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Streit um sogenannte Identitätspolitik

Thierse: Minderheiten "müssen nicht unbedingt das letzte Wort haben"

In neuen Interviews wiederholt der SPD-Politiker Wolfgang Thierse seine Kritik an zu aggressiven Aktivist*innen – und erklärt immerhin, warum er zu selbstkritischer Einsicht nicht mehr fähig ist.


Wolfgang Thierse (SPD) war von 1990 bis 2013 Mitglied des Bundestages. Zur Zeit der rot-grünen Koalition war er auch Bundestagspräsident, hatte also protokollarisch das zweithöchste Amt der Bundesrepublik inne (Bild: Christliches Medienmagazin pro / flickr)

Wer sich am lautesten über "Cancel Culture" empört, wird bekanntlich am häufigsten interviewt. Nun durfte der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse am Freitag auch bei Deutschlandfunk Kultur sowie bei phoenix seine Angriffe auf "linke Identitätspolitik" und angeblich aggressive Minderheiten-Vertreter*innen wiederholen.

Viel Neues hatte er nicht zu sagen, dennoch schaffte es Thierse, in beiden Interviews einen weiteren Giftpfeil zu verschießen. "Ja, Betroffene und Benachteiligte sollen sich artikulieren, ihr Gleichheitsanspruch ist berechtigt. Das halte ich für zutiefst demokratisch, ja sozialdemokratisch", ging der 77-Jährige im Deutschlandfunk Kultur zunächst auf Minderheiten und ihren Emanzipationskampf zu. Er schränkte jedoch ein: "Sie haben das erste Wort. Aber sie müssen nicht unbedingt das letzte Wort haben." Den Satz wiederholte er auch bei phoenix im Talk mit Alfred Schier.

Thierse glaubt, er werde "absichtsvoll missverstanden"

Bis heute könne er die Empörung über seinem Feldzug gegen "linke Identitätspolitik" nicht verstehen, meinte Thierse im Gespräch mit Korbinian Frenzel, der sich als Unterstützer der Thesen des SPD-Politikers outete. Während der ehemalige Bundestagspräsident seinen Kritiker*innen vorwarf, ihm das Wort im Munde umzudrehen, blieb er selbst nicht bei der Wahrheit. Im Deutschlandfunk Kultur meinte er: "Und wenn man dafür etwa von der queeren Community beschimpft wird, ich hätte zum Hass gegen Homosexuelle aufgerufen, dann denkt man: Was kann man überhaupt noch sagen, ohne dass man nicht absichtsvoll missverstanden wird?" Dieser auch bei phoenix wiederholte Vorwurf wurde von weder von einer queeren Initiative noch einem queeren Medium erhoben.

Wer etwas für Minderheiten erreichen wolle, müsse Betroffenheiten in "Reformschritte" übersetzen und dafür dann Mehrheiten gewinnen, meinte der ehemalige Bundestagspräsident im Radiointerview. "Und Mehrheiten gewinnt man nicht, indem man sie verdächtigt, indem man sie frontal attackiert", so Thierse. "Je mehr man angegriffen wird, umso mehr wehrt man sich dagegen, wehrt man ab und umso weniger ist man bereit und fähig zu selbstkritischer Einsicht." Hier sprach er wohl vor allem über sich selbst.

"Nicht nur auf die verschiedenen einzelnen Minderheitsgruppen schauen"

Viele Menschen seien durch die Schärfe und Aggressivität der Debatten über Minderheiten beunruhigt, meinte der SPD-Politiker weiter. "In der Reaktion auf meinen Aufsatz wurde das immer lauter: Was soll ich denn noch sagen? Ich werde ja immer verdächtigt. Und da gibt es dann die Reaktion der einen, die resignieren. Das sind nicht wenige." Und dann sind da noch die anderen: "Die radikalisieren sich. Und zwar nach rechts. Das will ich nicht."

Bei phoenix forderte Thierse seine Partei dazu auf, stärker Überzeugungen und Bedürfnisse der angeblich schweigenden Mehrheit aufzunehmen. "Wenn wir Volkspartei bleiben wollen, müssen wir nicht nur auf die verschiedenen einzelnen Minderheitsgruppen schauen, die ja ihre legitimen Interessen vertreten und die wir auch ernst nehmen, sondern müssen auch auf ein breites Spektrum achten."

"Respekt vor Vielfalt und Anderssein ist nicht alles"

Auslöser der seit Wochen tobenden Auseinandersetzung war ein Essay Thierses, das er im Februar unter dem Titel "Wie viel Identität verträgt die Gesellschaft" in der "FAZ" veröffentlichte (queer.de berichtete). Darin kritisierte er "linke Identitätspolitik" und beklagte, dass "Fragen ethnischer, geschlechtlicher und sexueller Identität dominieren" und entsprechende Debatten zu aggressiv geführt würden. Minderheiten forderte Thierse auf, "geschichtlich geprägte kulturelle Normen, Erinnerungen, Traditionen" anzuerkennen: "Der unabdingbare Respekt vor Vielfalt und Anderssein ist nicht alles. Er muss vielmehr eingebettet sein in die Anerkennung von Regeln und Verbindlichkeiten, übrigens auch in die Akzeptanz von Mehrheitsentscheidungen."

