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Queerer Heimatfilm

Die Sehnsucht nach der queeren Hauptstadt

Uckermark oder Berlin? Fürsorge für die Omas oder Befreiung von allen sexuellen und geschlechtlichen Erwartungen? Diese Fragen beschäftigen Markus im Spielfilm "Neubau" von und mit Tucké Royale.


Markus (Tucké Royale) ist hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu seinen pflegebedürftigen Omas in der Uckermark und der Sehnsucht nach einem anderen Leben in Berlin (Bild: Salzgeber)

Es ist fast immer eine gute Idee, einen Film mit einer Sexszene zu beginnen. Markus (Tucké Royale) und sein Bettgefährte kommen sich nahe, aber nicht so, dass es zu routiniert wirkt. Es ist leidenschaftlich, neugierig und alles andere als 08/15. Doch ist es einmalig? Der Mann wird nicht mehr auftauchen. Und der Sex wird unterbrochen von einem Anruf, den der junge Mann annehmen muss.

Manche werden "Neubau" vorwerfen, nach wenigen Minuten schon all sein Pulver verschossen zu haben. Doch die Sexszene ist keine Effekthascherei, kein voyeuristisches Zwischenspiel. Ja, auch, aber eben nicht nur die Sexualität definiert Markus' Lebensentwurf.

Ein bescheidenes, prekäres Leben in der Provinz

Da ist viel mehr, und einiges widerspricht sich und schließt sich sogar aus. Markus ist irgendwo zwischen Mitte 20 und Mitte 30. Er lebt in der Uckermark, im Inbegriff deutscher Provinz. Er hat zwei Omas, die wohl ein Paar sind. Alma ist dement, gemeinsam mit Sabine kümmert er sich um sie. Er füttert Emus und bekommt doch Post vom Jobcenter. Es ist ein bescheidenes, prekäres Leben – nicht nur finanziell, sondern auch emotional.

Markus hat ein Ziel am Horizont: Berlin. Er sehnt sich nach der Queerness der Hauptstadt, will sein Stück vom Kuchen haben, so der Einsamkeit entfliehen. So sehr, dass ihm irgendwann queere Menschen beinahe apotheotisch erscheinen – was ihn verunsichert und anzieht zugleich. Eine Ambivalenz, die den ganzen Film beherrscht.

Die Koffer sind schon gepackt


Poster zum Film: "Neubau" läuft im April 2021 in der queerfilmnacht online

"Neubau" ist der erste Spielfilm von Regisseur Johannes Maria Schmitt. Er basiert auf dem Drehbuch von Tucké Royale, der auch die Hauptfigur Markus verkörpert. Sie nennen ihren Film "Heimatfilm": Sie kehren dieses ursprünglich kitschig-verklärende Heile-Welt-Nachkriegsgenre um in eine Geschichte, die authentisch vom Leben einer besonderen Figur erzählt.

Authentisch, weil die Weite der Natur tatsächlich sehr nah dran ist an der heilen Welt, weil die Fürsorge bis Aufopferung für die Omas rührend und bestärkend ist, und weil da dennoch der nachvollziehbare Drang nach mehr in Markus ist. Als er sich schließlich verliebt, macht das die Entscheidungen noch schwieriger. Dabei sind die Koffer schon gepackt.

Verzicht auf Schnickschnack

"Neubau" überzeugt, weil der Film vieles anders macht als herkömmliche Produktionen. Es gibt keine vorhersehbare Narration, nicht mal einen richtigen Spannungsbogen. Der Film verzichtet auf klar verteilte Rollen oder Sympathien sowie auf filmischen Schnickschnack. Er sei "inspiriert von der Zeitlichkeit der Landschaft", schreibt Regisseur Johannes Maria Schmitt.

Das inszenatorische Konzept ist meist wohltuend reduziert, doch beim Tempo der Uckermark eben auch entsprechend langsam. Dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass "Neubau" streckenweise seinem eigenen, sehr hohen Anspruch nicht gerecht wird. Da wirkt alles ein Ticken zu steif.

