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Neue Leitung gesucht

Führt eine Frau demnächst die Hirschfeld-Stiftung?

Seit knapp zehn Jahren ist Jörg Litwinschuh-Barthel Vorstand der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Für seine Arbeit bekommt er viel Lob. Dennoch wird seine Stelle neu ausgeschrieben.


Jörg Litwinschuh-Barthel ist seit November 2011 hauptamtlicher Vorstand der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Im November 2021 endet sein Vertrag (Bild: BMH / Sabine Hauf)

Eine Personalie sorgt in Berlin für Verwunderung, einige Empörung, aber auch für Verständnis: Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (BMH) schreibt den hauptamtlichen Posten des Vorstands überraschend neu aus. Eine entsprechende Stellenanzeige hat das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) auch auf queer.de geschaltet.

Die Entscheidung brüskiert den bisherigen Vorstand Jörg Litwinschuh-Barthel, der die Bundesstiftung 2011 nahezu im Alleingang aufgebaut und in den vergangenen zehn Jahren als wichtige queere Institution etabliert hat. Für seine Arbeit genießt Litwinschuh-Barthel hohe Anerkennung sowohl in der queeren Community als auch in Politik, Wirtschaft und Verwaltung. Bislang gingen auch Mitglieder des Kuratoriums der Hirschfeld-Stiftung davon aus, dass sein Vertrag, der im November ausläuft, ohne größere Diskussion für eine dritte Amtszeit verlängert wird.

Christine Lambrecht setzte Ausschreibung durch


Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) forcierte die Ausschreibung (Bild: Thomas Köhler / photothek)

Nach Informationen von queer.de setzte Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD), die auch Vorsitzende des Kuratoriums ist, die Neuausschreibung persönlich durch. Das BMJV vertritt die Stifterin, also die Bundesrepublik Deutschland, in dem Aufsichtsgremium, dem auch Vertreter*innen anderer Ministerien, des Bundestags und von LGBTI-Verbänden angehören.

Laut Satzung ist eine öffentliche Ausschreibung eigentlich nicht erforderlich – der Vorstand wird vom Kuratorium jeweils für fünf Jahre bestellt. 2011 wurde Litwinschuh-Barthel nach einem Auswahlverfahren des damaligen BMJ von der damaligen Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) berufen, 2016 wurde er vom Kuratorium einstimmig für eine zweite Amtszeit bestellt.

Das Ministerium äußert sich nur schwammig

Zu den Gründen der Neuausschreibung äußert sich das BMJV ausweichend. "Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (BMH) ist mittlerweile mit ihrem wissenschaftlichen Sachverstand und ihrer engen Verbindung mit der LSBTTIQ*-Community zu einer in der Öffentlichkeit sehr geschätzten und gefragten Expertin geworden", erklärte Ministeriumssprecher Marius Leber auf Anfrage von queer.de. "Nach zwei Amtszeiten des aktuellen Vorstandes ist es – wie anderorts auch – angezeigt, in einem offenen Wettbewerb, an dem teilzunehmen der aktuelle Vorstand ebenfalls eingeladen ist, über die weitere Besetzung des Stiftungsvorstandes zu entscheiden."

Die recht schmallippige Kommunikation des Ministeriums befeuert bereits Spekulationen. Während einige vermuten, dass ein neuer Wettbewerb hergestellt werden soll, um insbesondere die in den SPD-geführten Bundesministerien angestrebte Frauenförderung auch bei den bundesnahen Institutionen glaubhaft durchzusetzen, befürchten andere, dass kurz vor der Bundestagswahl ein Versorgungsposten für ein SPD-Mitglied erstmals bei der BMH geschaffen werden soll, die inzwischen in "die Liga für solch wichtige Posten" aufgestiegen sei.

Neuer Vorstand soll "unternehmerisch denken und handeln"

Einige glauben, dass sich Lambrecht einen weniger politischen Vorstand wünscht, der vor allem Verwaltungsperson ist und die Ziele des Ministeriums im Blick behält. Die Stellenausschreibung verlangt zudem betriebswirtschaftliche Kompetenz: "Gesucht wird eine Persönlichkeit, die den ideellen Zielen der Stiftung verbunden ist und diese zu fördern weiß, aber auch in der Lage ist, unternehmerisch zu denken und zu handeln."

