Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?38768

Missbrauchsprozess

Kündigte der #ArztOhneNamen 2013 ein Geständnis an?

Ein in der schwulen Szene Berlins bekannter Arzt soll in seiner Praxis Patienten sexuell missbraucht haben. Am vierten Prozesstag kommt ein angeblich angekündigtes Geständnis zur Sprache – sowie die E-Mail eines neuen mutmaßlichen Opfers.


Die Berliner Staatsanwaltschaft wirft einem bekannten Mediziner vor, fünf männliche Patienten sexuell missbraucht zu haben. Insgesamt sind elf Verhandlungstage anberaumt (Bild: Hermann / pixabay)

Am vierten Verhandlungstag drängte sich erneut der Finger des Anwalts Johannes Eisenberg in den Vordergrund. War es am dritten Prozesstag der Mittelfinger, den der Verteidiger zu einer obszönen Geste gegen einen Nebenkläger benutzte (queer.de berichtete), deutete er diesmal stark erregt mit seinem Zeigefinger in Richtung Staatsanwältin. Die Gebärde unterstrich durchaus die umgangssprachliche Bedeutung von "mit dem Finger auf jemanden zeigen" als Anprangern oder Bloßstellen.

Eisenberg warf der Staatsanwältin vor, "dreist" den angeklagten Arzt aufgrund seines Verteidigungsverhalten zu "kriminalisieren", und forderte den Vorsitzenden Richter auf, der Staatsanwältin die "Sitzungsvertretung zu entziehen". Das garnierte Eisenberg nicht ohne begleitende Beschimpfungen in Nebensätzen. So sei die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft "fehlerhaft" und "ohne Sachkenntnis" geschrieben worden. Wie könne er außerdem den Angeklagten ohne "Drohszenarien und massive Behinderung durch die Staatsanwaltschaft" verteidigen, wenn "da so eine sitzt" (wieder kam der Zeigefinger zum Einsatz) und es "Mätzchen und Machenschaften" der Staatsanwaltschaft gebe (erneut Zeigefinger gegen die Staatsanwältin).

Aufgehobene Schweigepflicht?

Mit was hatte die Staatsanwältin diese Suada des Verteidigers Eisenberg ausgelöst? Sie hatte die Frage gestellt, ob ein Nebenkläger und mutmaßliches Opfer den angeklagten Arzt von seiner ärztlichen Schweigepflicht entbunden habe. Der Mediziner hatte nämlich ausführlich aus der Patientenakte des Mannes zitiert, um alle von ihm ausgeführten Untersuchungen als medizinisch notwendig zu begründen. Ein Vorgang, der üblicherweise das Einverständnis des Patienten benötigt, was dieser aber nicht erteilt habe.

Die Staatsanwältin begründete die Frage mit der Erfahrung der vergangenen Verhandlungstage. Es solle eine "Sensibilität entwickelt werden", was die Öffentlichkeit an intimen Details erfahre. Gerade die sexuellen Bereiche der Verhandlungsbeteiligten seien besonders schützenswert. Dabei schloss sie neben den Zeugen ausdrücklich auch den Schutz des Mediziners mit ein.

In einer Abwägung entschied das Gericht, dass es für den Angeklagten zur Wahrnehmung berechtigter Interessen logisch sei, Tatsachen vorzutragen, die er unter ärztlicher Schweigepflicht erfahren habe. Zur Befragung eines zweiten Nebenklägers und Opfers schloss das Gericht die Öffentlichkeit von der Verhandlung daher aus.

Verteidigung wirft Nebenkläger Lügen vor

Davor kam es noch zu einer Stellungnahme der Verteidigung zur Aussage des Nebenklägers vom dritten Prozesstag. Anwalt Stefan König fasste zusammen, dass der Zeuge "lügt, also die Unwahrheit sagt, gleich aus welchen Motiven". Das begründete König nicht mit einem Gutachten des anwesenden Rechtspsychologen Günter Köhnken. Dieser war vom angeklagten Arzt engagiert worden, um die Glaubwürdigkeit der Zeugen zu überprüfen. König nutzte andere Schlussfolgerungen für seine Beurteilung.

