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Lesetipps

Queere Reise zum Weltbuchtag, Etappe 5: Das Finale

Heute ist UNESCO-Welttag des Buches – und damit die letzte Etappe unseres Bücher-Trips mit den Salzgeber Buchverlagen erreicht. Das Finale steht im Zeichen vier schwuler Globetrotter, deren Reisen in spannenden Büchern verewigt wurden.


Drei Illustrationen aus dem Bildband "The Art of Looking"
  • 23. April 2021, 11:54h, noch kein Kommentar

Nach literarisch-fotografischen Abstechern nach Russland, Lateinamerika, Asien und in den Nahen Osten sind die Bücher in dieser Ausgabe erdumfassend. Für Schriftsteller Marko Martin ist der Globus ein großes Babylon, für Charles Leslie ein Steinbruch für schwule Kunst, für Journalist Brent Meersman der Schauplatz einer erotisch-politischen "Homo-Odyssee" und Michael Sollorz wird in der Fremde zum schmutzigen Matrosen.


"Umsteigen in Babylon" von Marko Martin

Für Marko Martin, den die Süddeutsche als "Prachtexemplar eines engagierten Intellektuellen" pries, gehört es dazu, die Berichte von seinen (Studien-)Reisen mit Anekdoten und Reflektionen über seine sexuellen Erfahrungen mit Einheimischen zu verbinden. Schließlich gehört auch der Sex für ihn zum Reisen dazu. Oder wie er es 2019 im Interview mit Deutschlandfunk Kultur selbst formulierte: "Ich habe es immer für ziemlich frivol gehalten, ein Land zu bereisen, ohne in physischen Kontakt mit seinen Bewohnern zu kommen." Der Erzählband "Umsteigen in Babylon" demonstriert eindrücklich, was der Autor damit meint. Die 25 Erzählungen nehmen den Leser mit auf eine literarische Weltreise. Mal berichtet Martin über eigene Erlebnisse in Bangkok, Bombay, Lissabon oder Paris, manchmal kommt ihm die Fremde auch in Gestalt reisender Weltenbürger entgegen, die seine Heimatstadt Berlin besuchen. Und wenn mal nichts rauscht, rennt oder reist schweifen eben die Gedanken und Erinnerungen rund um den Erdball – immer auf der Suche nach Inspiration, Erkenntnis und Lustgewinn. Denn auch sie gehören für Martin zusammen. Carsten Moll hat das Buch 2016 auif queer.de unter der Überschrift "In achtzig schwulen Betten um die Welt" besprochen.

Leseprobe:

Wenn schon, dann so. Mit Diktafon in der Hand und einem Rest Extasy im Blut, den Kalauer mit der Ex-Stasi nicht pikiert verschmähend. In Hotellobbys, an Stränden, in Städten oder Dörfern, Fluchten und Weltreisen. Vormittags und nachts auf verschiedenen Kontinenten, im Gedrängel der verschiedenen Ebenen, wenngleich ohne Lüge. Doch braucht es immer auch Zeit. Denn erst als ich dort die Eidechse über die Nussbaumglasur der alten Standuhr huschen sah – huschen, innehalten, huschen und gleich darauf verschwinden -, erinnerte ich mich wieder des Dampfs über den Härchen unserer Arme, mit denen wir uns nach dem Ende des Berichts umschlungen hielten. Deine womöglich gar melancholische Umklammerung als Strafe für meinen Unglauben, meine lachende Gegenwehr aber dennoch als Beweis und Versprechen: eines Tages, Rubén Darío. Eines Tages, da wird selbst Zwickau in Miami plausibel, Panama in Stuttgart, und wir werden uns erinnern, erinnern an einen Spätnachmittag voller Verwunderung, Fragmente und zärtlicher Wahrheit. Genau so wird es sein.

Marko Martin: Umsteigen in Babylon, 240 Seiten, Männerschwarm Verlag. 2016, Klappenbroschur: 20,00 € (ISBN 978-3-86300-218-3), E-Book: 11,99 €

"Homo-Odyssee" von Brent Meersman

18 Länder, sechs Kontinente, zahllose Begegnungen: Auf den Spuren von Weltenbummlern wie Lord Byron, Isherwood und Forster verfasst der südafrikanische Journalist Brent Meersman Reiseberichte, ohne dabei allerdings (wie seine Vorbilder) die Libido außenvor zu lassen. Indem er von schwulen Dates rund um den Erdball berichtet, reflektiert Meersman die gesellschaftliche und politische Situation von Homosexuellen in unterschiedlichen Kulturen von China bis Mexiko und vom "Ende der Welt" (Neuseeland) bis "Banana Island" (Ägypten). Die gedruckte Ausgabe der "Homo-Odyssee" liegt derzeit nur noch auf Englisch vor, die deutsche Übersetzung ist als E-Book erhältlich. Perfektes digitales Reisegepäck! Markus Kowalski hat das Buch 2015 auf queer.de unter der Überschrift "In 80 Orgasmen um die Welt" besprochen.

Leseprobe:

Ähnlich wie südafrikanische Rucksacktouristen haben auch britische Aristokraten des achtzehnten Jahrhunderts versucht, den Zwängen ihrer Gesellschaft zu entfliehen. Diese Art des Reisens wurde als Grand Tour bekannt und hatte zum Ziel, den Horizont der jungen Männer zu erweitern. Das galt natürlich nicht nur für den Geist, sondern auch für den Körper, üblicherweise in Form von bezahltem Sex in Paris.

