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"Wilhelm Meisters Wanderjahre"

Homoerotik bei Goethe: nicht verdrängt, sondern bewahrt

Vor genau 200 Jahren – zu Ostern 1821 – erschien Johann Wolfgang von Goethes Roman "Wilhelm Meisters Wanderjahre". Es geht um Wilhelm, der auch Männer attraktiv findet.


Gemälde von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein: Goethe auf seiner Italienreise 1786/1787

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) ist einer der bedeutendsten Schöpfer deutschsprachiger Dichtung und in vielen seiner Werke auf Homoerotik eingegangen, wie in "Winckelmann und sein Jahrhundert" und "Faust" (zweiter Teil). Vor zwei Jahren habe ich hier auf queer.de Goethes "West-östlicher Divan" (1819) besprochen.

Nun ist auch sein Roman "Wilhelm Meisters Wanderjahre" 200 Jahre alt geworden, der erstmals 1821 und 1829 in erweiterter Fassung erschien. Er ist die Fortsetzung von "Wilhelm Meisters Lehrjahre" (1795/1796) und gilt als die persönlichste seiner Dichtungen. Für die einen ist dieses Spätwerk die Mutter aller Entwicklungsromane, für die anderen eine Art Stationen-Epos um Wilhelm als zentrale Figur, deren abenteuerliche Erlebnisse hier geschildert werden.

"Wilhelm Meisters Wanderjahre" – das zweite Buch

Im zweiten Buch (Kapitel) des Romans (hier nach der online verfügbaren Ausgabe von 1829, 12. Kapitel, S. 194-196, 201) verbringt der junge Wilhelm seine Zeit mit dem Fischersohn Adolph am Ufer eines Flusses. Dieser Junge zieht sich aus und geht schwimmen, so dass Wilhelm "ganz wunderlich zu Muthe" wird. Wilhelm wird aufgefordert, ebenfalls nackt zu baden.

Als sich sein Freund nach dem Schwimmen abtrocknet, "glaubt' ich meine Augen von einer dreyfachen Sonne geblendet, so schön war die menschliche Gestalt von der ich nie einen Begriff gehabt. Er schien mich mit gleicher Aufmerksamkeit zu betrachten. Schnell angekleidet standen wir uns noch immer unverhüllt gegeneinander, unsere Gemüther zogen sich an und unter den feurigsten Küssen schwuren wir eine ewige Freundschaft. [...] wir schienen schon unzertrennlich."

Später erfährt Wilhelm, dass der Fischersohn mit fünf Kameraden beim Fischen ertrunken ist, und reagiert verzweifelt. Durch ein Fenster steigt er heimlich in das Gemeindehaus, wo die Leichen der Ertrunkenen aufgebahrt werden. Dann wirft er sich auf den nackt ausgestreckten Körper Adolphs und will ihm Atem (und damit Leben) einblasen, aber sein Mund ist fest verschlossen. "Die Lippen, auf denen der Abschiedskuß noch zu ruhen schien, versagten auch das leiseste Zeichen der Erwiderung." Wegen dieses Erlebnisses wird Wilhelm später Arzt.

"Wilhelm Meisters Wanderjahre" – das dritte Buch


Die Brüder und Freunde Kastor und Pollux. Statue von Joseph Nollekens (1737-1823)

Im dritten Buch (hier nach der online verfügbaren Ausgabe von 1830, 18. Kapitel, S. 235-237) bekommt Wilhelm einen Unfall mit, bei dem ein junger, "gut gebaut[er]" Jüngling ins Wasser stürzt und ohnmächtig wird. Wilhelm rettet ihn (auch durch seine Kenntnisse als Arzt), zieht ihm die durchnässte Kleidung aus und kümmert sich "liebevoll" um die "holde Blume".

Als der Jüngling wieder zu Bewusstsein kommt, fällt er seinem Retter um den Hals und sagt zu ihm: "Wenn ich leben soll, so sey es mit dir!" "So standen sie fest umschlungen, wie Kastor und Pollux, Brüder, die sich auf dem Wechselwege vom Orkus zum Licht begegnen." Danach schläft "der holdeste Jüngling" wieder ein. Wilhelm betrachtet ihn mit "Gefalen", deckt ihn zu und sagt zu sich selber: "Wirst du doch immer auf's neue hervorgebracht, herrlich Ebenbild Gottes!" Später gibt er dem Jüngling seine getrocknete Kleidung zurück, "um ihn bei'm Erwachen sogleich wieder in den gesellig anständigsten Zustand zu versetzen".