Als Beispiel nannte König Abweichungen des Zeugen bei unterschiedlichen Befragungen im Laufe der Jahre. So habe er die Zahl der Finger unterschiedlich beschrieben, mit denen der angeklagte Arzt die Prostata des Zeugen sexuell stimuliert haben soll.

Anwältin Undine Weyers entgegnete darauf, dass ihr Mandant bei der Befragung von der Schwierigkeit erzählt habe, die genaue Zahl der Finger angeben zu können, weil er vom Arzt abgewandt gewesen war. Deshalb habe er die Aussage im Laufe der Jahre korrigiert und diese im Hauptverfahren auch konsequent beibehalten.

König führte weiterhin als Beleg für seinen Vorwurf der Unwahrheit an, dass das unmittelbar im Anschluss an den mutmaßlichen Übergriff geschriebene Gedächtnisprotokoll kein Dokument der "Verwirrung" sei, wie der Zeuge seinen emotionalen Status von damals beschrieben habe, sondern als "geordnetes Résumé" gelesen werden müsse. Hier erwiderte Weyers, dass beim Gedächtnisprotokoll vor allem die Lesart schlüssig sei, dass da jemand "gegen das Gefühl des Übergriffs und Ausgeliefertseins angeschrieben" habe.

Nebenklage erwähnt angekündigtes Geständnis

Königs Einwand, der Zeuge habe dabei gelogen, dass er allein vom angeklagten Arzt untersucht worden sei, widersprach Weyers. Der angeklagte Arzt, ein Assistenzarzt sowie ein medizinisch-technischer Angestellter könnten dieser Aussage nur die Behauptung, "das sei in der Praxis immer so gehandhabt worden", entgegenhalten. Erinnern können sich die drei nicht an diesen Tag oder den Patienten, und aus der Patientenakte ließe sich das nicht direkt lesen.

Abschließend beschrieb Weyers die Aussage ihres Mandanten über die vielen Stunden hinweg als "konstant frei von Belastungstendenzen oder Rachegefühlen". Das sei auch im Zusammenhang mit einem "Geständnis des Angeklagten" zu sehen, dass dieser bei der Befragung 2013 bei der Ärztekammer von seiner damaligen Anwältin "ankündigen ließ". Der Mediziner habe sich dabei auch bereit erklärt, "sich noch vor Jahresende 2013 in eine Psychotherapie zur Aufarbeitung der gemeldeten Vorfälle" zu begeben. Dass er danach seine Verteidigung geändert habe, sei sein "gutes Recht", konstatierte Weyers. Zum Prozessauftakt hatte der Angeklagte alle Vorwürfe zurückgewiesen (queer.de berichtete).

Ein mutmaßliches Opfer meldet sich per E-Mail

Im Anschluss stellte die Anwältin noch einen Antrag für einen weiteren Zeugen. Ihr sei vergangene Woche die E-Mail eines Österreichers zugestellt worden, der 2013 einen mutmaßlichen sexuellen Übergriff durch den angeklagten Arzt erlebt haben soll. Über die zufällige Lektüre der Berichterstattung zum Prozessauftakt habe er erkannt, dass es sich bei ihm um keinen Einzelfall handele. Deshalb will er sich dem Gericht auch als Zeuge zur Verfügung stellen. 2012 bis 2013 habe der heute in Wien lebende Flugbegleiter in Berlin gearbeitet. Ihm sei aufgrund seiner HIV-Infektion die Praxis empfohlen worden. Nach ersten, guten Erfahrungen mit einem Assistenzarzt kam es bei einem Besuch zum Kontakt mit dem angeklagten Arzt. Dieser habe ihn nach der Frage, "ob die proktologische Untersuchung schon gemacht worden sei", allein in einem Untersuchungsraum untersucht. Dabei sei es zu Übergriffen gekommen, die ihn erschüttert hätten.

