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Dirk Bogarde

Mit seinen Rollen kämpfte er für schwule Emanzipation

Der britische Schauspieler Dirk Bogarde versteckte seine eigene Homosexualität, spielte aber in wichtigen Filmen wie "Der Teufelskreis" (1961) oder "Tod in Venedig" (1971) schwule Hauptrollen. Am 28. März wäre er 100 Jahre alt geworden.


Der britische Schauspieler Dirk Bogarde (1921-1999) war in mehreren schwulen Charakterrollen zu sehen (Bild: 3DD Productions)

Der Schauspieler Dirk Bogarde (1921-1999) feierte in Filmen der Fünfziger- bis Siebzigerjahre große Erfolge. Wie Rock Hudson und viele andere schwule Schauspieler konnte auch Dirk Bogarde in dieser Zeit aufgrund der gesellschaftlichen Konventionen nicht offen schwul leben. Das Besondere ist jedoch, dass Dirk Bogarde – im Unterschied zu seinen Kollegen – in diesen Jahren gleich mehrere schwule Filmrollen annahm.

In diesem Jahr würde übrigens nicht nur der Schauspieler einen runden Geburtstag feiern, sondern es jähren sich auch die Premieren seiner wichtigsten Filme. Der Film "Tod in Venedig" (1. März 1971) ist vor einigen Wochen 50 Jahre alt geworden. "Sommer der Verfluchten" (5. Januar 1961) und "Der Teufelskreis" (31. August 1961) sind sogar schon 60 Jahre alt. Aus schwuler Sicht ist seine bekannteste Rolle die in "Tod in Venedig", seine bedeutendste Rolle ist und bleibt die in "Der Teufelskreis".

Dirk Bogarde hat auch in einigen Filmen mitgespielt, die zwar im Rahmen schwuler Filmgeschichte bedeutsam sind, was jedoch nichts mit Bogardes Rollen darin zu tun hat. Bei diesen Filmen wie "Die Verdammten" habe ich weiter ausgeholt, als es im Hinblick auf Bogarde notwendig gewesen wäre. Kritische Kommentare zu den jeweiligen Filmen dürfen dabei nicht mit einer Kritik an Dirk Bogarde verwechselt werden. Ich werde mehrfach auf die queere Youtuberin "Infamous Sphere" verweisen, die sich in vier Beiträgen (1, 2, 3, 4) mit Dirk Bogarde beschäftigte und dabei nicht nur die wichtigsten Filmszenen zeigt, sondern auch in gut gemachter Form Hintergrundwissen zu diesen Filmen vermittelt.

"Rope" (1947)

Bei dem Filmtitel "Rope" denken schwule Cineasten vermutlich schnell an den gleichnamigen Film von Alfred Hitchcock aus dem Jahr 1948, den ich zum 70. Jahrestag der Filmpremiere hier auf queer.de wegen seines schwulen Subtextes porträtiert habe. Hitchcock war – wie auch andere Regisseure – davon fasziniert, dass die beiden realen schwulen Studenten Nathan Leopold und Richard Loeb 1924 in den USA einen Menschen ermordeten, nur um ein "perfektes Verbrechen" zu begehen.

In dem ein Jahr vor Hitchcocks Werk entstandenen gleichnamigen BBC-Fernsehfilm verkörpert Dirk Bogarde den Studenten Charles Granillo und damit einen der beiden (schwulen) Mörder. Die Filme von 1947 und 1948 basierten auf dem Theaterstück "Rope" (deutsch: "Party für eine Leiche") von Patrick Hamilton (1929). Schon hier finden sich einige Formulierungen, die als dezente Hinweise auf die Homosexualität der realen Mörder gedeutet werden können. Die Figur von Rupert Cadell, der als Professor auftritt, wird hier als dandyhaft, affektiert und "fast feminin" beschrieben. Weil der Film mit Dirk Bogarde jedoch weder lieferbar noch sonstwie greifbar ist, kann man über den möglichen schwulen Subtext leider nur spekulieren, aber nichts Fundiertes schreiben.

