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Lesetipps

Queere Reise zum Weltbuchtag, Etappe 2: Lateinamerika

Weiter geht's mit dem Queer-Countdown zum UNESCO-Welttag des Buches am 23. April. In Kooperation mit den Salzgeber Buchverlagen heben wir heute bibliophile Schätze in Kuba, Chile, Brasilien und Mexiko.


Coverausschnitt "Der Prinz" (Bild: Albino)
  • 20. April 2021, 15:34h, noch kein Kommentar

Nach dem literarisch-visuellen Abstecher nach Russland bietet die zweite Ausgabe schwule Marielitos-Schicksale in Kuba, Unerhörtes von Mario Cruz aus Chile, Carioca-Vibes von Lëo Castro aus Rio de Janeiro und fundamentale Erkenntnisse von Wolfgang Cordan aus dem Land der Mayas.


Kuba: "Invertito: Americana – Aus der Geschichte der 'Neuen Welt'"

Der 19. Jahrgang von "Invertito – Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten" widmete sich dem Themenschwerpunkt "Americana – Aus der Geschichte der 'Neuen Welt'". Unter den vier Hauptbeiträgen ist neben einer Analyse des Umgangs mit Homosexualität im frühkolonialen "Neuspanien" (Mexiko) besonders der "Making a difference"-Aufsatz von Historiker Kevin-Niklas Breu erwähnenswert, der anhand der Biografie des kubanischen Schriftstellers Reinaldo Arenas ("Before Night Falls") einerseits die Verfolgungsgeschichte von Homosexuellen im revolutionären Kuba nachvollzieht und gleichzeitig die westliche Emanzipationsbewegung in den benachbarten USA (in die Arenas 1980 auswanderte) skizziert.

Leseprobe aus "Making a Difference":

Dieser Aufsatz versteht sich nicht nur als Beitrag zu einem besseren Verständnis der sozialen und politischen Mechanismen der Verfolgung homosexueller Männer im sozialistischen Kuba, sondern auch als Beitrag zur fruchtbaren Problematisierung der oftmals vereinfachenden Gegenüberstellung "unfreier" sozialistischer Diktaturen und "freier" kapitalistischer Gesellschaften in der Geschichtsschreibung.

In diesem Sinne werden im zweiten Teil des Aufsatzes auch die sozialen und kulturellen Folgen der Mariel-Bootskrise für die US-amerikanische Gesellschaft beleuchtet. Anhand von Medienberichten über und Selbstzeugnissen von homosexuellen Mariel-Flüchtlingen soll der komplexe Transformationsprozess der schwulen sowie der kubanisch-amerikanischen Communitys in den USA der 1980er Jahren näher untersucht werden. Dieser, so illustriert vor allem die Autobiographie Reinaldo Arenas, ging nicht unbedingt mit der in der Forschungsliteratur ehemals etablierten Annahme der "Hybridisierung" von Einwanderergruppen in den USA einher, sprich dem Ausbalancieren unterschiedlicher kultureller Normen, Werte und Praktiken.

Stattdessen entwickelten vor allem schwule kubanische Mariel-Flüchtlinge, aufbauend auf Erfahrungen anhaltender multipler Diskriminierung in den USA, besondere kulturelle Identifikationsmuster. Dieses Prinzip, das José Esteban Muñoz mit seinem Konzept der "Disidentifikation" aufgreift, verdeutlicht die Literaturwissenschaftlerin Kristie Soares anhand homoerotischer Kurzgeschichten kubanischer Exil-AutorInnen. Ihr zufolge grenzten sich die 1980 aus Kuba geflüchteten homosexuellen Männer sowohl gegenüber der kubanisch-amerikanischen als auch gegenüber der "weißen" US-amerikanischen schwulen Community ab und begriffen sich in erster Linie als marielitos.