Beim Max Ophüls Preis gewann "Neubau" im vergangenen Jahr Auszeichnungen für den besten Spielfilm und für den gesellschaftlich relevanten Film. Nach dem wegen der Coronakrise abgesagten Kinostart läuft das Drama nun im April 2021 in der queerfilmnacht online.

Direktlink | Offizieller Trailer zu "Neubau"
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Infos zum Film

Neubau. Drama. Deutschland 2020. Regie: Johannes M. Schmit. Buch: Tucké Royale. Darsteller*innen: Tucké Royale, Monika Zimmering, Jalda Rebling, Minh Duc Pham. Laufzeit: 81 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 16. Verleih: Salzgeber. Im April 2021 in der queerfilmnacht online sowie über die Seiten der Partnerkinos.


#1 BertoltAnonym
  • 05.04.2021, 09:30h
  • Ähm.... Hier hat die schreibende Person leider nicht erwähnt, dass Markus - wie der Schauspieler Tucké Royale - ein Transmann ist und der Film wunderschön beiläufig eine Utopie zeigt, in der das auch auf dem Land kein Problem ist. Das macht diesen Film für mich besonders wertvoll und das hätte meiner Meinung nach auch in die Besprechung gehört.
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#2 Rene44Anonym
  • 05.04.2021, 10:36h
  • So ein Film gehört unbedingt in die Kinos und ins TV zur Primetime, nicht erst nach 23.00 Uhr.
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#3 Paula RoydAnonym
  • 05.04.2021, 12:59h
  • Antwort auf #2 von Rene44
  • Tja, so wie die Rezension den Film beschreibt, scheint es sich hierbei eher um die Art von Film zu handeln, die etwa bei Salzgeber überreichhaltig angeboten werden; lange Einstellungen, viel Stille, kein spürbares Vorankommen in der "Handlung", eher grob skizzierte statt plastische Charaktere, improvisierte/improvisiert wirkende Dialoge, minimale Ausstattung... also vermutlich ein Film, der nur durch den queeren Aspekt für das an diesem interessierte Publikum attraktiv wird.

    Ich denke hier an die ganzen miserablen bis sehr mittelmäßigen Filme mit schwulem Inhalt, die man als nach schwuler Bestätigung und schwulen Themen suchender Jugendlicher so schaut, die aber weder inhaltlich noch formal wirklich interessant sind... wieder 23 Euro für ne DVD verschwendet...

    Ich fürchte, dass solche wie Teer dahinfließende Filme nicht unbedingt ein Primetime-Publikum ansprechen...
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#4 WanndererAnonym
  • 05.04.2021, 15:03h
  • Antwort auf #3 von Paula Royd
  • Es gibt durchaus auch Menschen, die einen gewissen Wert auf ästhetische Filme legen, und solche gern mal 20:15 Uhr sehen wollen würden. Aber klar, das läuft dann eher bei Arte als im Hauptprogramm. ;-)
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#5 Paula RoydAnonym
  • 05.04.2021, 16:18h
  • Antwort auf #4 von Wannderer
  • Hmm... solche Filme laufen auch bei Arte nicht in den vorderen Slots, eher nach 22 Uhr auf 3Sat oder in den Dritten...

    Und leider verbinden die von mir umrissenen Filme häufig den Verzicht auf eine besonders entwickelte Ästhetik mit einer eher blässlichen Handlung und einer wenig konzentrieren Erzählweise...