"Der spanische Gärtner" (1956)


Englisches Original-Poster zum Film "Der spanische Gärtner"

In "Der spanische Gärtner" ("The Spanish Gardener", 1956) nimmt der britische Diplomat Harrington Brande eine neue Stelle an und zieht mit seinem Sohn Nicholas nach Spanien. Nicholas freundet sich mit dem neuen Gärtner José (D: Dirk Bogarde) an und verbringt immer mehr Zeit mit ihm. Sein Vater wird misstrauisch und verbietet José, sich mit seinem Sohn zu treffen.

Am Ende des Films ist auch für den Vater klar, dass die Gefühle des Gärtners für Nicholas ebenfalls nur väterliche Gefühle sind. Von mehreren Medien wurde der Verdacht der pädosexuellen Zuneigung mit Homosexualität gleichgesetzt, so von Hermann J. Huber in seinem Lexikon "Gewalt und Leidenschaft. Das Lexikon Homosexualität in Film und Video" (1989, S. 161). Das "Zweitausendeins Filmlexikon" schrieb: "Verfilmung eines Romans von A. J. Cronin, in der die unterschwellig homoerotische Komponente des Konflikts ausgeklammert bleibt" (hier zitiert nach Wikipedia).

"Sommer der Verfluchten" (1961)


Die "Illustrierte Film-Bühne" bewarb den Film "Sommer der Verfluchten" mit dem Motiv des gemeinsamen Todes

Im britischen Abenteuerfilm im Westernmilieu "Sommer der Verfluchten" ("The Singer Not the Song", 1961) sind Anacleto Comanchi (Dirk Bogarde in laszivem Lack und Leder) und seine Bande der Schrecken einer mexikanischen Kleinstadt. Der neue Priester bzw. Padre Michael Keogh ist mutig genug, um gegen ihn zu kämpfen, wobei sich zwischen beiden Männern auch interessante Gespräche entwickeln.

Die Filmkritiken – so Wikipedia – untersuchten "in erster Linie die homosexuellen Untertöne der Geschichte", als Beispiel dafür wird die britische Tageszeitung "The Guardian" (24. März 2011) zitiert. "Infamous Sphere" befasst sich in ihrem ersten Beitrag zu Bogarde mit dessen Hauptrolle in diesem Film und hebt hier – wie andere Rezensent*innen – die gemeinsame Sterbeszene hervor (5:50-10:00 Min.). Hermann J. Huber schreibt in seinem schwulen Filmlexikon: "Dirk Bogarde überzeugt in jeder Einstellung des Films: durch seine Ironie, seine kunstvollen Gesten, seine intelligente Mimik" ("Gewalt und Leidenschaft", 1989, S. 160).

"Der Teufelskreis" (1961)


Dirk Bogardes in seinem bedeutendsten Film: Szene aus "Der Teufelskreis" (Bild: siff)

Der Film "Der Teufelskreis" ("Victim", 1961) handelt von dem Rechtsanwalt Melville Farr (D: Dirk Bogarde), der mit seiner Ehefrau eine scheinbar glückliche Ehe führt. Als Farr erfährt, dass sich sein homosexueller Freund Barrett nach einer Erpressung umgebracht hat, nur um ihn zu schützen, will er die Erpresser dingfest machen. Trotz des Risikos, dass auch seine Homosexualität bekannt wird, womit seine Karriere am Ende wäre, arbeitet er mit der Polizei zusammen, und die Erpresser können verhaftet werden.

"Victim" war der erste seriöse britische Film über Homosexualität und der erste englischsprachige Film, in dem das Wort "homosexual" verwendet wurde. Zur Zeit der Filmproduktion war Dirk Bogarde einer der bekanntesten englischen Schauspieler, und ähnlich wie der Skandal im Film ein Risiko für die Karriere des Anwalts bedeutet, war auch die Filmrolle selbst ein Risiko für Bogardes Filmkarriere.

