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"Wurzeln – Bande – Flügel"

Was kann queere Familie? Eine Frage, neun Antworten

Der 15. Mai ist Internationaler Tag der Familie. Im offiziellen Programm finden queere Familienentwürfe kaum statt. Doch eine Gruppe von Wissenschaftler*innen, Aktivist*innen und Autor*innen legt ein Buch vor, von dem die Politik viel lernen kann.


Ian, Alan und Jeremy Allen führen eine Dreierbeziehung und ziehen gemeinsam zwei Kinder groß (Bild: The Morning Show)
  • 15. Mai 2021, 11:08h, noch kein Kommentar

Es mag Zufall sein, dass das Erscheinen von "Wurzeln – Bande – Flügel" ausgerechnet mit dem Internationalen Tag der Familie zusammenfällt, aber perfektes Timing ist es allemal. Die neun Aufsätze des Bandes – dessen Untertitel lautet: "Familie als Ort der Sozialisation, Kontrolle und Emanzipation" – ergründen die Frage, was Familie ist und leisten kann, mit jenem Weitblick, den die offiziellen Familientag-Aktivitäten vermissen lassen.

Wo queere Perspektiven in amtlichen Programmen und Grußworten nicht vorkommen, nimmt "Wurzeln – Bande – Flügel" sie explizit in den Fokus. Vom Reizthema Regenbogenfamilien über Wahlfamilienmodelle wie "Family of Kink" und Poly-Familien bis hin zu familiären Erfahrungen queerer Jugendlicher und rechtlicher Probleme von trans Eltern bleibt nichts unberücksichtigt. Auch die speziellen Herausforderungen der Covid-Krise kommen zur Sprache. Von diesem Facettenreichtum kann Bundesfamilienministerin Franziska Giffey noch viel lernen.

"Bündnisband aus der Aktionspost" statt Diversität

Zum Hintergrund: Die Vereinten Nationen erklärten den 15. Mai anno 1993 zum "International Day of Families". Ziel war dabei, an diesem Datum jährlich "die Aufmerksamkeit für die Angelegenheiten von Familien und das Wissen über soziale, ökonomische und demografische Prozesse, die Familien betreffen, zu fördern".

Für 2021 setzt die UN das weltweite Thema "Families and New Technologies", während in Deutschland ein bundesweiter Aktionstag unter dem Motto "Zusammenhalt. Vor Ort und für Familien" ausgerufen wirde. Beim Online-Webinar der Vereinten Nationen geht es unter anderem um "Digitale Technologien und Elternschulung" oder "Telemedizinische Implementierungen fürs Bindungsverhalten", während Bundesfamilienministerin Giffey in ihrem Grußwort zum Familientag 2021 die "Umsetzung des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung von Grundschulkindern" als ihr "besonderes Anliegen" benennt und zur Sichtbarmachung des Engagements für Familien "mit unserem Bündnisband aus der Aktionspost" aufruft, einer Art Schärpe, die mit dem Logo "Lokale Bündnisse für Familien" bedruckt ist.

All das ist so nichtssagend wie unoriginell und lässt die große Frage, was Familie überhaupt ausmacht, beziehungsweise Diversitätsthemen konsequent außen vor. An diesem Punkt setzt "Wurzeln – Bande – Flügel" an.

Das "heteronormativ geprägte Konzept" der Regenbogenfamilie


"Wurzeln – Bande – Flügel" ist in der Schriftenreihe Edition Waldschlösschen des Männerschwarm Verlags erschienen

Das Buch ist der neueste Beitrag aus der Schriftenreihe Edition Waldschlösschen, in der kürzlich schon der streitbare Religions-Band "Zwischen Annäherung und Abgrenzung" erschien (queer.de-Rezension unter dem Titel "Scham, Sünde, Erweckung: Queere Wissenschaftler checken Weltreligionen"). In ihrer Einleitung stellen die Herausgeber*innen Stephan Baglikow und Kim Alexandra Trau fest, das Bild von queeren Familien habe sich im Zuge der großen medialen Präsenz von Regenbogenfamilien "zunehmend verengt, so dass es – abgesehen von den nun zwei möglichen gleichgeschlechtlichen Elternteilen – kaum von dem Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie zu unterscheiden ist". Eine Bestandsaufnahme, die Baglikow und Trau zu der Feststellung führt: "Familie ist für queere Menschen allerdings weitaus mehr als das heteronormativ geprägte Konzept der Regenbogenfamilie". Diese These wird anschließend von neun Autor*innen ausführlich diskutiert.