Das Ministerium könnte durchaus auch Interesse an einem weniger eigenwilligen und durchsetzungsstarken Chef der Hirschfeld-Stiftung haben. Litwinschuh-Barthels Pochen auf die Unabhängigkeit der Einrichtung sorgte in den vergangenen Jahren mehrfach für Spannungen mit der Hausleitung.

Zuletzt gab es nach queer.de-Informationen einen Streit zwischen Kuratorium und Justizministerin um die Zusammensetzung der Auswahlkommission, die über die Vergabe der Stelle entscheiden soll – vor allem die LGBTI-Verbände sowie die Bundestagsfraktionen sahen sich nicht ausreichend berücksichtigt. Die Auseinandersetzung gipfelte in einem gemeinsamen Beschwerdebrief aller Abgeordneten an Lambrecht, in dem klargestellt wurde, dass das Kuratorium das Sagen habe – eine schallende Ohrfeige für die Ministerin.

Grüne für Neuausschreibung der Stelle

Die Grünen unterstützen dabei grundsätzlich die Neuausschreibung der Vorstandsstelle. "Nach nunmehr zehn erfolgreichen Jahren Stiftungsarbeit ist es sinnvoll, die Ausrichtung der Stiftung neu zu reflektieren und den Stiftungsvorsitz transparent auszuschreiben", erklärte der Bundestagsabgeordnete Sven Lehmann, der auch Mitglied des Kuratoriums ist, gegenüber queer.de. "Damit wird auch Frauen und diversen Personen die Möglichkeit gegeben, sich für das Amt zu bewerben."

Die LGBTI-Community stellt die vom Ministerium erzwungene Neuausschreibung vor ein Dilemma. Einerseits, so der Tenor auch aus lesbischen und trans Initiativen, würden alle gerne mit dem schwulen cis Mann Jörg Litwinschuh an der Spitze weiterarbeiten, andererseits sollte gerade eine queere Stiftung beim Thema Diversity mit gutem Beispiel vorangehen. Während einige Mitglieder des Kuratoriums sich nicht in den Medien zur Personalie äußern wollten (auch der LSVD ignorierte drei Anfragen von queer.de), zeigten andere offen ihre Irritation: "Dass nach zehn Jahren womöglich eine andere Person diese Position besetzen könnte, ist kein Skandal, verwundert aber im Kontext der Verdienste der Leitung des BMH", erklärte etwa Jan Feddersen, der die Initiative Queer Nations im Kuratorium vertritt. "Wir wünschen uns entweder den alten auch als neuen Vorstand der BMH – oder eine Person, die es als ihre zentrale Aufgabe versteht, bürgerrechtliche, also konkrete Interventionen zu tätigen, die über die queeren Communities hinauszuwirken wissen."

LItwinschuh-Barthel schweigt zur Neuausschreibung

Als Jörg Litwinschuh-Barthel 2011 zum Vorstand bestellt wurde, hatte die neugegründete Stiftung weder ein Büro noch weitere Angestellte. Der Medienwissenschaftler baute sie im Alleingang auf und setzte u.a. mit dem "Archiv der anderen Erinnerungen", dem Projekt "Fußball für Vielfalt" und den "Hirschfeld-Tagen" bereits im ersten Jahr programmatische Schwerpunkte. Sowohl bei der Rehabilitierung und Entschädigung der nach 1945 verfolgten Homosexuellen als auch beim Verbot sogenannter Konversionstherapien spielte er eine zentrale Rolle.

Seit 2017 konnte die Stiftung durch die erstmalige institutionelle Förderung des Bundes zumindest personell wachsen: Sieben Festangestellte, davon drei in Teilzeit, und fünf studentische Hilfskräfte arbeiten inzwischen dauerhaft für die BMH. Mittel für eigene Projekte und das Förderprogramm der Stiftung stehen jedoch im Vergleich zu anderen Bundesstiftungen in nur geringem Umfang zur Verfügung.

Jörg Litwinschuh-Barthel wollte sich auf Anfrage von queer.de nicht zur Ausschreibung äußern, in das Verfahren sei er "nicht eingebunden". Er bestätigte lediglich, dass seine zweite Amtszeit Anfang November endet. Auf die Frage, ob er sich um seine eigene Stelle bewerben werde, gab der 52-Jährige keine Antwort.