Im Vereinigten Königreich entwickelte sich der Film nicht nur zu einem kommerziellen Erfolg, sondern wurde zu einem wichtigen Beitrag in der öffentlichen Debatte, ob man männliche Homosexualität legalisieren sollte, auch wenn diese Entkriminalisierung erst 1967 erreicht wurde. Heute wird der Film fast ausnahmslos positiv rezipiert, wobei Farrs Coming-out gegenüber seiner Ehefrau mit den Worten "I wanted him! […] I wanted him!" zu Recht besonders hervorgehoben wird – wie u.a. in der Dokumentation "The Celluloid Closet" (1995, 46:10 Min.) und in der britischen Tageszeitung "The Guardian" (24. März 2011).

Die besondere Bedeutung bestand filmgeschichtlich vor allem darin, dass hier erstmals ein schwuler Sympathieträger auftritt, in den sich die Zuschauer gut hineinversetzen konnte und der dabei klar und deutlich sein Begehren in Bezug auf einen anderen Mann ausspricht. Auch "Infamous Sphere" betont in ihrem zweiten Dirk-Bogarde-Teil gut die Bedeutung des Films. Sie bindet den Film vorbildhaft in die damalige rechtliche Situation von Schwulen und die Diskussion um eine Legalisierung ein und zeigt Verbindungen zu anderen – auch lesbischen – Filmen auf.

"Der Diener" (1963)


Ein Diener, der nach dem zugrunde liegenden Roman nicht für das "Geschlechtsleben" sorgt

In "Der Diener" ("The Servant", 1963) wird Hugo Barrett (D: Dirk Bogarde) vom aristokratischen Tony als Hausdiener engagiert. Tony hält an Barrett selbst dann noch fest, als seine Freundin ihn um dessen Entlassung bittet. In der darauffolgenden Zeit verschwinden zwischen Hugo und Tony immer mehr die gesellschaftlichen Unterschiede und Barrett gewinnt sogar Kontrolle über Tonys Leben.

Im Film gibt es nur wenige homoerotische Szenen zwischen beiden Männern. So wird Barrett von Hugo als "Nanny" bezeichnet und zieht Tony die Socken aus. Als Barrett zunächst gekündigt werden soll, betont er gegenüber Tony, dass er "so glücklich" mit ihm gewesen sei, und tätschelt ihm später seine Wange. Um diesen Film inhaltlich zu erfassen, verwendet die IMDB sechs Schlagwörter mit homosexuellem Bezug. "Infamous Sphere" zeigt in ihrem dritten Bogarde-Beitrag (3:50-19:25 Min.) ihre Beobachtungsgabe, weil sie u. a. auf Barretts unscheinbar wirkendes Beefcake-Poster im Hintergrund verweist (18:05 Min.).

Der dem Film zugrunde liegende Roman des schwulen Autors Robin Maugham ist in Bezug auf die Homosexualität Hugo Barretts an verschiedenen Stellen deutlicher. Als Tony von seiner Freundin gefragt wird, ob Barrett auch für sein "Geschlechtsleben" sorge, entgegnet Tony: "Nein, dafür sorgt er nicht. Obgleich er das wohl auch tun würde, wenn ich ihm dazu Gelegenheit gäbe. Aber ich bin nicht sehr darauf erpicht" (hier zitiert nach der dt. Ausgabe von 1957, S. 45).

"Darling" (1965)

In "Darling" (1965) interviewt der britische Dokumentarfilmer Robert Gold (D: Dirk Bogarde) Menschen auf der Straße über Stolz und Scham der Brit*innen, woraufhin ihm ein Mann erklärt, dass das mit der Homosexualität in den letzten Jahren zwar immer schlimmer ("worse") geworden sei, aber dass dies halt zu den Dingen gehöre, mit denen man jetzt leben müsse (23:20-24:25 Min.). So weit, so konventionell. Für die Sechzigerjahre gibt es in diesem Film aber auch außergewöhnliche Szenen, wie zum Beispiel sexuell derbe Partyspäße, bei denen man es auch mit den Geschlechtergrenzen nicht mehr ganz so genau nimmt (1:02:10-1:05:30). Und der Fotograf Malcolm flirtet in seinem Italienurlaub ungeniert mit einem Kellner. Seine Freundin, die neben ihm sitzt, verbietet ihm zwar sexuelle Eskapaden – später sieht man jedoch nicht nur Malcolm (1:33:05 Min.), sondern auch sie (1:36:35 Min.) bei einer Spritztour mit diesem Kellner.