Invertito, 19. Jahrgang 2017: Americana – Aus der Geschichte der "Neuen Welt", 232 Seiten, Männerschwarm Verlag. 2018, Paperback: 19 € (ISBN 978-3-86300-262-6), E-Book: 12,99 €

Chile: "Der Prinz" von Mario Cruz

Der Gefängnisroman "El Principe" wurde Anfang der 1970er Jahre vom aufstrebenden chilenischen Autor Mario Cruz verfasst, wegen seines explizit schwulen Inhalts aber von Verlagen einhellig abgelehnt. Eine selbstproduzierte Ausgabe machte die raubeinige Liebesgeschichte zwischen einem jungen Mörder und seinem Zellengenossen als Pulp-Heft zum Underground-Hit. Doch dann kam 1973 die Pinochet-Diktatur und der Roman und sein Autor gerieten in Vergessenheit. Bis Regisseur Sebastian Muñoz auf eins der alten Hefte stieß – und den Stoff verfilmte. Zum deutschen Filmstart veröffentlichte der Albino-Verlag den Roman unter dem Titel "Der Prinz" in deutscher Übersetzung – inklusive eines Nachworts, in dem Literaturwissenschaftler Florian Borchmeyer die spannende Hintergrundgeschichte erzählt.

Leseprobe aus dem Nachwort von Florian Borchmeyer:

Glaubt man den Geschichtsschreibern der LGBTQ*-Kultur in Chile wie Augusto Sarocchi oder Óscar Contardo, hatte Muñoz etwas gefunden, das im Jahr 1972 noch gar nicht existierte, nicht existieren durfte: ein Buch, das gleichgeschlechtlichen Sex ohne Verbrämung und ohne gendervertauschende Chiffren zum Thema hat. In der in sexuellen Fragen strikt repressiven Gesellschaft Chiles waren Romane wie die von Genet, oder erst recht dessen einziger Film "Un chant d'amour", der wie eine unmittelbare Inspirationsquelle von "Der Prinz" (Buch wie Verfilmung) wirkt, unvorstellbar. Doch auch etwa Puigs durch das Gefängnisszenario thematisch verwandter Roman "Der Kuss der Spinnenfrau" aus dem Nachbarland Argentinien konnte nur im Exil in Mexiko publiziert werden, nachdem der Autor wegen seines vorausgehenden Romans unter Morddrohungen 1973, also noch Jahre vor der dortigen Militärdiktatur, aus seinem Land fliehen musste.

Als Gründungsfiguren der "literatura gay" in Chile werden in der Regel Pedro Lemebel und Francisco Casas bezeichnet, die zugleich als Performance-Künstler im Duo "Die Stuten der Apokalypse" ("Las Yeguas del Apocalipsis") durch dissidentische Happenings und spektakuläre Störungen offizieller Veranstaltungen erstmals offensiv die homosexuelle Identität ins Bewusstsein von Gesellschaft und Kulturbetrieb brachten. Das allerdings war erst in den späten 1980er Jahren, in den letzten Jahren der Pinochet-Diktatur, quasi auf der Schwelle zur Demokratie. Einen chilenischen Roman der frühen 70er namens "Der Prinz" kennen die genannten Standardwerke mit Titeln wie "Erotik und Homosexualität in der chilenischen Erzählliteratur" oder "Eine Gay-Geschichte Chiles" nicht. (…) Der erste "echte" schwule Roman Chiles und niemand hat bislang von ihm gehört? Wie ist das möglich? Und vor allem: Wer ist sein Autor? Wer ist Mario Cruz?

Mario Cruz: Der Prinz, 128 Seiten, Albino Verlag. 2020, Klappenbroschur: 18,00 € (ISBN 978-3-86300-294-7), E-Book: 12,99 €


Brasilien: "Rio Men" von Lëo Castro

Der brasilianische Fotograf Lëo Castro ist nicht nur selbst ein stolzer "Carioca" – so der Spitzname der Einwohner von Rio de Janeiro -, er sieht sich auch als Botschafter des pulsierenden Lebensgefühls seiner Heimatstadt und ihrer Bewohner*innen. Besonders die durchtrainierten Männer, die die Strände von Ipanema und Co. regieren, haben es ihm angetan. Der Fotoband "Rio Men" ist eine sexy Verneigung vor den Carioca-Beach-Boys.

