WDR-Bericht noch einmal ganz intensiv mit dem Thema befasst habe. Ich habe viele Gespräche geführt. Wir haben selber im engen Bekanntenkreis einen Freund, dessen Sohn, den ich von klein auf kenne, geheiratet hat und in einer sehr liebevollen Ehe mit seinem Mann zusammenlebt. Auch in meiner Familie gibt es homosexuelle Partnerschaften – ich sehe das heute auch deshalb vollkommen anders.

Am 5. März haben Sie im Bundestag als CDU-Verteidigungsexpertin eine Rede über die Rehabilitierung homosexueller Soldat*innen gehalten. Wieso engagieren Sie sich in dieser Frage?

Zum einen gehört es zum Teil meiner Berichterstattung im Verteidigungsausschuss. Zum anderen ist es zutiefst meine Meinung, dass homosexuelle Soldatinnen und Soldaten rehabilitiert werden müssen. Ich weiß aus einem mir bekannten Fall, wie ein homosexueller Soldat gelitten hat, auch weil seine Beförderung damals nicht möglich war. Als Christin empfinde ich das als zutiefst ungerecht. Das geht einfach nicht. Ich bin froh, dass wir jetzt zumindest einen kleinen Beitrag leisten können. Wir können das Leid nicht mehr rückgängig machen, aber wir können wenigstens durch die Anerkennung zeigen, dass wir heute in der Armee überhaupt nicht mehr so denken wie früher.

Am Freitag stand die Erste Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur...

Posted by Gisela Manderla on Sunday, March 7, 2021
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LGBTI-Verbände und die demokratische Opposition kritisierten, dass das Gesetz nicht weit genug geht. So wurde gefordert, den zu berücksichtigen Zeitrahmen um zehn Jahre zu verlängern und individuelle Entschädigungen möglich zu machen. Warum war das nicht möglich?

Es gab ja erst die erste Lesung und Sie wissen ja, dass ein Gesetz nie aus dem Bundestag rausgeht wie es reingekommen ist. Es wird noch diskutiert. Demnächst gibt es das abschließende Gesetz. Es ist aber auf jeden Fall schon mal ein erster Schritt in die richtige Richtung. Ich finde es richtig, dass das Gesetz erst einmal auf den Weg gebracht wurde. Gesetze sind ja nicht in Stein gemeißelt, sondern können natürlich auch immer wieder modifiziert werden. Ich könnte mir vorstellen, dass es Einzelfälle gibt, die jetzt bekannt werden und dazu führen, dass das Gesetz vielleicht nochmal modifiziert wird.

In der LGBTI-Politik gab es noch andere Baustellen. Letztes Jahr sorgte etwa das Adoptionshilfegesetz für Aufregung bei unseren Leserinnen und Lesern. Damals sollte ja – offenbar auf Druck Ihrer Fraktion – die Diskriminierung von Regenbogenfamilien mit zwei lesbischen Eltern noch verschärft werden. Warum gibt es bei der Bundesregierung diese Lust am Diskriminieren?

Das verstehe ich auch nicht – wirklich nicht. Ich habe selbst drei Kinder und drei Enkel. Ich weiß ganz genau, wie wichtig es ist, dass Kinder in einer liebevollen Umgebung aufwachsen. Hier bin ich also anderer Meinung.

Sie haben vorhin auch ihre katholische Prägung angesprochen. In den letzten Tagen hat ja das römische Segnungsverbot für gleichgeschlechtliche Paare für Aufregung gesorgt. Wie betrachten Sie das?

Ich akzeptiere die Haltung des Vatikan nicht. Ich akzeptiere sie genauso wenig wie die meisten Bischöfe und Priester in Deutschland, die selbstverständlich weiterhin diese Paare segnen. Ich sehe keinen Grund, warum man das einem Paar verweigert, das sich in Liebe zusammentut, zusammenleben will und das vor Gott zeigen möchte. Warum das nicht geschehen soll, ist mir unbegreiflich. Ich finde es richtig, dass wir hier Widerstand leisten.

Sollten Sie wiedergewählt werden, was planen Sie in den nächsten vier Jahren in der Queerpolitik?

Einige Gesetze haben wir auf den Weg gebracht – Sie haben ja noch das Soldatengesetz genannt, das müssen wir möglicherweise modifizieren. Was wir weiterhin machen müssen, ist, gegen die Diskriminierung zu kämpfen. Lesbische und schwule Paare werden in unserer Gesellschaft immer noch ein Stück weit diskriminiert. Wir müssen als Gesellschaft gegen Diskriminierung angehen. Die gesellschaftliche Situation ist durch Corona noch schwieriger geworden. Der Ton untereinander wird sehr rau, manchmal auch sehr hässlich. Ich wünsche mir, dass wir unser normales Leben bald weiterführen können. Dann können wir auch andere Dinge besser angehen.

