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Jahresbericht

Corona-Pandemie: Antidiskriminierungsstelle meldet drastischen Anstieg der Anfragen

Die Zahl der Menschen, die sich über Diskriminierung beklagten, ist nach oben geschossen.


Der Jahresbericht ist in Berlin vorgestellt worden (Bild: Antidiskriminierungsstelle des Bundes)

  • 11. Mai 2021, 13:30h, noch kein Kommentar

In der Corona-Pandemie ist die Zahl der Menschen, die Diskriminierungen beklagen, drastisch gestiegen. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes habe so viele Anfragen wie nie zuvor registriert, heißt es in dem am Dienstag vorgelegten Jahresbericht der Einrichtung (PDF). Die Anzahl der rechtlichen Auskünfte, eingeholten Stellungnahmen und gütlichen Einigungen stieg um 78 Prozent auf 6.383.

Das Merkmal "sexuelle Identität" war für rund vier Prozent dieser Anfragen verantwortlich. Insgesamt wurden 237 Anfragen gemeldet. Im Jahr zuvor waren es nur 148.

In 1.904 Fällen registrierte die Antidiskriminierungsstelle den Angaben zufolge Anfragen, die in direktem Bezug zur Pandemie stehen. In der Mehrzahl ging es dabei um Anfragen von Menschen mit Behinderungen zur Maskenpflicht. Zu Beginn der Pandemie sei zudem häufig fehlende Barrierefreiheit von Informationsangeboten beklagt worden.

Insgesamt bezogen sich 41 Prozent der Anfragen auf Diskriminierungen auf das Merkmal "Behinderung und chronische Krankheiten". Die Zahl der Anfragen im Zusammenhang mit rassistischer Diskriminierung machte ein Drittel (33 Prozent) aus. Am dritthäufigsten haben sich mit 17 Prozent Menschen an die Antidiskriminierungsstelle gewandt, weil sie sich aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert sahen. Beratungsanfragen, in denen es um Diskriminierung wegen des Lebensalters (9 Prozent), wegen der Religion oder Weltanschauung (5 beziehungsweise 2 Prozent) oder wegen der sexuellen Identität (4 Prozent) ging, folgen anteilsmäßig.


(Bild: Antidiskriminierungsstelle des Bundes)

Lesben und Schwule hätten in der Pandemie Unterstützungsstrukturen verloren, erklärte der kommissarische Leiter der Antidiskriminierungsstelle, Bernhard Franke. Außerdem hätten sich Regeln für Kontaktbeschränkungen an konventionellen Familienbildern orientiert, was die Lage verschlechterte.

Corona führte zu weiteren Ungerechtigkeiten in anderen Gruppen: "Ältere Menschen sahen sich zum Beispiel durch die Verlagerung auf digitale Angebote Ausgrenzungen ausgesetzt", so Franke. "Frauen wurden in alte Rollenmuster zurückgeworfen, insbesondere bei der Kinderbetreuung." Und antisemitische Verschwörungstheorien hätten im Zuge der Pandemie Auftrieb erhalten.

Diskriminierungen ausgesetzt seien zudem Menschen asiatischer Herkunft. "Zu Beginn der Pandemie gab es eine gewisse Tendenz, Sündenböcke zu suchen." Franke verwies aber darauf, dass auch ohne den Effekt der Pandemie ein deutlicher Anstieg an Anfragen zu verzeichnen gewesen sei – und zwar um 25 Prozent. Vor allem die Zahl der Anfragen zu Diskriminierungen aufgrund der ethnischen Herkunft oder aus rassistischen Gründen nahm mit 2101 Anfragen um 78,7 Prozent zu.


So sieht die Entwicklung der Anfragen in den letzten Jahren aus (Bild: Antidiskriminierungsstelle des Bundes)

Der starke Anstieg bei den Anfragen führte Franke zufolge dazu, dass die Gleichstellungsstelle ihre telefonische Beratung einstellen musste. Ratsuchende können sich derzeit nur das Beratungsformular oder schriftlich an die Stelle wenden. "Wir beobachten ein gestiegenes gesellschaftliches Bewusstsein für Diskriminierung", sagte Franke.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes berät Menschen, die aufgrund der ethnischen Herkunft, Religion, Weltanschauung, sexuellen Identität, des Alters, einer Behinderung oder des Geschlechts im Arbeitsleben oder bei Alltagsgeschäften benachteiligt worden sind. Wegen juristischen Auseinandersetzungen ist die Antidiskriminierungsstelle bereits seit 2018 ohne Führung (queer.de berichtete). (AFP/cw)

Jahresbericht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Ausschnitt aus dem Kapitel "Diskriminierung in der Corona-Krise":

"Die Lebenssituation homo- und bisexueller Menschen in der Pandemie war insbesondere in Lockdown-Phasen davon geprägt, dass sich die Regelungen für Kontaktbeschränkungen häufig ausschließlich an konventionellen Familienbildern orientierten. Gerade für queere Menschen sind aber alternative Familienmodelle zentral, weshalb die Regelungen sie benachteiligten.
Besonders betroffen waren und sind queere Menschen auch vom Wegfall diverser Begegnungsorte wie Vereinen oder Clubs, die eine wichtige Infrastruktur darstellen, in der Aufklärungsarbeit geleistet, Kontakte geknüpft und Beratung angeboten wird."