Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?38669

Lesetipps

Queere Reise zum Weltbuchtag, Etappe 4: Naher Osten

Endspurt im Countdown zum UNESCO-Welttag des Buches am 23. April. In Kooperation mit den Salzgeber Buchverlagen unternehmen wir heute literarische und wissenschaftliche Ausflüge in die arabische Welt Vorderasiens.


Sehnsuchtsraum, Mythos, rotes Tuch? Für queere Literaten ist der Nahe Osten alles in einem (Bild: ErikaWittlieb / pixabay)

Im vierten und vorletzten Teil unserer Serie zum UNESCO-Welttag des Buches am 23. April prallen zeitgenössische Verarbeitungen des queeren Arabischen Frühlings und der Fluchtbewegung infolge des syrischen Bürgerkriegs auf historische Betrachtungen der "Homoerotik im Arabertum" und orientalisch eingefärbte Sex-Fiction.


Syrien: "Selamlik" von Khaled Alesmael

Im seinem autobiografisch geprägten Roman "Selamlik" erzählt Autor Khaled Alesmael die Geschichte eines schwulen Mannes, der sich von den Kriegswirren in Syrien über die Türkei nach Schweden durchschlägt. Dabei macht Alesmael nicht nur die Erfahrungen und Ängste queerer Geflüchteter nachvollziehbar, sondern lässt auch eine vergangene Ära neu erstehen, in der queere Menschen in den Parks, Pornokinos und Hammams von Damaskus eine "heimliche Revolution" feierten, die durch den Bürgerkrieg und die homophobe Hatz islamistischer Rebellen jäh beendet wurde. Fabian Schäfer hat das Buch 2020 auf queer.de unter der Überschrift "Sex, Schmerz und Sehnsucht in der Asylunterkunft" besprochen.

Leseprobe:

In einer schmalen Straße im al-Amara-Viertel liegt der bescheidene Hammam Ammuneh. Ammuneh war zur Zeit der Osmanen ein gebräuchlicher Frauenname. Der Besitzer hieß mich willkommen, und weil ich sein jüngster Kunde war, sagte er im Spaß «Mäuschen» zu mir. Ich gab ihm meine Brieftasche, und er legte sie in ein kleines Schließfach, dessen Schlüssel ich mit einer Kette am Arm befestigen konnte.

Im Barrani * war außer mir niemand. Der Umkleideraum war durch zwei Leuchtstoffröhren erleuchtet. Ich zog mich aus und schlang mir das Handtuch um die Hüfte. Mein Herz schlug wie verrückt, so aufgeregt war ich, diesen «Hafen» zu betreten, wie Issam es genannt hatte. Mein junger Körper zitterte in Erwartung auf das, was vielleicht geschehen würde. Ich nahm ein Stück Lorbeerseife und einen Schwamm und stieß die Tür zum Wastani auf, einen kleinen Raum mit einer nackten Glühbirne an der Decke. Ein übler Geruch von den Toiletten stieg mir in die Nase. An der linken Seite saß eine Gruppe bärtiger Männer auf einer Bank; auch sie hatten Handtücher um die Hüften geschlungen. Sie starrten mich an, aber ich war zu verlegen zurückzuschauen, also ging ich weiter ins Dschuwwani. Der Dampf war nicht sehr heiß, und der Geruch von Lorbeer hing in der Luft.

Ich war zu schüchtern, um Blickkontakt aufzunehmen, stattdessen schaute ich zu den Wänden, von denen die Farbe abblätterte. Im Hintergrund sah ich zwei Räume ohne Türen, vor denen Handtücher als eine Art Vorhang gehängt waren. Zwei Männer saßen vor dem Eingang, wie um zu verhindern, dass andere näher herankamen. Bei einem Wasserhahn, aus dem heißes Wasser floss, setzte ich mich auf den Boden; von dort konnte ich unter den aufgehängten Handtüchern hindurch die kräftigen Beine von zwei Männern sehen. Haarige Beine knieten sich nieder und berührten langsam den feuchten Boden. Mein junger Körper wurde von unbekannten Gefühlen überschwemmt; ich brodelte vor Begierde, zuzuschauen, und zugleich vor Scham, gesehen zu werden."