Die von Goethe erwähnten Kastor und Pollux sind ein unzertrennliches Brüderpaar aus der griechisch-römischen Mythologie, das als Vorbild für treue Freundschaft galt. Orkus ist in der römischen Mythologie der Gott der Unterwelt.

Vergleiche mit Goethes "Briefen aus der Schweiz"

Meines Erachtens lassen sich hier Parallelen zu einer Badeszene in Goethes "Briefen aus der Schweiz" (Ausgabe von 1822, S. 50) erkennen. In fiktiven Briefen schildert der junge Werther den intensiven Eindruck, den die Nacktheit seines Freundes Ferdinand auf ihn machte: "Ich veranlaßte Ferdinanden zu baden im See; wie herrlich ist mein junger Freund gebildet! Welch ein Ebenmaß aller Theile! Welch eine Fülle der Form! Welch ein Glanz der Jugend! Welch ein Gewinn für mich, meine Einbildungskraft mit diesem vollkommenen Muster der menschlichen Natur bereichert zu haben!" […] ihn seh' ich als Adonis […], als Narciß sich in der Quelle bespiegeln!" Nicht nur das Erkennen der Schönheit eines männlichen Körpers beim gemeinsamen Baden, sondern auch der Bezug zur griechischen Mythologie kann als Parallele zur Geschichte Wilhelms und im weiteren Sinne auch zu Felix' Geschichte gelesen werden.

Rezeption in der frühen Homosexuellenbewegung

Schon der frühen Homosexuellenbewegung war bekannt, dass sich in mehreren von Goethes Werken homoerotische Textstellen finden lassen. Als Herausgeber der ersten schwulen Anthologie der Weltgeschichte "Lieblingminne und Freundesliebe in der Weltliteratur" (1900, hier zitiert nach dem Reprint von 1995, S. 120-122) ging Elisar von Kupffer auf mehrere von Goethes Werken wie "Winckelmann und sein Jahrhundert" ein und vermutete bei den geschilderten Erlebnissen in "Wilhelm Meisters Wanderjahre" einen autobiographischen Hintergrund. Im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (1901, S. 511 und 512) des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK) wurde auf "Winckelmann und sein Jahrhundert", den "West-östlichen Divan"; "Faust" (Teil II), die "Venezianischen Epigramme" und – mit einigen Sätzen – auch auf das zweite und dritte Buch von "Wilhelm Meisters Wanderjahre" hingewiesen.

Marita Keilson-Lauritz kommt in ihrer Dissertation "Die Geschichte der eigenen Geschichte" (1997, S. 290) zu dem Schluss, dass zu Beginn der ersten Homosexuellenbewegung einige Werke Goethes zum festen Kanon homosexueller Literatur gehörten. Nach ihrer Auswertung belegt Goethe Platz 7 derjenigen Autoren, die in den frühen Homosexuellenzeitschriften "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" und "Der Eigene" am häufigsten genannt werden. Das ist recht weit vorne, wenn auch hinter Oscar Wilde (Platz 2), Friedrich Nietzsche (Platz 4) und Karl Heinrich Ulrichs (Platz 6). Das Goethe so oft genannt wird, hatte nicht nur etwas mit der möglichen schwulen Lesart seiner Texte zu tun, sondern auch mit seiner Spitzenstellung im bürgerlichen Literaturkanon, denn dass sich ein so hochgeschätzte Dichter wie Goethe positiv über Homoerotik geäußert hatte, konnte die Homosexualität sozusagen adeln.

Mignon als androgyner "homosexueller" Liebling


Eine Postkarte aus dem Bestand des "Goethezeitportals" zeigt eine der wenigen androgynen Darstellungen der Mignon

Mignon ist eine Mädchen-Figur aus Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre", die aber auch in "Wilhelm Meisters Wanderjahre" wieder vorkommt (hier in einer Ausgabe von 1829, S. 125, 129, 144). "Sie wurde zum Inbegriff des knabenhaften, erotisch anziehenden Mädchens. […] Als Wilhelm sie das erste Mal sieht, ist er sich über ihr Geschlecht nicht sicher. Ihr Name hat eine männliche Form ('Mignon' statt 'Mignonne'); auf ihren Wunsch hin kauft Wilhelm ihr Knabenkleidung. In der ersten Version des Romans wird Mignon teils mit dem männlichen, teils mit dem weiblichen Personalpronomen bezeichnet. […] In der Renaissance ist ein 'Mignon' eine vom Monarchen als Liebling bzw. Favoriten gewählte Person. Das heißt, der Mignon fungiert als Ersatz für einen Freund […]. Nach Richard Friedenthal versteht man unter Mignon noch in der Goethezeit auch einen 'homosexuellen Liebling'" (Wikipedia). Die Figur wurde breit rezipiert und ihre Texte wurden, u. a. von Pjotr Tschaikowsky, vertont.

