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Interview

Warum hast du einen queeren Heimatfilm gedreht, Tucké Royale?

Im preisgekrönten Film "Neubau" pflegt ein junger trans Mann seine lesbischen Omas in der Uckermark und träumt von Berlin – wir sprachen mit dem Autor und Hauptdarsteller.


Der Allround-Künstler Tucké Royale wuchs in Quedlinburg auf und lebt heute in Berlin (Bild: Joy Kristin Kalu / wikipedia)

Mit seinen Solo-Stücken "Tucké Royale" und "Ich beiße mir auf die Zunge und frühstücke den Belag, den meine Rabeneltern mir hinterließen" wurde er bekannt. Jetzt macht Tucké Royale auch als Autor und Hauptdarsteller des Heimatfilms "Neubau" von sich reden, der unter der Regie von Johannes Maria Schmit im vergangenen Jahr beim Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken prämiert wurde. Der langerwartete Kinostart verzögerte sich aufgrund der Corona-Pandemie immer wieder. Nun läuft das queere Drama in diesem Monat in der queerfilmnacht online.


Szene aus "Neubau": Trans Mann Markus (Tucké Royal, li.) verliebt sich in den jungen Fernsehtechniker Duc (Minh Duc Pham) (Bild: Salzgeber)

Wir sprachen mit dem 1984 in Quedlinburg geborenen trans Mann, Autor, Regisseur, Musiker und Schauspieler über das in der Uckermark gedrehte Drama mit dem ungewöhnlichen Namen.

Du hast Puppenspiel an der Hochschule studiert. Könntest du Jim Knopf als Marionette bewegen?

Klar, Jim Knopf könnte ich animieren. Aber Puppenspiel im Osten hat eine ganz eigene Tradition, das ist völlig anders als die Augsburger Puppenkiste. Die Referenzen liegen im sowjetischen Ensemblespiel, dort gibt es eine klare Gewerketrennung, und die Spieler stehen mit den Puppen gemeinsam auf der Bühne. Oft sind zwei, drei Leute für eine Puppe zuständig, da braucht es ein Zusammenspiel wie im Sport oder in der Musik.

Du sagtest einmal: "Ich stelle mir einen Theaterabend immer vor wie ein Abendessen." Gilt das Motto nun auch fürs Kino?

Auf jeden Fall! Bei meiner Arbeit fühle ich mich als Gastgeber, der einige Stunden in der Küche verbracht hat – dabei aber noch Platz lassen kann für die Gäste, diesen Abend selbst mitzugestalten.


Poster zum Film: "Neubau" läuft im April 2021 in der queerfilmnacht online

Auf der Bühne bist du provokativ unterwegs, auf der Leinwand wirkt es eher ruhig als rebellisch…

Da, wo meine Arbeiten stören, gibt es gute Gründe für ihre Interventionen. Beispielsweise habe ich mich für den Zentralrat der Asozialen in Deutschland ernsthaft nach Strategien umgesehen, die bislang abgedrängte Verfolgungsgeschichte der im Nationalsozialismus als "Asoziale" Verfolgten und Ermordeten in die Öffentlichkeit zu tragen und eine Anerkennung dieser Opfergruppe zu erzwingen. Dass die Gründung eines Zentralrats 2015 provozieren kann, nehme ich gern in Kauf. Nach fünf Jahren ist diese Opfergruppe endlich von der Bundesregierung anerkannt worden. Meine Arbeiten unterscheiden sich womöglich in ihren Formen, ernst gemeint sind sie jedoch alle. Für den Film "Neubau" wollte ich etwas anderes. Ich wollte einladen, an der Alltäglichkeit und Banalität eines Sommers teilzunehmen.

Wieviel von dir steckt in dieser Figur Markus aus dem Film?

Markus Hawemann und ich sehen uns sehr ähnlich, aber sonst haben wir nicht viele Gemeinsamkeiten. Ich habe mir die Figur als Rolle erarbeitet, dazu gehörte unter anderem auch die Art, wie er geht. Für mich stellt sich im Schauspiel nicht die Frage, was man darin selbst ist. Sondern die Rolle zieht dich weg oder das Kostüm trägt dich voran.

Was hat es mit dem Prädikat "queerer Heimatfilm" auf sich?