Die von Ihnen angesprochene Diskriminierung ließe sich ja auch mit einer Änderung von Artikel 3 des Grundgesetzes bekämpfen: Es gibt seit Jahren Forderungen, "sexuelle Identität" als Diskriminierungsmerkmal einzufügen.

Ich glaube, das wäre eine gute Sache, damit es klargestellt wird. Das Merkmal ist ja eigentlich schon drin, Diskriminierung wird für alle ausgeschlossen. Aber es wäre sinnvoll, es extra zu nennen. Wir nehmen ja wahrscheinlich auch den Begriff "Rasse" raus. Beides wäre wohl nicht zwingend notwendig, es hilft aber im menschlichen Miteinander.



#1 GodzillaAnonym
  • 31.03.2021, 16:28h
  • Und hier haben wir ein schönes Bsp. warum man nie aufhören sollte mit Menschen zu sprechen, wo noch Hoffnung besteht.
    Natürlich lässt sich ihre Entscheidung von damals nicht ungeschehen machen aber sie hat reflektiert und sieht die Sache nun anders. Ich finde es erbaulich, wenn Menschen nicht stur bei etwas bleiben, was falsch ist, sondern in der Lage sind ihre Ansichten auch Mal zu überdenken.
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#2 Taemin
  • 31.03.2021, 16:55h
  • Antwort auf #1 von Godzilla
  • Ja, manche sind in der Tat fähig, falsche Positionen zu räumen, ja mehr als das: gänzlich die Seite zu wechseln und für die queere Anliegen aktiv zu werden. Das kann auch andere in der Union zum Nachdenken bringen.
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#3 foxiAnonym
  • 31.03.2021, 18:12h
  • Da geht mir echt das Herz auf, wenn ich sowas lese.
    Dies ist genau das, was ich meine, wenn ich sage, dass man in der Gesellschaft nicht zu viel polarisieren sollte.

    Kommunikation miteinander ist notwendig und darüber hinaus zeigt sich in dem Artikel auch, dass queere Sichtbarkeit unheimlich wichtig ist.

    Erst wenn man selber im Bekanntenkreis positive persönliche Erfahrung mit LGBT gemacht hat, kann man entsprechende Diskriminierung selbst auch empathisch viel eher nachvollziehen.

    Jeder muss es für sich selbst entscheiden, wie öffentlich er seine queerness zeigt und lebt. Aber nur wenn man sichtbar ist und positiv auf Gesprächspartner zugeht, kann man ein Umdenken erreichen.

    Ein Großteil der Bevölkerung ist nicht homo- oder transphob, sondern hat schlichtweg einfach zu wenig Berührungspunkte mit solchen Themen. Von daher können manche Forderungen um Gleichberechtigung von solchen Leuten eben nicht nachvollzogen werden.

    Deswegen bitte nicht jeden sofort in einer Diskussion zum Homophoben oder Rassisten machen, bei vielen fehlt einfach das Problembewusstsein für entsprechende Diskriminierung und dies gilt für alle Minderheiten.

    Aber der Artikel zeigt, dass selbst die Unbelehrbarsten Ihre Einstellung ändern können.
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#4 Dont_talk_aboutProfil
  • 31.03.2021, 18:34hFrankfurt
  • Hier will jemand seinen Kölner Wahlkreis gewinnen. Opportunismus at its best. Auf solche Unterstützer können wir verzichten.
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#5 Teddy63Ehemaliges Profil
  • 31.03.2021, 19:25h
  • Antwort auf #4 von Dont_talk_about
  • Wer ist hier wir?

    Und zu welchem Ziel soll das führen, eine solche Meinungsänderung nicht ernst zu nehmen. Geben wir der Frau doch mal eine Chance, Du musst sie ja nicht deshalb wählen. Jedenfalls positioniert sie sich in diesem Interview in einer glaubhaften Klarheit und sie gesteht Entscheidungsfehler durch Unwissenheit ein, zeigt Lern- und Dialogbereitschaft. Das ist respektabel und nicht typisch für Politiker, die nur Wahlkampfgetöse machen, auch wenn der Zeitpunkt des Interviews das vielleicht nahelegt.
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#6 Ana NymAnonym
  • 31.03.2021, 19:52h
  • Antwort auf #4 von Dont_talk_about
  • Okay, da ist jemand "hellsichtig" und weiß genau welche Meinung jemand anderes hat und welche trickreichen Absichten dahinter stecken.
    Niemand ändert seine Meinung!
    Alle bleiben immer so wie sie sind, unberührt von neuen Erkenntnissen!!
    Wie kann es da nur geschehen, dass so viele von uns Queeren ihre (Vor)urteile und Ängste, die immer einem "ich stehe zu mir!" entgegen standen, diese "einfach" über Bord werfen und ihr Leben vielleicht ganz neu ausrichten müssen.
    Wenn du uns" so eine Entwicklung zugestehst, wieso dann anderen nicht?
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#7 remixbeb
#8 Dont_talk_aboutProfil
  • 01.04.2021, 01:35hFrankfurt
  • Antwort auf #7 von remixbeb
  • Die Frau war nicht da, als wir sie gebraucht haben. In der CDU haben viele für die "Ehe für alle" gestimmt, nachdem die Abstimmung freigegeben war., sie nicht.