Auch neuere Publikationen aus dem Bereich der Gender Studies befassen sich mit Goethes Mignon-Figur. Die kulturhistorische Bedeutung dieser Figur ist auch an den Verfilmungen ablesbar. Die IMDB listet 182 Filme auf, die auf Goethes Werken basieren. Es geht sehr oft um "Faust", "Werther" und den "Erlkönig", nie um Wilhelm Meisters Lehr- oder Wanderjahre, aber immerhin dreimal um Mignon (1915, 1919, 1996). Bei einem Vergleich – wie dies in der Postkartensammlung im Bestand des Goethezeitportals möglich ist, das von einem gleichnamigen Verein betrieben wird – merkt man schnell, dass Mignon eher selten als androgyn wirkendes Mädchen dargestellt ist, was eigentlich im klaren Widerspruch zur literarischen Vorlage steht.

Mignon verkörpert eine schwule Sehnsucht nach Italien

Bei Goethe verkörpert Mignon auch die Sehnsucht nach Italien. Er lässt sie das berühmte Lied "Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?" singen, womit er die unter Deutschen verbreitete Italiensehnsucht aufgreift. Diese Sehnsucht hatte bei Schwulen eine ganz besondere Bedeutung, weil Italien wegen seiner Straffreiheit homosexueller Kontakte bis ins 20. Jahrhundert hinein Asyl-, Zufluchts- und Wunschort war. Insofern ist es kein Zufall, dass Goethes Mignon-Lied auch in Rosa von Praunheims Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (1971, 01:50-3:50 Min.) zu hören ist.


Ein schwuler Mann singt Mignons Lied: Eine Filmszene aus "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (1971)

Rezeption der Homoerotik in der Literaturwissenschaft

Der Literaturwissenschaftler Joachim Campe betont als Herausgeber der Anthologie "Andere Lieben. Homosexualität in der deutschen Literatur. Ein Lesebuch" (1988, S. 146-148), dass Wilhelm das homoerotische Erlebnis mit dem Fischersohn später nicht vergisst. Im Gedanken an seinen toten Freund sei er später Arzt geworden, womit "das homoerotische Erlebnis nicht verdrängt, sondern bewahrt" werde.

Der Germanist Paul Derks zeigt in seinem Buch "Die Schande der heiligen Päderastie" (1990, S. 259 bzw. 262-265) auf, dass der Zusammenhang zwischen den beiden Erlebnissen mit Adolph im zweiten und Felix im dritten Buch, bzw. ihr "Spiegelverhältnis", schon von mehreren Wissenschaftlern erkannt worden sei. Auch Derks betont, es liege nahe, in den Empfindungen Wilhelms "für seinen Freund eine Kindheitserfahrung Goethes gespiegelt zu sehen", und führt als Indiz Äußerungen von Goethes Zeitgenossen Georg Christoph Lichtenberg an.

Der Germanist Yahya A. Elsaghe interessiert sich in seinem Aufsatz "Wilhelm Meisters letzter Brief. Homosexualität und Nekrophilie bei Goethe. Mit einem Auszug aus Wilhelm Meisters Wanderjahre" (in: "Forum Homosexualität und Literatur", Nr. 24, 1995, S. 5-36) für die Verbindung von Homoerotik und Tod, wie sie in dem Fischerknaben-Erlebnis mit Adolph deutlich werde. Darauf aufbauend betont Christian Mittermüller in "Sprachskepsis und Poetologie. Goethes Romane 'Die Wahlverwandtschaften' und 'Wilhelm Meisters Wanderjahre'" (2008, S. 197), dass Elsaghe mit diesem Interesse an "Homoerotik und Tod" nicht alleine dastehe. Auch andere Autoren hätten erkannt, dass der Tod im Roman ausschlaggebend für Wilhelms Wahl des Arztberufes sei.

