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Interview

"Schon ein bisschen ein Pionier-Gefühl"

Hauptdarsteller Benito Bause über die erste schwule ARD-Serie "All you need", die Aufgaben des "Intimacy Coach" am Set, eigene Erfahrungen mit Homophobie und Rassismus sowie das Reproduzieren von Klischees.


Benito Bause als Vince in "All you need" (Bild: ARD Degeto / Andrea Hansen)

Vom Schauspielhaus Zürich zur Hauptrolle in der ersten deutschen queeren TV-Serie – kein schlechter Karrieresprung für Benito Bause. Schon beim Schauspiel-Studium gibt es einen ersten Preis für den jungen Darsteller. Sein erstes Festengagement führt ihn 2017 an das Schauspielhaus Zürich, gefolgt vom Residenz-Theater in München.

Nun gibt Benito Bause in der ARD-Dramedy-Miniserie "All you need" den attraktiven schwulen Helden, der so seine Probleme bekommt, als sein One Night Stand eine Beziehung möchte. Von Homophobie und Rassismus im Alltag ganz zu schweigen. Eine zweite Staffel ist bereits in Arbeit.


Bause als Vince auf dem Poster zur Serie; "All you need" gibt es seit 7. Mai 2021 in der ARD-Mediathek sowie am 16. und 17. Mai auf ONE

Herr Bause, drei Jahrzehnte nach dem schwulen Kuss in der "Lindenstraße" gibt es nun die erste queere Serie im deutschen Fernsehen? Wie fühlt man sich?

Ich fühle mich gut, dass ich bei dieser Serie dabei sein darf. Zumal ich diese Rolle des Vince unglaublich spannend finde. Es geht bei "All you need" um Themen, die wirklich aktuell und auch wichtig sind, wie Alltagsrassismus oder Schwulenfeindlichkeit, die auch viel zu wenig behandelt werden, gerade auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Insofern gibt einem das schon ein bisschen ein Pionier-Gefühl. (lacht)

Der Sendeplatz ist nach Mitternacht auf ONE bzw. in der ARD-Mediathek versteckt – schmälert das nicht das Pioniergefühl? In England laufen queere Serien zur besten Sendezeit…

Man darf nicht vergessen, dass eine Online-Ausstrahlung auch viele Freiheiten mit sich bringt. Das betrifft nicht nur die Sprache, sondern auch die Länge der Serien. Die müssen nicht minutiös eingehalten werden, weil man kein Zeit-Korsett hat, wie es im linearen Fernsehen mit seinen Programmplätzen üblich ist. Das hat sich bei der Serie "Druck" ja auch ganz gut bewährt.

Auch bei intimeren Szenen dürfte es mehr Freiheiten geben. Der Nachspann nennt eigens einen "Intimacy Coach". War da ein Sex-Therapeut am Set?

Der Intimacy Coach Matt Lambert führt einen auf behutsame und kluge Weise an intime Szenen heran. Das kann um Sex gehen oder auch ums Küssen.

Sind Sie nicht schon alt genug, um selbst zu wissen, wie Küssen geht?

Das stimmt, aber der Intimacy Coach ist eben auch dabei, wenn man mit einem Kollegen nackt im Bett liegt. Solche Szenen werden mit einem kleinen Team gedreht, aber dieser Trainer vermittelt da ein sicheres Gefühl, weil er für alle Ängste oder Fragen immer zur Verfügung steht. Gleichzeitig betont er immer, dass solche Szenen eben gerade nicht perfekt sein müssen. Es geht nicht um die perfekte Sexszene, sondern um die Geschichte und die Figuren. Deswegen kann und soll es passieren, dass mir das Bein einschläft, weil der Partner zu lange drauf liegt. Oder man küsst eine falsche Stelle und beide müssen lachen.


Szene aus der ersten Folge von "All you need": Vince (Benito Bause, li.) verliebt sich in Robbie (Frédéric Brossier) (Bild: ARD Degeto / Andrea Hansen)

Also so eine Art Dr. Sommer beim Dreh?

(lacht) Ich habe Dr. Sommer wenig gelesen, das war ein bisschen vor meiner Generation. Aufklärungsbedarf hatte eigentlich auch keiner von uns am Set. Es ging vor allem darum, gemeinsam mit einem Profi die Choreografie solcher intimen Szenen für die Kamera zu entwickeln. Das war eine angenehme Erfahrung.

Wie angenehm ist die Erfahrung, alle Hüllen fallen zu lassen vor der Kamera und Tausenden Zuschauern?

