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Fürsorgliche Liebe mit großem Altersunterschied

Ein emanzipatorischer Film, der in Vergessenheit geriet

Vor genau 50 Jahren feierte das schwule Drama "Les amis" ("Die Freunde") des französischen Regisseurs Gérard Blain seine Premiere. Nicht irgendwo – sondern auf dem Filmfestival in Cannes ab 12. Mai 1971.


Szene aus "Les amis": Der 16-jährige Paul und der 40-jährige Philippe führen eine heimliche Beziehung (Bild: Festival de Cannes)

Für Gérard Blain (1930-2000) – der vor allem als Schauspieler aus mehr als 60 Filmen bekannt ist – war die schwule Liebesgeschichte "Les amis" sein Regiedebüt. Zusätzlich schrieb er auch am Drehbuch mit.

Seine Regielaufbahn begann zunächst vielversprechend: Im Mai 1971 konnte er "Les amis" auf dem Filmfestival in Cannes (Frankreich) präsentieren. Der Film lief dort zwar, wie einige andere, nur außerhalb des eigentlichen Wettbewerbs – aber trotzdem war dies ein gutes Sprungbrett für eine weitere Karriere. Einige Monate später – im August 1971 – zeigte Blain "Les amis" auch auf dem Filmfestival in Locarno (Schweiz) und gewann dort sogar den "Goldenen Leoparden" – den wichtigsten Preis des Festivals. Zwei seiner späteren Filme wurden in Cannes (1976, 1986) für Preise nominiert.

Trotz dieses guten Starts gelang Blain weder als Schauspieler noch als Regisseur der große Durchbruch, was damit begründet wird, dass er in der Filmbranche als nonkonformistisch und geradezu rebellisch galt.


Szene aus "Les amis": Der vermögende Philippe verhilft Paul zu einer Schauspielausbildung

"Les amis" wurde nie synchronisiert, und selbst als der Film 2008 auf DVD erschien, verzichtete man nicht nur auf eine Synchronisation, sondern sogar auf Untertitel, die den Film auch außerhalb Frankreichs hätten bekannt machen können. Man kann sich trotzdem darüber freuen, dass "Les amis" heute wenigstens in der französischen Originalfassung online auf Youtube verfügbar ist.

Der Inhalt von "Les amis"

In dem Film lebt der 16-jährige Paul bei seiner geschiedenen Mutter in Paris, die jedoch kein großes Interesse an ihm hat. Er ist befreundet mit dem 40-jährigen Philippe, dessen Ehe ebenfalls nicht liebevoll ist. Erst im Laufe des Films wird deutlich, dass Philippe und Paul auch ein sexuelles Verhältnis haben und dass Paul in unterschiedlicher Form vom älteren Philippe unterstützt wird.

Während eines gemeinsamen Urlaubs verliebt sich Paul in die junge Marie-Laure. Diese Liebe wird jedoch nicht erwidert und Paul wird von Philippe getröstet. Am Ende des Films erleidet Philippe einen tödlichen Autounfall. Bei seiner Beerdigung darf sich Paul nicht als Liebhaber zu erkennen geben, sondern muss im Hintergrund bleiben (1:24:05 Min.). Das Schlussbild zeigt ein gemeinsames Foto aus glücklichen Tagen.


Das Schlussbild des Films: ein Foto aus glücklichen Tagen

Langatmig, aber emanzipatorisch

"Les amis" ist – positiv ausgedrückt – ein sehr ruhiger, bedächtiger Film. Während der gesamten Zeit plätschert er ohne Spannungsbogen oder erwähnenswerte Dramaturgie dahin, mit Ausnahme von Philippes Tod einige Minuten vor dem Ende des Films. Wäre dieser insgesamt eher langweilige Film von heute, könnte man ihn ganz schnell wieder vergessen. Weil der Film von 1971 ist, verdient er zumindest filmhistorisches Interesse.

Das Besondere an diesem Film ist, dass die Liebe der beiden Männer weder als alberne Komödie noch als verruchtes Verbrechen dargestellt wird. Es ist eine Liebe, die ernstgenommen wird. Das ist emanzipatorisch, ja schon fast anachronistisch und grundsätzlich erst einmal toll. Man merkt schnell, dass mit den jeweiligen lieblosen Familien indirekt eine mögliche Erklärung für die Homosexualität der beiden Männer geboten werden soll. Damals scheinen auch schwule Männer an dem Thema angeblicher Ursachen von Homosexualität nicht herumgekommen zu sein.

