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Buchtipps

Queer-Mama-Media: Die Top-Ten zum Muttertag

Am Sonntag ist Muttertag. Wir nutzen den Anlass, um mit den Salzgeber Buchverlagen zehn queere Mama-Momente zu feiern – featuring schrille Töne, tiefe Abgründe, ein Coming-out und ein galaktisches Telefonat mit Ralf König.


"Da dachte ich, ich ruf lieber Dich an, bevor Du's wieder vergisst": Szene aus Ralf Königs Comic "Barry Hoden – Im Weltall hört dich keiner grunzen"
  • 9. Mai 2021, 06:38h, noch kein Kommentar

1. Coming-out bei Mama

In seinem wundervollen Debütroman "Jetzt sind wir jung" (bei queer.de von Markus Kowalski besprochen unter dem Titel "Von der Darkroom-Sehnsucht eingeholt") erzählt Julian Mars gleichermaßen zeitlos wie zeitgemäß über Freundschaft, erste Liebe und schwule "Rumhurerei". Mittendrin im Wechselbad der Gefühle, das Hauptfigur Felix im Laufe des Romans durchschwimmt: das Coming-out bei seiner "Mutter, deren russische Schwermut früher manchmal tagelang über dem Haus hing wie eine dicke, fette Regenwolke".

Leseprobe:

Wir hatten uns bei Mama zum Kaffee angekündigt, also saßen wir mit ihr vor dem Kamin, aßen Frankfurter Kranz und versuchten uns an heiterem Smalltalk, obwohl mir überhaupt nicht heiter zumute war.

Ich hatte im Internet gelesen, dass man sich für sein Coming-out einen entspannten und fröhlichen Moment aussuchen sollte. Aber außer vielleicht Anna war niemand fröhlich an diesem Nachmittag. Ich hatte das Gefühl, dass ich am ganzen Leib zitterte, und Mama saß sowieso da wie ein Kälbchen beim Metzger, weil ihr natürlich klar war, dass irgendwas faul sein musste, wenn Anna freiwillig nach Hamburg kam – und auch noch nett zu ihr war.

"Felix hat tolle Neuigkeiten, Mama. Die möchte er gerne mit dir teilen."

Anna sah mich ermutigend an, und ich wusste, dass es kein Zurück mehr gab. Ich schluckte schwer und zwang mich zu einem Lächeln.

"Ja, also, ich dachte, dass du dich vielleicht mit mir freuen möchtest. Weil … weil ich seit Kurzem nämlich … einen festen Freund habe."

Man soll positiv formulieren, hatte ich gelesen. Ich bin glücklich, deshalb bist du jetzt bestimmt auch glücklich. So hässliche Worte wie schwul sollte man gar nicht in den Mund nehmen. Nicht, dass noch einer auf die Idee kommt, das hier könnte ein Coming-out oder so was Furchtbares sein.

Meine Mutter reagierte nicht. Sie rührte einfach weiter in ihrem Kaffee, ohne aufzublicken. Ich schaute meine Schwester an.

"Felix hat einen Freund", sagte sie, als ob sie mit einer Schwachsinnigen spräche. "Verstehst du das? Dein Sohn ist schwul. Aber das ist gar nicht schlimm. Weil er nämlich glücklich ist. Okay?"

Ich begann zu zittern. Was machte ich hier? Was sollte das alles?

Dann fing Mama an zu weinen. Nicht klagend und theatralisch, wie sie es sonst gerne tat, sondern ganz still und ohne ein einziges Geräusch zu machen. Wenn ich nicht gesehen hätte, wie ihre Tränen auf den Kuchenteller tropften, hätte ich es vielleicht gar nicht gemerkt.

Meine Schwester zischte etwas auf Russisch, worauf Mama laut aufschluchzte.

"Was hast du gesagt?", fragte ich.

"Nichts", sagte Anna.

Mir war schlecht, und ich überlegte, ob ich vielleicht kotzen musste. Ich hätte meine Mutter gerne umarmt oder irgendwie getröstet, aber ich wusste nicht, ob sie von mir angefasst werden wollte. Von ihrem schmutzigen Sohn.