Die Beklemmung und Ängste waren bei mir da sehr gering. Als ich dann nur im Bademantel mit kalten Füßen am Set stand, war die Aufregung schon etwas größer – wobei das eher eine Art von Vorfreude war. Denn ich konnte mich auf ein sicheres, angstfreies Umfeld beim Dreh verlassen, das unser Regisseur und Drehbuchautor Benjamin Gutsche wunderbar geschaffen hat.

Wie groß sind die Schnittmengen zu Ihrer Figur Vince? Haben Sie ähnliche Erfahrungen mit Rassismus im Alltag gemacht?

Um es mit der Rassismusexpertin Tupoka Ogette zu sagen: "Rassismus ist die Norm und nicht die Ausnahme". Was Vince im Film erzählt, habe ich teilweise ähnlich erlebt. Meine eigenen Erfahrungen durfte ich für die Figur auch einbringen, wofür unser Regisseur sehr offen war. Zum Beispiel geht es mir immer so, dass ich bei der Zollkontrolle jedes Mal herausgezogen werde. Wenn ich meine Gitarre dabeihabe, werde ich am Flughafen Zürich zu 99 Prozent kontrolliert.

Gewöhnt man sich daran?

Daran gewöhnt man sich nie. Man gewöhnt sich nur daran, damit umzugehen. Für mich heißt das, solche Dinge anzusprechen. Gleichzeitig gilt es abzuwägen, gegenüber wem ich so etwas anspreche. Wenn es, wie in einer Szene der Serie, ein "Hobby-Hitler" im Kiosk ist, würde ich auf eine Reaktion besser verzichten. Das wäre Energieverlust und diesen Menschen wird man nie wieder sehen.


Öffentlich-rechtliches Cruising: Vince in der schwulen Sauna (Bild: ARD Degeto / Andrea Hansen)

Man kann der Serie vorwerfen, dass die Figuren geradewegs einem Ralf-König-Comic entsprungen sein könnten. Wären weniger Klischees nicht mehr Glaubwürdigkeit?

Robbie, der Freund von Vince, ist doch ein recht bodenständiger Kerl. Eine heteronormative Gesellschaft würde ihn sicher als "ganz normal" aufnehmen. Genau das wirft Vince ihm ja einmal vor: Er habe alles abgelegt, nur um nicht mehr aufzufallen und jedem Konflikt aus dem Wege zu gehen. Für mich ist das eine legitime Strategie – aber darüber lässt es sich gut streiten.

Was ist die wichtigste Qualität in Ihrem Beruf?

Dass man extrem schnell in eine Arbeit einsteigen kann. Und sie ebenso schnell wieder loslassen kann. Wichtig ist sicher auch die Bereitschaft, ins kalte Wasser zu springen.

Direktlink | Offizieller Trailer zur Dramedy-Miniserie
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Infos zur Serie

All you need. Dramedy-Miniserie. Deutschland 2020. Buch und Regie: Benjamin Gutsche. Darsteller*innen: Benito Bause, Arash Marandi, Frédéric Brossier, Mads Hjulmand, Christin Nichols, Julius Feldmeier, Karsten Speck, Dennis Hofmeister, Mona Pirzad, Matthias Freihof, Jale Arikan, Martin Bruchmann. Laufzeit: 5 Folgen à 28 bis 34 Minuten. Seit 7. Mai 2021 in der ARD-Mediathek und am 16. und 17. Mai auch auf ONE
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» Welche Schulnote würdest du "All you need", der ersten queeren ARD-Serie, geben?
    Ergebnis der Umfrage vom 10.05.2021 bis 17.05.2021
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All you need
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#1 echt jetztAnonym
  • 13.05.2021, 15:41h
  • "pioniergefühl" beim abdrehen dieser ollen kamelle?

    das pioniergefühl wäre bei einem schwulen schauspieler vermutlich nicht aufgekommen, es gibt aber einen hinweis darauf, warum diese serie so rüberkommt, wie sie ist.
  • Antworten » | Direktlink »
#2 ursus
  • 13.05.2021, 16:09h
  • Ich fände es super hilfreich, wenn die Menschen, die "zu viele Klischees" beklagen, wenigstens einmal kurz konkretisieren könnten, was sie damit eigentlich genau meinen, statt davon auszugehen, dass alle dieselbe Vorstellung haben, welche gemeint sind. Es würde eine kritische Diskussion sehr erleichtern.
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#3 PiakAnonym
  • 13.05.2021, 17:31h
  • Antwort auf #1 von echt jetzt
  • Das sehe ich anders. Bause gehört zu den Lichtblicken der Serie.

