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Nationalsozialismus

"Amor im Braunen Hause": Darf man über Röhm-Karikaturen lachen?

Heute vor 90 Jahren – am 14. April 1931 – begann die sexuelle Denunziation des SA-Führers Ernst Röhm. Gegen Faschisten und Homosexuelle wurde auch mit Karikaturen gekämpft.


Ernst Röhm (1887-1934): schwules Opfer, aber vor allem Täter des NS-Regimes (Bild: Bundesarchiv)

1931 wurde die Homosexualität des SA-Führers Ernst Röhm publik. Es kam daraufhin zu einer Kampagne, an der sich sozialdemokratische, kommunistische und bürgerliche Zeitungen beteiligten – in der hehren Absicht, den Faschismus zu bekämpfen. Den Anfang machte die sozialdemokratische "Münchener Post" am 14. April 1931 – viele andere Zeitungen zogen nach.

Mit diesem Artikel möchte ich nicht die gesamte Bedeutung des Skandals und die Rolle der Zeitungen aufarbeiten, sondern zwölf Röhm-Karikaturen in den Mittelpunkt rücken. Sie waren ein wichtiger Teil der sexuellen Denunziationskampagne und beziehen sich in noch deutlicherer Form als die redaktionellen Texte auf Röhms Homosexualität. Sie reichten zeitlich von der anfänglichen Verteidigung Röhms durch Adolf Hitler bis zu Röhms Ermordung 1934.

Um die Karikaturen zu verstehen, werde ich zunächst die politischen Hintergründe erläutern. Dabei lohnt sich auch ein Vergleich mit den Karikaturen, die zur homosexuellen Eulenburg-Affäre (1907-1909) publiziert wurden und die mustergültig von James Steakley (in seinem Buch "Die Freunde des Kaisers", Männerschwarm, 2004) untersucht wurden. Auf Steakleys Untersuchung, die mich zu diesem Artikel inspirierte, werde ich mehrfach verweisen. Gerade durch die Ähnlichkeit der Karikaturen lassen sich gut historische Kontinuitäten aufzeigen. Anders ausgedrückt: Es ist erschreckend, wie eine Gesellschaft über Jahrzehnte zum Thema Homosexualität nichts dazugelernt hatte.

Eine weitere wichtige Informationsquelle für mich war Alexander Zinns Buch "Die soziale Konstruktion des homosexuellen Nationalsozialisten" (2007). Zinn beschäftigt sich intensiv mit Ernst Röhm und dem "'Röhm-Putsch' in Witz und Karikatur des Exils" (S. 118-122).

Vom ersten Gerücht bis zur ersten Pressekampagne (1931)

Seit Anfang Januar 1931 war Ernst Röhm der Leiter der SA. Schon einen Monat nach Röhms Ernennung musste Adolf Hitler in einem ungewöhnlichen SA-Erlass die moralischen Vorwürfe zurückweisen, die es gegen die SA gab (s. erste Karikatur). Im April 1931 geriet Röhm zusätzlich durch Ermittlungen der Münchener Polizei unter Druck, bei denen es um Prostitution und Erpressung ging. Diese vagen Vermutungen wurden von Zeitungen aufgegriffen, die damit den "Sittenverfall" und die NS-Doppelmoral kritisieren wollten.

Die sozialdemokratische "Münchener Post" startete die Kampagne. Hier erschien am 14. April 1931 der erste Artikel "Stammtisch 175". Ihm folgten die Artikel "Warme Brüderschaft im Braunen Haus" (22. Juni) und "Das Braune Haus der Homosexuellen" (24. Juni). Diese erste Enthüllungswelle, die auch von der kommunistischen und der bürgerlichen Presse getragen wurde, beruhte zum großen Teil auf falschen Angaben und wäre vermutlich schnell ins Leere gelaufen. Die Münchener Staatsanwaltschaft bekam jedoch von der Berliner Polizei den Hinweis, dass ein Dr. Heimsoth wichtige Unterlagen habe, die Röhms Homosexualität belegen könnten. Bei einer anschließenden Hausdurchsuchung wurden im Juli 1931 drei Briefe aus den Jahren 1928 und 1929 beschlagnahmt, die Ernst Röhm an den schwulen Mediziner und Nationalsozialisten Karl-Günther Heimsoth geschrieben hatte, mit dem ihn ein persönliches Verhältnis verband. (Heimsoth wird wegen seiner 1924 erschienenen Dissertation über "Hetero- und Homophilie" manchmal auch als Homosexuellenaktivist angesehen). Der Münchener Oberstaatsanwalt betonte, dass diese Briefe keine Aussagen über den verhandelten Straffall machten – allerdings auch, dass sie Röhms Homosexualität eindeutig belegten.


Der Anfang des Artikels vom 14. April 1931 und des weitreichenden Skandals

Von Röhms Briefen bis zu Hitlers Ernennung zum Reichskanzler (1932/1933)

Die drei beschlagnahmten Briefe wurden der Presse zugespielt und Anfang März 1932 in einer Broschüre unter dem Titel "Der Fall Röhm" publiziert. Herausgegeben wurde diese von der schillernden Figur des Helmuth Klotz. Er war Herausgeber der "Antifaschistischen Pressekorrespondenz", früher jedoch selbst Mitglied der NSDAP gewesen und damit intimer Kenner der von ihm nun bekämpften Partei. Auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung (kurz vor der Reichspräsidentenwahl am 13. März und 10. April 1932) macht deutlich, dass die Veröffentlichung politisch motiviert war und dass das Ziel dieser Kampagne weniger Ernst Röhm als vielmehr Adolf Hitler war, der für das Amt des Reichspräsidenten kandidierte.


