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Heimkino

Netflix-Drama "Ride or Die": Eine lesbenfeindliche Irrfahrt

Die Filmadaption des Mangas "Gunjō" erzählt von zwei Frauen, die sich nach einem Mord auf der Flucht befinden – und kommt dabei nicht ohne den "male gaze" und Vorurteile aus.


Die lesbische Rei tötet den gewalttätigen Ehemann ihrer Jugendliebe Nanae – auf der anschließenden Flucht kommen sich die beiden Frauen immer näher (Bild: Netflix)
  • Von Arabella Wintermayr
    18. April 2021, 11:09h, noch kein Kommentar

Eine junge Frau wird von einer verwackelten Handkamera begleitet, wie sie in einen von Neonlichtern beleuchteten Club hinabsteigt. Sie setzt sich an die Bar, bestellt zwei Tequilas und bittet den Bartender, einen davon einem in Anzug gekleideten Mann zu überbringen. Daraufhin platziert sich dieser neben sie, sie sprechen kurz miteinander und machen sich gleich darauf auf den Weg in sein Apartment. Beinahe lakonisch teilt die junge Frau mit, dass es sie anmache, Sex in einer Umgebung zu haben, von der sie genau weiß, dass die Ehefrau sie kurz zuvor noch geputzt hat.

Dass Regisseur Ryuichi Hiroki zu Beginn seiner Karriere Softpornos drehte, ist der expliziten Darstellung des folgenden sexuellen Aufeinandertreffens durchaus anzumerken. Der Akt endet jedoch nicht mit dem typischen Höhepunkt: Sie greift in ihre Tasche, zieht ein Skalpell daraus hervor und sticht es ihm in die Halsschlagader. Es kommt zu einem kurzen Gerangel, doch als sie ein zerbrochenes Weinglas zu fassen bekommt und ihm damit fix die Kehle durchschneidet, ist der Mann endgültig tot.

Missbrauch erotisiert


Poster zum Film: "Ride or Die" läuft seit 15. April 2021 auf Netflix

Das ist der drastische Auftakt des japanischen Dramas "Ride or Die", das gerade auf Netflix gestartet ist. Erst durch einen Zeitsprung in die Vergangenheit wird klar, wie es zu diesem kam: Rei (Kiko Mizuhara), die gerade zur Mörderin geworden ist, wurde kurz zuvor von Nanae (Honami Sato) kontaktiert, nachdem zehn Jahre Funkstille zwischen den Frauen herrschte. Wie sich zeigt, ist Rei seit ihrer gemeinsamen Schulzeit in Nanae verliebt und hat auf ihren plötzlichen Anruf hin ihre Partnerin ohne Erklärung zurückgelassen, um sich mit ihr zu treffen.

Zurück in der jetzt noch unblutigen Wohnung, nähert sich Nanae ihrer früheren Freundin umgehend an, küsst sie, zieht sich langsam aus. Spätestens ab diesem Zeitpunkt ist der "male gaze", mit dem sich Hiroki seinen Protagonistinnen nähert, nicht mehr zu übersehen. In sanftes Licht getaucht, gleitet die Kamera über Nanaes Körper und präsentiert damit erotisch aufgeladen, was keine sexuellen Fantasien auslösen oder bedienen sollte: Ihr Leib ist von Blutergüssen übersäht, nahezu keine Stelle, die nicht grün und blau aufleuchtet. Als sie Rei bittet, ihren gewalttätigen Ehemann zu töten, hat sie ihren Entschluss scheinbar schon gefasst.

Spielball von Männern

Im Kontrast zu den vergleichsweise kompakt erzählten ersten Sequenzen, geht der auf Ching Nakamuras Manga-Reihe "Gunjō" basierende Film danach in ein gemächliches Mäandern über, was die überlange Spielzeit von über 140 Minuten erklärt. Es stellt sich heraus, dass keine der beiden 29-Jährigen einen Plan für das hatte, was auf den Mord folgen sollte. Natürlich hat Rei überall Fingerabdrücke hinterlassen, natürlich ist ihr Bild auf zahlreichen Kameras eingefangen worden.


