Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?38832

Serienkritik

"All you need": Figuren aus dem Klischee-Baukasten

Die erste queere ARD-Serie hat eine große Chance vergeigt. Von der routinierten Queerness britischer Serien ist die Ufa-Produktion meilenweit entfernt. Nur manche Dialoge haben Comedy-Potenzial.


Erst küssen, dann kennenlernen: Robbie (Frédéric Brossier, re.) und Vince (Benito BauseI (Bild: ARD Degeto / Andrea Hansen)

Stell dir vor, die Kreativen von "Kroymann" entwickelten eine queere Serie samt der grandiosen Maren! Oder die Jugendserie "Druck" erzählte die bewegende Liebesgeschichte zwischen einem trans Mann und seinem sensiblen Lover weiter, natürlich wieder mit Michelangelo Fortuzzi, jenem übercoolen River Phoenix aus Moabit. Denkste: Die mediale Wirklichkeit sieht weniger traumhaft aus.

Mehr als drei Jahrzehnte nach dem ersten schwulen TV-Kuss in der "Lindenstraße" gibt es nun mit "All you need" immerhin die erste queere Serie im GEZ-Fernsehen. Sogar mit einem "Intimacy Coach", wie der Abspann notiert. Damit die öffentlich-rechtliche Diversität nicht allzu sehr auffällt, läuft die fünfteilige Serie bei ONE um Mitternacht, sonst versendet man sie ausschließlich in der ARD-Mediathek.

Ein schwules Quartett wie aus einem Ralf-König-Comic


Poster zur Serie; "All you need" gibt es seit 7. Mai 2021 in der ARD-Mediathek sowie am 16. und 17. Mai auf ONE

Erzählt wird von einem schwulen Quartett in Berlin, das geradewegs aus einem Comic von Ralf König entsprungen sein könnte. Da ist der attraktive Medizinstudent Vince, der sich überraschend in seinen One-Night-Stand Robbie verknallt hat. Derweil sein WG-Mitbewohner Levo sein Liebesglück bei dem spät geouteten Familienvater Tom findet – sehr zum Verdruss von dessen eifersüchtigem Teenagersohn.

"Willkommen in meinem Leben", begrüßt der coole Vince (Benito Bause) zum Auftakt fröhlich das Publikum und zieht die Zuschauer*innen grinsend ins Vertrauen. Für Ich-Erzähler gibt es automatisch dramaturgische Pluspunkte, ein charismatischer Charmeur in der Hauptrolle sorgt schnell für Sympathiewerte. Ganz so entspannt, wie es zunächst scheint, läuft das Leben des Helden freilich nicht. Mit offener Homophobie und latentem Rassismus sieht sich der schwarze Student fast täglich konfrontiert. Die Ansprüche des neuen Lovers sorgen für ungeahnte Beziehungsprobleme. Zudem muss sich Vince auch noch ständig den chronischen Liebeskummer seines besten Freundes Levo anhören.

Mangel an Glaubwürdigkeit und Empathiepotenzial

Mit den Figuren aus dem Klischee-Baukasten hat die Serie eine große Chance vergeigt. Was im Comic klappt, wirkt im Film befremdlich. Der Stereotypen-Stadl ist der klare Schwachpunkt und kann in dieser Anhäufung auch kaum noch als Selbstironie durchgewunken werden. Den Jungs mangelt es spürbar an Glaubwürdigkeit und Empathiepotenzial. Der schwule Familienvater beim ersten Sauna-Besuch oder im Leder-Laden – nicht wirklich witzig. Die zickige Tunte, die pampig auf die freundliche Bitte der Nachbarn reagiert, beim Sex den Vorhang im Schlafzimmer zu schließen – so viel zu Toleranz? Auch das Plädoyer gegen Homophobie und Rassismus bleibt platt und bieder auf "Lindenstraße"-Level.


Figuren wie im Comic: Sarina (Christin Nichols) und Levo (Arash Marandi) beim Umzug (Bild: ARD Degeto / Andrea Hansen)

Warum man sich die Serie trotz Klischeegestrüpp und holpriger Dramaturgie dennoch anschauen kann? Weil manche Dialoge durchaus mit Comedy-Potenzial punkten. Ob bewusst läppisch à la: "Kaum gibt man dir den kleinen Finger, nimmst du gleich den ganzen Schwanz". Oder ziemlich gekonnt mit Klassiker-Qualitäten: "Ich bin doch nur ein Junge, der vor einem Jungen steht und ihn bittet, ihn zu lieben!" – "Hast du gerade "Notting Hill" zitiert?". Überzeugen kann zudem Jungstar Benito Bause, der den coolen Lover mit sensiblem Kern mit großer Lässigkeit präsentiert.