Ein freundschaftlicher Briefwechsel mit dem Mediziner und Nationalsozialisten Karl-Günther Heimsoth, der die Kampagne befeuerte

Erwartbar stürzte sich die sozialdemokratische Presse auf diese Briefe, die im März 1932 auszugsweise in verschiedenen Zeitungen erschienen. Hitler verteidigte Röhm am 6. April 1932 zum zweiten Mal. Hitler verlor zwar die Wahl zum Reichspräsidenten, wurde aber am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt. Ab März 1933 waren die Zeitungen in Deutschland entweder auf Linie, wurden gleichgeschaltet oder verboten. Die Zeitungen, die noch erscheinen durften, mieden aus naheliegenden Gründen das Thema Ernst Röhm.

Vom "Röhm-Putsch" bis zur "Nacht der langen Messer" (1934)

Anfang 1934 willigte Hitler ein, die SA-Führung überwachen zu lassen, weil u.a. die Reichswehr in der SA eine Konkurrenz sah und damit drohte, Hitlers Regierung die weitere Unterstützung zu entziehen. Ab Juni 1934 wurde das Gerücht kolportiert, dass die SA unter Röhm einen Putsch plane. Die Nacht zum 30. Juni 1934 wurde zum Auftakt der Niederschlagung des angeblich von Ernst Röhm geplanten Putschversuches. In den darauffolgenden Tagen wurden viele Menschen ermordet, die zur SA-Spitze um Röhm gehörten oder sonst dem NS-Regime politisch missliebig waren. Die Angaben schwanken zwischen 80 und 200 Opfern. Das prominenteste Opfer war Ernst Röhm, der am 1. Juli in seiner Gefängniszelle erschossen wurde.

Heute ist sicher, dass es keinen Putschversuch Röhms gab und dass diese Behauptung ein gezieltes Täuschungsmanöver gegenüber der Öffentlichkeit war. Röhm stand Hitler, der Reichswehr und der SS politisch im Wege, seine Homosexualität war Hitler und der Öffentlichkeit seit Jahren bekannt. In der Propaganda wurde ein Zusammenhang zwischen dem angeblichen Putschversuch und der homosexuellen "Clique" um Röhm konstruiert. Seit dem "Röhm-Putsch" wurden Homosexuelle zu Feinden des NS-Regimes erklärt und in verschärftem Maße systematisch verfolgt. 1935 wurde der § 175 verschärft.

Die Bedeutung von Karikaturen und die Gemeinsamkeiten mit dem Eulenburg-Skandal


James Steakley: "Verweiblichung" wird zum Kern der politischen Auseinandersetzung

James Steakley fasst in seinem Buch "Die Freunde des Kaisers. Die Eulenburg-Affäre im Spiegel zeitgenössischer Karikaturen" (2004) gut zusammen, was ihn an den Karikaturen von 1907 bis 1909 fasziniert: Sie gewährten "trotz ihrer oft unbillig vereinfachenden Weise schlaglichtartige Einblicke in die kulturellen Normen und Ängste" einer Gesellschaft. Die Karikaturen, "die durch ihre bildliche Unmittelbarkeit Anklagen, Forderungen, Belehrungen und Warnungen an die Betrachter richteten", veranschaulichten oft "wesentlich besser als die zeitgenössischen Texte" die Emotionen der Bevölkerung (S. 13-14).

Steakley betont ausdrücklich, dass "in den frühen dreißiger Jahren antifaschistische Satiriker fast die gleichen Motive noch einmal auf[griffen], um den homosexuellen SA-Stabschef Ernst Röhm zu diffamieren" (S. 115). Dies lässt sich konkretisieren. In beiden Fällen rückt eine militärische bzw. paramilitärische Organisation in den Fokus: Bei Eulenburg war es das "Regiment der Gardes du Corps", bei Röhm die SA. In beiden Fällen sei, so Steakley, die "Verweiblichung" zum "Kern der politischen Auseinandersetzung" geworden (S. 150). Mit tuntig-verzückter Gestik und molligen Hüften seien Schwule zu einem "Sinnbild männlicher Effeminiertheit" (S. 43) und mit "Wespentaille" zu "grotesk-schwächliche[n] Zwitterwesen" (S. 67) gemacht worden.

Zum Teil ging es bei diesen Skandalen nicht in erster Linie um "Sittlichkeit", sondern um politische Motive. Mit der Eulenburg-Kampagne wollten einige auch Kaiser Wilhelm II., mit der Röhm-Kampagne viele auch Hitler treffen. Nach dem Eulenburg-Skandal wurde die Homosexuellenbewegung massiv zurückgeworfen (S. 161). Der Faschismus beendete sogar die frühe Homosexuellenbewegung, was allerdings schon vor der Inszenierung des "Röhm-Putsches" geschah.

Zwölf Karikaturen

In der folgenden Erörterung von zwölf Karikaturen ist das zentrale Parteiorgan der SPD, der "Vorwärts", besonders häufig vertreten. Das bedeutet nicht, dass in dieser Zeitung die meisten Karikaturen zum Thema publiziert worden, sondern nur, dass ich im online verfügbaren "Vorwärts" eine eigene Recherche durchgeführt habe.