Zwei der Bilder von Lëo Castro:



Lëo Castro: Rio Men, Hardcover, 128 Seiten, Bruno Gmünder. 2014, Hardcover: 49,95 € (ISBN ISBN 978-3-86787-670-4)


Mexiko: "Die Matte" von Wolfgang Cordan

Wolfgang Cordan (1909 – 1966) wuchs unter dem Namen Heinrich Wolfgang Horn in Berlin auf und veröffentlichte seine Gedichte, Novellen und Theaterstücke ab 1934 unter dem heute geläufigen Pseudonym. Er war befreundet mit Max Beckmann und der Familie Mann, schloss sich im Zweiten Weltkrieg dem niederländischen Widerstand an und schrieb später für die legendäre Schwulenzeitschrift "Der Kreis". 1953 wanderte er nach Mexiko aus, wo er über die Kultur der Maya forschte. Von 1925 bis 1954 verfasste Cordan "Autobiografische Aufzeichnungen", die 2003 (37 Jahre nachdem der Schriftsteller in Guatemala infolge eines Herzinfarkts gestorben war) im Bibliothek-rosa-Winkel-Band "Die Matte" veröffentlicht wurden. Der Titel ist einem gleichnamigen Text entlehnt, in dem Cordan beschreibt, wie seine Auseinandersetzung mit den Mayas seine Sicht auf sein Dasein verändert hat.

Leseprobe:

Mein Freund Klaus Mann hatte sein Leben weggeworfen, weil niemand ihm gesagt hatte, dass die weiße Welt nicht die Welt ist. Ich hatte es ihm nicht sagen können, weil ich es damals nicht wusste. Was ich nun lernte, war, dass man in einer Bambushütte die wirkliche Welt erfahren kann. Dass man dem Differentialsystem einer hochgetriebenen Zivilisation mit all deren Problematik entraten und einsehen kann, dass die Welt im Grunde sehr einfach ist. Und dass der Mensch, wie es Rousseau ahnte, im Wesen gut ist. Um bei den Fundamenten der abendländischen Kultur zu bleiben: Aristoteles hatte schon eingesehen, dass eine Gemeinschaft, die eine Polis übersteigt, unlebbar ist. Kerényi hatte in jenem kentaurischen Briefwechsel gesagt: Sie wird abstrakt und damit inhuman.

Die Maya-Rasse, stark noch in Yucatán, in ihren Stammesordnungen unerschüttert in Chiapas und Guatemala, hat diese Weisheit bewahrt. Keine Organisation geht über diejenige der Sprach-Clans hinaus. Gleichwohl haben sie eine bewundernswerte Kultur hervorgebracht, die von Tamaulipos im Norden von Veracruz bis nach Honduras ging, mit unerhörten Kenntnissen der Mathematik und Astronomie. Die Mayas sind die Erfinder der Null und der Positionswerte. Sie sind auch die Erfinder – soweit wir historisch sehen – eines Kulturbundes ohne Kriege. Nach heutiger Einsicht haben sie zweitausend Jahre Frieden gekannt. Und noch immer leben sie friedlich, solange sie nicht die Pseudozivilisation des amerikanischen Kontinents bedrängt, um sie "kulturell zu integrieren", das heißt zu verderben. Muss ich noch sagen, dass ich ihnen Waffen und manchmal vergiftete Pfeile der Verteidigung liefere?

Wolfgang Cordan: Die Matte, 384 Seiten, Männerschwarm Verlag. 2003, Hardcover: 24,00 € (ISBN 978-3-935596-33-6)

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