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Literatur

Die Poesie körperlicher lesbischer Liebe

Im Frankreich der Sechziger wurde Violette Leducs Roman "Thérèse und Isabelle" über das sexuelle Erwachen zweier Internatsschülerinnen erst nach langem Zögern und schließlich nur zensiert veröffentlicht. Nun erscheint die Originalfassung auf Deutsch.


Essy Persson und Anna Gaël als Thérèse und Isabelle: Violette Leducs Roman wurde 1968 von Radley Metzger als Softporno verfilmt
  • Von Arabella Wintermayr
    15. Mai 2021, 16:10h, 1 Kommentar

Eine Liebesgeschichte zwischen zwei Internatsschülerinnen, die gemeinsam ihren Körper und ihre Sexualität erkunden: Eine solche Umschreibung ruft unwillkürlich Assoziationen an abgeschmackte Pornoklischees hervor. Dass dem so ist, sagt viel über die Kontexte aus, in denen lesbische Sexualität aktuell gemeinhin gedacht wird. Nicht umsonst taucht "lesbian" als Suchbegriff regelmäßig in den vorderen Plätzen der meistgesuchten Begriffe auf Pornoseiten auf.

Violette Leducs Roman "Thérèse und Isabelle", der in Frankreich erstmals in den 1960er Jahren erschien, hat allerdings rein gar nichts mit der Darstellung weiblicher Sexualität auf "Pornhub" und verwandten Portalen gemeinsam. Nicht etwa, weil die Geschichte weniger grafisch, weniger explizit erzählt wäre – gerade aufgrund seines Freimuts, dem Bestreben der Autorin das sexuelle Empfinden von Frauen so wahrhaftig wie möglich abzubilden, blickt das Werk auf eine lange Zensurgeschichte zurück.

Autobiografisch inspirierte Liebesgeschichte

Bereits 1954 legte Leduc die Geschichte als Teil des Romans "Ravages" vor. Zwei Jahre zuvor war in einer von Albert Camus herausgegebenen Buchreihe ihr Debüt "Asphyxie" beim Verlag Gallimard erschienen. Doch auch die namhaften Bewunderer ihres literarischen Könnens, zu denen außerdem Jean Cocteau und Jean-Paul Sartre gehörten, änderten nichts an der Tatsache, dass "Thérèse und Isabelle" der Zensur zum Opfer fiel.

Erst 1966, nachdem ihr nächster Roman "La Bâtarde", zu dem Simone de Beauvoir ein Vorwort verfasste, ein Erfolg wurde, konnte auch ihre autobiografisch inspirierte Liebesgeschichte um die beiden Internatsschülerinnen überhaupt als eigenes Werk erscheinen.

Trunkene Sprache


"Thérèse und Isabelle" erscheint am 17. Mai 2021 im Aufbau Verlag

Immerhin ein Viertel der Zeit, die es gebraucht hat, bis das Buch publiziert werden konnte, hat seine Fertigstellung in Anspruch genommen. Eine lange Zeit für knapp 160 Seiten, die die erst kürzlich veröffentlichte Originalfassung in deutscher Übersetzung, die nun im Aufbau Verlag erscheint, umfasst. Doch man kann sich vorstellen, welchen Aufwand die poetische Dichte, in der die Geschichte verfasst ist, bedeutet.

Beinahe jeder Satz beinhaltet eine Metapher, gerade die intimen Momente zwischen den jungen Frauen sind in sinnbildlicher Ausdrucksweise gehalten. Die große Kunst besteht darin, dass die Darstellungen körperlicher Liebe, um die "Thérèse und Isabelle" hauptsächlich kreist, dadurch nicht sperriger, sondern klarer wird. Leduc gelingt es, Worte für Empfindungen und Wahrnehmungen zu finden, die sich nicht anders als poetisch ausdrücken lassen. Solche, denen eine direktere, sachlichere Umschreibung nicht gerecht werden oder ihnen sogar Schaden zufügen würde.

Um zu geben, muss man sich selbst auslöschen. Ich wollte eine Maschine sein, die nicht mechanisch war. Ihre Lust war mein Leben. Ich zielte über Isabelle hinaus, tat es im Bauch der Nacht. Wir waren im Einklang, solange wir uns auflösten.

Ausführungen wie diese sind beispielhaft für die trunkene Sprache, die das Buch, das nur sehr wenig äußere Handlung enthält, zu einer rauschartigen Erfahrung macht. Denn Leduc schildert nur eine kurze Episode über die intensive Beziehung zwischen ihren Protagonistinnen, die ebenso abrupt endet, wie sie sich ergibt.

Die Umgebung, gemeint sind sowohl die wenigen Schauplätze als auch die anderen Schülerinnen und Aufseherinnen, verblassen neben den halluzinatorisch anmutenden Schilderungen der körperlichen Anziehungen zwischen Isabelle und Thérèse. Dieser Solipsismus passt zum Leben der Autorin, das als ein in Einsamkeit verbrachtes und kein besonders glückliches gilt. Eine unerwiderte Schwärmerei für Simone de Beauvoir und eine gescheiterte Ehe, an deren Ende eine für Leduc fast tödlich geendete Abtreibung stand, gehört dazu. Das von Martin Provost ("Séraphine") inszenierte Biopic "Violette", eignet sich übrigens hervorragend, um diese Wiederentdeckung einer wichtigen feministischen Stimme ein wenig besser verorten zu können.

Infos zum Buch

Violette Leduc: Thérèse und Isabelle. Roman. Übersetzt aus dem Französischen von Sina de Malafosse. 169 Seiten. Aufbau Verlag. Berlin 2021. Gebundene Ausgabe: 20 € (ISBN 978-3-351-03865-6). E-Book: 14,99 €


#1 SowieliebeAnonym
  • 15.05.2021, 18:58h
  • WAU, so unbeschreiblich gut beschrieben. Ich kann mir durch die außergewöhnliche Wortwahl sofort alles bildlich vorstellen. Kompliment an die Verfasserin, Wintermayr!
    Danke
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