Viele werden wohl Karikaturen aus der satirischen Wochenzeitschrift "Simplicissimus" (1896-1944) vermissen. Auch diese Zeitschrift ist vollständig online und ich habe sie für den Zeitraum ebenfalls ausgewertet. Außer der nichtssagenden Karikatur "Völkischer Bubisang" (1931, Heft 16, S. 182), deren Humor sich ausschließlich über das zugehörige Gedicht erschließt, habe ich im "Simplicissimus" jedoch keine Röhm-Karikaturen gefunden. Zumindest für den Zeitraum bis Februar 1933 habe ich dafür keine Erklärung.

Zur "Nacht der langen Messer" habe ich zwar einige Karikaturen in ausländischen Zeitungen gefunden, die sich jedoch nicht direkt mit Röhm oder Homosexualität auseinandersetzen. Ich habe sie deshalb unberücksichtigt gelassen, genau wie die unzähligen Karikaturen, die die SA als einen gewalttätigen Haufen aufgreifen.

"Hitlers Falstaffgarde"



Den Anfang macht eine Karikatur aus dem "Vorwärts" – also jener Zeitung, die 1876 als sozialdemokratische Zeitung erstmals erschien und bis heute die Parteizeitung der SPD ist. Diese Karikatur erschien im "Vorwärts" (21. Februar 1931) noch vor dem Beginn der Pressekampagne. Weil die Quelle von Hitlers Zitat mit angegeben ist, kann hier eine klare inhaltliche Verbindung zur Homosexualität aufgezeigt werden. Sie ist ein fast wörtliches Zitat von Adolf Hitler, der sich am 3. Februar 1931 mit dieser ungewöhnlichen Äußerung vor seinen Stabschef stellte. Die Person Adolf Hitlers einschließlich seiner Gesichtszüge sind nicht überzeichnet, womit sich diese Karikatur nur über die SA als wüste Schlägertruppe lustig macht. Die anscheinend angedeutete Homosexualität spielt hier eher eine Nebenrolle. Auf Röhm als Person wird man sich erst mit den späteren Karikaturen einschießen. Mit dem Namen "Falstaff" wurden – nach William Shakespeare – trink- und raufsüchtige Soldaten bezeichnet.

"Amor im Braunen Hause"



Der "Vorwärts" (26. Juni 1931) wird nun erstmals deutlicher, bezieht sich mit dieser Karikatur ausdrücklich auf die "Münchener Post" (mit ihren homosexuellen Anschuldigungen) und bringt ergänzend einen Artikel zum § 175 RStGB. Das Bildmotiv ist die erste Variation einer "Parade von hinten", was auch mit dem verstärkenden Untertitel ("hinter Euch") auf Analverkehr verweist und als Bildmotiv schon bei früheren Karikaturen zum Eulenburg-Skandal zu finden ist (Steakley, S. 18, 20, 21, 141). Zu sehen ist außerdem Amor, der römische Gott der Liebe, der auf die zeichnerisch betonten Hintern der SA-Männer zeigt, während sich Röhm an seinen eigenen Hintern fasst.

Auch Amor ist aus früheren Karikaturen bekannt und schießt bei Homosexuellen nicht ins Herz, sondern in den Hintern (Steakley, S. 49, 66), womit seine Pfeile auch als Phallus-Symbole interpretierbar sind. Im Hintergrund hängt eine "Ehrentafel der gefallenen SA-Jungen". Dies ist ein Wortspiel, weil als "gefallen" nicht nur die im Kampf getöteten Soldaten bezeichnet wurden, sondern auch junge Frauen, die ihre Jungfräulichkeit verloren hatten, ohne verheiratet zu sein ("gefallene Mädchen"). Es ist die anspielungsreichste Röhm-Karikatur meiner Sammlung.

"Geschenk für Hitlers Stabschef"



Wie bei der ersten Karikatur wird auch bei dieser "Vorwärts"-Karikatur (9. März 1932) eine Textquelle angegeben, auf die sich die Zeichnung bezieht. Es ist eine Stelle aus einem Brief Röhms vom 11. August 1929, den er aus Bolivien an Heimsoth geschrieben hatte: "Oder hätten Sie für junge Neger in Uniform etwas übrig?" Mit Bezug auf seine "schwarzen Bekannten" schrieb Röhm: "dieser Typ ist mein Ideal" (s. "Der Fall Röhm", S. 16f.). Es geht also um junge schwarze Rekruten, die Röhm sexuell attraktiv fand.

Aus einem Impuls heraus sehen heutige Zuschauer*innen hier Rassismus. Vor dem Hintergrund des Briefzitates und unter Berücksichtigung der Darstellung der jungen schwarzen Rekruten lässt sich dies nur aus der Karikatur heraus nicht begründen. Oberflächlich betrachtet könnte man diese Satire sogar verteidigen, weil sie die Heuchelei der Nazis anprangert, die "fremde Rassen" ablehnten, deren SA-Führer aber andererseits diese Personengruppe attraktiv findet. Einer genaueren Betrachtung hält dies jedoch nicht stand. Der unterschwellige Rassismus der Karikatur liegt darin, dass eine Garde von schwarzen Rekruten zu dieser Zeit als etwas Groteskes wahrgenommen wurde. Es ist eine Steigerung der Diffamierung, dass Röhm nicht nur auf Männer, sondern auf schwarze Männer steht. Hier muss zumindest eine Rassismus-Problematik wahrgenommen werden, weil die Schärfe der Karikatur auch durch rassistische Vorbehalte gegenüber Schwarzen bestimmt ist.

