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Erotikroman

Herrenabend sticht Herrentag

Bollerwagentour, Grill-Party, Circuit-Event… Wegen Corona sind die üblichen Aktivitäten zum Vatertag bestenfalls in abgespeckter Form möglich. Bruno Books liefert eine heiße Alternative: "Herrenabend bei Monsieur Laurent".

  • 13. Mai 2021, 08:27h, noch kein Kommentar

"Herrenabend bei Monsieur Laurent" ist als 20. Band der "Gay Hardcore"-Reihe bei Bruno Books erschienen

Die "Gay Hardcore"-Sparte von Bruno Books widmet sich den deftigeren Spielarten des schwulen Sex. Die Romane der Reihe hören auf so eindeutig zweideutige Titel wie "Zur Benutzung freigegeben", "Aufgebohrt und durchgenagelt" oder "Schussbereit", die Settings reichen von Knastfantasien bis zu Trucker-Romantik und Fetischkeller-Prosa. So weit, so folgerichtig.

Pünktlich zu Himmelfahrt (in einigen Regionen Deutschlands als "Herrentag" bekannt) startet Bruno Books eine neue Reihe in der Reihe. "Herrenabend bei Monsieur Laurent" ist der erste Band einer Romanserie, die sich den pikanten "Ausschweifungen" des Titelhelden und seiner zwei Freunde Bernard und Sylvain widmet.

Das Bemerkenswerte daran: Laurent und seine "Brüder im Fleische" sind keine Sexhengste im üblichen Pornoformat, sondern kultivierte französische Herren jenseits der 60, die ihren sexuellen Gelüsten nachgehen, ohne ihr gehobenes Alter und die damit verbundenen Begleitumstände (Generationenkonflikte, Schwund herkömmlicher Attraktivität, körperliche Gebrechen) zu verleugnen. Die drei Freunde bannen die Tücken des Alters, indem sie bei regelmäßigen Herrenabenden ihren gemeinsamen Vorlieben frönen. Diese Vorlieben lauten: junge Burschen, ritualisierter Sex und – vor allem – Züchtigungseinheiten mit dem Rohrstock.

Gay-Hardcore im Netflix-Format?

"Herrenabend bei Monsieur Laurent" nimmt sich viel Zeit, die Welt seiner Protagonisten zu erschließen und ihr versautes Treiben inklusive seiner Entstehung zu erklären. Leser*innen erfahren, wie Vorzeige-Daddy Laurent mit seinem unwiderstehlichen Charme junge Männer in Bars, Supermärkten und Metros aufgabelt; sie bekommen einen Eindruck von den "Eignungsprüfungen", denen Laurent die jungen Männer in seiner Dachwohnung im Pariser Vorort Nanterre unterzieht, bevor sie zu den Herrenabenden zugelassen werden; sie werden mit den unterschiedlichen Persönlichkeiten der drei Freunde und der daraus resultierenden Dynamik ihrer Kumpanei bekannt gemacht.

Zudem wird durch Laurents Bekanntschaft mit dem jungen Antoine – eine Sportskanone mit perfektem Athletenkörper und "Marmorarsch" – der Beginn einer spannungsgeladenen Romanze angedeutet, die viel Stoff für weitere Folgen bieten dürfte. Perfekte Serien-Exposition. "Herrenabend" könnte der Anfang eines Gay-Hardcore-Phänomens im Netflix-Format sein.

Kellers Spezialität: Kontraste statt bloßer Idealisierung

Autor Maik Keller bürstet im ersten Laurent-Roman viele Regeln des Genres gegen den Strich. Selten wurde in einem schwulen Erotikroman so viel psychologisiert, philosophiert und konterkariert. Der Autor hat sichtlich Freude daran, die Idealbilder der jungen Burschen mit derben Schilderungen der versauten Oldies zu kreuzen, deren optische Attribute auch mal mit "Walrosskörper", "haarig wie ein Schimpanse" oder "dem monströsen Gerät des Greises" umschrieben werden.

Wo gewöhnliche Erotikprosa oft auf bloße Idealisierung setzt, arbeitet Keller mit Kontrasten. Oder wie es in einer Zeile des Romans heißt: "Laurent fand heraus, dass es ihn umso mehr erregte, eine Eroberung einem Fremden vorzustellen, je unattraktiver dieser Fremde war, je schwieriger, ja, herausfordernder die Aufgabe damit für den jungen Mann wurde."

Russ Meyer meets Gengoroh Tagame meets de Sade

So befruchten Widerwillen und Lust, Abscheu und Begierde sich in der Romanhandlung immer wieder gegenseitig – ein Spannungsfeld, das sich auf die Grundstimmung beim Lesen überträgt. Zuweilen fühlt man sich in eine schwule Salonvariante der Sexploitation-Szenarien von Russ Meyer hineinversetzt, dann wieder in die genüsslich unerbittlichen Fetisch-Manga-Fantasien eines Gengoroh Tagame, de Sade lässt ohnehin grüßen.

Dass die Figuren lebensnah und plastisch rüberkommen, ist einerseits ausgefeilten Dialogen zu verdanken, aber auch der Tatsache, dass Keller die Tücken des Alters nicht beschönigt. Auch ein Prachtkerl wie Laurent ächzt mal, wenn er sich nach einer sexuellen Gefälligkeit vom Boden hochstemmen muss, beim Chatten mit Antoine kommt er mit dem Tippen nicht hinterher und vielen Gepflogenheiten der digitalen Jugendkultur sind ihm schleierhaft.

Doch solche Defizite gleicht die Alterweisheit aus, die durch das Einstreuen von Aphorismen wie "Nichts braucht so klare Regeln wie die Ausschweifung", "Nichts kostet mehr Zeit als die Ungeduld" oder "Über die Spötter spotten die Götter" unterstrichen wird – ein charmant altmodischer Kunstgriff, der einerseits Laurents Lebenswelt spiegelt und andererseits die literarische Qualität des Romans.

Fazit: In "Herrenabend bei Monsieur Laurent" verschmelzen Abscheu und Lust, Schmerz und Genuss, Alt und Jung. Ein Roman wie ein erotischer Tanz der Widersprüche. Eine Herausforderung also. (cw)

Infos zum Buch

Maik Keller: Herrenabend bei Monsieur Laurent, 166 Seiten, Bruno Books. 2021, Paperback: 12,99 € (ISBN 978-3-95985-417-7), E-Book: 7,99 €