Khaled Alesmael: Selamlik, 256 Seiten, Albino Verlag. 2020, Gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen: 24 € (ISBN 978-3-86300-302-9), E-Book: 17,99 €

"Die Rolle der Homoerotik im Arabertum" von Ferdinand Karsch-Haack

"Die Homoerotik der Araber zeugt von erfrischender Sinnlichkeit. Es ist aber der Eindruck unrichtig, daß sie eben nur Sinnlichkeit sei. Araber haben auch Tiefes über dauernde Freundschaft gedacht", schrieb Ferdinand Karsch-Haack (Zoologe und Protagonist der frühen homosexuellen Emanzipationsbewegung um Magnus Hirschfeld) Anfang des 20. Jahrhunderts in seinen Aufzeichnungen über Gleichgeschlechtlichkeit im islamischen Raum. Man könnte diese Feststellung als Resümee von Karsch-Haacks vielfältigen Studien verstehen. Islamwissenschaftlerin Sabine Schmidtke trug seine Aufsätze zum Thema 2006 erstmals zusammen und veröffentlichte sie unter dem Titel "Die Rolle der Homoerotik im Arabertum" gebündelt in der Sonderreihe: Wissenschaft der Bibliothek rosa Winkel. Dennis Klein hat das Buch 2006 auf queer.de unter der Überschrift "Homoerotik aus 1.001 Nacht" besprochen.

Leseprobe aus der "Einleitung" von Herausgeberin Sabine Schmidtke:

Zwischen 1921 und 1928 veröffentlichte Karsch-Haack eine Reihe von Abhandlungen zur Gleichgeschlechtlichkeit im islamischen Raum. Es ist anzunehmen, daß er spätestens zu Beginn der 1920er Jahre den Plan für den Band über 'Hamiten und Semiten' in der Reihe 'Forschungen über gleichgeschlechtliche Liebe' endgültig fallen gelassen und sich entschlossen hatte, das gesammelte Material stattdessen in einer Reihe von Aufsätzen zu publizieren. Unmittelbarer Anlaß hierfür mag – neben etwaigen Schwierigkeiten, einen Verleger für einen solchen Band zu finden – sein neues Zeitschriften-Projekt 'Uranos' gewesen sein (von dem allerdings nur zwei Jahrgänge 1921/22 und 1922/23 erschienen sind), denn hier publizierte er die meisten Beiträge zum islamischen Raum. Es sind dies eine Darstellung der Knabenliebe in Mittelasien mit dem Titel 'Ein Batscha und seine Bewunderer' (= Nr. III), ein kurzer Überblicksartikel über 'Homoerotik in Christentum und Islam' (=Nr. II) sowie ein Beitrag mit dem Titel 'Aus Mekka, der heiligen Stadt des Islam' (=Nr. X) und ein Beitrag über die Oase Siwa in der westlichen Wüste Ägyptens mit dem Titel 'Androgamie (Männerehe) bei den Amoniern' (=Nr. VIII), ferner 'Die Wahrsagerin und die drei Schwestern. Ein türkisches Volksmärchen mit homoerotischem Einschlag' (=Nr. VII) und zwei Anekdoten des arabischen Schriftstellers Abu I-Mahasin Ibn Hijia (gest. 837/1434): 'Der verliebte Dichter' (=Nr. V) und 'Schwärmerische Liebe' (= Nr: VI).