Während das Zitat korrekt wiedergegeben ist, sind andere Zusammenhänge hier übertrieben bzw. erfunden, wie zum Beispiel die Andeutung, dass sich Röhms sexuelles Interesse auf Jugendliche richte (wegen der Endung "-lein") und vor allem die Behauptung, dass Adolf Hitler dies unterstütze. Mit einem Angriff, der sich nun erstmals auch gegen Hitler richtet, ist dies wohl die provokativste "Vorwärts"-Karikatur zu diesem Thema. Nur in zwei Röhm-Karikaturen wird überhaupt auf Hitler eingegangen: Im ersten Beispiel (s.o.) ist Hitler allerdings höchstens ein Mitwisser und seine Figur und sein Gesicht werden nicht karikierend dargestellt. Dagegen ist Hitler in dieser Karikatur ein "Mittäter" und wird – man achte auf sein Gesicht an der Wand – auch selbst überzeichnet.

"Rollkommando Heines"



Diese Karikatur aus dem "Vorwärts" (14. Mai 1932) hätte ich bei der Recherche fast übersehen, weil hier Ernst Röhm in einer Nebenrolle aufzutreten scheint und so wirkt, als würde ihn das Geschehen kaum etwas angehen. Dabei ist jedoch das Gegenteil der Fall. Fünf SA-Burschen müssen sich hier für einen Überfall am 12. Mai 1932 auf den Journalisten Helmuth Klotz rechtfertigen. Helmuth Klotz war zuvor von der NSDAP zur SPD übergetreten und hatte im März 1932 die Briefe Ernst Röhms veröffentlicht, die dessen Homosexualität offenbarten. Insofern verwundert es nicht, dass Röhm in dieser Karikatur die Täter mit den Worten "Bravo, Jungens!" ausdrücklich lobt. Röhm wird dabei übertrieben feminin dargestellt, was einen angeblichen Widerspruch zwischen der harten "Männlichkeit", die die SA zur Schau stellte, und angeblicher "Verweichlichung" aufgrund von Homosexualität zum Ausdruck bringen soll – mit gezierten Handbewegungen, einer Blume in Röhms Hand und Damenschuhen.

In der Karikatur ist in vorderster Front der Hauptangeklagte und NSDAP-Reichstagsabgeordnete Edmund Heines zu sehen. Im Zusammenhang mit der Röhm-Affäre wurde Heines zwei Jahre später – am 30. Juni 1934 – verhaftet und erschossen, nachdem er angeblich im Bett mit einem Mann angetroffen wurde. Das NS-Regime verwies auch auf seine Homosexualität, um damit die Morde im Rahmen des "Röhm-Putsches" zu legitimieren. Wie hätte Edmund Heine auf dieser Karikatur wohl ausgesehen, wenn der Karikaturist schon 1932 von seiner Homosexualität gewusst hätte?

"Röhms Mordsangst"



In dieser "Vorwärts"-Karikatur (5. Oktober 1932) wird der "Osaf" (Oberster SA-Führer) Röhm gefragt, warum er denn so zittere. Auch wenn ihn einige Geister in Gestalt von SA-Männern von vorn und hinten bedrohen, ist Röhms "Gefühl, es käme einer von hinten", als eine weitere Anspielung auf Analverkehr anzusehen.

Auch die Hintergründe der Karikatur haben mit Homosexualität zu tun und erklären sich gut über den Artikel zu Röhm, den die Zeitung auf derselben Seite abdruckte. Röhm war gegen die sozialdemokratische "Münchener Post" wegen Verleumdung gerichtlich vorgegangen. Am 24. Juni 1931 war der Artikel "Das Braune Haus der Homosexuellen. […] Schulz berichtet" publiziert worden, wonach sich der NS-Funktionär Paul Schulz an der sexuellen Denunziation Röhms beteiligt haben soll. Dabei ist wohl nicht unerheblich, dass dieser Paul Schulz neben Ernst Röhm der aussichtsreichste Anwärter auf den Posten des Stabschefs der SA gewesen war. Röhm hatte sich mit dieser Klage also nicht nur mit einer sozialdemokratischen Zeitung, sondern auch mit einem anderen hochrangigen NS-Funktionär angelegt. Der "Vorwärts" schreibt ihm die begründete Angst zu, dass die SA so brutal gegen ihn vorgehen könnte, wie sie auch gegen andere vorging.

"Deutsches Lachkabinett"



Neben zwei anderen Personen wird in dieser "Vorwärts"-Karikatur (6. Oktober 1932) auch der SA-Chef Ernst Röhm zu diskreditieren versucht. Die Gründe für seine Verzweiflung sind die gleichen, wie ich sie für die Karikatur einen Tag vorher am 5. Oktober (s. voriger Eintrag) geschildert habe und wie sie auch in dem auf der gleichen Seite abgedruckten Artikel "Röhm wird widerlegt" aufgezeigt werden. Der Mann, in dessen Schoß sich Röhm flüchtet, ist der Ex-Nazi Karl Mayr, der 1925 in die SPD eingetreten war.

Die Karikatur spielt darauf an, dass Röhm an Mayr Informationen über seine parteiinternen Gegner übergab. Mayr hatte diese Intrige öffentlich gemacht, was für Röhm und die gesamte NSDAP sehr peinlich war und u. a. mit dieser Karikatur ausgeschlachtet wird. Röhms körperliche Annäherung an Mayr ist damit in erster Linie eine Visualisierung seiner Intrige.

Damit gibt es Parallelen zu anderen Karikaturen, bei denen politische Vorgänge der Annäherung mit Umarmungen, Küssen etc. unter Männern visualisiert werden, wie etwa eine Karikatur bei der Hitler und Papen nicht nur sprichwörtlich "unter einer Decke" stecken ("Vorwärts"-Karikatur, 07.01.1933). Bei der Röhm-Karikatur lässt sich jedoch ein indirekter Bezug zur Homosexualität vermuten. Röhm wird als weinerlich und schutzsuchend dargestellt, was konträr zu seiner öffentlichen und betont "männlichen" Rolle steht. In der Form, wie Röhm den Schoß eines Mannes sucht, sind sogar Assoziationen mit aktivem Oralverkehr möglich.