Von der routinierten Queerness britischer Serien ist der deutsche Anfänger aus der Ufa-Fabrik von Nico Hofmann naturgemäß meilenweit entfernt. Aber immerhin ein Anfang ist gemacht. Die letzte Folge gerät zudem noch so gut, dass man sich tatsächlich auf die bereits angekündigte Fortsetzung freut.

Hoffentlich mit realistischeren Figuren. Vielleicht können für Staffel zwei die "Kroymann"-Kreativen mitmischen und den River Phoenix von Moabit gleich mitbringen…

Direktlink | Offizieller Trailer zur Dramedy-Miniserie
Datenschutz-Einstellungen | Info / Hilfe

Infos zur Serie

All you need. Dramedy-Miniserie. Deutschland 2020. Buch und Regie: Benjamin Gutsche. Darsteller*innen: Benito Bause, Arash Marandi, Frédéric Brossier, Mads Hjulmand, Christin Nichols, Julius Feldmeier, Karsten Speck, Dennis Hofmeister, Mona Pirzad, Matthias Freihof, Jale Arikan, Martin Bruchmann. Laufzeit: 5 Folgen à 28 bis 34 Minuten. Seit 7. Mai 2021 in der ARD-Mediathek und am 16. und 17. Mai auch auf ONE
Wöchentliche Umfrage

» Welche Schulnote würdest du "All you need", der ersten queeren ARD-Serie, geben?
    Ergebnis der Umfrage vom 10.05.2021 bis 17.05.2021
Galerie:
All you need
25 Bilder


#1 Ralph
  • 11.05.2021, 11:29h
  • Na ja, Zielgruppe ist wohl ein zeitgenössisch der Akzeptanz aufgeschlossenes Hetenpublikum, dass seine Weltoffenheit aber halt besser ausleben kann, wenn es mit genau den Abziehbildern bedient wird, die es erwartet.
  • Antworten » | Direktlink »
#2 AtreusProfil
  • 11.05.2021, 12:28hSÜW
  • Lieber Herr Oßwald, nicht alles was Sie nicht in einer Serie sehen wollen, wird dadurch zum Klischee. Die Charaktere, die sie hier so selbstsicher zum Abziehbild degradieren gibt es. Eine Minute auf Romeo oder Grindr zubringen und Sie finden von jeder Sorte 20 Stück. Auch der schwule Familienvater hat unter dem Namen Andreas hier auf queer.de sein Profil. Vollends lächerlich wird es dann, wenn man vermeintliche Klischees an den Pranger stellt und sich ein paar Zeilen später wie ein Vorpubertierender über das Wort "Schwanz" und Notting-Hill-Zitate freut. Frech ist es, Michelangelo Fortuzzi mit einem Drogensüchtigen zu vergleichen, der sich mit 23 das Leben nahm. Unverständlich ist es, weshalb man eine trans-schwule Liebesgeschichte gegen eine schwule verrechnen muss.
  • Antworten » | Direktlink »
#3 LedErich
  • 11.05.2021, 12:48h
  • Ich fühle mich durch die Serie gut unterhalten. Der spätberufene Familienvater spielt seine Rolle super cool und süß und überzeugend. Ich mag die Serie.
  • Antworten » | Direktlink »
#4 PaddyAnonym
  • 11.05.2021, 13:01h
  • Mir gefällt die Serie und ich finde das ist auf eine witzige Art nah an der Realität dran. Und man muss nicht immer alles mit den (zugegeben sehr gut gemachten Serien aus den USA wie zum Beispiel Pose aus Netflix) vergleichen.

    Es ist ein guter Anfang in die richtige Richtung entspannt mit dem Thema umzugehen. Und das muss ja genau wie die Produktionen bei Netflix und Prime nicht für die breite Masse sein.

    Und es ist nun mal typisch deutsch das alles auch immer ein bisschen politisch korrekt sein muss. Man darf aber fairerweise nicht vergessen das die ARD ein öffentlich-rechtlicher Sender ist. Und da verdient das schon auf Deutschland bezogen einen gewissen Respekt.