Heutige Rezeption durch W. Daniel Wilson

Der Germanist W. Daniel Wilson weist in seinem Aufsatz "Herkules und sein Geliebter. Goethe und 'Verbindungen menschlicher Wesen in ihrem ganzen Umfange'" (in: "Kleine anthropologische Prosaformen der Goethezeit. 1750-1830", 2011, S. 319-337, hier S. 332-334) und ein Jahr später in seinem Buch "Goethe Männer Knaben. Ansichten zur 'Homosexualität'" (2012, S. 270-276) auf mehrere Parallelen zu anderen Werken hin, die die griechische Mythologie heranziehen. Zum einen sieht er in dem Paar Wilhelm/Adolph eine Parallele zum Paar Herkules/Hylas. In der griechischen Mythologie war Hylas der Eromenos (= jugendlicher Geliebter) des Herkules (= Herakles). Zum anderen verweist Wilson auf den Goethe-Biografen und Psychoanalytiker Kurt Eissler, der den Tod Adolphs als eine "Bestrafung für Wilhelms heterosexuellen Ausrutscher" interpretierte. Diese Aussage werde, so Wilson, durch die symbolische Einbindung von verwelkten (= toten) Hyazinthen gestützt, an denen Wilhelm gemeinsam mit seiner (bezeichnenderweise namenlosen) Freundin vorbeigeht, während Adolph stirbt.


Hyazinth und Apoll in einem Gemälde von Nicolas-René Jollain (1769)

In der griechischen Mythologie war Hyazinth der Geliebte des Gottes Apoll und verwandelte sich nach seinem Tod in eine Hyazinthe. Auf diese Weise – so Wilson – deute Goethe an, dass "Wilhelms Verrat an Adolph an dessen Tod schuldig" sei. Als dritte Parallele verweist Wilson im Buch (S. 274) auf das homoerotische Paar Achill und Patroklos aus Homers "Ilias", das Goethe in einer anderen Dichtung ebenfalls an ein Ufer führt. Für Wilson (Buch, S. 271) belegt die Adolph-Episode "eindrücklich Goethes zunehmendes Selbstbewusstsein in der öffentlichen Darstellung der gleichgeschlechtlichen Liebe", denn 1805 habe Goethe "noch einen Brief Winckelmanns wegen einer nächtlichen Schwimmstunde mit einem geliebten Freund unterdrückt", jetzt hingegen "durfte dasselbe normbrechende Badevergnügen im Tageslicht prangen und ein Hauptwerk zieren". Auch Wilsons "Mignon"-Hinweise in seinem Buch sind erhellend, weil er hier nicht nur auf Goethes geschlechtlich ambivalente Figur verweist (S. 84-88), sondern auch auf Goethes mehrfache Anmerkungen mit einem "Oh" zu Texten des antiken Satirikers Lukian, in denen es um einen effeminierten, sexuell passiven Jüngling namens Mignon geht (S. 81-82).

"Goethe und Schiller – hatten die was miteinander?"

Unter dieser Überschrift wurde Ende 2018 hier auf queer.de Rosa von Praunheims Film "Männerfreundschaften" (2018) über Goethe, Schiller und deren Zeitgenoss*innen vorgestellt, in dem die Schauspieler*innen nicht nur schauspielern, sondern auch diskutieren und streiten. Das Ergebnis ist eine Menge Dokutainment, das sich mehr über den Unterhaltungswert als über den Informationsgehalt definiert. Die breite Diskussion über einen möglichen schwulen Goethe habe ich bereits in meinem Artikel über Goethes "West-östlichen Divan" (1819) aufgegriffen.


Goethe und Schiller als Liebespaar in Praunheims Film "Männerfreundschaften" (Bild: missingFILMs)

Ich teile die Meinung von W. Daniel Wilson, dass sich die These von einem schwulen Goethe nicht untermauern lässt, weil dafür Quellenbelege fehlen und man bei fiktiven Werken nicht immer auf den Autor schließen dürfe. Jedoch lässt sich Goethes aufgeschlossene Haltung zur Homosexualität an vielen Werken gut verdeutlichen – wozu auch "Wilhelm Meisters Wanderjahre" gehört. Über seine wohltuende Unvoreingenommenheit kann man sich bis heute freuen.

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#1 SoederAnonym
  • 04.04.2021, 10:03h
  • Danke für den Artikel.
    War ideal, ihn zum Ostersonntag-Frühstückskaffee zu lesen.
  • Antworten » | Direktlink »
#2 goddamn liberalAnonym
  • 04.04.2021, 10:11h
  • Mal wieder vielen lieben Dank für den tollen Artikel.

    Der homoerotiche Goethe wurde sogar zensiert, etwa im deutschen Commersbuch und vorher von seinem (genialen) Vertoner Mendelssohn:

    Türkisches Schenkenlied in Goethes Originalversion:

    Dem Kellner:
    Setze mir nicht, du Grobian,
    Mir den Krug so derb vor die Nase!
    Wer [mir]1 Wein bringt, sehe mich freundlich an,
    Sonst trübt sich der Eilfer im Glase.