Der Umgang mit sexueller Leidenschaft


Ringen am Strand als Substitution für Sex

Bei älteren Filmen ist spannend, welche Kompromisse bei der Darstellung sexueller Leidenschaft eingegangen werden mussten. Wie für 1971 zu erwarten ist, fehlt in dem Film jede Form von Sex. Auch der Begrüßungskuss zwischen beiden Männern (56:40 Min.) ist unter Berücksichtigung französischer Umgangsformen weder mutig noch eindeutig. Ihre innige Umarmung (1:14:40 Min.) drückt im Kontext der Szene nicht Leidenschaft, sondern Trost aus.

Man merkt allerdings auch, wie der Regisseur bei der Darstellung von Sex nach Auswegen suchte – und sie auch fand: In einer Szene balgen Paul und Philippe so intensiv am Strand, dass misstrauische Blicke auf sie geworfen werden (19:20 Min.), womit dieses Herumbalgen zu einer Substitution für eine sexuelle Handlung wird. Ähnliche Strandszenen kennt man übrigens auch von Tadzio und einem Freund in dem Film "Tod in Venedig" aus demselben Jahr. Auch der Umstand, dass der 16-jährige Paul Reitunterricht erhält (28:35 Min.), lässt sich auf symbolischer Ebene leicht mit seinen ersten sexuellen Erfahrungen in Verbindung bringen.


Der 16-jährige Paul bekommt Reitunterricht

Der pädagogische Eros

Grundsätzlich kann es kritische Fragen aufwerfen, wenn es zwischen zwei Liebenden nicht nur einen großen Altersunterschied, sondern auch große soziale Unterschiede gibt. Der wohlhabende Philippe eröffnet dem aus ärmlichen Verhältnissen stammenden 16-jährigen Paul die Welt der Kunst und verhilft ihm zu einer Schauspielausbildung.

In unausgesprochener Form behandelt der Film das, was als "pädagogischer Eros" bezeichnet wird und – je nach Alter und Ausgestaltung des Verhältnisses – kritisch gesehen werden kann. Hier bietet sich ein Vergleich mit dem Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (ebenfalls 1971, Szene "Vornehme Kreise") aus demselben Jahr an, in dem Rosa von Praunheim den pädagogischen Eros auf grotesk verzerrte und bewusst provokative Weise darstellt und in der von ihm geschilderten Form zu Recht kritisiert.

In "Les amis" weiß der reife 16-jährige Paul jedoch genau, was er tut und worauf er sich einlässt. Philippe ist in jeder Szene fair und fürsorglich. Insofern gibt es keinen Grund, ihr Verhältnis vor dem Hintergrund der bestehenden Unterschiede für verwerflich zu halten, auch wenn man hier ebenso eine beschönigende Idealisierung derartiger Beziehungen sehen kann, bei der die Problematik der strukturellen Abhängigkeit ausgeblendet wird. In diesem Film bleiben für Paul nach dem Tod seines Freundes viele positive Erinnerungen und bereichernde Erfahrungen mit Philippe zurück – unabhängig davon, ob sich Paul später in einen Mann oder eine Frau verlieben wird.

Die Kommentare in der IMDB


Das Plakat zum Film

Die sechs User-Kommentare in der IMDB kommen größtenteils zu einer positiven Bewertung. Ein User hebt vollkommen zu Recht eine Szene hervor, in der Philippe seinem Freund einfach nur beim Schlafen zuschaut (1:12:45 Min.), was er als sehr intensiv beschreibt (User: searchanddestroy). Für einen anderen User ist diese Geschichte nur banal und es ist für ihn ein Rätsel, warum dieser Film überhaupt schwules Interesse verdienen sollte (User: Jromanbaker).