"Justine" (1969)

Der Film "Justine" bzw. "Alexandria – Treibhaus der Sünde" (1969, hier Trailer) ist eine Literaturverfilmung nach dem gleichnamigen Roman von Lawrence Durrell mit den damaligen Reizthemen Ehebruch, Inzest, Nationalismus und Homosexualität. Dass der Regisseur George Cukor schwul war, soll in Hollywood ein offenes Geheimnis gewesen sein (Wikipedia).

Dirk Bogarde verkörperte hier jedoch keinen Homosexuellen, wie die "New York Times" irrtümlich schrieb, sondern den heterosexuellen Pursewarden. Eine schwule Rolle in diesem Film war allerdings die von "Toto", der zum Opfer eines Fetischmörders wird. Verkörpert wurde Toto von Cliff Gorman, der aus dem schwulen Filmklassiker "The Boys in the Band" bekannt ist (s. a. Vito Russo: "Die schwule Traumfabrik", 1990, S. 137, 169 und meine Artikel hier auf queer.de zum Film und Theaterstück).

"Die Verdammten" (1969)


Szene aus "Die Verdammten": Mitglieder der SA werden nach einer schwulen Orgie erschossen

Im opulent ausgestatteten Historienfilm "Die Verdammten" ("The damned", 1969) arrangiert sich die große Stahlfirma der Familie von Essenbeck (die Parallelen zur Firma Krupp aufweist) Anfang der Dreißigerjahre mit den Nationalsozialisten. Friedrich Bruckmann (D: Dirk Bogarde) reißt hier rücksichtslos die Herrschaft über das deutsche Stahl-Imperium an sich.

Aus schwuler Sicht ist jedoch eher die Rolle von Martin von Essenbeck (D: Helmut Berger) von Interesse. Im Rahmen eines Travestieauftrittes wünscht er sich einen "richtigen Mann" (14:10-16:40 Min.), ist sexuell aber auch an kleinen Mädchen interessiert (59:30; 1:06:00), hat Sex auch mit Frauen (1:07:25) und vergewaltigt seine Mutter (2:07:30). Bei der SA unter Ernst Röhm feiert man derweil schwule Orgien (1:37:40), deren Teilnehmer am nächsten Morgen alle brutal niedergeschossen werden (1:42:30), was die "Nacht der langen Messer" im Juni 1934 wiedergeben soll.

Der erste Gedanke ist wohl, wer sich ein solches Drehbuch ausgedacht hat, bei dem so deutlich das Klischee vom "schwulen Nazi" kolportiert wird. Es irritiert nicht wenig, dass es mit Luchino Visconti ein schwuler Regisseur war, den mit dem Darsteller Helmut Berger eine jahrelange Beziehung verband. Viscontis Absicht, mit diesem Film zu provozieren, ist ihm gelungen. Zwei Jahre später spielte Dirk Bogarde in einem Film mit, der ebenfalls zu Viscontis "deutscher Trilogie" gehört.

"Tod in Venedig" (1971)


Für Bogarde der Höhepunkt seiner Schauspielkarriere: Szene aus "Tod in Venedig"

In Luchino Viscontis Film "Tod in Venedig" ("Morte a Venezia", 1971) verbringt der ca. 50-jährige Schriftsteller Gustav von Aschenbach (D: Dirk Bogarde) seinen Urlaub in Venedig. Dort beobachtet er am Strand den schönen Knaben Tadzio, der seinen Urlaub im selben Hotel verbringt. Er verliebt sich in ihn, auch wenn es nie zu einem persönlichen Gespräch, sondern nur zu diversen Blickkontakten kommt. Zu einer vorsichtigen Berührung (1:41:40 Min.) kommt es nur in seiner Phantasie. Selbst als die Cholera ausbricht, verlässt Aschenbach die Stadt nicht und stirbt in Venedig.

