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Bundestagswahl
Sahra Wagenknecht Spitzenkandidatin der Linken in NRW
Trotz ihrer Attacken auf "skurrile Minderheiten", "Lifestyle-Linke" und ihre eigene Partei wählte der Landesparteitag der Linken in Nordrhein-Westfalen Sahra Wagenknecht auf Listenplatz eins.

Sahra Wagenknecht ist seit 2009 Mitglied des Deutschen Bundestags (Bild: DIE LINKE Nordrhein-Westfalen / flickr)
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10. April 2021, 10:43h 3 Min.
DIe Linke in Nordrhein-Westfalen will offensichtlich keine queeren Stimmen: Sahra Wagenknecht wurde am Samstag trotz ihrer diskriminierenden Aussagen in ihrem Buch "Die Selbstgerechten" als Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl im September aufgestellt. 127 von 208 Delegierten stimmten bei einem virtuellen Parteitag für die 51-Jährige. Das entspricht einem Anteil von 61,1 Prozent. Nach den Abstimmungen über alle Plätze muss die gesamte Liste von den Delegierten noch bestätigt werden.
Wagenknecht hatte zwei Gegenkandidatinnen. Die in Gewerkschaften und sozialen Bewegungen aktive, von der Antikapitalistischen Linken unterstützte Kölnerin Angela Bankert, die sich bei ihrer Vorstellung gegen jede Regierungsbeteiligung aussprach, erhielt 58 Stimmen (27,9 Prozent), die aus Münster stammende Klimaaktivistin Hannah Harhues 12 Stimmen (5,8 Prozent). 11 Delegierte enthielten sich.
Die 20-jährige Harhues hatte erst kurzfristig kandidiert: "Ich stehe hier und kandidiere auf Platz 1, weil ich es nicht akzeptiere, als queere Person von Sahra Wagenknecht in ihrem Buch als Teil einer 'skurrilen Minderheit' mit 'Marotten' beleidigt zu werden", sagte sie in ihrer aus Münster gestreamten Bewerbungsrede – vor einer Regenbogenfahne. Harhues kritisierte u.a., dass der Einsatz gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie von Wagenknecht als Linksliberalismus dargestellt werde.

Hannah Harhues bei ihrer Bewerbungsrede (Bild: Screenshot)
Wagenknecht wiederum wehrte sich in ihrer Bewerbungsrede gegen die heftige Kritik und inszenierte sich dabei erneut als Opfer, das angeblich falsch zitiert worden sei (queer.de berichtete). "Mein Buch rechnet nicht mit der Linken ab", sagte sie, es sei ein Vorschlag für eine stärkere Linke. Einige Angriffe hätten sie schwer verletzt: "Mein Vater kommt aus dem Iran. Ich habe erlebt was es bedeutet, wegen dunkleren Hautfarbe gehänselt zu werden. Mir muss niemand erzählen, was Rassismus ist." Von ihren Parteifreund*innen forderte Wagenknecht bessere Umgangsformen, ihre eigene Wortwahl bedauerte sie nicht.
Wagenknecht lobte polnische Regierungspartei
Wagenknechts Buch, das ursprünglich erst in der kommenden Woche auf den Markt kommen sollte, hatte im Vorfeld des Parteitags hohe Wellen geschlagen. In vorab veröffentlichten Auszügen beklagt die ehemalige Oppositionsführerin im Bundestag u.a., dass die politische Aufmerksamkeit auf "immer skurrilere Minderheiten" gelenkt werde, "die ihre Identität jeweils in irgendeiner Marotte finden, durch die sie sich von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden und aus der sie den Anspruch ableiten, ein Opfer zu sein." Als Beispiel für solche "Marotten" nennt sie sexuelle Orientierung, Hautfarbe und Ethnie (queer.de berichtete).
Das Buch enthält etliche weitere Stellen, die kritisiert werden: So lässt die Politikerin kein gutes Haar an ihrer eigenen Partei, lobt aber die "couragierte Sozialpolitik" der queerfeindlichen polnischen Regierungspartei PiS. Außerdem macht sich Wagenknecht über Teilnehmer*innen von CSD-, "Fridays for Future"- oder "Black Lives Matter"-Demos lustig: Es sei "nicht erstaunlich, dass Lifestyle-Linke fast immer unter sich bleiben, wenn sie auf die Straße gehen. Und zwar ganz gleich, ob sie für das Klima, für LGBTQ+ oder gegen Rassismus demonstrieren". Bei Demos der Corona-Leugner*innen, bei denen schon mal Regenbogenfahnen zerrissen werden, sieht Wagenknecht hingegen eine große Zahl "unzufriedener Normalbürger".
Wie das Magazin "Der Spiegel" am Freitag unter Berufung auf Mitglieder des Parteivorstands berichtet hatte, forderten mehrere Linken-Politiker Wagenknecht unmittelbar vor der NRW-Aufstellungsversammlung zum Verzicht auf ihre Bundestagskandidatur auf. Auch der ehemalige Linken-Vorsitzende Bernd Riexinger hatte ihr Buch vor dem Parteitag scharf kritisiert. "Wenn man für eine Partei kandidiert, dann muss es selbstverständlich sein, dass man die Grundpositionen dieser Partei vertritt und sie stärkt", sagte Riexinger dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Das sei in dem Buch nicht gegeben.
De Bericht wurde mehrfach aktualisiert.















Ich bin mal gespannt, was dabei rauskommt.