    Dem Schenken:
    Du [zierlicher Knabe]2, du komm herein,
    Was stehst du [denn]1 da auf der Schwelle?
    Du sollst mir künftig der Schenke sein,
    Jeder Wein ist [schmackhaft]3 und helle.

    Heteronormativ frisierte Liedversion:

    Türkisches Schenkenlied.

    Komp. von F. Mendelssohn.
    1. Setze mir nicht, du Grobian, den Krug so derb vor die Nase!
    Wer Wein bringt, sehe mich freundlich an, sonst trübt sich der Elfer
    im Glase.

    2. Du zierliches Mädchen, du komm herein, was stehst du da auf
    der Schwelle? Du sollst mir künftig der Schenke sein, jeder Wein ist
    dann schmackhaft und helle.
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#3 swimniAnonym
#4 Ralph
  • 04.04.2021, 13:22h
  • Schon bemerkenswert: Als wir in der Oberstufe im Leistungskurs die Lehrjahre lasen und sich einige von uns für die Wanderjahre interessierten, stellte sich heraus, dass die gar nicht im Buchhandel erhältlich waren. Unsere Lehrerin bewies uns an Hand einer uralten Ausgabe, die sie besaß, dass das Buch tatsächlich in grauer Vorzeit veröffentlicht worden war. Meine sechsbändige Goethe-Jubiläumsausgabe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt von 1998 enthält den ganzen Goethe - aber nicht die Wanderjahre, als handelte es sich bei denen um eine apokryphe Schrift. Das wird wohl Gründe haben.
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#5 StaffelbergblickAnonym
  • 04.04.2021, 14:00h
  • "Er lässt sie das berühmte Lied "Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?" singen, " Mignon ... Zitronen blühen ... da fällt mir was anderes ein: da gibt es eine Oper. Ambroise Thomas (1811-1896) komponierte 1866 "Mignon". Michael Carré und Jules Barbier schrieben das Libretto. In "Pahlen Opern Lexikon" S. 724 ff wird beschrieben, dass die beiden Librettisten neben Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre" auch den Faust und den Werther für die Oper bearbeiteten. Die als ".. blutjunges Mädchen ..." wird dort einem Zirkus abgekauft ... um sie später auf ihr ".... flehentliches Bitten als 'Page' in seine Begleitung ..." aufgenommen zu werden. Und daraus stammt diese erwähnte Arie.

    Hyazinthen ... schön, dass ich wieder darauf gestoßen wurde ... bei mir im Garten stehen die gerade in voller Blüte ;-)
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#6 KerzmanProfil
  • 05.04.2021, 02:27hPrinceton
  • Antwort auf #4 von Ralph
  • >>> ... enthält den ganzen Goethe - aber nicht die Wanderjahre, als handelte es sich bei denen um eine apokryphe Schrift. <<<

    Inwieweit erkennst Du im Unterschlagen Goethes Wanderjahre in einer Textsammlung eine verwandtschaftliche Nähe zu außerkanonischen Schriften, insbesondere den fehlerhaften Übersetzungen aus der Septuaginta (explizit also nicht-Tanakh-spezifischem Textmaterial)? Oder definierst Du apokryph lediglich im Sinne von indexenklitisch?
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#7 KerzmanProfil
  • 05.04.2021, 02:39hPrinceton
  • Ich möchte an dieser Stelle Erwin In het Panhuis für seine aufschlußreichen und sorgfältig recherchierten Artikel hier im Forum danken, die klar und präzise formuliert und mit intellektueller Akribie und Redlichkeit geschrieben sind: ein wahrer Schatz an Informationen, ein Glücksfall für queer.de!
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#8 Ralph
  • 05.04.2021, 09:52h
  • Antwort auf #6 von Kerzman
  • Geht es nicht noch alberner?

    Ich habe lediglich einen Begriff für literarische Werke religiösen Inhalts, die von den Herausgebern kritischer Ausgaben nicht für authentisch gehalten und deshalb nicht in die Sammlung aufgenommen werden, auf ein Buch von Goethe übertragen. Das ist alles. Wenn Du das zum Anlass nehmen willst, Parallelen zwischen der Weimarer Klassik und altorientalischer mythologischer Literatur zu ziehen, musst Du das ohne mich tun.
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#9 MiralAnonym
#10 JojoAnonym