Seine Gedanken werden im Film durch Gespräche über Schönheit und Ästhetik mit einem Freund verdeutlicht. Trotz dieser Gespräche bleibt auf der Bildebene vor allem hängen, dass ein alternder Schriftsteller einen Jugendlichen erotisch begehrt. Viele Szenen sind von Visconti bis ins Groteske überzeichnet, wie die Belästigung durch einen älteren Herrn auf dem Dampfer (8:50 Min.) oder der Versuch einer Verjüngung Aschenbachs durch einen Friseur (1:43:25). Mit über zwei Stunden Laufzeit hat der Film erhebliche Längen.

Viscontis Film ist die bekannteste Adaption der gleichnamigen und autobiografisch gefärbten Novelle von Thomas Mann, an deren hohem literarischem Niveau und historischer Bedeutung keine Zweifel bestehen. Viscontis Film prägte nicht nur die Rezeption von Manns Novelle, sondern beeinflusste auch spätere Verfilmungen. In ihrem vierten und letzten Beitrag über Dirk Bogarde geht "Infamous Sphere" auf Viscontis "Tod in Venedig" ein, bei dem sie gut die Hintergründe zu Thomas Mann und zum realen Tadzio benennt, jedoch ebenfalls die Länge und inhaltliche Ausgestaltung kritisiert. Für Bogarde war seine Rolle in diesem Film der Höhepunkt seiner Filmkarriere.

"Der Nachtportier" (1974)


Szene aus "Der Nachtportier": Eine Spritze in den Hintern als Symbol für Analverkehr

In "Der Nachtportier" ("The Night Porter", 1974) arbeitet der frühere SS-Scherge Max Aldorfer (D: Dirk Bogarde) 1957 als Nachtportier in einem Wiener Hotel. Hier begegnet er der jungen Frau wieder, die er als 14-Jährige im KZ zu seiner "Geliebten" machte. Das sadomasochistische Abhängigkeitsverhältnis zwischen ihm als Täter und ihr als Opfer wird nun von beiden fortgesetzt.

Max scheint daneben auch ein sexuelles Verhältnis mit Bert zu haben, der für ihn erotisch tanzt, wie er früher auch schon für die Nazis erotisch getanzt hat (17:05-20:55 Min.). In der Zeitebene von 1957 spritzt ihm Max ein Schlafmittel in seinen Hintern, während Bert bittet: "Bitte sei vorsichtig." Kurz danach sagt er: "Das machst du wunderbar. Du tust einem nie weh" (20:55-22:50 Min.). Parallelen zum Analverkehr drängen sich auf. Später sieht man bei einem Rückblick zwei Männer (offenbar Häftlinge) beim Analverkehr in einem KZ. Diese Szene ist auf eine bizarre Art "romantisch" eingebunden: Im Hintergrund ist die Arien-Zeile "Nichts Edlers sei, als Weib und Mann" aus Mozarts "Zauberflöte" zu hören (29:25 Min.).

Dieser Film gehört – wie auch der oben beschriebene Film "Die Verdammten" – zum heftig umstrittenen Subgenre des "Naziploitation" bzw. "Sadiconazista". Damit sind vor allem italienische Filme der Sechziger- und Siebzigerjahre gemeint, die sexuellen Sadismus und Nationalsozialismus gleichsetzen und dabei den Nationalsozialismus auch ästhetisieren. Ein Autor hat dieses Subgenre – etwas griffiger – auch als "Blut und Hoden"-Filme bezeichnet.