Julian Mars: Jetzt sind wir jung, 32 Seiten, Albino Verlag. 2015, Klappenbroschur: 18,00 € (ISBN 978-3-95985-038-4), E-Book: 11,99 €

2. Lesbische Mütter

In "Wurzeln – Bande – Flügel", einem neuen Sammelband der Edition Waldschlösschen wird "Familie als Ort der Sozialisation, Kontrolle und Emanzipation" diskutiert. Dabei gehen elf Autor*innen auf unterschiedliche queere Familienmodelle ein – von der "Wahlfamilie der Perversen" über die Poly-Familie bis zu heutigen Regenbogenfamilien. Dabei thematisiert Historiker Benno Gammerl die kontroversen Debatten der 1970er und 1980er Jahre um Mutterschaft in der lesbischen Community.

Leseprobe:

Auszug aus dem Aufsatz "Schwule Väter und lesbische Mütter vor der Erfindung der Regenbogenfamilie" von Benno Gammerl

Den Kampf gegen die Ablehnung, mit der Mütter in der Lesbenszene konfrontiert waren, beschreibt Frau Schmidt in ihrer Erzählung besonders nachdrücklich. Mit Blick auf die 1970er und 1980er Jahre kritisiert sie die Feindseligkeit der "Radikallesben oder Urlesben oder wie das alles damals benannt wurde". Diese hätten sie als zweimal verheiratete Mutter zweier Töchter und somit als "ehemalige blöde Heterotante oder -schnalle" ausgegrenzt. Gegen dieses Zeigen der kalten Schulter legte sich Frau Schmidt auch öffentlich ins Zeug, indem sie auf die spezifischen Probleme lesbischer Mütter hinwies. Sie vertrat ein offeneres oder flexibleres Konzept lesbischer Identität und forderte die "Radikallesben" dazu auf, sich solidarisch auch für die Anliegen lesbischer Mütter einzusetzen.

In den lesbisch-feministischen Zeitschriften wurde ebenfalls kontrovers über dieses Thema diskutiert. So fragte ein Artikel im LesbenStich (Brigitte 1980): "Lesbisch sein und Mutter sein – unvereinbar?". Im gleichen Jahr verwies ein anderer Artikel auf eine "Gruppe lesbischer Mütter", bei der diese Rat und Unterstützung finden konnten (Elke 1980). Insgesamt gesehen blieb die heterosexuelle Vergangenheit vieler lesbischer Mütter innerhalb der lesbisch-feministischen Community jedoch problematisch.

Das ist vermutlich auch mit ein Grund dafür, dass die Frage, wie frau Kinder bekommen könnte, ohne sich mit einem Mann einlassen zu müssen, im lesbischen Kontext deutlich früher und intensiver diskutiert wurde als die vergleichbaren Fragen nach sogenannten Leihmüttern im schwulen Zusammenhang. 1991 erschien im Berliner Orlanda Frauenverlag ein von Uli Streib herausgegebenes Buch unter dem Titel "Von nun an nannten sie sich Mütter. Lesben und Kinder", dessen Beiträge sich vor allem mit der Frage beschäftigten, wie Lesben die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin nutzen könnten, um jenseits heterosexueller Elternschaft Kinder zu bekommen (Streib 1991).

Kim Alexandra Trau, Stephan Baglikow (Hrsg): Wurzeln – Bande – Flügel, 188 Seiten, Männerschwarm Verlag. 2020, Paperback: 22,00 € (ISBN 978-3-86300-313-5), E-Book: 15,99 €

3. Mamas Make-up

US-Autor Alexander Chee hat sein als Essay-Sammlung getarntes Memoir "Wie man einen autobiografischen Roman schreibt" (bei queer.de besprochen von Fabian Schäfer unter dem Titel "Tiefe Einblicke in Leben und Werk einer wichtigen queeren Stimme") nicht nur mit der Widmung "Für meine Mutter und meinen Vater, die mir das Kämpfen beigebracht haben" versehen, er erzählt auch, wie er mit dem Make-up seiner Mutter schon früh für spätere Auftritte als Dragqueen legte.