Im Anschluss an diesen Antrag war es überraschend still im Team der Verteidigung. Es kam kein Zwischenruf, keine Entgegnung. Anwalt Eisenberg hielt sogar seinen "Finger unter Kontrolle". Das hatte Änne Ollmann, Anwältin eines weiteren Nebenklägers, schon vorab als "professionelles Verhalten" von Eisenberg mit dem Hinweis eingefordert, dass er so etwas "eigentlich nicht nötig hat".

Einen kurzen Moment wehte dabei die schöne Vorstellung durch den Gerichtssaal, wie ein für alle Beteiligte belastender Prozess zwar hart, aber mit Anstand geführt werden könnte, um allen die faire Chance zu garantieren, dass die Wahrheit herausgefunden wird.

Der Prozess wird am 10. Mai fortgesetzt.



#1 mesonightAnonym
  • 04.05.2021, 09:49h
  • Genau so werden Opfer von Gutachtern diskreditiert, was spielt es denn für eine Rolle, wie viel Finger der Arzt benutzt hat? Da könnte man auch fragen, wieviele Stifte auf dem Tisch lagen. Es freut mich aber sehr, dass sich ein weiteres Opfer gefunden hat, hoffentlich melden sich weitere. Sorry, wenn ich das sage, aber wie kann man diese Praxis überhaupt noch frequentieren?
  • Antworten » | Direktlink »
#2 SöderAnonym
  • 04.05.2021, 12:54h
  • Jetzt melden sich schon international die Opfer bei Gericht. Starkes Stück.

    Weiß jemand, ob dieser Arzt noch einen Vergleich anbieten kann, um da rauszukommen? Bin leider kein Jurist.
  • Antworten » | Direktlink »
#3 StaffelbergblickAnonym
  • 04.05.2021, 14:26h
  • "... So habe er die Zahl der Finger unterschiedlich beschrieben, mit denen der angeklagte Arzt die Prostata des Zeugen sexuell stimuliert haben soll. ..." Was ist das denn für eine Argumentation? urologischerseits liegt ein Patient "normalerweise" auf der linken Körperseite, damit der Untersucher mit dem Zeigefinger!!!! (Mittelfinger ist Quatsch) die Prostata tasten kann. Also kann ein Untersuchter gar nicht erkennen, welcher Finger es war. Auf einem Untersuchungsstuhl könnte noch erkannt werden, welcher Finger eingefettet wird ... aber mit welchem Finger dann untersucht wurde ... ist auch nicht sichtbar. Ich halte das alles für eine sehr vorgeschobene Taktik. Hier sollte sich die Anwältin mal sachkundig machen und ggf einen Sachverständigen einbinden lassen.
  • Antworten » | Direktlink »
#4 daVinci6667
  • Gestern, 20:40h
  • Antwort auf #1 von mesonight
  • Dieser sogenannte Arzt scheint bei denjenigen Patienten auch noch die letzte Zurückhaltung vor sexuellem Missbrauch zu verlieren, sobald er sie in irgendeiner Weise abhängig gemacht hat.

    Zum Beispiel weil man nur über ihn Zugang zu einer bestimmten Therapie/Medikament erhält, weil man sich jemand anderen nicht leisten kann, seine Rechte nicht kennt, keine geregelten Aufenthaltsstatus hat, oder die Landessprache nicht spricht. Bei Jenari einem Opfer über den Queer.de hier mal schrieb traf gleich mehreres davon zu.

    Wie leider immer, die wehrlosesten sind die, die es am schwersten trifft.

    Ich hoffe auf ein hartes Urteil gegen dieses Ar. inklusive Entzug der Approbation. Hoffen darf man ja
  • Antworten » | Direktlink »