    Der "Ich-halte-eine-Kamera-drauf-und-warte-wie-es-sich-entwickelt"-Ansatz reicht leider häufig nicht aus, um einen FIlm, und sei es ein Kurzfilm, zu tragen...
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#6 StaffelbergblickAnonym
  • 05.04.2021, 16:25h
  • ich kenne nur den Trailer ... und der erinnert mich etwas an "Stadt, Land, Fluß". Dieser Film spielt ebenfalls in der "Pampa" um Berlin. Soweit ich aus dem Trailer eine Einschätzung vornehmen kann ... würde ich eher von einem "Erzählkino" ausgehen. Es wird eine Geschichte erzählt, mit Bildern, Sprache nur soweit notwendig. In dieser ldylle (???) gibt es keinen Grund für hektische Schnitte. Und Tucké Royale ("Markus") dürfte die ländliche Idylle hinreichend kennen ... er ist in Quedlinburg in Sachsen-Anhalt aufgewachsen. Inwieweit er das Thema Transman in den Film einbringt ... was ist im Drehbuch vorgesehen?????
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#7 queergayProfil
  • 05.04.2021, 16:36hNürnberg
  • Dieser Film ist sicherlich nicht zu verachten und durchaus sehenswert. Bei mir bekäme er als Bewertung die Note 3.
    Was hätte aber ein Regisseur Luchino Visconti aus diesem Stoff oder Thema in der Uckermark gemacht? Oder ein Xavier Dolan?
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#8 LebemannAnonym
  • 05.04.2021, 17:15h
  • Antwort auf #4 von Wannderer
  • Nur weil es langweilig ist, ist es noch lange nicht ästhetisch. Gebe #5 da in der Bewertung recht. Mich enervieren diese ganzen dahermäandernden und Pseudotiefe vermittelnden Produktionen inzwischen eher - einen besonderen ästhetischen Anspruch kann ich nur bedingt erkennen. Alles ein und dasselbe.
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#9 NevermindAnonym
  • 05.04.2021, 22:50h
  • Erst mal danke für die sensible und clevere Rezension zu diesem Film, die mir durchaus Lust drauf gemacht hat, ihn anzusehen, aber auch die Erwartungen realistisch hält. Dass der Film Preise beim Max-Ophüls-Festival abgeräumt hat, ist ja schon mal ein gewisser Garant für Qualität. Aber für ein Massenpublikum in der TV-Prime-Time ist so etwas ja meistens kaum geeignet.

    Interessant ist für mich einerseits, dass ich in Berlin wohne und Prenzlau und die Uckermark gut kenne. So weit ist es nun auch nicht, als dass man als Schwuler nicht am queeren Leben in der Hauptstadt partizipieren könnte. Aber es ist natürlich trotzdem weit hinter sehr vielen Wäldern.

    Verwundert hat mich, hier aus den Kommentaren zu erfahren, dass Tucke Royale ein Transmann ist. Bei Wikipedia findet sich keine Silbe dazu. Versteh ich nicht, warum. Ist doch wichtig, sicher auch für das Verständnis des Films.
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#10 KrützenAnonym
  • 05.04.2021, 23:10h
  • Die meisten schwulen Spielfilme enden nach dem Kennenlernen mit der heißen Nacht.

    Und das war es auch.

    Möglich wäre doch genauso: Berliner Miethai treibt seine Schikanen. Mal fehlt der Strom, mal fehlt das Wasser. Aus Spanien kommt ein EBAB-Gast, der sich über das Studium in Berlin informieren möchte und einen heißen Flirt im Bett hat. Plötzlich taucht ein Bagger auf, und ein Teil der Außenmauer ist weg.

    Die Hausbewohnen setzen sich zusammen. Es gibt Protestaktionen w Jakob und Adele (Ingel Meysel). Der Vermieter wird illegal beschattet: er hat ein heimliches Verhältnis. Er wird über das Ergebnis informiert. Auf einmal werden die Pläne für Luxussanierungen zurück gezogen. Und das schwule Pärchen feiert zum Schluß zusammen mit den Nachbarn dritten Hinterhof gemeinsam ein Grillparty.

    Könnte man so machen. Habe ich aber bisher weder bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen, Homochrom in Dortmund noch der Berlinale so gesehen.
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