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Lesetipps

Queere Reise zum Weltbuchtag, Etappe 1: Russland

Am 23. April ist UNESCO-Welttag des Buches. In Kooperation mit den Salzgeber Buchverlagen stellen wir diese Woche jeden Tag Bücher vor, die queeres Leben in unterschiedlichen Regionen der Welt erschließen.


Aus dem Bildband "Boys of St. Petersburg" von Michael Andrew

In der ersten Ausgabe reisen wir mit Gabriel Wolkenfeld, Sergej Nabokow, Michail Kusmin und Michael Andrew nach Russland.

"Wir Propagandisten" von Gabriel Wolkenfeld

Das Romandebüt von Gabriel Wolkenfeld erzählt von den Erlebnissen eines Slawistikstudenten, der für ein Jahr als Deutschlehrer nach Jekaterinburg zieht. Er schließt Freundschaften, trinkt Wodka, feiert und redet mit den Einheimischen und taucht in die queeren Refugien der Stadt zu den Füßen des Urals ein – doch dann kommt das Gesetz gegen "Homo-Propaganda"…

Leseprobe:

Wir inszenieren einen Akt der Liebe: Sechs Männer in einem Bett, so wie der Gott, der die Schwulenclubs schließt, sie geschaffen hat. Mischas Lippen stranden in Borjas Nacken. Und Toliks Kopf ruht in meinem Schoß. Eine Zunge bohrt sich in einen Bauchnabel. Irgendwo verhaken sich Schenkel. Zwei, drei Münder treffen aufeinander. Was für ein Unsinn, funkt Rustam dazwischen. Nastja stellt wortlos die belegten Brote auf den Tisch. Tolik rechtfertigt seine Fantasie: Wenn man uns schon der Propaganda bezichtigt, können wir auch mitspielen. Er streicht, während er spricht, mit dem Zeigefinger über den Flaum zwischen Oberlippe und Nasenspitze. Ich stehe vor der Kathedrale auf dem Blut. Dort, wo artige Kirchgänger ihre Kreuze schlagen, knöpfe ich mir den Mantel auf. Auf meinem T-Shirt steht: Ich bin siebzehn Jahre alt und ich bin schwul. Ihr wollt mich aus eurer Gesellschaft ausschließen? Ihr wollt mir verbieten, mich meinen Freunden anzuvertrauen? Ihr wollt meinen Lehrern untersagen, mir beizustehen? Ich bin ein Mensch und keine Propaganda.

Gabriel Wolkenfeld: Wir Propagandisten, 232 Seiten, Männerschwarm Verlag. 2015, Paperback: 19 € (ISBN 978-3-86300-201-5), E-Book: 11,99 €

"Das unwirkliche Leben des Sergej Nabokow" von Paul Russell

Mit viel literarischem Feingefühl rekonstruiert US-Autor Paul Russell basierend auf zeitgenössischen Quellen das viel zu kurze "unwirkliche Leben des Sergej Nabokow" – des schwulen jüngeren Bruders von "Lolita"-Autor Vladimir Nabokow. Sergejs Geschichte beginnt Anfang des 20. Jahrhunderts in St. Petersburg, führt nach Cambridge und Paris und endet 1943 tragisch im KZ Neuengamme.

Leseprobe:

Wie außergewöhnlich! Fast dreißig Jahre sind seitdem vergangen, und ich kann kaum die völlige Ruhe unter der nervösen Aufregung beschreiben, das Gefühl, irgendwo unerwartet und doch wie vorherbestimmt angekommen zu sein. Während die filmischen Geister vor uns ihre grenzenlos wiederholbaren Schicksale aufführten, streichelten wir zwei verrückten Burschen uns, fummelten und knutschten. Es war weniger sexueller Druck als träge Zufriedenheit, mehr wie eine Katze zu streicheln als einen Liebhaber zu erregen. Es war gewissermaßen ganz unschuldig.

"Nun ja", sagte mein Gefährte, als die letzten silbernen Halluzinationen auf der Leinwand verblasst waren. "Ich muss sagen, das Leben ist eine sehr merkwürdige Sache, findest du nicht auch?"

Wir nehmen ständig Abschied, von einer Person, einem Gefühl, einer Landschaft, einer Art zu leben. Musik und Tanz, die Künste, die ich immer am meisten geliebt habe: Was sind sie anderes, als die gesteigerte Darstellung eines stetigen Abschiednehmens, die flüchtige Note oder der wagemutige Sprung, die vor dem Auge entschwinden, aber im Herzen weiterleben? An der windgepeitschten Ecke Morskaja und Wosnessenskistraße, gleich neben dem öden kleinen Platz mit der Statue von Nikolaus I., streckte Steerforth seine unbehandschuhte Hand aus. Copperfield erwiderte die Geste und nahm sie dankbar in beide Hände. Ob Copperfield Steerforth in eine flüchtige Umarmung zwang oder Oleg dazu auch ohne Drängen geneigt war, kann ich nicht sagen. Die leuchtende Träne in seinem Auge, als wir uns verabschiedeten, kann jedenfalls nicht allein vom beißenden Wind verursacht worden sein.