    und zu den Klischees - muss man das ernsthaft noch mal präzisieren? Also okay: Alle Schwulen sind so sexgeil, dass sie nicht an sich halten können und alles bespringen, was nicht bei 3 auf den Bäumen ist, egal, ob sie damit wortbrüchig werden, ihren Partner, ihren besten Freund usw. verletzen. Außerdem haben alle Fetisch-, Gruppensexerfahrung usw. Reicht das?
  • Antworten » | Direktlink »
#4 LotiAnonym
#5 schwarzbrotAnonym
  • 13.05.2021, 19:21h
  • vorweg -

    1) ist natürlich alles geschmackssache und
    2) freue ich mich natürlich, dass auch mal schwule charaktäre vorkommen / über mehr schwule sichtbarkeit - z.b. über prince / princess charming, heidi klums drag of queens (auch wenn ihre - wirklich gute reality show project runway deutlich besser war & in amerika - auch für schwule - viel bewegt hat, aus meiner sicht das bislang beste reality-format überhaupt), und jetzt mit all you need auch mal eine deutsche schwule serie -
    allerdings - schade, dass diese formate nicht im regulären fernsehen ausgestrahlt werden -
    und schade, dass all you need aus meiner sicht so schlecht geworden ist - und damit meine ich vor allem die unglaublich hölzerne sprache / unnatürlichkeit - so spricht doch kein mensch!! - also, ich hoffe, bei der nächsten staffel geben sie sich etwas mehr mühe mit den dialogen.
    und die klischee-haftigkeit (ich muss aber zugeben, kann das nur in teilen beurteilen, weil ich es so schrecklich fand, dass ich es nicht lange durchgehalten habe)
    - ich freue mich aber für jeden, der spass an der serie hatte
    hab mich auch darauf gefreut, konnte es aber leider nicht ertragen.

    (( natürlich ist das keine pionierarbeit - und auch wenn es für deutschland vielleicht ein novum ist, ist es insgesamt gesehen schlecht und provinziell ;)

    ein paar gegenbeispiele aus neuerer zeit - wo es geglückt ist
    (nicht, um all you need schlecht zu machen, mehr als anregung, da mal reinzuschauen) -

    its a sin (2021) (unbedingt gucken!)
    - basierend auf echter geschichte / charaktären
    - creator - und alle schwulen charaktäre - auch im wahren leben als schwul geoutet
    - glaubhafte & unterschiedliche charaktäre (vom sexbesessenen bis zu dem schüchternen, der quasi keinen sex hat etc),
    mit denen man mitlacht & mitweint, die man nicht als gespielt, sondern als reale personen annimmt
    - super gefilmt & gespielt, glaubhafte dialoge, spannend, aufwühlend, man kann sich hineinversetzen, oder zumindest mitempfinden

    watchmen (serie) (episode 6 / imdb 9.2) (2019) (unbedingt gucken!)
    grossartige serie, spannend, unerwartet, filmisch & schauspielerisch fantastisch, texte brilliant, völlig klischee-lose darstellung & beschäftigung mit schwulsein/gesellschaft & rassismus.

    schitts creek (2015-2020)
    schöne schwule liebesgeschichte im zentrum der handlung
    comedy / jetzt nicht die überwältigend beste serie aller zeiten, aber mehr als selten, dass schwulsein mal so zentral - und fast beiläufig - behandelt wird
    (die letzten episoden, inkl der schwulen hochzeit mit 9.4 auf imdb bewertet -
    und bei den emmys 2020 quasi jeden award gewonnen, beste comedy, beste hauptdarsteller (männlich, weiblich), beste nebendarsteller (männlich, weiblich) etc)
    ja - einer der hauptcharaktäre hat auch eigenschaften, die man als klischeehaft einordnen kann, aber er hat es auch selber geschrieben & produziert, und ist im wahren leben halt auch so, und spielt dann halt damit

    american gods (season 1, episode 3) (2017)
    ungewöhnliche und völlig klischee-freie schwule begegnung / liebesgeschichte / sex
    emotional, toll & künstlerisch gefilmt, und in der sex-szene wird zu einer 3d-animierten version (transparent) umgeschnitten, so dass man dann tatsächlich sehen kann, wie der eine charakter im anderen zum höhepunkt kommt / abspritzt

    peep show - season 9 (absolut brilliante serie, wenn man britischen humor mag, und auch mit etwas fremdschämen klarkommt) - völlig beiläufig entdeckt einer der hauptcharaktäre seine schwule seite, und das glaubhaft und ohne klischees

    special (deutsch - ein besonderes leben) (2019-2021)
    basierent auf eigenen erfahrungen / selbstgeschrieben / produziert / hauptrolle gespielt von einem -
    auch im wahren leben behinderten schwulen
    unterhaltsame comedy - und ist halt echt

