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Großbritannien

Europas erstes nichtbinäres Stadtoberhaupt

Im walisischen Bangor wurde die 22-jährige nichtbinäre Person Owen Hurcum an die Spitze der Verwaltung gewählt. An Hassattacken habe sich das mehrjährige Gemeinderatsmitglied "beinahe irgendwie gewöhnt".


Owen Hurcum mit Regenbogenfahne (Bild: privat)
  • Von Jeja Klein
    14. Mai 2021, 13:54h, noch kein Kommentar

Die walisische Kleinstadt Bangor im Westen der britischen Insel dürfte selten Schlagzeilen machen. Doch nun haben die etwa 20.000 Einwohner*innen eine nichtbinäre Person als Bürgermeister*in. Owen Hurcum wurde mit nur 22 Jahren an die Spitze der Verwaltung gewählt und ist weltweit die zweite offen nichtbinäre Person in einem solchen Amt.

Hurcum wird im Englischen mit dem nichtbinären Pronomen "they" angesprochen, für das es im Deutschen noch keine Entsprechung gibt. Nach Befürchtungen, wegen des Coming-outs ausgegrenzt zu werden, sei Hurcum mehr als demütig, nun in dieses Amt gewählt worden zu sein. Zuvor war das neue Stadtoberhaupt bereits fünf Jahre Gemeinderatsmitglied gewesen.

Twitter-Foto in traditioneller Amtskleidung

Nach der Wahl veröffentlichte Owen Hurcum auf Twitter ein Foto von sich in der traditionellen Amtskleidung mit Szepter, weißen Handschuhen, einer goldenen, bis zum Bauch reichenden Halskette, einer roten Robe und einem schwarzen Hut auf den aktuell grünen Haaren.

Twitter / OwenJHurcum
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Es sei am Anfang ein Schock gewesen, als Hurcum zur Kandidatur aufgefordert worden sei und realisiert habe, dass andere Gemeinderatsmitglieder Hurcum für eine gute Repräsentation der Stadt hielten. Bangor könne zwar nicht, wie Hurcum im BBC-Interview weiterhin sagte, als Zentrum großstädtischer Toleranz gesehen werden, doch habe die Gemeinde Hurcum erlaubt, zur eigenen Identität zu stehen.

Konflikt mit sozialdemokratischer Partei über Transrechte

Owen Hurcum ist parteilos, hatte aber Anfang des Jahres versucht, bei der Mitte-Links-Partei Plaid Cymru für das walisische Regionalparlament zu kandidieren. Weil jedoch mit Helen Mary Jones eine Gegnerin von Transrechten ebenfalls kandidierte, hatte Hurcum die eigenen Ambitionen wieder zurückgezogen und der Partei vorgeworfen, eine Plattform für Transfeindlichkeit zu bieten.

Nach dem Zerwürfnis mit der walisischen Regionalpartei hatte sich Helen Mary Jones im März entschuldigt. Sie gab zu, fragwürdigen Accounts in sozialen Medien gefolgt zu sein und deren Inhalte weiter verbreitet zu haben. Sie sagte: "Ich habe Zeit gebraucht, um nachzudenken und zu verstehen, wie meine Taten und Kommentare, die ich online und anderswo gemacht und geteilt habe, einschließlich wieder aufgetauchter, alter Kommentare, Menschen Schmerz und Schaden bereitet haben". Ihre Entschuldigung beendete sie mit den Worten: "Ich bin noch immer am Lernen."

Viel Zuspruch, aber auch Anfeindungen im Netz

Neben vielen Glückwünschen zur Wahl, Lob und Freude über den Erfolg der nichtbinären Community musste Hurcum jedoch auch erneut viel Hass über sich ergehen lassen. Hurcum sagte dazu: "Es war schwer und es ist entmutigend, aber komischerweise, nicht dass es jemals okay gewesen wäre, habe ich mich daran beinahe irgendwie gewöhnt." Auf Twitter finden sich Einträge wie "Ziemlich minderbemittelt. Ist das ein Witz oder eine Drag Queen? lol" oder "Diese Person mag sich vielleicht nicht mit einem Geschlecht identifizieren, aber ob jemand beim Pinkeln sitzt oder steht, sagt für die meisten Menschen schon ziemlich viel darüber aus, wessen Geschlecht jemand ist." Andere Nutzer*innen sprachen demonstrativ im falschen Pronomen über Hurcum und brachten übliche Anschuldigungen gegenüber transgeschlechtlichen Menschen vor.

Zwischen 2010 und 2012 war Tony Briffa in Hobsons Bay im australischen Bundesstaat Victoria bereits Bürgermeister*in. Briffa ist intergeschlechtlich und nichtbinär und nutzte als eine der ersten Personen in Australien die Möglichkeit, den amtlichen Geschlechtseintrag nachträglich offen zu lassen.

In Großbritannien wird die Auseinandersetzung um die Rolle und die Rechte von transgeschlechtlichen Menschen sehr heftig geführt. Zuletzt wurden die Gebühren für die Änderung des amtlichen Geschlechtseintrags deutlich gesenkt (queer.de berichtete). Im Dezember 2020 hatte ein Gericht geurteilt, dass der Einsatz von Pubertätsblockern für Jugendliche mit Geschlechtsdysphorie unter 16 Jahren unzulässig sei, was von Transfeind*innen als Erfolg gefeiert worden war. Im März wurde das Verbot durch ein weiteres Urteil wiederum aufgehoben – unter der Bedingung, dass die Eltern der Jugendlichen zustimmen.

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