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Edition Waldschlösschen

Scham, Sünde, Erweckung: Queere Wissenschaftler*innen checken Weltreligionen

Passen queere Emanzipation und Religionsgemeinschaften zusammen? Ein neues Buch analysiert diese Frage mit Fokus auf Judentum, Islam, Buddhismus und Christentum.


Covergrafik: Der Sammelband "Zwischen Annäherung und Abgrenzung" verhandelt die Frage, wie die großen monotheistischen Religionen zu queeren Menschen stehen

Allein die Nachrichtenlage der letzten Tage und Wochen würde genügen, um einen dicken Wälzer über das Spannungsfeld zwischen queeren Identitäten und religiösen Gemeinschaften zu füllen. Die Bremische Evangelische Kirche rehabilitierte Homohass-Prediger Olaf Latzel, die Glaubenskongregation im Vatikan bekräftigte ihr Verbot katholischer Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare, in der Türkei wurden Studierende unter dem Vorwurf der Beleidigung religiöser Werte verhaftet, weil sie öffentlich ein Bild des zentralen islamischen Heiligtums der Kaaba mit Regenbogenflaggen gezeigt hatten, in Jerusalem "warnte" Rabbi Daniel Asor davor, Corona-Impfungen könnten Menschen homosexuell machen.

Bei alledem kann man schon mal vom Glauben abfallen. Oder (wenn man sie nicht schon hat) zumindest Zweifel an der Vereinbarkeit von queerer Emanzipation und Religionsgemeinschaften bekommen. An diesem Punkt setzt der neue Titel der Sachbuchreihe Edition Waldschlösschen an.

Religion und Queers – persönlich, historisch, literarisch

Der vollständige Titel des Sammelbands lautet: "Zwischen Annäherung und Abgrenzung – Religion und LSBTIQ* in gesellschaftlicher Debatte und persönlichem Erleben". Das Buch verhandelt die Frage, wie die großen monotheistischen Religionen zu queeren Menschen stehen. Im Vorwort artikulieren die Herausgebenden – Soziologin Carolin Küppers und Diversitätsforscher Martin Schneider – ihre Grundhaltung so: "Sind schwule Muslime, christliche Lesben, jüdische Trans*-Menschen oder buddhistische Queers in der öffentlichen Wahrnehmung vorstellbar?"

Das komplexe Thema wird in sieben Aufsätzen auf 200 kompakten Seiten aus unterschiedlichen Perspektiven bezogen auf Judentum, Islam, Buddhismus und Christentum verhandelt. Einen Anspruch auf Vollständigkeit haben Küppers und Schneider dabei explizit nicht: "Keine Religion wird im Folgenden ausführlich aus allen Perspektiven betrachtet, es mischen sich vielmehr persönliche Erfahrungen, historische Kontextualisierungen, literarische Betrachtungen mit soziologischen und theologischen Analysen aktueller Debatten um die Anerkennung von LSBTIQ seitens der abrahamitischen Religionen."

"Die Natur liebt Vielfalt – Die Theologie liebt Ordnungen"


"Zwischen Annäherung und Abgrenzung" ist der 18. Band der Edition Waldschlösschen

Was zunächst recht dröge klingt, wird im Buch anschaulich und lebensnah verhandelt. Dabei gelingt es den sieben Beiträgen bei aller Schlaglichtartigkeit durchaus, der Komplexität des Themas gerecht zu werden.

Religions- und Kulturwissenschaftlerin Sabine Exner-Krikorian spannt in ihrem Aufsatz "Jüdisch und/oder homosexuell?" den Bogen von den Quellen zu Homosexualität in Tora und Halacha bis zu "the world's first openly gay Orthodox Rabbi" Steven Greenberg und liefert eine eingehende Betrachtung der Entwicklungen im Umgang mit queeren Menschen im orthodoxen und liberalen Judentum in den USA und Deutschland; Islamwissenschaftlerin Serena Tolino erläutert in ihrem Aufsatz "Homosexualität im Nahen Osten" das erst seit den Neunzigerjahren aufgekommene Phänomen antihomosexueller islamischer Rechtsgrundsätze (Fatwās) und verdeutlicht Verständigungsprobleme innerhalb islamischer Glaubensgemeinschaften aufgrund von unterschiedlichen Definitionen der "Sünde" Homosexualität (homosexuelle Identität gegen Homosexualität als bloßer Ausdruck homosexueller Handlungen).