Leseprobe:

Ich hatte ein Geheimnis vor meiner Mom, oder glaubte das zumindest: Ich schlich mich regelmäßig in ihr Badezimmer, um mit ihrem Make-up zu experimentieren. Ich verbrachte Stunden vor ihrem Badezimmerspiegel und probierte alle möglichen Gesichtsausdrücke durch – im Ruhezustand wirkte mein Gesicht unentschlossen, wie in der Schwebe zwischen zwei Alternativen. Manchmal starrte ich es an und stellte mir vor, wie es aussehen würde, wenn ich entweder weißer oder asiatischer wäre. Aber Make-up, das verstand ich; ich hatte miterlebt, wie sich meine Mutter verwandelte, wenn sie sich schminkte, und genau das wollte ich auch. Also griff ich, während sie mit ihren Proben beschäftigt war, nach einem der Lippenstifte, legte ihn auf und drehte mich dann lächelnd zu ihr um.

Es war als Überraschung gedacht, ich wollte ihr eine Freude machen. Ich bin sicher, der rotorange Farbfleck auf meinem kleinen Gesicht wirkte grotesk, ja beängstigend.

"Alexander!", das war alles, was sie sagte. Sie sprang von ihrem Stuhl am Clinique-Tresen, packte meinen Arm, zog mir meine Skimütze über den Kopf und führte mich aus dem Kaufhaus heraus, hinüber zu unserem Auto, als hätte man mich beim Ladendiebstahl erwischt. Wir fuhren schweigend nach Hause, und sobald wir angekommen waren, wischte sie mir den Lippenstift aus dem Gesicht und ermahnte mich, so was ja nicht noch mal zu machen.

Sie war wütend, erschrocken, fühlte sich von mir hintergangen.

Hier war eine Grenze, von der ich gedacht hatte, ich könnte sie in beide Richtungen überschreiten, aber anscheinend konnte ich das nicht.

Bis ich es dann doch konnte. Bis ich es tat…

Alexander Chee: Wie man einen autobiografischen Roman schreibt, 384 Seiten, Albino Verlag. 2020, Klappenbroschur: 20,00 € (ISBN 978-3-86300-283-1), E-Book: 13,99 €

4. "Summer Boys" treffen "Porn Mums"





Was haben schwule Pornos und Mütter gemeinsam? Eine Menge. Zumindest, wenn es um Cockyboys geht. Das US-Label erfreut sich seit Jahren einer internationalen Fangemeinde begeisterter Frauen, die jeden neuen Star und jede neue Szene begeistert feiern, für Cockyboy-Conventions um die halbe Welt reisen und von Studio-Leiter Jake Jaxson liebevoll als "Porn Mums" bezeichnet werden. Fazit: Der edle Cockyboys-Bildband "Summer Boys" eignet sich nicht nur zum Selberschmachten, sondern auch als Muttertagspräsent.

Jake Jaxson, RJ Sebastian: Summer Boys, 160 Seiten, Salzgeber. 2020, Fotobuch/Hardcover: 59,00 € (ISBN 978-3-95985-602-7)

5. Mutti als Messie

Wo sich an allen Ecken Abgründe auftun und trotzdem Herz und Komik brillieren, ist Dietlind Falks Debütroman "Das Letzte" angesiedelt. Hier oszilliert eine namenlose Erzählerin zwischen ihrer queeren WG, psychotherapeutischen Sitzungen bei "Doktor Mabuse" und einer verkorksten Lovestory hin und her, als ihre Messie-Mutter einen Schlaganfall erleidet. Nun heißt es Aufräumen. Nicht nur in Mutters zugemüllter Wohnung, sondern auch mit im eigenen Leben. Am Ende wird aus dem Abgrund ein Aufbruch.

Leseprobe:

Der Anfang vom Ende fing damit an, dass ich zu meiner Mutter musste. Bei diesem Müssen handelte es sich nicht um eine amtliche Auflage. Niemand schickte mir einen Brief, in dem stand: Sehr geehrte Frau So-und-so, es ist so weit, heute müssen Sie wieder ran. Das Müssen war in mir drin, es regte sich, wuchs, blähte sich auf, wurde schließlich unerträglich und verschwand erst wieder, wenn ich sie besucht hatte. Als hätte ich ein, zwei Wochen Freigang, und dann piepste eine imaginäre elektronische Fußschelle und rief mich wieder zu ihr. Das Müssen fing in meinem Bauch an und breitete sich dann überallhin aus, in meine Hände, meinen Hals, meinen Kopf, dann war klar, dass meine Arme die Jacke anziehen und meine Beine zur Bushaltestelle laufen würden.