Wir selbst sagen mit Absicht nur Heimatfilm. Wir wollten uns gar nicht in diese Nische setzen und darauf beschränken. Bei der Premiere auf dem Max Ophüls Festival haben wir erlebt, dass ein gemischtes Publikum unterschiedlichen Alters in die Vorstellung gekommen ist. Viele konnten sich unbefangen mit den Figuren identifizieren. Eine Pflegesituation wie im Film ist vielen vertraut, dazu gehört bei "Neubau", dass die Omas ein lesbisches Paar sind.


Tucké Royale als Markus (Bild: Salzgeber)

Was hat es mit der imaginären "Hologramm-Familie" auf sich, die in der Fantasie des Helden immer wieder auftritt?

Hologramm-Familie habe ich die genannt, weil sie nur Markus erscheinen. Man kann das auf verschiedene Weisen verstehen. Es ist auf jeden Fall eine Sehnsuchtsprojektion. Eine Wahlverwandtschaft, von der jedoch nicht klar ist, ob die aus der Großstadt zu Besuch kommen oder gleichfalls auf dem Land leben. Die imaginäre Familie lädt Markus auf, sie drängt ihn auch dazu, Verantwortung für seine Verknalltheit zu übernehmen.

Wie sollte man den Titel "Neubau" verstehen?

Man mag denken, dass Markus in einer Platte wohnt, tatsächlich handelt es sich um einen Neubau. Wir sind da architektonisch belehrt worden, weil wir beim Dreh in der Wohnung immer von Platte gesprochen hatten. Irgendwann hieß es: "Leute, wir wollen euch das jetzt nicht nochmals sagen: Das ist ein Neubau und kein Plattenbau!". Der Titel kann für einen Neuanfang stehen. Zudem funktioniert er klangästhetisch international ganz gut und klingt knackig. Wer "Einstürzende Neubauten" sagen konnte, der wird auch "Neubau" aussprechen können. Auch an der Kinokasse klingt es gut: "Zweimal Neubau, Nüsse und zwei Rotwein."

Direktlink | Offizieller Trailer zu "Neubau"
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Infos zum Film

Neubau. Drama. Deutschland 2020. Regie: Johannes M. Schmit. Buch: Tucké Royale. Darsteller*innen: Tucké Royale, Monika Zimmering, Jalda Rebling, Minh Duc Pham. Laufzeit: 81 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 16. Verleih: Salzgeber. Im April 2021 in der queerfilmnacht online sowie über die Seiten der Partnerkinos.


#1 JochemAnonym
  • 11.04.2021, 19:08h
  • Ein sehr guter Film. War total begeistert. Unbedingt ansehen. Lief letztes Jahr beim 24. Queer Filmfest in Weiterstadt.
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#2 queergayProfil
  • 11.04.2021, 19:18hNürnberg
  • Vom Autor und Hauptdarsteller würde ich mir als neues Film-Projekt eines mit Trans-Mann-Thematik wünschen. Ist solches überhaupt schon mal in einem Kinofilm vollwertig dargestellt oder thematisiert worden?
    In der RTL2-Reihe "Naked Attraction" trat übrigens kürzlich ein Transmann zusammen mit anderen Singles (m/w) völlig nackt auf. Das zeigt, daß auch trans Männer mittlerweile 'mainstream-wertig' geworden sind.
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#3 BrotAnonym
#4 queergayProfil
#5 BrotAnonym
  • 12.04.2021, 14:59h
  • Antwort auf #4 von queergay
  • Aber was soll denn da besonders berücksichtigt werden, wenn er so weit damit "durch" ist? Irgendwie wird sein Transsein ja schon eine Rolle spielen (habe den Film noch nicht gesehen), sonst wäre davon im blurb ja nicht die Rede.
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#6 queergayProfil
  • 14.04.2021, 03:44hNürnberg
  • Antwort auf #5 von Brot
  • Es muß doch gar nicht um eine Selbst-Dokumentation gehen. Spielfilme sind sowieso immer fiktional. Letztlich kann ein Regisseur seine Filme so machen und gestalten, wie er eben will. Die Themenbreite ist riesig und überhaupt nicht begrenzt. Egal womit ein Filmemacher schon durch ist oder auch nicht. Man darf ihm trotzdem Vorschläge machen...wozu auch immer.
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