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Heimkino

Gay Sex on the Beach

"Sommer wie Winter" gilt längst als Klassiker des queeren französischen Kinos. 20 Jahre nach seiner deutschen Erstveröffentlichung kehrt Sébastien Lifshitz' Debütfilm über zwei verliebte Teenager in digital restaurierter Fassung zurück.


Mathieu (Jérémie Elkaïm) und Cédric (Stéphane Rideau), beide 18 Jahre jung, lassen ihren Gefühlen freien Lauf (Bild: Salzgeber)
  • Von Dieter Oßwald
    2. Mai 2021, 09:02h, noch kein Kommentar

Zur Jahrtausendwende präsentierte der Franzose Sébastien Lifshitz mit seinem Kinodebüt "Sommer wie Winter" eine flirrende Lovestory am Strand mit zwei charismatischen jungen Helden. So lässig die Figuren, so rigoros die Machart: Chronologie? Wie bieder! Psychologie? Wie altmodisch! Dramaturgie? Mon dieu! Stattdessen die emotionale Achterbahn im puren Bauchgefühl-Modus. Das sinnliche Verzauber-Kunststück gelingt: Der Klassiker läuft im Mai in digital restaurierter Fassung in der queerfilmnacht online.

"Ich würde dich gern küssen." – "Dann mach's doch!". Auch bei Dialogen bewährt sich gern das Weniger-ist-mehr-Prinzip. Im knappen Dreisatz entsteht am Strand spontan das lustvolle Panorama: "Wenn du einen Vierer würfelst, blas ich dir einen!" – "Und wenn nicht?" – "Dann leck ich dir die Eier". Als ziemlich verknalltes Pärchen gackern der 18-jährige Mathieu (Jérémie Elkaïm) und der gleichaltrige Cédric (Stéphane Rideau). Was als verspielter Urlaubsflirt am sonnigen Strand beginnt, avanciert schnell zu einer leidenschaftlichen Affäre der tiefer gehenden Art.

Vom heißen Flirt zum Suizidversuch


Poster zum Film: "Sommer wie Winter" läuft im Mai 2021 in der queerfilmnacht online

Eigentlich möchte Mathieu nur ein paar entspannte Wochen am Meer verbringen, bevor mit seinem Studium beginnt. Stress hat er genügend. Die Mutter ist depressiv, mit der jüngeren Schwester kann er wenig anfangen. Da kommt dieser Cédric als flirtendes Strandgut gerade recht. So cool wie charismatisch. So lässig wie temperamentvoll. Der erste Kuss am Meer ist schnell klargemacht. Am Morgen danach zickt der eine bei Berührungen in aller Öffentlichkeit zwar noch ein bisschen herum: Was soll seine Schwester denn denken? Am Abend danach kehrt er reumütig zum enttäuschten Lover zurück. Bei dem beißt er auf Granit, das Schmollen freilich hält nicht allzu lange an.

Völlig unvermittelt wird das Idyll der verliebten Jungs jäh unterbrochen. Einem der beiden wird im Krankenhaus der Magen ausgepumpt. "Ein Freund hat Sie schon zweimal besucht. Ist das Ihr Freund", fragt die besorgte Krankenschwester. Wie es zu dem Suizid-Versuch kam, ist so unklar wie das warum und wann. Die klassische Erzählform in chronologische Reihenfolge hat Regisseur Lifshitz bei seinem Debüt verlassen. Er bietet Puzzelstückchen aus unterschiedlichen Zeiten, die das Publikum gefälligst selbst zusammensetzen soll. Solch nicht-lineare Erzählformen gelten in Streaming-Zeiten längst als Standard und stören heutige Sehgewohnheiten kaum. Vor zwei Jahrzehnten freilich galten solche dramaturgischen Pirouetten fast ein bisschen avantgardistisch.

Immer wieder gibt es Überraschungsmomente:

Nicht nur um zeitliche Zusammenhänge schert sich das Drama herzlich wenig, auch bei den Motiven der Handelnden gibt sich der Regisseur bewusst unbekümmert. Weshalb die Beziehung gescheitert ist, bleibt so unausgesprochen wie das, was ihre Substanz ausgemacht hat. Die Reaktion der Familien auf die schwulen Teenager bleibt gleichfalls nebulös. "Kennen Sie Mathieu schon lange?", fragt die Mama wie selbstverständlich, als sie die halbnackten Jungs im Zimmer des Sohnes überrascht. Gleichwohl lässt im Anschluss die Frage nach der Freundin nicht lange auf sich warten.

So grob die Pinselstriche der Figurenzeichnung ausfallen, üben sie einen überraschenden Reiz aus. Allzu viel erfährt man von den Helden gar nicht, und doch bleibt man als Publikum am Ball. Immer wieder gibt es Überraschungsmomente: Eine Schlägerei in der Disco nach dem Kuss der beiden Jungs, die eine ganz andere Auflösung bekommt als üblich. Oder jener Unfall in einer Felsspalte, der im Krankenhaus zu einem Coming-out der merkwürdigen Art führt. Und zwischendrin geht's einfach auch mal nur zur Sache: Sex on the beach – und das so freizügig wie leidenschaftlich in den Dünen.

Perfektes Vorglühen auf Ozons "Sommer 85"

Regisseur Sébastien Lifshitz (Jahrgang 1968) wird bei Salzgeber gerade eine ganze Filmreihe gewidmet. Am 13. Mai startet "Wild Side" (2004) im Salzgeber Club, am 20. Mai folgt "Offene Herzen" (1998) und ab 27. Mai sind zudem Lifshitz' Dokumentarfilme "Die Unsichtbaren" (2012) und "Bambi" (2013) als Video on Demand zu sehen.

Doch vor allem sein Debüt sollte man sich keinesfalls entgehen lassen: "Sommer wie Winter" ist das perfekte Vorglühen zu "Sommer 85" von François Ozon, der voraussichtlich am 1. Juli in die Kinos kommt.

Vimeo / Salzgeber Club | Trailer zu "Sommer wie Winter" und Möglichkeit, den Film direkt anzuschauen
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Infos zum Film

Sommer wie Winter. Drama. Frankreich 2000. Regie: Sébastien Lifshitz. Darsteller*innen: Jérémie Elkaïm, Stéphane Rideau, Marie Matheron. Laufzeit: 100 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 16. Verleih: Salzgeber. Im Mai 2021 in digital restaurierter Fassung in der queerfilmnacht online sowie über die Seiten der Partnerkinos.
Galerie:
Sommer wie Winter
8 Bilder