"Leihen Sie uns Ihren Mann?" (1986)

"Leihen Sie uns Ihren Mann?" bzw. "May We Borrow Your Husband?" (1986) ist die Verfilmung der gleichnamigen Kurzgeschichte des britischen Schriftstellers Graham Greene, die erstmals 1967 veröffentlicht wurde. In diesem Film verkörpert Dirk Bogarde den geschiedenen Schriftsteller William Harris, der in einem Hotel in Nizza lebt. In diesem Hotel wohnen auch zwei schwule Innenarchitekten und ein frisch verheiratetes Paar. William Harris freundet sich mit der frisch verheirateten Frau an und versucht sie zu verführen. Der Film – eine der wenigen Fernsehproduktionen, in denen Bogarde mitwirkte – ist nicht lieferbar.

Bogardes Privatleben

Sein Privatleben schützte Dirk Bogarde "wie eine Bulldogge", was als Widerspruch zu seiner selbstbewussten und mutigen Wahl homosexueller Charakterrollen erscheinen mag. Sein Manager Anthony "Tony" Forwood wurde schon früh zu seinem langjährigen Lebenspartner, mit dem er sich für fast 20 Jahre in sein Landhaus in der Provence (Südfrankreich) zurückzog.

In der englischsprachigen Wikipedia wird darauf verwiesen, dass Bogarde eine Liebesbeziehung zu Forwood sogar aktiv bestritt, dies müsse jedoch vor dem Hintergrund einer möglichen strafrechtlichen Verfolgung gesehen werden. Außerdem enthielten die Filmverträge Moralklauseln, die eine Kündigung im Falle eines "unmoralischen Verhaltens" der/des Schauspieler*in vorsahen, wozu auch gleichgeschlechtliche Beziehungen gehörten. Bogarde sei aber nie eine "marriage of convenience" eingegangen, also keine "Zweckehe" oder Scheinehe.

Wenigstens posthum wird heute deutlich und fair auf seine Homosexualität und seinen langjährigen Lebenspartner Anthony Forwood eingegangen. Auf der offiziellen Homepage des Dirk Bogarde Estate lässt sich nachlesen, dass Bogarde und Forwood eine langjährige Beziehung hatten und dass der wichtige Dokumentarfilm "The Private Dirk Bogarde" (2001), der ausführlich auf Forwood Bezug nimmt, mit Genehmigung seiner Familie gedreht wurde.


Eines der wenigen gemeinsamen Fotos: Dirk Bogarde (r.) und sein Lebenspartner Tony Forwood (aus: "The Private Dirk Bogarde", 2001)

Bogardes Briefe

Gute Einsichten in das Denken und Fühlen von Dirk Bogarde vermittelt auch die Briefsammlung "Ever, Dirk. The Bogarde letters" (2008). Hier äußert sich Bogarde in privaten Briefen u.a. über seine schwule Rolle in "Victim", darüber, dass auch gute Bekannte von ihm vom Thema des Films zutiefst schockiert waren (S. 310-311, s. a. S. 481-482), sowie darüber, welche Probleme es gab, diesen "gender-bender" Film (S. 495) auch in den USA zu vermarkten.

In anderen Briefen äußert sich Bogarde über den "seltsamen", wenn auch "brillanten" (S. 158) Regisseur Rainer Werner Fassbinder, in dessen Film "Despair" (1978) er die Hauptrolle übernahm. Ob er sich mit dem offen schwulen Regisseur – z. B. bei einem Treffen in seinem französischen Landhaus im Mai 1977 (s. Foto von S. 262 f.) – auch über schwule Themen austauschte, ist nicht bekannt.


Rainer Werner Fassbinder und Dirk Bogarde besprechen 1977 ihren gemeinsamen Film

Im Buch wird erwähnt, dass Bogarde mittlerweile als prominenter britischer Schwuler gemeinsam mit Männern wie Oscar Wilde, Boy George, Jimmy Somerville, Freddy Mercury und David Hockney genannt wird (S. 410).

Interviews mit und Dokus über Dirk Bogarde

Im Netz sind diverse Interviews mit Dirk Bogarde zu finden. In einem Interview von 1961 (18:45-28:10 Min.) äußert er sich über seine schwule Rolle in "Victim". In einem anderen Film über Bogarde wird im Zusammenhang mit einem späteren Interview mit ihm über "Victim" (8:30-13.12) auch auf das seine Homosexualität eingegangen (13:12-13:50 Min.).