Meine Mutter war immer da, wenn ich kam. Ich musste mich nicht ankündigen. Sie machte die Tür einen Spalt weit auf, sodass ich gerade hindurchpasste, und sagte: Da bist du ja. Allerdings konnte man die Tür auch gar nicht ganz öffnen, denn dahinter türmten sich die Postwurfsendungen der letzten Jahre und das, was normale Menschen als Altglas bezeichnen – bei meiner Mutter aber war es eben nur Glas.

Dietlind Falk: Das Letzte, 208 Seiten, Albino Verlag. 2017, Klappenbroschur: 16,99 € (ISBN 978-3-95985-083-4), E-Book: 9,99 €

6. Schwule und ihre Mütter

Kein Muttertag ohne die Godmother der schwulen Urlaubslektüre: Elvira Klöppelschuh. Das literarische Urvieh hat das "unerschöpfliche Thema Schwule und ihre Mütter" zum inoffiziellen roten Faden ihres Klassikers "Elvira auf Gran Canaria" erkoren. Erst bekommt ein schwules Mamasöhnchen im Flieger eins von Mutti auf die Griffel, später wird eine Schwulenmutti mit Messern beworfen, aber am Ende ist wie es immer ist bei Elvira: Alles wird gut. Patrik Maas besprach das Buch für queer.de-unter der Überschrift "Anekdoten aus Bongoland".

Leseprobe:

"Ja, ich hab endlich meinen Traum-Prinzen, den Julio, kennengelernt. Der wohnt hier auf der Insel in Arucas, und wir lieben uns, und der kommt nach Deutschland, und da wollen wir zusammenleben."

"Ach, wie romantisch ...", säuselte die RainerSche.

"Da fühlt sich deine Mutter wohl abgeschrieben", meinte ich.

"Genau, die hat schon immer gewußt, daß ich schwul bin. Aber davon hatse nie was wissen wollen. Das hatse jetzt davon." Also wirklich! In Abenteuer stürzen sich die Mädels!

"Wann fahrt ihr denn ab?" fragte auf einmal der Klaus-Dieter und zupfte sich den Fummel zurecht.

"Übermorgen."

"Könnt ihr nicht vielleicht einen Brief an meine Mutter mitnehmen? Von hier aus dauert es immer eine Ewigkeit, bis der ankommt."

"Man kann ja auch telefonieren, wenns dringend ist", gab die RainerSche zu bedenken.

"Dringend ist es nicht. Aber wichtig, und manche Sachen schreibt man eben besser, als daß man sie sagt."

Und am nächsten Abend brachte der Klaus-Dieter wirklich einen dicken Brief an seine Mutter bei uns vorbei, und so rauschten wir mit dieser Drama-Depesche im Gepäck nach Deutschland zurück.

"Hoffentlich kriegt die Alte nicht einen Herzinfarkt!" meinte die RainerSche, als wir im Flugzeug hockten.

"Klaus-Dieter wird ihr bestimmt alles sehr behutsam aufgeschrieben haben."

"Woher weißte denn das?"

"Ich kenn doch Schwule und ihre Mütter! Die schmollen jetzt ne Weile und dann vertragen sie sich wieder."

"Also da machste dirs aber wirklich zu leicht ..."

Ob Sie es glauben oder nicht: auf dem Rückflug hatten wir wieder das unerschöpfliche Thema Schwule und ihre Mütter am Wickel...

Elvira Klöppelschuh: Elvira auf Gran Canaria, 208 Seiten, Männerschwarm Verlag. 2006, Klappenbroschur: 12,00 € (ISBN 978-3-935596-43-5), E-Book: 9,99 €

7. Träumen mit "Nimama"

In Joshua Whiteheads preisgekröntem Debütroman "Jonny Appleseed" geht es um Sex, Identität und den steinigen Weg des indigenen Two-Spirit Jonny zu sich selbst. Frauen spielen in Jonnys Leben eine wichtige Rolle – allen voran seine "Kokum" (Großmutter) und seine "Nimama" (Mutter). Letztere erzählt dem Sohn in einer bewegenden Schlüsselszene eine Geschichte, die so traumhaft und ermutigend ist wie das ganze Buch, das Fabian Schäfer auf queer.de unter der Überschrift "Zwischen 'Rothaut-Jägern auf Grindr' und queerphobem Reservat" rezensierte.