    Die Frau kann ja ihre Meinung ändern, aber wieso soll man ihr dafür so eine große Bühne geben ? Außerdem ist die Frage, ob sie die gleichen Positionen vertreten würde, wenn ihr Wahlkreis in der Eifel wäre und nicht in Köln. Ich bin mir sicher, dass das Kollege TheDad ähnlich sieht wie ich.
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#9 NonBinaryEhemaliges Profil
  • 01.04.2021, 02:15h
  • Antwort auf #3 von foxi
  • Soso. Wenn man auf gesellschaftliche und/oder persönliche Diskriminierung hinweist, polarisiert man zu viel. Statt dessen soll man vier Jahre oder länger warten, bis irgendeine Einzelperson doch mal merkt, dass es ein Fehler war, dass sie Menschen diskriminiert hat, während die große Mehrheit dabei bleibt, dass das natürlich richtig gewesen sei bzw. sei.

    Wenn ich massivst diskriminiert werde, kann ich nicht immer "positiv auf Gesprächspartner zu gehen". Zumal, wenn diese, wie Du schreibst, meine Forderungen "eben nicht nachvollziehen" können. Wenn jemandem "das Problembewusstsein fehlt", habe ich als diskriminierte Person durchaus das Recht, diese Person(en) mit der Nase darauf zu stupsen. Und zwar auch gegen massiven Widerstand.

    Deine Argumentation folgt dem Motto "Ihr seid immer alle viel zu emotional - kein Wunder, dass Ihr nicht erreicht, dass Euere Diskriminierung aufhört". Ich denke gerade daran, was wohl passiert wäre, wenn die Riotist_innen Stonewalls der Polizei stattdessen kreuzbrav in den Allerwertesten gekrochen wären. Die Antwort dürfte ziemlich sicher "nichts" lauten. Jedenfalls nichts, was uns emanzipatorisch weitergebracht hätte.

    Nur mal ein Beispiel: ich habe mal in einer Gruppe davon erzählt, dass ich als Jugendliche_r von 4 Männern queerphob überfallen wurde und seitdem jede Nacht Alpträume habe. Die Antwort von Gruppe UND Gruppenleiterin war "Aber ihr dürft doch heute sogar heiraten". Was soll ich denn bitte mit einer solchen pseudotoleranten Antwort anfangen? Da schwang doch ganz klar ein "Was willst du denn heute noch?" mit. Mir wurde dann auch attestiert, ich sei "nicht teamfähig", weil ich die "guten Ratschläge" der Gruppe nicht annehmen wollte. Diese Ratschläge lauteten zusammengefasst weil ich heute heiraten dürfte, wäre ja auch meine Posttraumatische Belastungsstörung obsolet. Und was ich mich denn heute überhaupt noch darüber aufregen würde. Ich solle doch einfach akzeptieren, dass mir heute alle freundlich gesonnen wären, und nun wäre aber auch gut.

    Wenn uns heute alle freundlich gesonnen wären, bräuchte es Queer.de nicht mehr. Dann hätte diese Seite außer queerem Klatsch und Tratsch nichts mehr zu berichten, jedenfalls nichts Politisches mehr. Wir sind also ganz klar noch lange nicht an dem Punkt. Und wir werden ihn auch nicht dadurch erreichen, dass Einzelpersonen nach 4 Jahren Denkprozess mal einen Schritt weitergekommen sind, während uns die große Mehrheit einreden will, wir dürften heute doch eigentlich gar keine Probleme mehr haben.
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#10 foxiAnonym
  • 01.04.2021, 05:59h
  • Antwort auf #9 von NonBinary
  • deine Verbitterung gegenüber der Gesellschaft ist echt anstrengend. Es tut mir leid für dich, dass du anscheinend in deinem Leben nicht die Unterstützung findest, die du brauchst.

    ich freue mich über diesen Artikel, der zeigt, dass Menschen auch nach langem Widerstand ihre Meinung ändern können.

    Auch wenn das auf dich wohl nicht zutreffen wird.

    Wenn man in der Gesellschaft etwas verändern will, muss man Optimist und den Leuten zugewandt sein. Durch deine Diskriminierungserfahrung kannst du das wohl leider nicht mehr.

    Ich wünsche dir, dass du deinen Frieden mit der Welt irgendwann machst. Fühl dich gedrückt von mir.
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