Diplom-Theologe und Soziologe Michael Brinkschröder zeigt "Evangelische und katholische Wege zur Akzeptanz von Lesben und Schwulen" auf, indem er unter dem Titel "Liberal oder pastoral?" einen historischen Abriss des Kampfes um Gleichberechtigung von LSBTIQ* innerhalb christlicher Kirchen seit Stonewall liefert; Theologe Gerhard Schreiber bezeichnet den Nichtumgang der großen christlichen Kirchen mit geschlechtlicher Vielfalt (konkret Intersexualität und Transsexualität) als "blinden Fleck" und formuliert lakonisch: "Die Natur liebt Vielfalt – Die Theologie liebt Ordnungen"; Regina Ammicht Quinn definiert im Text "Gleichgeschlechtliches Begehren" sexuelle Gewalt und Missbrauch innerhalb christlicher Kirchen als Resultat der Unterdrückung von Scham, um anschließend "Über die Notwendigkeit christlicher Scham" als möglichen Weg zur Heilung zu philosophieren.

Weiterhin referiert Diplomsoziologe und Männerschwarm-Verleger Joachim Bartholomae über die Darstellung religiöser Erweckungserlebnisse in der Literatur von James Baldwin und Richard Armory, während Kulturwissenschaftler Martin Friedrich Kagel den vergleichsweise entspannten Umgang mit queeren Identitäten im Buddhismus beschreibt und dabei beiläufig eine basale Erklärung für viele Störungen im Umgang mit queerer Sexualität formuliert: "Die Fragen von LSBTIQ* werden erst dann problematisch, wenn das Individuum selbst oder das gesellschaftliche Umfeld sie als solches empfindet."

Gläubige queere Menschen sind zweifach unverstanden

"Zwischen Annäherung und Abgrenzung" geht auf eine gleichnamige Tagung der Akademie Waldschlösschen zurück und ist der achte Band in der Reihe "Geschichte der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt in Deutschland nach 1945" der Edition Waldschlösschen. Durch die Vielfalt der Stimmen und den durchgängigen Bezug zur gesamtgesellschaftlichen Situation ist das Buch für Gläubige, Atheisten, Laien und Kirchenleute gleichermaßen aufschlussreich und informativ.

Kann (und will) der Band auch keine endgültigen Antworten auf die eingangs formulierten Fragen liefern, so gelingt es ihm allemal, das Dilemma queerer Menschen im Bezug zu Religionsgemeinschaften abzubilden und Lösungsansätze aufzuzeigen. Oder wie Küppers und Schneider es formulieren: "Häufig finden sich gläubige LSBTIQ in einer zweifach unverstandenen Position wieder – von anderen LSBTIQ und von ihren Religionsgemeinschaften. Dabei haben Glaubensgemeinschaften seit jeher eine persönlich begleitende und sozial stiftende Funktion inne. Es könnte also gerade eine Chance für Glaubensgemeinschaften sein, wenn Mitgliederzahlen derzeit eher am Abnehmen sind (Hank 2019), Gläubige bei der Suche nach der Vereinbarkeit von religiösem Bekenntnis und sexueller Identität nicht allein zu lassen. Religionsgemeinschaften können sich nicht nur öffnen, sondern auch aktiv die Akzeptanz unterschiedlichster Lebens- und Liebensweisen ermöglichen, sind doch gerade Werte wie Nächstenliebe und Gerechtigkeit einer ihrer zentralen Bestandteile." (cw)

Infos zum Buch

Carolin Küppers, Martin Schneider (Hg.): Zwischen Annäherung und Abgrenzung – Religion und LSBTIQ in gesellschaftlicher Debatte und persönlichem Erleben, 200 Seiten, Männerschwarm Verlag. 2021, Paperback: 20 € (ISBN 978-3-86300-288-6), E-Book: 13,99 €


#1 Julian SAnonym
  • 18.04.2021, 10:33h
  • Was irgendwelche von Menschen erfundenen Fantasy-Fanclubs von uns halten oder nicht, kann mir herzlich egal sein.