Die Darstellungen der beiden anderen Personen stehen nicht mit Homosexualität in Verbindung. Erich Scholz ist mit einem Mikrofon zu sehen, weil dieser für einen Rechtsruck im Rundfunk sorgte. Franz Bracht misst die Badebekleidung einer Frau, was sich auf seinen berühmt-berüchtigten "Zwickelerlass" bezieht.

"Röhm nimmt die Parade der SA ab"



"Roter Pfeffer" war eine eigenständige KPD-Satirezeitschrift, die in Deutschland von 1928 bis Anfang 1933 erschien. Danach erschien "Roter Pfeffer" vom 19. November 1933 bis Ende März 1934 als zweiseitige satirische Beilage der antifaschistischen Exilzeitschrift "Der Gegen-Angriff", deren Erscheinungsort in dieser Zeit mit Prag, Paris und Basel angegeben wurde. In der Karikatur in "Roter Pfeffer" (3. Dezember 1933, hier nach Zinn, S. 95) wird Ernst Röhm dargestellt, wie er eine Parade seiner SA abnimmt. Dabei ist sein Blick auf die Hintern der Männer ausgerichtet, die so geformt sind, dass ihre eng anliegenden Hosen fast wie gezeichnete Pobacken wirken. Dies ist eine weitere Variation des Motivs "Parade von hinten" – und damit eine Anspielung auf Analverkehr.

"Weihnacht à la hundertfünfundsiebzig"



Einige Wochen später erschien in der Beilage "Roter Pfeffer" (24. Dezember 1933, hier nach Zinn, S. 89) eine weitere Karikatur über Röhm. Die Szenerie wirkt zunächst recht harmlos wie ein Spiel von einem Vater mit seinen Söhnen. Durch den Text wird jedoch der homosexuelle Bezug sehr deutlich: "Der dicke Röhm, er ist zwar etwas kitzlig / Liebt Weihnacht nur à la hundertfünfundsiebzig".

Als deutliches Signalwort fungiert hier der Hinweis auf den § 175 Reichsstrafgesetzbuch, der homosexuelle Handlungen unter Männern unter Strafe stellte und von den Nazis später verschärft wurde. Aus dem spielerischen Herumtollen wird damit der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen. Auch wegen seiner korpulenten Figur wurde Röhm zusätzlich verspottet, was in dieser Karikatur durch die Hervorhebung in Bild und Text ("der dicke Röhm") besonders deutlich wird, aber als Element der Diskreditierung auch in anderen Karikaturen zu finden ist.

"Was eine Frau im Frühling träumt"



Der "Gegen-Angriff" war eine antifaschistische deutsche Exilzeitschrift unter dem Einfluss der Komintern, eines internationalen Zusammenschlusses kommunistischer Parteien, die von 1933 bis 1936 in Prag, Paris und Basel erschien. Im "Gegen-Angriff" (14. April 1934, hier nach Zinn, S. 89) erschien die Karikatur von einem träumenden Ernst Röhm, der seine Hände in weiblich anmutender Weise zwischen seine Oberschenkel legt und in den Himmel starrt, wo er eine Wolkenformation in Form von zwei Pobacken sieht. Vor allem mit dem Untertitel "Stabschef Röhm: Was eine Frau im Frühling träumt" wird er verweiblicht, was – im Sinne damaliger Geschlechterkonzepte – für einen Mann eine Herabsetzung darstellte.

"Deutschland 1934"



Das "Pariser Tageblatt" und dessen Nachfolgerin, die "Pariser Tageszeitung", war eine von 1933 bis 1936 erschienene deutschsprachige Tageszeitung im Exil. Sie war parteiunabhängig und wurde von verschiedenen deutschen liberalen und linksgesinnten Journalisten gegründet. Die Karikatur, die im "Pariser Tageblatt" (8. Juli 1934, hier nach Zinn, Buchcover) abgedruckt wurde, zeigt SA-Männer mit schmalen Hüften und breiten Becken, die feminin wirken sollen, bei einer Parade. Sie weisen vollkommen übertrieben tuntige Handbewegungen auf und eng anliegende Hosen, die so gezeichnet sind, als wären es gezeichnete Pobacken. Als Variation einer "Parade von hinten" zielt diese Zeichnung wie die anderen auf Analverkehr ab. Es ist die wohl die bekannteste Karikatur über "schwule Nazis" und die erste mir bekannte Karikatur zu diesem Thema, die posthum nach Röhms Ermordung am 1. Juli 1934 erschien.

Die Karikatur wurde u.a. in einer Handreichung für Schüler*innen mit dem Titel "Queer History" (o. J., S. 5-6) von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes abgedruckt und mit einer Aufgabe verbunden: "Interpretiere die Karikatur […]. Was könnte sie mit Ernst Röhm zu tun haben?"

"Witwe ohne Gehaltsanspruch"



"Der Simplicus" war die von 1934 bis 1935 in Prag erscheinende Emigrationsausgabe der berühmten Zeitschrift "Simplicissimus" (1896-1944). In einer Ausgabe von "Der Simplicus" (26. Juli 1934, hier nach Zinn, S. 122) hat ein schwules SA-Mitglied durch die "Nacht der langen Messer" offenbar seinen Mann verloren, wobei der Trauernde als zierlich, feminin und weinerlich dargestellt wird. Die Trauer, auch das macht die Karikatur deutlich, bezieht sich jedoch nicht auf den Verlust des Freundes, sondern auf den finanziellen Verlust.