Der bekannteste Reisende zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war vermutlich Lord Byron, der zu einer bisexuellen Erkundungstour über den Kontinent aufbrach. Weitere Homosexuelle folgten, die unterwegs ihre wahre Identität entdeckten, sich ihre im prüden England unterdrückten Neigungen eingestanden und dank der relativ offenen Sitten des Kontinents Gelegenheit hatten, fieberhaft ihren Leidenschaften zu frönen – was heute die Strichjungen in Pattaya sind, waren damals die derben italienischen Ragazzi mit ihrer dunklen Haut, den wilden Locken und Gazellenaugen.

Manche dieser schwulen Reisenden sind bis heute berühmt, wie zum Beispiel E.M. Forster, W.H. Auden und Christopher Isherwood.

Doch die meisten zeichneten ihre sexuellen Abenteuer nicht auf, und die Männer, deren Bekanntschaft sie machten, verschwanden genauso im Dunkel wie so manches Unausgesprochene in Bruce Chatwins Reiseerzählungen. Natürlich können wir uns denken, was in diesem Dunkel geschah. Doch ich meine, dass es heute möglich sein sollte, davon zu erzählen.

Brent Meersman: Homo-Odyssee, 368 Seiten, Albino Verlag. 2018, E-Book: 9,99 € (ISBN 978-3-95985-056-8)

"The Art of Looking" von Kevin Clarke

Jede Reise hat ein Ziel: Für Charles Leslie (1933) und Fritz Lohman (1922-2009) war dieses Ziel immer die Kunst. In den knapp 50 Jahren, in denen Künstler und der Innenausstatter ein Paar waren, jetteten sie quer durch die Welt, sammelten schwule Gemälde, Fotos und Skulpturen und legten auf diese Weise den Grundstein für das erste queere Museum der Welt: das Leslie-Lohman Museum of Gay and Lesbian Art in New York. Kulturwissenschaftler Kevin Clarke widmete "The Life and Treasures of Collector Charles Leslie" 2015 den Bildband "The Art of Looking", der einerseits ein Streifzug durch über fünf Jahrzehnte schwule Kunst ist und gleichzeitig dem Lebenswerk Charles Leslies ein Denkmal setzt – eine Reise durch die Kunst, die Zeit und ein spannendes Leben. Carsten Moll hat den Bildband 2015 auf queer.de unter der Überschrift "Der Penis als Messlatte der Emanzipation" besprochen.

Kevin Clarke: The Art of Looking – The Life and Treasures of Collector Charles Leslie, Hardcover, 208 Seiten, Bruno Gmünder. 2015, Hardcover: 49,95 € (ISBN 978-3-86787-763-3)

"Fünfzig" von Michael Sollorz

Der Berliner Schriftsteller Michael Sollorz war als Autor des Drehbuchs zum DEFA-Film "Banale Tage", seine Siegessäule-Kolumnen und den Roman "Abel und Joe" bekannt, als er sich anlässlich seines 50. Geburtstags 2012 entschied sich durch die Veröffentlichung seiner Tagebuchnotizen ganz persönlich zu geben. Die Idee dabei: "Das ganze lächerliche Ich-Zeug hochzuwerfen in den Wind (…) als Teil einer Befreiung, als Einverständnis mit dem Sterben." So veröffentliche Sollorz mit "Fünfzig – Ein Tagebuch" eine literarisch-philosophische Selbstbefragung, die nicht nur über seine Sozialisation in der DDR und Trips durchs vereinigte Deutschland, Europa und Asien berichtet, sondern das Leben selbst als große Reise begreift.

Leseprobe:

Wieder die Befürchtung, dass ich diesen Dingen eines Tages nicht gewachsen sein könnte. Die Aufgabe heißt: mich bereit machen, eine Abkürzung zu nehmen. Was kann Schreiben dazu beitragen? Lamy schickt Victoria-Fotos, die gleichförmigen kleinen weißen Boote im Hafenbecken, zwei bettelnde Robben, die kindliche Annette mit ihrer kindlichen Geliebten, quietschende, frische Menschlein. Und das Hafen-Café, wo er jeden Tag sitzt, weil es WLAN hat. Graue Bilder, eine graublaue Landschaft, ein Frösteln. Drei Wochen sind eine lange Zeit. Fragt er sich wohl, was er dort überhaupt tut? Ich habe mich das immer schon nach wenigen Tagen gefragt, überall. Gab es irgendeine schwule Subkultur, war sie ein Gutteil der Antwort. Bestimmt hätte diese ganze verhängnisvolle Eroberung der unbekannten Welt, jahrelange Seereisen, die Unterwerfung von Kontinenten ohne sexuelle Abenteuerlust niemals stattgefunden. Forschungstrieb, Machthunger, Profitgier, selbstverständlich. Aber wie wären die noblen Schiffseigner über die Meere gekommen, hätte der schmutzige Matrose nicht von fremder, brauner Haut geträumt? Kitschtante, höre ich Zottel höhnen. Aber das ist es eben, was ich weiß. Weil es das ist, was ich verstehen kann. Weil ich immer dieser schmutzige Matrose war.

Michael Sollorz: Fünfzig, 232 Seiten, Männerschwarm Verlag. 2013, Klappenbroschur: 18 € (ISBN 978-3-86300-148-3), E-Book: 9,99 €

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