Auch die Dokumentation "Dirk Bogarde, actor and author" (aus der Doku-Reihe "Legends", 2000) nimmt "Victim" als Aufhänger für Bogardes Homosexualität (8:20-10:20, s. a. 2:30-3:20). Eine Äußerung von Bogarde ist erstaunlich deutlich: Er sei entrüstet, dass einige Pressevertreter bei der Premiere von "Tod in Venedig" nur einen alten Mann gesehen hätten, der sich für den Hintern eines Jungen interessiere (15:08 Min.: "They spend 100.000 Dollar on what they called an old man chasing a kids backside. That was exactly the phrase they used").

Die ausführlichste Darstellung seines privaten Lebens ist die Dokumentation "The Private Dirk Bogarde" (2001, hier online Teil 1 und Teil 2), die ebenfalls in selbstverständlicher Form seine Homosexualität aufgreift. Sie entstand in Zusammenarbeit mit Bogardes Familie und enthält viel privates Videomaterial von Anthony Forwood. Hier erfährt man, wie sich die beiden Männer kennen und lieben lernten (28:00-31:50). Die Besprechung von "Victim" (58:40-59:06) wird zum Cliffhanger zum zweiten Teil, in dem neben Dirk Bogarde und seiner Verwandtschaft auch Björn Andresen (Darsteller des Tadzio, 29:55 Min.) und der US-Schriftsteller Gore Vidal zu Wort kommen. Für Bogarde-Fans ein absolut sehenswerter Zweiteiler.

Was für mich bleibt, ist Bogardes Rolle in "Victim"

Es ist reizvoll sich vorzustellen, dass der Darsteller einer schwulen Rolle tatsächlich schwul ist, wobei man aber auch von jedem guten Schauspieler erwarten kann, dass er die Rolle eines Schwulen überzeugend zu verkörpern vermag. Aber spiegeln sich in der Rolle des schwulen Rechtsanwalts in "Victim" nicht vielleicht jene Sorgen wider, die auch Dirk Bogarde bei der Übernahme dieser Filmrolle gehabt haben mag? Beiden war schließlich klar, dass mit einem möglichen Outing der Verlust der beruflichen Stellung und des sozialen Umfeldes drohte.

Die Bedeutung von "Victim" geht über solche Gedankenspiele sogar noch hinaus. Es erscheint paradox, dass ausgerechnet ein Film, der heute fast ängstlich wirkt, zur Zeit seiner Entstehung so unglaublich mutig war. Außerhalb Deutschlands ("Anders als die Andern", 1919; "Anders als du und ich", 1957) hatte es bis dahin keine Filme gegeben, die sich so deutlich – und zudem mit einer solch klaren emanzipatorischen Botschaft – an die breite Öffentlichkeit wandten. Die Filme "Bitterer Honig" (GB, 1961) und "Infam" (USA, 1961) kamen erst ein halbes Jahr später in die Kinos. Die genaue Bedeutung von "Victim" für die Diskussion um die Strafrechtsliberalisierung lässt sich zwar nicht belegen, auf jeden Fall hat sich Bogarde mit dieser Rolle aber um die homosexuelle Emanzipationsbewegung verdient gemacht.

Dirk Bogarde konnte als Melville Farr in "Victim" eine Position zur Homosexualität vertreten, die er privat nie hätte vertreten können, und so – im Rahmen einer filmischen Maskierung – für eine homosexuelle Emanzipation kämpfen. Dazu passt ein Zitat von Oscar Wilde ("The Critic as Artist", 1890): "Der Mensch ist am wenigsten er selbst, wenn er für sich selbst spricht. Gib ihm eine Maske, und er wird dir die Wahrheit sagen."