"Röhms Grab. Friede seinem Asche"



Einen Monat später erschien in der gleichen Zeitschrift "Der Simplicus" (30. August 1934, hier nach Zinn, S. 121) diese Karikatur. Die Phantasie zur Ergänzung des "r" wie "Arsche" konnte man bei den Leser*innen wohl genauso voraussetzen wie die, aus dem Wortspiel Vorstellungen von Analverkehr abzuleiten. Ähnliches gilt für die Engel auf dem Grabstein. In der christlichen Bildtradition sind sie entsexualisierte Wesen, hier jedoch werden sie durch die Art, wie sie sich gegenseitig ihren nackten Hintern zuwenden, Teil eines homosexuellen Arrangements. Bei dem ruhigen Bild und dem Wort "Friede" denkt man spontan wohl daran, dass man über Tote doch eigentlich nicht schlecht reden sollte. Auch diese Karikatur belegt jedoch, dass die sexuelle Denunziation posthum fortgesetzt wurde. Röhms Ermordung zog erwartbar kein Mitleid nach sich.

Die Unterschiede zu den Eulenburg-Karikaturen (1907-1909)

Durch James Steakleys Buch "Die Freunde des Kaisers" (2004) lassen sich die Unterschiede zwischen den Skandalen und den Karikaturen aus beiden Epochen verdeutlichen. Der Unterschied ist vor allem quantitativ. Die Eulenburg-Affäre war über einen langen Zeitraum im Brennpunkt der nationalen und internationalen Aufmerksamkeit und Steakley konnte rund 100 Karikaturen auswerten. Der Fall Röhm kommt an diese Bedeutung bei weitem nicht heran und ich bin mir nicht sicher, ob sich bei einer umfassenderen Recherche mehr als 20 Karikaturen finden lassen würden. Die von Steakley gefundenen Karikaturen scheinen insgesamt aber auch anspielungsreicher zu sein. So hat er alleine zehn Karikaturen gefunden, die mit einer Nelke im Knopfloch ein Codezeichen für Homosexuelle aufgreifen (S. 178). Auch die vielen Rückgriffe auf biblische Motive, mythische und allegorische Figuren sowie auf historische Persönlichkeiten fehlen in dieser Variationsbreite in den Karikaturen zu Röhm.

Neugierig auf Bücher und Filme geworden?

Zu Ernst Röhm und zur Geschichte sexueller Denunziationen sind mittlerweile viele Bücher und Filme erschienen. Neben den bereits zitierten Büchern von Alexander Zinn und James Steakley möchte ich auf das wichtige Buch von W. U. Eissler "Arbeiterparteien und Homosexuellenfrage" (1980) verweisen. Mit dem Werk "Ernst Röhm. Hitler's SA chief of staff" (2008) ist von der australischen Militärhistorikerin Eleanor Hancock erst sehr spät eine erste wissenschaftliche Biographie über Röhm erschienen. Eine gute Zusammenfassung bietet auch Susanne zur Nieden mit ihrem Aufsatz "Aufstieg und Fall des virilen Männerhelden. Der Skandal um Ernst Röhm und seine Ermordung" (in dem Sammelband "Homosexualität und Staatsräson. Männlichkeit, Homophobie und Politik in Deutschland 1900-1945", 2005).

Ich kann verstehen, dass mit Filmen historische Ereignisse besser nachvollzogen werden können. Luchino Visconti hat in seinem Film "Die Verdammten" ("The damned", 1969) die "Nacht der langen Messer" recht drastisch inszeniert. Er zeigt sie als große schwule Orgie, bei der am nächsten Morgen alle Teilnehmer erschossen werden (1:37:40-1:47:20 Min.). Mehr um Realismus bemüht ist der gut gemachte Spielfilm-Doku-Mix "Der 'Röhm-Putsch'" (1967), der in Bolivien beginnt, wo Röhm seine Homosexualität bereits auslebte (6:00-6:40 Min.). In Deutschland werden die "Verleumdungen" gegen ihn und Hitlers Äußerung von 1931 kurz erwähnt (13:30-14:00). Der Abgeordnete Edmund Heines macht sich darüber lustig, dass die Leute Angst wegen seiner Homosexualität haben (8:50). Er wird später in der "Nacht der langen Messer" mit einem Mann im Bett erwischt (56:00) und ebenfalls ermordet.

Ernst Röhm ist Opfer und vor allem Täter

Es irritiert unser Verständnis von Geschichte, wenn Menschen nicht nur Täter*innen, sondern auch Opfer der NS-Diktatur sind. Dazu gehören Kapos in KZs, die selbst Häftlinge waren und andere Häftlinge quälten, aber auch 16-jährige Soldaten, die im Krieg getötet wurden. Ernst Röhm ist in einem wesentlich höheren Maße ein Täter, weil er das Gewaltregime selbst schuf, dass sich später gegen ihn richtete.

Die irritierenden Gefühle über Opfer und Täter werden durch das Lesen von Röhms Briefen noch verstärkt. Er schreibt von seinem Kampf (bzw. ich "kämpfe") gegen den § 175, davon, wie er an einem Kunstmaler hängt, und von seinen aufregenden Erlebnissen in Bädern. Es irritiert, dass das, was Röhm schreibt, von heutigen Schwulen nachempfunden werden kann. Wüsste man nicht, dass der Briefschreiber einer der gefährlichsten Nazis des Regimes war, wären diese Passagen ein beachtliches schwules Selbstzeugnis. So bleiben es Äußerungen, die einen Einblick in Röhms Privatleben gestatten, ihn aber nicht zu einem sympathischen Nazi machen.