Ferdinand Karsch-Haack: Die Rolle der Homoerotik im Arabertum. Gesammelte Aufsätze. 192 Seiten. Männerschwarm. 2006 Paperback: 22 € (ISBN 978-3-93559-680-0)

"Guapa" von Saleem Haddad

In Saleem Haddads Roman "Guapa" wird eine gleichnamige queere Bar zur Drehscheibe von Coming-out-Querelen, Beziehungsdramen, Aktivismus und Weltpolitik. Der Coup, dass der Autor seine Geschichte in einer nicht konkret benannten Stadt eines namenlosen Landes des Nahen Ostens spielen lässt, ist so simpel wie genial: Das "Guapa" könnte in jeder Nation des Nahen Ostens liegen, deren LGBTI-Community von der Aufbruchsstimmung des Arabischen Frühlings erfasst wurde, aber danach in ihre Schranken verwiesen wurde. Haddads Roman wurde mit dem Polari Book Prize 2017 ausgezeichnet. Kevin Clarke hat das Buch 2017 auf queer.de unter der Überschrift "Mauern der Schande: Homosexualität im Nahen Osten" besprochen.

Leseprobe:

Maj wirkt selbstbewusster und lebendiger, als ich ihn je gesehen habe. Er redet wie ein Maschinengewehr: ratatat tat taratatat. Die Verhaftung, die Demütigung und selbst die anale Untersuchung 'zur Prüfung der sexuellen Veranlagung' scheinen ihn in seinem Selbstvertrauen nur bestärkt zu haben. Er trägt die Erfahrung, dass man ihm ein Ei in den Arsch geschoben hat, wie eine Auszeichnung vor sich her. Ist ihm denn ganz egal, was ihm hätte zustoßen können? Mir ist es jedenfalls nicht egal.

"Ich muss mir was überlegen, um das blaue Auge heute Abend in meinen Auftritt zu integrieren", sagt er und kichert.

"Hoffen wir, dass wir heute Abend überhaupt noch geöffnet haben", wirft Nora ein.

"Überall stehen wir unter Beschuss, nur weil wir schwul sind", sage ich.

"Nicht weil wir schwul sind", entgegnet Maj. Die Falte zwischen seinen Augenbrauen, die jetzt tiefer ist als je zuvor, zuckt hin und her, als er die Worte ausspeit. "Dieses Regime macht Jagd auf alle Unzufriedenen und Schwachen. Auf die Unterdrückten und Erniedrigten, die Armen, die Frauen, die Flüchtlinge, die illegalen Einwanderer. Mich haben sie heute nach ein paar Stunden freigelassen. Und warum? Weil ich fließend Englisch spreche und aus den westlichen Vororten komme. Politisch wäre es viel zu kostspielig, mich umzubringen."

"Ganz genau", sagt Nora und hebt ihr Glas. "Auf den Widerstand!"

"Auf den Widerstand, der mittlerweile von religiösen Spinnern dominiert wird, die Schwule und Lesben hassen", sage ich. "Wie kannst du darauf nur anstoßen?"

Nora hebt den Finger. "Nur weil jemand religiös ist, ist er deswegen nicht automatisch gegen Schwule und Lesben. Viele sind einfach nur gegen diese starren sexuellen Schubladen aus dem Westen. Diejenigen, die Homosexualität ohne Differenzierungen ablehnen, lesen den Koran falsch."

"Das stimmt nicht", entgegne ich. "Erinnerst du dich nicht an die Geschichte des Propheten Lot? Der Islam verdammt Homosexualität ausdrücklich, und alle sogenannten fortschrittlichen Geistlichen, die etwas anderes behaupten, geben sich einer Täuschung hin."
Maj lacht. "Geistliche geben sich doch berufsmäßig Täuschungen hin. Außerdem, Islam hin oder her: Es gibt doch eine lange Geschichte der Akzeptanz von Homosexualität in der arabischen Kultur, die bis in die vorislamische Zeit zurückreicht. Es waren diese prüden Viktorianer, die alles versaut haben."

"Außerdem liegst du falsch, Rasa", sagt Nora. "Als Gott Sodom und Gomorrha vernichtete, war das nicht wegen Homosexualität, sondern wegen lüsterner Akte im Allgemeinen, wegen Verbrechen und der allgemeinen Verdorbenheit …"

"Klingt ganz nach dem Guapa", witzelt Maj.

"Ja, klingt ganz nach dem Guapa. Macht euch nichts vor, wenn es eine Hölle gibt, werden wir darin brennen."