Ein weiterer User bezeichnet "Les amis" als ein interessantes Drama unausgesprochener Sehnsüchte, das seine Charaktere nicht beurteile. Der Film verschweige zwar nicht deren unterschiedliche finanzielle Möglichkeiten, mache aber ebenso klar, dass es nicht um Ausbeutung, sondern um gegenseitige Fürsorge gehe. Dieser Film, der in der Geschichte des schwulen Kinos keinen großen Stellenwert habe, handle von zwei Protagonisten, deren gemeinsames Leben komplexer als das Label "schwul" sei. Für ihn – den User – handle es sich um ein bemerkenswert positives Porträt, das zu einem Zeitpunkt entstanden sei, als Schwule in Filmen vor allem als Karikaturen oder als negative Charaktere dargestellt worden seien (User: ofumalow).


Trost beim väterlichen Freund

Weitere Meinungen

Dieser frühe schwule Film wurde nicht breit rezipiert und von Vito Russo in seinem Standardwerk "The Celluloid Closet" noch nicht einmal erwähnt. Neben der historischen Bedeutung bleibt auch die Frage, welche Aussagekraft ein schwuler Film nach einem halben Jahrhundert für heutige schwule Männer hat. Alex James Taylor sieht in seiner Rezension in der Zeitschrift "Hero" (14. Mai 2020) Parallelen zu dem Film "Call Me By Your Name" (2017), der die Liebe zwischen einem 17- und einem 24-Jährigen zeigt. Taylor verweist darauf, dass man "Les amis" 1971 "beschuldigt" habe, Homosexualität zu feiern. Für ihn ist der Film tatsächlich ein "Fest" – ein Fest der zwischenmenschlichen Zuneigung.

Die ausführlichste Rezension des Films habe ich bei Hermann J. Huber in seinem Filmlexikon gefunden ("Gewalt und Leidenschaft. Das Lexikon Homosexualität in Film und Video", 1989, S. 66). Er kritisiert zwar indirekt die Zurückhaltung des Regisseurs, der wohl "aus Angst vor zu heftiger Reaktion […] die Homosexualität seiner Protagonisten mit einem allzu poetischen Schleier [umhüllte]. Es war noch nicht die Zeit, ein schwules Emanzipationsthema ins Kino zu hieven." Aber er konstatiert auch: "Der leise Film ist noch heute sehenswert. Schon, um daran erinnert zu werden, wie schwierig es war."

-w-

#1 chooAnonym
  • 12.05.2021, 07:25h
  • Wow - eben noch ein Verriss für eine eigentlich ganz nette, unterhaltsame schwule Mini-Serie, deren eigentliches Problem darin besteht, dass die ARD sie in die Mediathek verbannt und das auch noch gut findet, zumal ich schon in der Primetime langweiligere Tatorte gesehen habe, die dennoch weitaus (hetero-) sexualisierter waren und nun ein ideologisches Loblied auf diesem Portal für einen 50 Jahre alten Film, welcher die Liebe eines 40 jährigen Mannes zu einem 16 Jahre alten Jungen empor stilisiert .... ganz ehrlich: Geht's noch ?!?
    Strafbar oder nicht, hätte persönlich dann doch ein eher ungutes Gefühl, wenn ich mich an meinen 16 jährigen Nachbarn ranmachen würde, sei er auch noch so hot und "erwachsen". #Odenwaldschule #GEHTGARNICHT
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#2 gomilaAnonym
  • 12.05.2021, 07:58h
  • Antwort auf #1 von choo
  • Selten so einen undifferenzierten Kommentar hier gelesen. Wenn man nicht in der Lage ist, zwischen einer Liebesbeziehung und sexuellem Missbrauch zu unterscheiden, sollte man lieber mal die Klappe halten. Das gilt sowohl heute als auch vor 50 Jahren.
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#3 Felix-baerlinAnonym
  • 12.05.2021, 08:43h
  • Antwort auf #1 von choo
  • Du bringst alles durch einander. Und von Filmkritik scheinst du nun gar nichts zu verstehen.

    Der beschriebene Film von vor 50 Jahren wird sehr wohl kritisch reflektiert- aus der heutigen Sicht.

    Zudem finde ich deinen Ton gewaltvoll.

    Außerdem kann man in Bezug auf die ARD-Miniserie trotzdem eine andere Beurteilung haben als du. Mir scheint sie auch überambitioniert und die Figuren sind genauso wie die Dialoge aufgesetzt und nicht authentisch. Das scheint bei dem Film anders zu sein. Und das ist gut.
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