Leseprobe:

Und ich dachte an diesen Moment und an den Ratschlag meiner Mutter: Wenn ich überleben will, muss ich hier weg. Aber es fällt mir alles andere als leicht. Jeder Augenblick, den ich nicht zu Hause bin, ist unweigerlich verlorene Zeit, die uns dem Ende immer näher bringt. Wie viel Zeit bleibt uns noch? Und nach welcher Zeitrechnung? Vielleicht hatte sie ja recht, und es blieben uns gar nicht mehr so viele Momente. Doch immerhin hatten wir diesen.

"Ich habe vor einiger Zeit von dir geträumt, weißt du?", sagte Mom und zog mich zu sich auf die Couch. "Nach dem Tod deiner Kokum. Die Frau hatte selbst immer bekloppte Träume, aber sie sagte mir, ich würde eines Tages von dir träumen. Sie meinte, ich müsste dir dann davon erzählen. Also: Wir stehen an einem Flussbett, du und ich, und am Ufer sind diese riesigen indigenen Männer in ihrem Ornat versammelt. Sie fischen mit Speeren im trüben Fluss. Wir beide treten näher, aber die Männer wollen mich nicht mit dir gehen lassen, sie sagen, dass hier nur Männer Zutritt haben, und als du nähertrittst, halten sie auch dich auf. 'Nur für Männer', wiederholen sie. Von unserer Stelle aus können wir sehen, wie die Lachse gegen den Strom schwimmen – die vielen Fische glitzern im Wasser wie Sternenstaub. Aber keiner der Männer fängt auch nur einen einzigen Fisch, und wir beide fangen an, über sie zu lachen. Einer von ihnen, in dicker Kriegsbemalung, kommt auf uns zu und sagt: 'Wenn du das so lustig findest, kannst du es ja selbst mal versuchen. Es ist nicht einfach', und er reicht dir einen winzig kleinen Speer. Du nimmst ihn und gehst ans Ufer, wo das kalte Wasser gegen deine nackten Beine spritzt, sodass du Gänsehaut an den Waden hast. Alle lachen über dich und nennen dich ein Mädchen. Und ich rufe dir zu, dass du es einfach lassen sollst, dass du keinem was beweisen musst. Aber du schüttelst den Kopf und watest tiefer ins Wasser hinein, und ich sehe, wie die Fische dich mit ihren Flossen und Schwänzen schlagen. Und dann bringst du den Speer in Stellung, als würdest du das schon seit hundert Jahren so machen, und stößt ihn ins Wasser; als du ihn wieder rausziehst, hängt ein riesiger Fisch daran. Und die Männer keuchen, und die Frauen jubeln, weil sie tierischen Hunger haben.

Dann drehst du dich zu uns um, mit deinem typischen frechen Grinsen, und ich muss lachen und sage den Männern: 'Das ist mein Junge, verdammt, das ist mein Junge!'"

Joshua Whitehead: Jonny Appleseed, 272 Seiten, Albino Verlag. 2020, Klappenbroschur: 18,00 € (ISBN 978-3-86300-293-0), E-Book: 12,99 €

8. Briefe an die "Liebe Mutti"

Als Andreas Meyer-Hanno feierte er Erfolge als Opernregisseur und Musikdozent, als Hannchen Mehrzweck wurde er zur Gallionsfigur der frühen Schwulenbewegung in der BRD. Bei alledem stets im Hintergrund: seine dominante Mutter, mit der er eine ausgiebige Brief-Korrespondenz pflegte, die in Teilen in Detlef Grumbachs inspirierendem Hannchen-Band "Große Oper" abgedruckt ist (bei queer.de unter dem Titel "Der größte Wohltäter der Lesben- und Schwulenbewegung" besprochen). Sie findet sich im Buch neben Meyer-Hannos demütigem Coming-out-Brief an die "liebe Mutti" aus dem Jahr 1955 auch ein Schreiben von 1980, das den lieben Sohn von seiner streitbaren Seite zeigt.