Saleem Haddad: Guapa, 400 Seiten, Albino Verlag. 2020, Klappenbroschur: 16,99 € (ISBN 978-3-95985-084-1), E-Book: 9,99 €

Türkei: "Männerspiele am Bosporus" von Thomas Schwartz

Zum Schluss noch was zum Entspannen: Die einen nennen es Einhandlektüre, die anderen Erotikprosa, aber am Ende läuft das, was die mittlerweile über 150 Titel umfassende Buchreihe "Loverboys" ihren Leser*innen bietet, vor allem auf eines hinaus: die Konzentrierung und Literarisierung schwuler Erotikfantasien. Thomas Schwartz' Kultroman "Männerspiele am Bosporus" ist dafür das perfekte Beispiel. Das buchgewordene Roadmovie erzählt von einer versauten Truckertour nach Istanbul und schwelgt dabei programmatisch schwanz- und arschgesteuert in Idealvorstellungen von orientalischen Sexklischees und anzüglichen Kapiteltiteln à la "Zartes Fleisch am Spieß – nach türkischer Art". Gerade in Lockdown-Zeiten ein guter Lustreise-Ersatz. Wir haben das Buch 2015 auf queer.de unter der Überschrift "Istanbul von hinten" vorgestellt.

Leseprobe:

Sobald Oliver in eine Seitengasse einbiegt, ist er Mitten im Orient. Der junge Nordeuropäer fühlt die Hitze überall, die fremden Gerüche machen ihn geil. Aber auch wer mehr Erfahrung hat als der neugierige Bursche, wird gelegentlich überwältigt, wenn Sonne und Hitze sich in Sack und Riemen stauen.

Handwerker, Straßenverkäufer und Kleinhändler stehen vor Kaffeehäusern und Läden und führen ihre Gespräche im Stehen. Regelmäßig justieren sie mit einem festen Griff an der Männlichkeit ihre Hoden. Hier gehört es wohl zur Tagesordnung. Da die meisten Türken ohnehin ihre Sack- und Schwanzhaare schneiden, juckt es in der Hose eines erwachsenen Mannes oft etwas häufiger als bei einem Nordeuropäer. Auch wer etwas länger Beutel und Riemen »sortiert«, wird nicht schräg angeguckt.

Mit den Gedanken an hitzige Arbeiter im Kopf, die gespannte Geilheit zwischen den Beinen, geht Oliver schon eine Weile am Rande der türkischen Großstadt entlang. Als er dann wieder einen Kerl sieht, der sich an die Nüsse greift, rastet er fast aus. Diesmal ist es auch noch ein Polizist in einer strammen, geilen Uniform, der sich den Sack kratzt. Erst jetzt entdeckt Oliver, dass er sich in der Nähe von einer recht großen Polizeiwache befindet. Der junge Bursche überlegt, was wohl auf dieser Wache alles los ist: In seinem Kopf befinden sich darin nur dauergeile Polizisten mit riesigen, beschnittenen Knüppeln zwischen den Beinen. Wie ein Verhör hier aussieht, wagt er sich gar nicht auszumalen.

Als Oliver, noch immer mit dicker Hose, wenige Meter weiter ein Schild mit »Hamam« entdeckt, steht der Entschluss für ihn sofort fest. Er wollte schon immer ein türkisches Bad besuchen, aber bisher hat er keine Gelegenheit dazu gehabt. In irgendwelche Saunen, die ohnehin wahrscheinlich nur von geilen, schaulustigen Touristen überfüllt sind, will er nicht. Aber hier, dieses alte Gebäude in der Seitenstraße, könnte schon was sein …

Thomas Schwartz: Männerspiele am Bosporus, 176 Seiten, Bruno Books. 2015, Paperback: 12,99 € (ISBN 978-3-95985-028-5), E-Book: 7,99 €

Alle hier vorgestellten Titel und viele weitere queere Bücher, Filme und Kalender sind unter anderem erhältlich im Shop von Salzgeber.