    Wer daran glauben will, soll das gerne tun, soll aber andere damit in Ruhe lassen und vor allem nicht verlangen, dass sich alle anderen auch danach zu richten haben.

    Denn immer dann, wenn Glaube institutionalisiert wird, geht es früher oder später nicht mehr um privaten Glauben, sondern um Macht, Expansion und Geld.
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#2 CogitoAnonym
  • 18.04.2021, 10:50h
  • Selbstverständlich sind queere Menschen in den Weltreligionen vorstellbar - sie hat es ja seit Jahrhunderten gegeben und sie haben die Religionen im Guten wie im Bösen mitgeprägt. Die Frage ist, wie OFFEN die Religionen mit Homosexualität umgehen.
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#3 FreiheitlichAnonym
  • 18.04.2021, 11:35h
  • Ich frage mich wirklich, warum manche Menschen Organisationen brauchen, die ihnen sagen, wie sie zu leben, zu denken und zu fühlen haben. Und von denen man das Okay für die eigene Existenz, die eigenen Gefühle und die eigene Liebe erfleht.

    Das ist doch der Gipfel an Unfreiheit und Unselbständigkeit.

    Selbst wenn eine Religion/Kirche LGBTI nicht diskriminiert (egal ob aus Überzeugung oder aus wirtschaftlichen Überlegungen), dann brauche ich sowas als mündiger, intelligenter und freier Mensch nicht.

    Ich habe meinen eigenen moralischen Kompass, den meine Eltern mir mitgegeben haben und Freunde, die mir offen ihre Meinung sagen.

    Was wollen da irgendwelche Fremden, die mich nicht mal kennen, mir Ratschläge geben oder mich gar bevormunden?
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#4 daVinci6667
  • 18.04.2021, 13:15h
  • Religionen lieben Euch ganz dolle und wollen doch nur euer Bestes. Ganz ehrlich.

    Sie rauben Euch den Verstand,euer Herz und natürlich Euer Geld. Danach ist man ein abhängiger Zombie mit völlig irrationalem Verhalten.
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#5 CogitoAnonym
  • 18.04.2021, 15:34h
  • Antwort auf #3 von Freiheitlich
  • "Ich frage mich wirklich, warum manche Menschen Organisationen brauchen, die ihnen sagen, wie sie zu leben, zu denken und zu fühlen haben. Und von denen man das Okay für die eigene Existenz, die eigenen Gefühle und die eigene Liebe erfleht."

    Das liegt daran, dass wir als Menschen so strukturiert sind. Wobei die erste Organisation, die diese Rolle übernimmt, die Familie oder Sippe ist / war.

    "Ich habe meinen eigenen moralischen Kompass, den meine Eltern mir mitgegeben haben und Freunde, die mir offen ihre Meinung sagen."

    Genau das meine ich. Religionen unterscheiden sich von Familien / Sippen nur insofern, als dass sie versuchen / versuchten, Familie auf einer größeren Basis zu denken / organisieren. Daher auch der Bezug der abrahamitischen Religionen auf einen Stammvater Abraham.

    Wie individuelle Familien haben sich aber auch die Religionen entwickelt und im Kontakt / Austausch mit anderen Religionen verändert.
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#6 Homonklin_NZAnonym
  • 18.04.2021, 15:49h
  • Wo es von #1 alsauch von #4sehr genau getroffen wird, und man eigentlich die Frage so herum stellen müsste, warum unbedingt es denn vorstellbar werden oder bleiben sollte, nicht diese 'Gemeinschaften' ähnlich in die Geschichte gescheiterter menschlicher Projekte verabschieden darf, wie den Counterpart des ideologischen Faschismus. Denn der behing sich auch mit allerlei stiftendem und großartigem Bling-bling, damit er den Anhängern nicht sofort seine Wahrheit überbringen musste.

    Allerdings sollte man ein Buch nicht verreißen, bevor man es gelesen hat. Es könnte doch interessant sein, wie diese Autor*innen mit solchen Themen umgehen. Es hängt dann doch viel damit zusammen, ob oder wie lange Jemand damit zu tun hatte, oder wie tief die Erwartungen reichten,und eben auch damit, ob ein/e Autor/in vom schönen Schein solch einer Organisation und ihrer Werbeabteilung geblendetist/war.