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#1 TollenseseeAnonym
  • 02.04.2021, 10:34h
  • Wie immer ein brillanter Panhuis-Artikel. Ich lerne von ihm unendlich viel! Danke Erwin
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#2 AtreusProfil
#3 Taemin
  • 02.04.2021, 10:48h
  • Vielen Dank für diesen interessanten Artikel. Nebenbei: Die Hitchcock-Verfilmung von "Cocktail für eine Leiche" hab ich mir mal mit großer Spannung angeschaut, weil ich mich schon im Vorfeld aufgeregt hatte, dass da zwei Schwule als Mörder dargestellt worden sein sollen. Im ganzen Film habe ich nicht den geringsten Hinweis gefunden, dass die beiden schwul sein könnten.
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#4 antosProfil
#5 StaffelbergblickAnonym
  • 03.04.2021, 21:58h
  • "Dass der Regisseur George Cukor schwul war, soll in Hollywood ein offenes Geheimnis gewesen sein". In dem Film "God and Monsters" taucht die Homosexualität von Cukor ebenfalls auf: James Whale drehte die bekannten Frankensteinfilme. Auf einer Gartenparty trifft Whale auf einen früheren Interviewer, der sich nunmehr als Sekretär des Sekretärs von Georg Cukor ausgibt. Worauf Whale ihn beglückwünschte und sich sinngemäß äussert .. wenn schon Homosexuelle, dann auch solche, die für einen was tun können. Womit wiederum Cukor gemeint ist.
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#6 KlauselittleAnonym
  • 03.04.2021, 22:50h
  • Als Bengel den Film mit Rod Steiger: der sergeant....so 1969 entstanden. Latürnlich erst in den 1980 zugern gesehen.....heftig...kein schmusefilm...frohe Ostern ,bleibt gesund.
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#7 Taemin
  • 04.04.2021, 06:32h
  • Antwort auf #4 von antos
  • Ich weiß, dass das vielfach behauptet wird, aber im Film selbst ist es mir nicht erkennbar - es sei denn man schließt schon aus dem Umstand, dass es sich um zwei befreundete junge Mörder handelt, dass sie schwul sein "müssen".
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#8 Taemin
  • 04.04.2021, 06:57h
  • Antwort auf #7 von Taemin
  • Ergänzung: Zum ersten Mal hörte ich von der These, dass die Mörder schwul seien, in der Sendung "Kennen Sie Kino?", an die sich die Älteren hier vielleicht erinnern. Dort hieß es einmal, dass es sich um "zwei homosexuelle Freunde" handele. Später sah ich den Film und konnte für diese Aussage nicht die geringste Bestätigung finden. Es fällt lediglich auf, dass der Jüngere dem Älteren bis in den Mord hinein gehorcht. Was steht nun hinter der Behauptung? Doch nur die für die Handlung vollkommen bedeutungslose Aussage, die Täter seien schwul - letztlich die Konstruktion einer Nähe von sexueller Orientierung und Verbrechen. Alles, was auffällt, ist die Abhängigkeit des Jüngeren vom Älteren. Soll etwa das als typisch homosexuelle Partnerschaft verstanden werden? Verführung zuerst zur Homosexualität und dann zum Mord? Ist das der Subtext? Dann wäre das einer der dreckigsten Filme aller Zeiten und wir können froh sein, dass die damals vielleicht erkennbare antischwule Propaganda heutzutage nicht mehr wahrgenommen wird.
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#9 StaffelbergblickAnonym
  • 04.04.2021, 16:49h
  • ich vermute in "Cocktail für eine Leiche" kommen noch weitere Hintergründe ins Spiel. Laut
    de.wikipedia.org/wiki/Cocktail_für_eine_Leiche
    gibt es im Theaterstück wohl Hinweise auf eine homosexuelle Beziehung, die aber aufgrund des Hayes Codes nicht umsetzbar waren.
    Der zugrundeliegende Mord aus dem Jahr 1924, begangen von einem 18- und einem 19-jährigen Studenten, auf der Suche nach dem perfekten Verbrechen wird in Verbindung gebracht mit "Nietsches Theorie vom Übermenschen". Vielleicht möchte dazu noch jemand promoviert werden ;-)
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#10 antosProfil