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Berlin

Missbrauchsprozess: Verteidigung beklagt "gemeinsame Stimmungsmache"

Ein in der schwulen Szene bekannter #ArztOhneNamen soll fünf Patienten sexuell missbraucht haben. Am fünften Prozesstag wurde u.a. darüber gestritten, ob ein weiteres mutmaßliches Opfer gehört werden soll.


Vor dem Amtsgericht Tiergarten in Berlin sind insgesamt elf Verhandlungstage angesetzt (Bild: Membeth / wikipedia)
  • Von Peter Fuchs
    11. Mai 2021, 06:12h, noch kein Kommentar

Der fünfte Verhandlungstag gegen den #ArztOhneNamen vor dem Amtsgericht Tiergarten in Berlin fand am Montag weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Von der Anordnung betroffen waren die Befragungen eines zweiten mutmaßlich Geschädigten sowie dessen Psychotherapeuten.

Der Einwand der Verteidigung, dass zwar die Anklageschrift öffentlich verlesen worden sei, bestimmte Zeugenaussagen jedoch nur ohne Öffentlichkeit gemacht werden dürften, war nicht unberechtigt. Der Öffentlichkeitsgrundsatz soll schließlich für Transparenz sorgen, damit ein Strafverfahren für die Allgemeinheit nachvollziehbar und überprüfbar ist und Angeklagte nicht in Geheimverfahren abgeurteilt werden können.

Die nicht eben leichte Entscheidung, ohne Öffentlichkeit zu verhandeln, fällte das Gericht trotzdem. In den Befragungen der Zeugen kämen schließlich auch deren Krankheitsgeschichte und sexuelle Bereiche zur Sprache, die nur indirekt mit den mutmaßlichen Vorfällen in Zusammenhang stünden. Die Anklage wirft dem Arzt vor, zwischen 2011 und 2013 fünf Patienten in seiner Praxis sexuell missbraucht zu haben.

Verteidigung beklagt Vorverurteilung durch neue Zeugen

In den öffentlichen Phasen des Verhandlungstages stellte die Verteidigung des 62-jährigen Mediziners einen Beweisantrag zur E-Mail eines möglichen sechsten Geschädigten aus Wien. Dessen Schilderung eines mutmaßlichen Übergriffs durch den angeklagten Arzt war am vorangegangen Prozesstag verlesen worden (queer.de berichtete).

Anwältin Gilda Schönberg lehnte die Ladung dieses Mannes als Zeugen mit der Begründung ab, dass der in Wien lebende Flugbegleiter die "Unwahrheit spricht". Schönberg reihte die Geschichte des Mannes ein in eine "gemeinsame Stimmungsmache" durch die Anwältinnen der Nebenklage gegen den angeklagten Arzt. Dabei solle eine "schiere Masse an vermeintlich Geschädigten" ihren Mandanten "vorverurteilen".

Medien berichteten von weiteren möglichen Opfern

In der Begründung dieses Beweisantrags ist die Strategie der Verteidigung zu erkennen, die Anzahl mutmaßlich Geschädigter so klein wie möglich zu halten. Andererseits versuchen die Verteidiger*innen, eine mögliche Welle an neuen Beschuldigungen mit dem Argument eines "Komplotts" gegen den angeklagten Arzt zu begründen. So sind queer.de weitere geschilderte Vorfälle von 2013 bekannt, die (noch) nicht in der Anklageschrift auftauchen. Mindestens eine Beschuldigung wurde knapp vor Verhandlungsbeginn bei der Polizei zur Anzeige gebracht.

Auch die von der Verteidigung des angeklagten Arztes durch einstweilige Verfügungen verbotene und mittlerweile wieder gerichtlich erlaubten Recherchen von Buzzfeed und Vice berichten von weiteren sieben Männern, die ausführlich über mutmaßliche Übergriffe des Arztes erzählen. Diese sieben Fälle sind nicht Teil der Anklage. Die Artikel beschreiben die Zahl möglicher Geschädigter insgesamt sogar als zweistellig im höheren Bereich.

Anwalt Johannes Eisenberg ergänzte den Beweisantrag seiner Kollegin Schönberg. Die E-Mail des Mannes aus Wien sei "verleumderisch", weil die proktologischen Untersuchungen durch dessen Patientenakte als medizinisch notwendig begründet seien. Das Gericht entschied am Montag noch nicht über die Ladung des Flugbegleiters. Die Verhandlung wird am 17. Mai mit der Befragung eines weiteren mutmaßlichen Geschädigten fortgesetzt.