SPD-Chefin Saskia Esken und ihr Vize Kevin Kühnert hatten sich in einem Brief an LGBTI-Aktivist*innen von Thierses Thesen distanziert (queer.de berichtete). Der brachte daraufhin seinen möglichen Parteiaustritt ins Gespräch und bekam die wohl erhoffte breite Rückendeckung deutscher Medien (queer.de berichtete). Esken musste schließlich öffentlich zurückrudern (queer.de berichtete).



#1 SöderAnonym
  • 17.04.2021, 15:18h
  • Es vergeht mittlerweile kaum eine Woche, in der Wolfgang Thierse kein Interview zum Thema gibt.

    Hat da jemand in der Rente sein Thema gefunden, um im Gespräch zu bleiben?
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#2 KaiJAnonym
  • 17.04.2021, 15:28h
  • "Aber sie müssen nicht unbedingt das letzte Wort haben". Doch. Mit dem Grundgesetz haben wir das letzte Wort.
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#3 la_passanteAnonym
  • 17.04.2021, 16:01h
  • Offensichtlich muß Thierse immer das letzte Wort haben. Könntet ihr bitte dessen dummes Gefasel _nicht_ mehr weiterverbreiten? Danke.
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#4 daVinci6667
#5 swiimniAnonym
  • 17.04.2021, 16:04h
  • was er fordert....breites spektrum, das haen ja die spd und auch er nie praktiziert. sie haben juden in focus den focus gestellt und roma und lgbt ausgeblendet.
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#6 KaiJAnonym
#7 AtreusProfil
  • 17.04.2021, 16:23hSÜW
  • Spannend ist doch die Frage, wenn Thierse wirklich Recht hat und Queerness das dominierende Thema in der Republik ist, wir aber gleichzeitig staatlich diskriminiert werden und Ziel von Hass und religiösen Terroranschlägen sind, Volksverhetzung als bürgerliche Mitte umetikettiert wird UND die SPD währenddessen stets in Regierungsverantwortung stand: darf man dann Thierses Partei als Unrechtspartei und Wegbereiter für die Homosexuellen-Verfolgung und -stigmatisierung 2.0 bezeichnen?
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#8 TuckDavisProfil
  • 17.04.2021, 16:34hBad Kreuznach
  • "Wenn wir Volkspartei bleiben wollen, müssen wir nicht nur auf die verschiedenen einzelnen Minderheitsgruppen schauen, die ja ihre legitimen Interessen vertreten und die wir auch ernst nehmen, sondern müssen auch auf ein breites Spektrum achten."

    Wie war das noch gleich mit allem was vor dem ABER kommt? achja...

    Ich würde ihm einfach sagen, nur weil er unfähig ist Politik für ein breites Spektrum mit dem Abbau von staatlicher Diskriminierung zu verbinden - das nicht bedeutet es wäre nicht möglich beides gleichzeitig zu tun.
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#9 Girlygirl
  • 17.04.2021, 16:35h
  • "Wenn wir Volkspartei bleiben wollen"

    Nach welchen Maßstäben kann man die SPD bitte als "Volkspartei" bezeichnen. Das Konzept Volkspartei wird in Zukunft irrelevant werden, die Wahlergebnisse sprechen für sich. Nicht nur gesellschaftlich hat sich viel verändert sondern auch auf dem Arbeitsmarkt. Die SPD hat sich entschieden die neoliberale Schiene zu fahren, was ihr gutes Recht ist, aber dafür entsprechend abegestraft wurde. Jetzt aber so zu tun als ob wir irgendeine Gefahr für die hart arbeitende Mehrheit seien, ist unverschämt.
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#10 Ralph
  • 17.04.2021, 16:36h
  • Antwort auf #1 von Söder
  • Genauso ist es. Da hat ein verbitterter alter Mann, der sich nicht damit abfinden kann, dass er in der Politik keine Rolle mehr spielt (und im Grunde auch nie gespielt hat, da er doch von seiner Partei immer nur eher repräsentative Posten wie das Bundestagspräsidium zugeschoben bekam), sein Thema gefunden, mit dem er sich im Gerede halten kann und das er gegen Menschen geifern lässt, die für jeden guten Spießer schon immer abnorm sind, nicht in die traditionelle Leitkultur passen und nicht demütig kuschen, wenn die Mehrheit ihnen volle Gleichstellung und volle Akzeptanz verweigert. Wem der Höcke zu laut und der Gauland zu alt ist, lauscht verzückt dem Thierse.
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