    All jene genannten Werte können 'wir' einander auch ohne Religion vermitteln.
    Bedenke man, wie weit die Menschheit wäre, hätte sie nicht all die Kraft, all den Aufwand, die Resourcen und das Geld, die Hoffnung und das Herzblut in diesen Mumpitz investiert, und wie viele müssten nicht arm sein, nicht verhungern, denen man mehr als warme Worte und leere Versprechen nicht zu geben imstande war
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#7 CogitoAnonym
  • 18.04.2021, 16:30h
  • Antwort auf #6 von Homonklin_NZ
  • "Bedenke man, wie weit die Menschheit wäre, hätte sie nicht all die Kraft, all den Aufwand, die Resourcen und das Geld, die Hoffnung und das Herzblut in diesen Mumpitz investiert, und wie viele müssten nicht arm sein, nicht verhungern, denen man mehr als warme Worte und leere Versprechen nicht zu geben imstande war"

    Ich glaube, dass Du die Herausforderung, innerhalb von 5000 Jahren aus verstreuten, konkurrierenden nomadisierenden Sippen eine weltweit vernetzte Zivilisation zu zaubern, gehörig unterschätzt. So etwas kann man nicht am Reißbrett planen, sondern es entwickelt sich, wie leider alles in der Natur, durch Trial and Error. Ich habe kein Problem damit, wenn jemand sagt, dass man Yoga auch ohne Religion machen kann oder auch ohne Religion mehrstimmig singen. Aber so zu tun, als seien unsere Vorgängergenerationen nur doof gewesen, erscheint mir überheblich.
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#8 Homonklin_NZAnonym
  • 18.04.2021, 16:59h
  • Antwort auf #7 von Cogito
  • Nun, um die letzten 5000 Jahre geht es mir gar nicht, dqa hätte es auch 2-300 getan, um mit der Erkenntnis fertig zu werden, dass der ganze Mummenschanz Wenigen nützt.
    Vielleicht kommt die Überheblichkeit ja mit dem Aufwachsen eben in so einer schwer religiösen und mit Gewalt/Missbrauch nicht spärlichen "Gemeinschaft" zustande, denn dass die Ahnen, nicht nur Eigene, ein klein bisschen doof waren - ob dazu geprägt oder von Natur aus lässt sich schwer erheben; ist eine Tatsache.

    Wer die Natur der Lüge in schon früherer Zeit erkannte, wurde entweder eingekerkert oder vom Leben zum Tode befördert, eine solche Macht verlieh man dem kollektiven Wahn und beschnitt gleichzeitig die Wissbegierde, das Denkvermögen all der Indoktrinierten.

    Wer möchte, kann all dies natürlich auch schön zeichnen, und unter all den oh so wonderful Facetten alles Elend verbergen, das diese organisierte Verblendung über die Menschheit brachte.

    Sein Geld sollte man zurück verlangen. Die Show war Betrug.
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#9 Sven100Anonym
  • 18.04.2021, 18:02h
  • "Die Bremische Evangelische Kirche rehabilitierte Homohass-Prediger Olaf Latze"

    In Bremen gibt es keine Evangelische Kirche.
    Es gibt einen Zusammenschluß der einzelnen Gemeinden, die aber jede völlig selbständig ist.
    Dies ist ein Erbe der Zeit, als Bremen jahrhundertelang eine "reformierte Insel im lutherischen Norddeutschland" war. Diese Zeit wirkt bis heute nach, z.B. du4rch die Selbständigkeit der einzelnen Gemeinden.
    Die einzelnen Gemeinden liegen zwischen weltoffen-liberal und dumpf-konservativ. Die Martinigemeinde ist das Sammelbecken der erzkonservativen Protestanten und hat deshalb, wie im Fall Latzel geschehen, eigenständig entschieden.
    Bremen benutzt den Begriff "Bremische Evangelische Kirche" nur zum besseren Verständnis nach außen hin.
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#10 agnostikerAnonym
  • 18.04.2021, 18:19h
  • Antwort auf #1 von Julian S
  • Das kann man eigentlich auf alle Institutionen beziehen, nicht auf nur religiöse. Diese Gefahr ist dabei immer vorhanden.Deshalb ist der institutionalisierte Glaube so viel und so wenig aktzeptabel wie der institutionalisierte Nichtglaube.
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