"Für zwei Gesetzlose waren wir brillant", bemerkte er.

Weil ich mich nicht zu sprechen traute, nickte ich nur stumm. Oleg schenkte mir ein letztes Mal dieses unvergessliche Lächeln.

Paul Russell: Das unwirkliche Leben des Sergej Nabokow, 320 Seiten, Salzgeber Buchverlage. 2017, Gebunden mit Schutzumschlag: 24,00 € (ISBN 978-3-86300-500-9), E-Book: 16,99 €


"Boys of St. Petersburg" von Michael Andrew

Als Verneigung vor den "Boys of St. Petersburg" versteht der australische Fotograf Michael Andrew seinen gleichnamigen Bildband mit Fotos, die im Rahmen unterschiedlicher Russland-Reisen des Künstlers entstanden. Und tatsächlich tritt die Schönheit des russischen "Venedig des Nordens" in diesem Band hinter dem entwaffnenden Charme seiner Bewohner zurück.

Eines der Bilder von Michael Andrew:


Michael Andrews: Boys of St. Petersburg, Hardcover, ca. 140 Seiten, Bruno Gmünder. 2014, Hardcover: 49,99 € (ISBN 978-3-86787-764-0)


"Flügel" von Michail Kusmin

Marita Keilson-Lauritz zählte diesen Roman aus dem Jahr 1906 neben Thomas Manns "Tod in Venedig" und Hermann Bangs "Michael" zu den frühen "schwulen Mainstream-Klassikern". In "Flügel" erzählt der russische Autor Michail Kusmin die autobiografisch geprägte Geschichte eines jungen Mannes, der im Petersburg des frühen 20. Jahrhunderts zu sich selbst findet.

Auszug aus dem Nachwort von Florian Mildenberger:

Der Roman handelt von der sexuellen Bewusstwerdung des Teenagers Wanja Smurow. Da seine eigene Familie nicht mehr vorhanden ist (oder nicht mehr funktionier?), kommt er zu einem Onkel in die Hauptstadt Petersburg, um dort die höhere Schule zu besuchen. Anstatt sich in die Gemeinschaft der Klassenkameraden zu integrieren, beobachtet Wanja lieber aufmerksam seine Umwelt und interessiert sich für die "Altgläubigen", eine Abspaltung innerhalb der russisch-orthodoxen Kirche. Richtig heimisch wird er in Petersburg nicht: Die Familie der Verwandten existiert auch nur auf dem Papier, und erst die Bekanntschaft mit dem Geschäftsmann Larion Dmitrijewitsch Stroop erlöst den jungen Mann aus seiner Einsamkeit und Ahnungslosigkeit über das eigene Sein. (…) Kusmin verarbeitete in seinem Roman viele Bezugspunkte seines eigenen Lebens in der Hauptstadt und autobiographische Momente. (…) 'Flügel' beschreibt im Grunde seinen eigenen Lebensweg: er ist Wanja; seinem Freund Tschitscherin fiel die ambivalente Rolle des Stroop zu. Wie Wanja kam Kusmin vom Land, interessierte sich für Musik und die Altgläubigen, taumelte durch die Vorstufen des Coming out und wurde durch einen älteren Lehrer auf den Weg der sexuellen Selbstbestimmung geleitet.

Michail Kusmin: Flügel, 166 Seiten, Männerschwarm Verlag. 2018, Hardcover: 16,00 € (ISBN 978-3-86300-074-5)

Alle hier vorgestellten Titel und viele weitere queere Bücher, Filme und Kalender sind unter anderem erhältlich im Shop von Salzgeber.



#1 WadimAnonym
  • 19.04.2021, 21:32h
  • Das Tragische war, dass sein berümter BruderWladimir ein Homophobe war. Und sein schwuler Bruder war eine ständige Quelle der Scham, Verwirrung und Desreue für ihn.Sergei soll von der Familie und Bruder Wladimir nicht besonders geliebt. "Ich hatte wahrscheinlich die glücklichste Kindheit, die man sich vorstellen kann."-schrieb Vladimir. Sergei Sergei wuchs aber schüchtern und unglücklich und wohl deshalb litt das ganze Leben unter starkem Stottern.
    Zu keinem Zeitpunkt hatte Nabokov, der in "Lolita" (das Lesen des Ronmans war für mich sehr lengweilig)Pathos aus den Leiden eines Kinderschänders reißen würde, jemals den Mut, öffentlich zu erklären, dass sein Bruder schwul sei. Schwule Charaktere tauchen in fast jedem seiner 17 Romane auf. Aber seine homosexuellen Charaktere sind in der Regel ungeheuer stereotypisiert. Viele von ihnen sind Pädophile. Dabei beinahe poetisierte Wladimir  heterosexuelle Pädophlie in "Lolita".
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#2 56James35Anonym
  • 20.04.2021, 15:19h
  • Vielen Dank für die Info über Paul Russels Buch.
    Sergei Nabokow (1900- 1945) hatte ein außergewöhnliches Leben und einen heldenhaften Tod, habe ich gelesen.
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