Wahlfamilien und die Rolle von Kindern

Als wissenschaftlicher Dreiakter diskutiert "Wurzeln – Bande – Flügel" queere Familienentwürfe und ihre Eigenheiten. Der erste Abschnitt "(Regenbogen-)Famillien in queeren Kontexten: Kritik und Potenzial" beginnt mit einem Beitrag von Politikwissenschaftlerin Christine M. Klapeer, die, ausgehend von den einhegenden Maßnahmen infolge der Covid-Krise, die einhegenden Effekte des queeren Familialismus verdeutlicht, also der Beschränkung auf heteronormative Prinzipien im Zuge der rechtlichen Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Es folgt ein Beitrag, in dem Journalist Dirk Ludigs unter dem Motto "Are we Family?" analysiert, wie familiär (oder eben auch nicht) es in der LGBTI-Community von heute zugeht.

Im Abschnitt "Beziehungen gestalten: Intimität, Verantwortung, Gemeinschaft" berichtet Medienkünstler Simon Schultz ausgehend von den Erfahrungen mit seinem Kurzfilm "family of kink" über "Die Wahlfamilie der Perversen" und die Kommunikations- und Bindungsformen innerhalb von Fetisch-Communitys; Buchautor Martin Reichert verdeutlicht die Ablehnung queerer Lebensweisen (und Partner) durch Herkunftsfamilien anhand von Todesfällen während der Aidskrise; Sozialwissenschaftler Michel Raab nimmt den Bereich "Care in konsensuell-nichtmonogamen Beziehungsnetzwerken" in den Blick und attestiert ihm ein hohes Potenzial an Freiheit.

Im Abschnitt "(Queere) Familien mit (queeren) Kindern" verdeutlicht Historiker Benno Gammerl die Nachwirkungen der Zustände, unter denen "Schwule Väter und lesbische Mütter vor der Erfindung der Regenbogenfamilie" lebten (Leseprobe über "Lesbische Mütter" auf Position 2 unserer "Queer-Mama-Media"-Liste); Diplom-Psychologin Claudia Krell analysiert die vielfältigen Potenziale und Probleme, die Familien für queere Jugendliche im Kontext von Coming-out-Erfahrungen haben; Erziehungswissenschaftler Sascha Rewald referiert "Über die rechtlichen Probleme von trans* Eltern", sowohl für diejenigen, die zum Zeitpunkt einer Transition bereits Eltern sind, als auch in Bezug auf Möglichkeiten und Hindernisse von trans Personen bei der Familienplanung; Soziologin Jennifer Stoll vertieft Rewalds Ansatz, indem sie "Überlegungen zu den (Un)Möglichkeiten, jenseits cisnormativer Modelle Eltern zu werden" anstellt.

"Alles andere als ausdiskutiert"

So ausschnitthaft und verkürzt dieser inhaltliche Überblick ist, er verdeutlicht dennoch die Diversität und Ernsthaftigkeit, mit der "Wurzeln – Bande – Flügel" seinem komplexen Thema gerecht zu werden versucht. Das Buch ging aus den Vorträgen einer Jahrestagung hervor, die im Dezember 2019 in der Akademie Waldschlösschen stattfand.

Dass es bei aller Umsicht inhaltliche Defizite hat, räumen Baglikow und Trau bereits in der Einleitung ein: "Trotz der Bemühungen, die Vielfalt queerer Familien im Tagungsprogramm abzubilden, musste eine Auswahl getroffen werden, die Leerstellen unvermeidbar machte (…) Das Thema Familie ist also aus queerer Perspektive noch alles andere als ausdiskutiert und wird auch weiterhin beständig neue Fragen aufwerfen."

Wäre doch schön, wenn das Bundesfamilienministerium bis zum nächsten Familientag einen ähnlich intersektionalen Ansatz für seine Aktionen fände. Dieses Buch kann dabei helfen.

Infos zum Buch

Kim Alexandra Trau, Stephan Baglikow (Hrsg): Wurzeln – Bande – Flügel, 188 Seiten, Männerschwarm Verlag. Berlin 2020, Paperback: 22 € (ISBN 978-3-86300-313-5), E-Book: 15,99 €