    Na ja. Und wem es nicht gefällt der muss es ja nicht schauen :)
  • Antworten » | Direktlink »
#5 zurzAnonym
  • 11.05.2021, 13:03h
  • Die Charaktere sind etwas langweilig und stereotyp, das stimmt, da hat der queer-Artikel recht. Familienvater Tom sieht aus wie das fleischgewordene "Yes Chad"-4chan-Meme heteronormativer Männlichkeit. Es hätte auch irgendwie noch andere Nuancen zwischen spießiger Eigenheimidylle und promisker Studenten-Party-WG gegeben.

    Dicksten Minus gibt's aber - war zumindest leider mein persönlich Eindruck - für die schlechten Dialoge. Teilweise einfach langweilig und witzlos geschrieben, teilweise einfach schlecht geschauspielert, weil sie wie im Schultheaterstück abgelesen wirkten. Was ich merkwürdig finde, weil die Darsteller sonst nen guten Job gemacht haben, aber die Dialoge haben mich nicht überzeugt.

    Pluspunkte gibt's überhaupt für ne Sendung mit schwulen Themen. Auch fürs Thema Rassismus gibt's Plus, weil anders als beim Hauptthema, wo manchmal echt die Homo-Klischeekeule geschwungen wird, das ganze subtil eingebaut wurde und das ganze lebensnaher wirken lässt und inhaltlich bereichert. Pluspunkte auch für die schwulen Sex-Szenen, die ohne Pornoklischees auskommen. Und zuletzt auch Pluspunkte für die trotz Klischees und holziger Dialoge liebenswürdigen Charaktere. Ist also ne Serie, die man sich angucken kann, auch wenn die Kritik von queer die inhaltlichen Schwächen gut aufgreift.
  • Antworten » | Direktlink »
#6 marioqAnonym
  • 11.05.2021, 13:25h
  • Ich finde die Serie super und bin dankbar, dass es eine solche Serie auch aus deutscher Produktion gibt. Aber es ist auch super deutsch zu meckern, das Klischee ist durch diesen Artikel erfüllt. Einfach mal feiern, dass es die Serie gibt, die Sichtbarkeit schaft und unterhält. Danke an die gesamte Produktion
  • Antworten » | Direktlink »
#7 ZustimmungAnonym
  • 11.05.2021, 14:02h
  • "Klischee-Baukasten" und "Stereotypen-Stadl" treffen es genau, finde ich. Was bei Ralf König gewolltes und gekonntes Stilmittel der Übertreibung ist, ist in dieser Serie lediglich ein Produkt aus eigenen Vorurteilen, sellbtverliebte Beflissenheit pc zu sein und Anbiederung an den Heten-Maistream.
  • Antworten » | Direktlink »
#8 Heten-TVAnonym
  • 11.05.2021, 14:13h
  • Ende der 70er Jahre wäre die Serie ein Gegengewicht zu "Ein Käfig voller Narren" gewesen. Heute ist sie aber genau das gleiche, was der Käfig damals war. Hetenbelustigung.

    Ich fand die Folgen ödest langweilig, es passiert NICHTS Unerwartetes, alles ist so, wie es sich Heten vorstellen, dass es bei den Homos wohl zugeht.

    Liebe ARD, besser englische oder amerikanische queere Serien von Format einkaufen als das Geld für so eine Produktion aus dem Fenster zu schmeißen.
  • Antworten » | Direktlink »
#9 SnorkfräuleinAnonym
#10 FilipProfil
  • 11.05.2021, 16:41hHamburg
  • Ich fand die Serie insgesamt gut. Es wurde auch einmal Zeit.

    Schön auch, dass beim Sex nicht "abgedunkelt" wurde. Und hat jemand in einer ausländischen Serie mal einen Analduschaufsatz eingeblendet bekommen? Ich dachte "Hoppla, ist das noch ARD?"

    Einige Dialoge waren allerdings tatsächlich ein wenig hölzern (oder sollten betont cool wirken?). Und ich hatte den Eindruck, man versuchte etwas überambitioniert, viele Probleme(Themen) in die kurzen Folgen zu verpacken.

    Gestört hat mich auch das Herunterbrechen auf Eifersucht und Monogamie. Beurteilend aus meiner eigenen "Bubble" steht das in der Prioritätenliste nicht ganz oben. Ich kenne viele, bei denen auch andere Lebensweisen zugelassen werden. Aber vielleicht gibt es bei der 2. Staffel ja hier eine geniale Auflösung? Deshalb gewichte ich diesen Kritikpunkt für mich nicht so stark.
  • Antworten » | Direktlink »