Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?38874

Roman

Eine lange, queere Nacht im Berghain

Fünf Menschen verbringen ein halbes Wochenende im Berliner Club Berghain. Manche kennen sich schon, andere kommen sich erst näher. Ihnen gemeinsam ist der Rausch. Kevin Junks Roman "Fromme Wölfe" stillt die Feiersehnsucht und heizt sie zugleich an.


Montagmorgen vor dem Berghain in einer Zeit vor Corona (Bild: Michael Mayer / flickr)

  • Von Fabian Schäfer
    16. Mai 2021, 06:19h, noch kein Kommentar

Manche Clubnächte entwickeln sich spontan, fast wie ein Selbstläufer. Andere wollen wohlgeplant und vorbereitet sein. Die Nacht, die wir mit Tom, Lars, Kala, Viktor und Erik verbringen, gehört definitiv in letztere Kategorie. Penibel planen sie vor allem ihren Rausch.

Die fünf Berliner*innen sind die Hauptfiguren in Kevin Junks Roman "Fromme Wölfe". Manche von ihnen kennen sich schon, einige haben sich schon mal im Club gesehen, andere treffen sich zum ersten Mal. Sie werden zur miteinander verflochtenen Schicksalsgemeinschaft. Den Club nennen sie nur den Club, weil dann sowieso klar ist, welcher gemeint ist.

Bevor sie das fast schon sagenumwobene Berghain betreten, bereiten sie sich unabhängig voneinander auf die Nacht vor. Einer muss auf einer Vernissage Smalltalk betreiben und Drogen besorgen, Kala bringt ihrem Lieblingsdealer wie immer Gummibärchen mit, Tom lässt sich in der Hasenheide verarschen, statt MDMA bleibt ihm nur die Kappe vom Dealer, auf der in riesigen Lettern "Boy" steht.

Zur "chemischen Audienz" in der Toilettenkabine


Kevin Junks Roman "Fromme Wölfe" ist im Querverlag erschienen

Kevin Junk erzählt abwechselnd aus der Perspektive der fünf Partywilligen. Wie in einer Parallelmontage beschreibt er, was sie gleichzeitig tun, wie unterschiedlich und teilweise sehr ähnlich sie der Nacht entgegenfiebern, bis die Fäden schließlich im Club zusammenlaufen.

Dort angekommen, wechselt er die Form der Erzählung: Statt von Person zu Person zu springen, berichtet er von 6 bis 16 Uhr chronologisch. Als – wann endet eine Nacht eigentlich? – der folgende Tag fast schon dämmert, geht es zurück in die parallele Erzählung. Dramaturgisch funktioniert das gut.

Der Roman punktet vor allem, weil Junk sich einer klugen, treffsicheren, metaphorischen Sprache bedient. An einigen Stellen trägt er zwar ein bisschen zu dick auf, wird zu prätentiös oder pathetisch, etwa bei den Beschreibungen des DJane-Sets zu Beginn jedes Abschnitts im zweiten Teil. Davon abgesehen, macht es alleine schon wegen Junks Stil großen Spaß, dem Treiben im Club zu folgen, wo man sich zu später (oder früher) Stunde zu sechs in der Toilettenkabine zu einer "chemischen Audienz" trifft, auch mal "nur der Geste wegen" gekokst wird oder Lust der Sucht und Heiligkeit des Rauschs abgewogen werden.

Für alle, die endlich wieder feiern wollen

Die fünf bringen ihre eigenen Geschichten mit, die geraten vor lauter Nachlegen jedoch manchmal in den Hintergrund. Erik, der in den Dealer Simon verknallt ist, Lars, der total auf Viktor steht, Tom, der eigentlich einen Freund zu Hause hat – auch weil ihre Stimmen sich ähneln, ist es nicht leicht, den Überblick zu behalten, wer jetzt nochmal an wem interessiert ist. Da hätte ein bisschen mehr Struktur gutgetan.

"Fromme Wölfe" ist ein aufs Berghain konzentriertes Kammerspiel mit vielen Nebenschauplätzen. Junk zieht uns mit in eine Nacht, die wir so oder auch nur halb so rauschhaft seit über einem Jahr nicht mehr kennen. Die Geschichte stillt die Sehnsucht nach dem, was eine gelungene Clubnacht ausmacht: Musik, Tanzen, Ekstase und Lust genauso wie die Energien, die sich aufbauen, aufstauen und nach außen drängen – und facht das Verlangen nach einer durchfeierten Nacht gleichzeitig doch an.

Wer endlich wieder feiern gehen will, sollte "Fromme Wölfe" lesen.

Infos zum Buch

Kevin Junk: Fromme Wölfe. Roman. 288 Seiten. Querverlag. Berlin 2021. Taschenbuch: 18 € (ISBN 978-3-89656-297-5). E-Book: 9,99 €