    never have i ever (noch nie in meinem leben) (2020 - ?)
    coming-of-age-story eines indischen mädchens in amerika
    unterhaltsam, originell, witzig, traurig, mit glaubhafter lesbischer storyline einer der hauptcharaktäre
    kein schwarz und weiss

    its always sunny in philadelphia (2005 - ? // mindestens 18 staffeln)
    politisch völlig unkorrekt, todkomisch & teilweise völlig crazy , wenn man sich darauf einlassen kann
    brilliant, wie einer der hauptcharaktäre nach ca 10 jahren, seit die serie läuft, sich outet (und niemand ist überrascht, alle wissen es schon vorher, u.a. durch sein homophobes verhalten, oder flucht in die religion etc)
    aber auch vorher gibt es schon ungesehenes, wie die sehr lustige thematisierung von poppers, unter der brücke fickende uralte schwule obdachlose etc alles völlig unkorrekt, aber so ist die serie
    (der schauspieler des schwulen characters hat im wahren leben 2 lesbische mütter & 2 schwule brüder, und hat sich aufwachsend eher als unnormal empfunden, und da scheinbar ein paar sachen mit eingebracht in die serie)

    hier stoppe ich mal, liste liesse sich fortsetzen (und wenn jemand noch weitere serientipps hat, wo es nicht so schrecklich klischee-haft hergeht, gern her damit.
    (arg - da fällt mir während des schreibens jetzt z.b. noch torchwood ein true blood!! (sehr geile schwule szenen und tolle serie), etc.)
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#6 mehrAnonym
#7 tollAnonym
  • 13.05.2021, 22:29h
  • Der 5 Teiler gefiel mir gut, allerdings hätten Story und Charaktere mehr Tiefe verdient. Vielleicht 10 Folgen und somit mehr Entfaltungsmöglichkeit für die Besetzung. Erst gegen Ende der 4. Folge wurde ich mit den Personen warm ... und dann war es leider zu schnell vorbei.
    Bitte gleich ne Fortsetzung mit mehr Folgen machen.
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#8 ursus
  • 14.05.2021, 00:31h
  • Antwort auf #3 von Piak
  • "Reicht das?"

    Es ist ein Anfang, danke.

    Ich glaube, Geschichten, in denen Menschen ausgerechnet mit der/dem Partner/in einer gut befreundeten Person Sex haben, gibt es in der heterosexuellen Variante auch sehr häufig. Da kommt niemand auf die Idee zu sagen, na bitte, so sind die Heteros halt. Es stimmt zwar, dass das bei Schwulen Geschichten anders funktioniert ("Homogenisierung der Out-Group"), aber worin bestünde deiner Meinung nach die Lösung? Nur Schwule mit moralisch makellosem Lebenswandel im TV zeigen?

    Zum zweiten Punkt: Hier spricht, wenn ich mich richtig erinnere, einer von drei Schwulen über Gruppensex und Fetisch. Ein Zweiter zeigt daran zumindest Interesse. Auch hier die Frage, was deine Lösung wäre, um "Klischeebildung" zu vermeiden. Sollen schwule Charaktere generell nicht über Fetisch oder Gruppensex reden? Soll ein Teil schwuler Realität generell ausgeblendet werden?
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#9 schwarzbrotAnonym
#10 SebiAnonym
  • 14.05.2021, 09:21h
  • Ja, es gibt auch Schwule, die sehr viel Sex mit sehr viel wechselnden Partnern haben. Und ja, ich selbst war auch mal so und habe keine Chance ausgelassen.

    Aber es gab und gibt eben auch andere Fälle. Und das hat auch nichts mit dem Alter zu tun. Ich habe auch Freunde, die auch in ihren 20ern nicht so dauergeil von Bett zu Bett gehüpft sind wie ich.

    Das finde ich auch alles in Ordnung. Jeder wie er mag.

    Und ganz ehrlich:
    das gibt es bei Heteros genauso. Auch da habe ich Freunde, die jede Woche ne andere abgeschleppt haben und andere, die seit der Schule mit ihrer großen Liebe eine monogame Betreuung führen. Und ganz viel dazwischen.

    Und ich finde es auch in Ordnung, wenn eine Serie auch diese Seite zeigt. Was aber NICHT in Ordnung finde, ist dass die Serie so tut, als sei das die Regel und als seien alle Schwulen so.

    Das ist eben eine klischeehafte Gleichstellung von einer Gruppe, die genauso vielfältig ist, wie Heteros es sind.
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