Als wichtiges Zeitdokument sind die Briefe, die in der Broschüre "Der Fall Röhm" (1932) abgedruckt wurden, ebenso alle Ausgaben des "Vorwärts". Dies ist ein Verdienst der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn, die mich übrigens – trotz bestehender Corona-Probleme – unbürokratisch mit Kopien aus Zeitungen unterstützte. Vielen Dank dafür!

Was darf Satire?

Satire darf ja bekanntlich fast alles. Eine großartige Satire – die den Faschismus angriff – ist "Der große Diktator" (1940) von und mit Charles Chaplin. Satire soll in einer Form unterhalten, die bewirkt, dass einem der Humor ein bisschen im Halse stecken bleibt. Das erreichten sowohl Charles Chaplin als auch die Röhm-Karikaturen. Üblicherweise hat Satire etwas sehr Konstruktives, indem politische oder gesellschaftliche Zustände kritisiert werden. Das ist der große Unterschied zwischen der Satire Chaplins und den Röhm-Karikaturen: Der Kampf gegen den Faschismus ist etwas sehr Konstruktives, sich bei diesem Kampf auch homophober Ressentiments zu bedienen ist es nicht.

Die politischen Schlussfolgerungen

Alexander Zinn zeigt in "Die soziale Konstruktion des homosexuellen Nationalsozialisten" (2007, S. 47) nicht nur auf, dass die Inszenierung der "Röhm-Affäre" das Ziel, die Nationalsozialisten durch sexuelle Denunziation von der Macht fernzuhalten, letztendlich nicht erreicht hat. Schlimmer noch: "Sie trug zum Entstehen erster Ansätze einer Faschismus-'Theorie' bei, in deren Mittelpunkt die Konstruktion einer ursächlichen Verknüpfung von homosexueller Veranlagung und Nationalsozialismus stand." Das Klischee vom schwulen Nazi war damit geboren.

Es bleibt schlimm, dass sich an der sexuellen Denunziation die unterschiedlichsten Parteien beteiligten. In einem nicht namentlich gezeichneten Beitrag in der "Weltbühne" (1931, S. 117) über Röhm findet sich ein Satz, in dem mehr Weisheit steckt als in all den hetzerischen Presseartikeln über Röhm zusammen: "Sind wir Linken für die Aufhebung des Paragraphen 175 [und damit für die Legalisierung von Homosexualität], dann ist es inkonsequent, ihn gegen den Feind auszuspielen."

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#1 Ralph
  • 14.04.2021, 09:41h
  • Vielen Dank für diesen Artikel. Das eigentlich Erschreckende an den damaligen Vorgängen ist, dass offenbar Röhms Homosexualität als schlimmer und leichter angreifbar betrachtet wurde denn seine politische Einstellung und seine politischen Handlungen. Auch brauchen wir uns über heutige Agitation sozialdemokratischer und linker Politiker/innen wie Gabriel, Thierse, Schwan oder Wagenknecht gegen LSBTI nicht zu wundern. Es gibt links von der Mitte eine Traditionslinie (den Begriff durchaus im Thierse'schen Sinne gebraucht) gegen LSBTI, die noch heute die Brücke nach weit rechts schlägt.
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#2 AtreusProfil
  • 14.04.2021, 10:22hSÜW
  • Für mich hat die Frage Johannes Kram auf wunderbare Weise geklärt.

    Satire/Comedy/Kabarett kann sein:

    Eine homosexuelle Person, die sich lächerlich verhält.

    Homophobie ist:

    Eine lächerliche Person, weil sie homosexuell ist.
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#3 WipperfischerAnonym
  • 14.04.2021, 10:23h
  • Sehr schön ausführlicher Artikel, der sich mit einem Grundproblem beschäftigt, was im politischen Kampof gegen die Feinde der Demokratie erlaubt ist. Dazu hat auch der Weltbühnenmitarbeiter, Satiriker und Jurist Kurt Tucholsky einen Beitrag "Röhm" geschrieben. Im Auszug:
    ...Ich halte diese Angriffe nicht für sauber. Gegen Hitler und seine Leute ist jedes Mittel gut genug. Wer so schonungslos mit andern umgeht, hat keinen Anspruch auf Schonung - immer gib ihm! Ich schreckte in diesem Fall auch nicht vor dem Privatleben der Beteiligten zurück - immer feste! Aber das geht zu weit - es geht unseretwegen zu weit. Zunächst soll man seinen Gegner nicht im Bett besuchen..." Es heißt wenige Zeilen weiter: Doch wollen mir die Witze über Röhm nicht schmecken. Seine Veranlagung widerlegt den Mann gar nicht. Er kann durchaus anständig sein, solange er nicht seine Stellung dazu mißbraucht, von ihm abhängige Menschen aufs Sofa zu ziehn, und dafür liegt auch nicht der kleinste Beweis vor. Wir bekämpfen den schändlichen Paragrafen Hundertfünfundsiebzig, wo wir können; also dürfen wir auch nicht in den Chor jener miteinstimmen, die einen Mann deshalb ächten wollen, weil er homosexuell ist... Sein Fazit: ...Im übrigen aber ist das Empfindungsleben Röhms uns genau so gleichgültig wie der Patriotismus Hitlers. Kurt Tucholsky im Jahr 1932 aus: Ausgewählte Werke , Rowohlt-Verlag 1961, ISBN 3 49809414 9