Leseprobe:

Aus einem Brief von Andreas Meyer-Hanno an seine Mutter vom 1./2. 2. 1980

"Ich glaube, Dein Kopfschütteln angesichts 'unserer' Beziehungen ist doch auf die Elle zurückzuführen, mit der 'ihr' – ich benutze absichtlich konfrontierende Homo-Hetero-Gegenüberstellungen – Bindungen zwischen Menschen zu messen pflegt. Je mehr ich darüber reflektiere, desto klarer wird mir, dass 'unsere' Beziehungen einfach grundsätzlich anders laufen und mit Hetero-Beziehungen, zumindest den bürgerlich tradierten, inkommensurabel sind. Es würde jetzt zu weit führen, das im Detail zu erläutern, doch existiert in jedem Fall ein fundamentaler qualitativer Unterschied, der auch jede Wertung wie 'oberflächlich' o. ä. disqualifiziert. Das Hauptmoment ist wohl die totale Ablehnung des Besitzdenkens, was Partnerschaftlichkeit anbetrifft, auch die starke Bejahung von Sexualität als Zeichen gesteigerter Kommunikation zwischen zwei Menschen, alles das, was es in Zeiten vor dem Christentum im Abendland gab, was in anderen Kulturkreisen nie zu existieren aufgehört hat.

Ich bin nicht so dumm, das Spezifische des homosexuellen Verlangens als naive Rückkehr zu heidnischer Sinnesfreude hochzujubeln. Wir sind in diesem Kulturkreis großgeworden und haben seine Moralvorstellungen internalisiert, schleppen also eine ganze Portion von geschlechtsspezifischer, also 'männlicher' Erziehung mit uns herum. Der Versuch, sich von ihnen (den Vorstellungen) zu emanzipieren, muss zu Kollisionen führen, und oft führen wir einen Abgrenzungs- und Identitätsfindungs-Kampf gegeneinander, der etwas Tragikomisches hat. Wie denn auch nicht, haben wir doch in unseren entscheidenden Entwicklungsjahren keinerlei Modelle gehabt, mit denen wir uns hätten identifizieren können? Um uns herum nur die Kleinfamilie als einziges Leitbild. Dies Gefühl, eben 'anders' zu sein, die Leitbildlosigkeit in der Phase der sexuellen Identitätsfindung, das hat die Verletzungen in uns bewirkt, nicht etwa die akute Diskriminierung. Und wenn wir nun versuchen, 'wärmer' zu leben und die tradierten Geschlechterrollen infrage zu stellen, so muss das auch mit einer Absage an die Kanalisierung von Sexualität verbunden sein."

Detlef Grumbach (Hrsg): Große Oper – Andreas Meyer-Hanno, die Schwulenbewegung und die Hannchen-Mehrzweck-Stiftung, 216 Seiten, Männerschwarm Verlag. 2018, Klappenbroschur: 18,00 € (ISBN 978-3-86300-253-4), E-Book: 12,99 €

9. Mutti ruft an


Die schwer amüsante Handlung von Ralf Königs intergalaktischem Schlurchloch-Comicabenteuer "Barry Hoden – Im Weltall hört dich keiner grunzen" fällt mit ihren Alien-Wichskinos, abstürzenden Libido-Raketen und orgastischen Melkzeremonien ungewöhnlich spacig aus, aber sie beginnt außerordentlich bodenständig: mit einem Muttertags-Anruf von Mutti!

Ralf König: Barry Hoden – Im Weltall hört dich keiner grunzen, 224 Seiten, Männerschwarm Verlag. 2014, Hardcover: 22,00 € (ISBN 978-3-86300-180-3)

10. Mit Mutti im Heimkino

Zum Schluss noch ein Filmtipp, bei dem anlassbedingt schon der Titel Bände spricht: "Dating My Mother". Die Komödie von US-Filmemacher Mike Roma handelt vordergründig von den Risiken und Nebenwirkungen des Online-Datings, erzählt im Kern aber eine berührende Mutter-Sohn-Geschichte, die gerade deswegen so komisch ist, weil sie fest im wahren Leben verankert ist. Mütter und ihre schwulen Söhne = Großes Kino? Bei Mike Roma geht diese Gleichung auf (auf queer.de wurde der Film unter der Überschrift "Raus aus Muttis Bett!" vorgestellt).

Dating My Mother. Komödie. USA 2017. Regie: Mike Roma. Darsteller: Patrick Reilly, Kathryn Erbe, James LeGros, Kathy Najimy, Michael Rosen, Paul Iacono. Laufzeit: 84 Minuten. Sprache: englische Originalfassung. Untertitel: Deutsch (optional). FSK 12. Edition Salzgeber

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