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Academy Awards 2021

Enttäuschende queere Ausbeute bei den Oscars

Vielfalt wurde bei den Academy Awards zwar großgeschrieben – die großen queeren Hoffnungen auf einen Sieg blieben aber unerfüllt.


Viola Davis spielte die Hauptrolle in "Ma Rainey's Black Bottom" (Bild: Netflix)

"Nomadland" – ein Roadmovie über entwurzelte arme Menschen, die wie Nomaden durch die USA ziehen – war der große Sieger bei der 93. Verleihung der Academy Awards. Die Produktion wurde als bester Film ausgezeichnet, außerdem erhielten Regisseurin Chloé Zhao und Hauptdarstellerin Frances McDormand die Trophäe. Die Gala wurde dieses Mal aus der Union Station, einem vor knapp 100 Jahren erbauten Bahnhofsgebäude im Stadtzentrum von Los Angeles übertragen – das Gebäude war ausgewählt worden, weil dort unter Einhaltung der Pandemieauflagen so viele Nominierte wie möglich vor Ort Platz finden sollten.

Aus queerer Sicht besonders erwähnenswert sind zwei Oscars für "Ma Rainey's Black Bottom" des offen schwulen Regisseurs George C. Wolfe. Dabei handelt es um einen musikalischen Netflix-Biografiefilm, der die Geschichte der bisexuellen amerikanischen Bluessängerin Gertrude "Ma" Rainey (1882-1939) erzählt. Der Film erhielt sowohl den Preis für das beste Makeup und Haarstyling als auch für die besten Kostüme. In den Königsdisziplinen ging "Ma Rainey's Black Bottom" jedoch leer aus. Nominiert war etwa Viola Davis als Ma Rainey und posthum Chadwick Boseman als Trompeter Levee Green.

Auch der ähnlich gelagerte Film The United States vs. Billie Holiday ging leer aus. Hauptdarstellerin Andra Day, die für ihre Darstellung der bisexuellen Sängerin Billie Holiday (1915-1959) hoch gelobt wurde, musste sich wie Viola Davis der "Nomadland"-Darstellerin Frances McDormand geschlagen geben.

Kein Oscar für "Eurovision"

Eine Enttäuschung gab es auch für Eurovision-Fans: Der Netflix-Film "Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga" war für Husavik in der Kategorie "Best Original Song" nominiert worden, musste sich aber "Fight for You" aus der Filmbiografie aus "Judas and the Black Messiah" geschlagen geben. Dennoch beeindruckte die schwedische Eurovision-Sängerin Molly Sandén mit ihrer Oscar-Performance des Songs. Als einzige der fünf Nominierten nahm sie ihr Lied nicht auf dem Dach des Oscar-Museums in Los Angeles auf, sondern aus der isländischen Kleinstadt Husavik, in der der Film spielt. Sandén, die in der Produktion Schauspielerin Rachel McAdams ihre Stimme bei den Songs leiht, war 2006 Dritte beim Junior-ESC und 2012 Fünfte im schwedischen ESC-Vorentscheid.

Nicht für einen Oscar nominiert war der hochgelobte Film "Welcome to Chechnya". Er hatte es war zwar in der Shortlist der 15 möglichen Oscar-Nominierungen in der Kategorie "Bester Dokumentarfilm" vertreten, schaffte es aber nicht unter die fünf Nominierten (queer.de berichtete). In dem Film wird eine Gruppe russischer LGBTI-Aktivist*innen vorgestellt, die versuchen, Lesben und Schwule aus Tschetschenien zu schmuggeln, um ihnen die Ausreise aus dem homophoben Russland zu ermöglichen. Den Oscar als beste Doku gewann der südafrikanische Netflix-Film "Mein Lehrer, der Krake" über die Freundschaft eines Filmemachers mit einem Oktopus-Weibchen.

Insgesamt galten die Oscars dieses Jahr als diverseste in ihrer fast 100-jährigen Geschichte. Noch nie waren so viele Frauen und Personen, die ethnischen Minderheiten angehören, nominiert worden. Auch mehrere politische Äußerungen – insbesondere zum vor einer Woche zu Ende gegangenen Prozess um den Tod von George Floyd – spielte eine Rolle. Viola Davis erklärte bei ihrer Dankesrede etwa: "Als Mutter eines schwarzen Sohnes habe ich Angst um seine Sicherheit. Und das ändert auch kein Ruhm und kein Geld."

Allerdings wurde dies von der Trump-treuen US-Presse anders bewertet. Das rechtspopulistische Meinungskanal Fox News Channel zeigte auf seiner Website nach dem Ende der Gala etwa die Headline "Die reiche Hollywood-Elite verwandelt die Oscars zu einer Linksaußen-Hasstirade gegen Polizisten und damit hört es nicht auf". Im Artikel wurde insbesondere die Rede des offen bisexuellen Regisseurs Travon Free als Hasstirade ausgelegt; der Afro-Amerikaner, der in der Kategorie bester Kurzfilm ausgezeichnet wurde, hatte darauf hingewiesen, dass täglich drei Menschen in den USA von Polizist*innen umgebracht würden und überdurchschnittlich häufig dunkelhäutige Menschen betroffen seien.


(Bild: Screenshot foxnews.com)

In sozialen Netzwerken wurde insbesondere die Rede von Filmemacher Tyler Perry gelobt, dem ein Ehrenoscar für humanitäre Verdienste verliehen worden war. Er sprach sich ausdrücklich gegen Hass aus – und erwähnte dabei auch sexuelle und geschlechtliche Minderheiten. Wörtlich sagte der 51-Jährige: "Meine Mutter hat mich gelehrt, Hass und Vorurteile abzulehnen. Mit all diesen Algorithmen im Internet und sozialen Medien hoffe ich, dass alle von uns unseren Kindern lehren, Hass abzulehnen. Hasst niemanden! Ich weigere mich, Menschen zu hassen, die Mexikaner, schwarz, weiß oder LGBTQ ist. Ich weigere mich, Menschen zu hassen, weil sie Polizisten sind. Ich weigere mich, Menschen zu hassen, die Asiaten sind. Ich akzeptiere diesen humanitären Preis und will ihn all jenen widmen, die in der Mitte stehen wollen. Dort gibt es die wichtigen Gespräche, dort werden Veränderungen gemacht." (dk)