    Ein Großonkel von mir erzählte im angetrunkenen Zustand in einer Berliner Kneipe folgenden Witz: "Hitler und Goebbels wollen Skat spielen, da fehlt ihnen der dritte Mann. Sie beschließen bei Röhm anzufrufen und ihn zu fragen, ob er mitspielen möchte. Am Telefon entgegnet ihnen Röhms Adjutant: "Stabschef Röhm hat jetzt keine Zeit, er spielt Dame". Es war am Sonnabend, den 30. Juni 1934. Mein Großonkel wurde denunziert und in Gestapohaft gebracht. Am nächsten Morgen jedoch ließ man ihn wieder frei. In der Prinz-Albrecht-Straße wurden die Zellen knapp und die Erschießungen in der Kaserne der "Leibstandarte Adolf Hitler" (frühere Kadettenanstalt) an der Finckensteinallee in Lichterfelde-West hatten noch nicht begonnen.

    Die Diskriminierung als "Hundertfünfundsiebziger" war eben gesellschaftlicher Normalzustand bis in die heutige Zeit. Als politisches Kampfmittel ist das aber unbrauchbar. Neonazi Michael Kühnen soll angeblich selbst getönt haben: "Nur ein Schwuler kann ein guter Nazi sein". Es ist einfach absoluter Blödsinn, da die sexuelle Orientierung sich nicht nach der politischen Gesinnung ausrichtet. Deshalb ist auch die Stilisierung von Schwulen als die besseren Menschen nichts als eine Spinnerei von Szene-Schwestern.
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#4 LarsAnonym
  • 14.04.2021, 10:40h
  • Antwort auf #3 von Wipperfischer
  • "Deshalb ist auch die Stilisierung von Schwulen als die besseren Menschen nichts als eine Spinnerei von Szene-Schwestern."

    Inhaltlich eigentlich Zustimmung, aber: Warum werden Schwule eigentlich immer besonders gern als "Schwestern" bezeichnet, wenn man deren Position ablehnt?
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#5 Ralph
  • 14.04.2021, 11:03h
  • Antwort auf #4 von Lars
  • Das Wort "Schwestern" in Bezug auf schwule Männer lehne ich auch ab, aber mich bewegt gerade viel mehr die Frage: Wieso wird davon geredet, dass (manche) Schwule sich und ihresgleichen für bessere Menschen halten? Wer tut das denn? Meiner Meinung nach handelt es sich um eine typisch homofeindliche Stereotype, Kritik daran, dass Schwule für minderwertig erklärt werden, mit der Bemerkung zu kontern, sie seien nicht besser als andere - wo sie doch einfach nur nicht schlechter sind.
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#6 swimniAnonym
#7 Girlygirl
  • 14.04.2021, 11:06h
  • Das zeigt wie sehr homosexuelle Männer lächerlich gemacht werden und das geschieht noch heute! Immer wenn mal wieder ein homophober Mann zu Wort kommt, lautet der erste Kommentar doch immer "hihi selber schwul". Diese Leute sind selber meist liberal (oder sogar selbst homosexuell), finden aber schwule Nazis zum Totlachen. Ich habe schon oft gesehen, wie "weltoffene" Menschen versucht haben männlich geprägte Gruppen (Priester, Neonazis, Islamisten, Soldaten, Gefängnis) mit Homosexualität zu diskreditieren oder zumindest lächerlich zu machen.
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#8 FaktenAnonym
  • 14.04.2021, 11:10h
  • "Darf man über Röhm-Karikaturen lachen?"

    Nein.

    Nicht etwa aus Respekt vor Röhm, sondern aus Respekt vor den schwulen KZ-Opfern.

    Dass die SPD damals wie heute eine Speerspitze der Schwulenfeindlichkeit ist, müssen wir ja gerade wieder mit Thierse und Schwan und ihren aktuellen Genoss*innen erleben. Der kleine, engstirnige und beschränkte SPD-Korpsgeist hat sich durch die Jahrzehnte bis heute erhalten.
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#9 LarsAnonym
  • 14.04.2021, 11:26h
  • Antwort auf #5 von Ralph
  • Deine Frage finde ich nicht so schwer zu beantworten. Natürlich suchen sich queere Menschen Identifikationsfiguren, von denen es in der Geschichte nicht so viele gibt, da es eine homosexuelle Identität erst seit dem 20 Jh gab und auch dann viel Schwule im Untergrund oder ungeoutet lebten.

    ist doch eigentlich klar, dass dann die Helden überrepräsentiert oft sind gegenüber den Bösewichtern und dass menschliche Unzulänglichkeiten, wo es geht (bei Röhm geht es natürlich nicht) eher verschwiegen oder am Rande erwähnt werden.
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#10 Ralph
  • 14.04.2021, 14:36h
  • Antwort auf #9 von Lars
  • Dass Michelangelo, Leonardo und viele andere große Künstler homosexuell waren, sagt nichts über Homosexualität aus, so wenig, wie es etwas über Heterosexualität aussagt, dass Rembrandt und Rubens heterosexuell waren. Solche "Ahnenlisten" wurde gerne geführt in Zeiten heftiger Verfolgung, auch um zu zeigen, dass Homosexualtät eben nicht zum Verfall der Kultur geführt hat, sondern dass Homosexuelle nicht weniger zu großen kulturellen Leistungen befähigt waren als Heterosexuelle. Diese Listen sollten Homosexuelle davor bewahren, an die Hetze zu glauben, sie seien der Untergang des Abendlandes.
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