#1 HexeAnonym
  • 01.05.2021, 09:03h
  • Sehr mysteriös alles.
    Komisch das sich niemand dazu äußern will.
    Ich denke eigentlich "Never change a running system", denn die Hirschfeld Stiftung macht ja tolle Arbeit.
    Und als Feministin finde ich es ja normalerweise toll wenn man auf Diversität setzt, aber irgendwie klingt das mehr nach Postengeschacher.
    Bringt aber nichts da Mutmaßungen zu machen wenn alle schweigen.
    Und das ist ziemlich uncool bei so einer Stiftung. Da wünscht man sich mehr Transparenz.
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#2 Ralph
  • 01.05.2021, 09:56h
  • Die gegebenen Begründungen überzeugen mich nicht. Erstens mal ist der Posten naturgemäß ein politischer. Die Stiftung macht Politik, und da ist betriebswirtschaftliche Führung gänzlich fehl am Platze. Zweitens verdutzt doch sehr, dass der Wunsch nach personeller Veränderung nur um der personellen Veränderung willen gerade aus einem Milieu kommt, in dem Amtsinhaber/innen gerne jahrzehntelang ausharren mit dem Argument, sie seien so gut, dass jede Ausschau nach einer Alternative überflüssig sei.Man kann sich des Verdachts nicht erwehren, dass die Ministerin noch schnell vor der Wahl, die ihre Partei wohl in die Opposition befördern wird, jemanden versorgen will, für die sie nach der Wahl keinen hohen Ministerialposten mehr wird schaffen können.
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#3 steffdaAnonym
  • 01.05.2021, 09:58h
  • Ich befürchte aus der Stiftung soll ein braves Schoßhündchen der Politik gemacht werden. Sie ist dann noch da ("wir haben ja was gemacht" *schulterklopf*), stört aber ansonsten nicht weiter.

    "Die LGBTI-Community stellt die vom Ministerium erzwungene Neuausschreibung vor ein Dilemma. Einerseits, so der Tenor auch aus lesbischen und trans Initiativen, würden alle gerne mit dem schwulen cis Mann Jörg Litwinschuh an der Spitze weiterarbeiten, andererseits sollte gerade eine queere Stiftung beim Thema Diversity mit gutem Beispiel vorangehen."

    Vielleicht sollt wieder auf die Inhaltliche Arbeit geschaut werden und nicht ob da noch ein Schwanz an der Person hängt oder nicht.
    Dann gäbe es da auch kein Dilemma.
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#4 KaiJAnonym
  • 01.05.2021, 11:17h
  • Wenn Lambrecht das persönlich durchgesetzt hat, ist das schlimm genug. Nichts ist da denn glaubwürdig von einer Autonomie der Stiftung. Die herzustellen ist Aufgabe der Community. Postengeschacher und ein Durchregieren der Parteien ist da rauszuhalten.
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#5 SchonAnonym
#6 Girlygirl
  • 01.05.2021, 14:38h
  • Ich finde diese Schlagzeile und die Aussagen im Artikel mal wieder arg irreführend und soll wohl Zoff unter Schwulen und anderen in der Community befeuern (was zum Glück noch nicht passierte). Ja, die Neubesetzung mag überraschend kommen und ist wahrscheinlich unberechtigt. Aber mir ist hier viel zu viel "befeuert bereits Spekulationen", "einige vermuten", "befürchten andere", "Einige glauben". Der Streit, der in einem Beschwerdebrief mündete, erscheint mir viel interessanter, als die extrem vage Vermutung, dass der Leiter aufgrund seines Geschlechts aufhören soll. Daraus jetzt eine Identitätsdebatte zu machen, finde ich falsch.
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#7 Korinthen KKAnonym
  • 02.05.2021, 08:21h
  • Achtung Sarkamus:

    Vielleicht bewirbt sich ja Alice Weidel für den Posten. Dann gibt es eine lesbische Frau als Führerin und die AFD hat beim drölften Versuch zugleich einen Fuß drin.
    Sarkamus off/
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