Flucht im roten Cabrio (Bild: Netflix)

Kurzerhand fliehen sie zusammen in einem roten Cabrio – aber wohin eigentlich? Japan ist eine Inselkette. Ihr Weg führt sie in die Hütte, in der Nanae aufgewachsen ist. Vor Ort werden in Rückblenden Schlaglichter auf die Vergangenheit der beiden Frauen geworfen: Während Rei aus wohlhabendem Hause stammt, musste Nanae sich um ein Sportstipendium bemühen, um an der Privatschule aufgenommen zu werden. Als das nicht funktioniert, bot die damals schon von ihr bezauberte (oder treffender: besessene) Rei einen Deal an: Sie bezahlt die drei Millionen Yen für die Oberstufenausbildung – und wenn Nanae das Geld binnen fünf Jahren nicht zurückzahlen kann, muss sie mit ihr schlafen.

Mixtur aus Sex und Gewalt

Die Beziehung zwischen ihnen war also schon immer moralisch zweifelhaft, und sie soll es auch auf dem sich langsam entfaltendem, zermürbenden Roadtrip bleiben. Als Nanae aus einer Laune heraus behauptet, sie hätte die Polizei gerufen, um Rei loszuwerden und ein neues Leben zu starten, wirft die mit einer Flasche nach ihr, boxt ihr ins Gesicht.

Direktlink | Ausschnitt aus "Ride or Die"
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Die Mixtur aus Sex und Gewalt vom Anfang schlängelt sich damit auch weiterhin durch den Film. Die Frauen werden dabei immer mehr zum Spielball ihrer Umgebung, sie lassen sich kopflos treiben anstatt selbst tätig zu werden: Einmal lässt sich die ausdrücklich lesbische Rei auf Sex mit einem zwielichtigen Taxi-Fahrer ein, von dem sie anschließend ein wenig Geld für die Zugfahrt erhält. Der gezeigte Sex ist erniedrigend, ohne dass sich das Drama darum bemühen würde, diese Erniedrigung anzuprangern – so wie ihr direktes Umfeld soll sich scheinbar auch das Publikum an den Frauen ergötzen können.

Lesbenfeindliche Vorurteile

Ausgerechnet was Rei und Nanae füreinander empfinden, bleibt dabei im Hintergrund. Als sie im luxuriösen Wochenendhaus von Reis Vater einbrechen, werden ihre Gefühle anhand eines Bons, den Nanae scheinbar seit ihrem letzten Treffen vor etwa einer Dekade – bei dem sie ihre Schulden beglich – mit sich herumträgt, zwar kurz angerissen – aber nicht näher verhandelt. Auch dann nicht, als es sie nach einem wenig erhellenden Intermezzo, in eine weitere Hütte, diesmal am Strand, verschlägt.


"Ride or Die" bedient lesbenfeindliche Vorurteile (Bild: Netflix")

Im Gegenteil: Kurz vor Schluss nähern sich auch die beiden Frauen ein erstes Mal körperlich an, was nicht nur in der Darstellung von lesbischem Sex, sondern auch in den begleitenden Dialogen fraglich ist. Nachdem Rei bereits zuvor – trotz Langzeitpartnerin – verlautbaren ließ, dass sie bis zum Geschlechtsverkehr mit Nanaes Ehemann noch "Jungfrau gewesen sei", flüstert sie nun mit verzehrendem Bedauern in der Stimme: "Es muss schön sein für Männer. Sie können etwas in Frauen hineinstecken. Meine Finger können dich nicht ausfüllen."

Damit bedient "Ride or Die" ganz nebenbei zwei lesbenfeindliche Vorurteile, wonach Sex zwischen zwei Frauen eigentlich gar kein richtiger Geschlechtsverkehr sei oder aber niemals so befriedigend sein könnte wie mit einem Penis.

Am Ende ist es Hiroki nicht gelungen, die zwei Protagonistinnen jenseits ihrer schieren Körperlichkeit greifbar zu machen, ihre Motive bleiben obskur. Damit ist es einem schlussendlich beinahe egal, ob ihnen die Flucht nun gelingt oder nicht. Eine überaus zähe Irrfahrt bleibt es so oder so.

Direktlink | Offizieller Trailer zum Film
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Infos zum Film

Ride or Die. Drama. Japan 2021. Regie: Ryuichi Hiroki. Darsteller*innen: Kiko Mizuhara, Honami Sato, Maki Yoko, Shinya Niiro, Shunsuke Tanaka, Anne Suzuki. Laufzeit: 144 Minuten. Sprache: japanische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Seit 15. April 2021 auf Netflix