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Sechster Verhandlungstag

Vom Arzt einen runtergeholt? "Ich empfand es nicht als Missbrauch"

Im Prozess gegen einen Berliner #ArztOhneNamen berichtet ein Zeuge von einvernehmlichen sexuellen Handlungen in der Praxis – und stellt das Gericht damit vor eine neue rechtliche Frage.


Symbolbild: In der Praxis eines bekannten Berliner Szenearztes soll es laut Anklage der Staatsanwaltschaft und Zeugenaussagen zu Missbräuchen des Behandlungsverhältnisses gekommen sein (Bild: freepik.com)

Am sechsten Verhandlungstag gegen den Berliner #ArztOhneNamen vor dem Amtsgericht Tiergarten kam es am Montag zu einem merkwürdigen Wortwechsel im Rahmen der Befragung eines Zeugen. Verteidiger Johannes Eisenberg brachte ohne erkennbaren Anlass zur Sprache, dass es "vielleicht nicht alle Anwesenden" wüssten, aber er und der Vorsitzende Richter Rüdiger Kleingünther könnten sagen, wo sich das "alte SchwuZ" befunden habe. Kleingünther stellte darauf sofort klar, dass er nicht wisse, wo sich das "alte SchwuZ" befunden habe. Es folgte Gelächter im Saal, und dann wurde ohne weiteren Kommentar weiterverhandelt.

Die Befragung des Zeugen an diesem Prozesstag fiel ebenfalls aus dem Rahmen. Der heute 53-jährige Mann, 1987 aus dem Mittleren Osten nach Deutschland eingewandert, beteiligte sich nicht als Nebenkläger am Verfahren und sagte daher ohne anwaltliche Vertretung aus.

In einer vorangestellten Einlassung ließ der angeklagte Mediziner durch seinen Verteidiger wissen, dass er alle Vorwürfe abstreite. Nach Paragraf 174 c des Strafgesetzbuches ist er wegen Missbrauchs eines Behandlungsverhältnisses durch sexuelle Handlungen in fünf Fällen angeklagt. Der Arzt habe keine Erinnerung an den Zeugen, alle Untersuchungsschritte seien laut Patientenakte medizinisch indiziert gewesen.

Die Untersuchung war in der folgenden Befragung jedoch bald nicht mehr von Belang, denn der Zeuge konnte sich selbst nicht erinnern, wie er vom schwulen Arzt untersucht worden sei. Ob er Medikamente bekommen habe, könne er heute ebenfalls nicht mehr sagen.

Samenerguss "neben einem Untersuchungsbett"

Er sah sich "nur als Zeuge", weil der Mediziner zwar bei dem Praxisbesuch im Jahr 2013 eine "rote Linie" überschritten habe, jedoch alles "mit meinem Einverständnis" passiert sei. Der Arzt habe "ein bisschen" an seinem Glied "gespielt", er selbst habe auch den Penis des Arztes "angefasst". Dann sei es beim Zeugen zu einem Samenerguss gekommen, weil ihm der Angeklagte "einen runtergeholt" habe. Beide hätten dabei "neben einem Untersuchungsbett" gestanden, und "Fakt ist, dass es passiert" sei. "Ich empfand es nicht als Missbrauch", sagte der Zeuge. An mehr könne er sich "nach zigtausend Jahren" nicht erinnern, meinte er freundlich lächelnd.

Es half auch kein Nachbohren des Vorsitzenden Richters, wie der Zeuge in die Praxis gekommen sei, in welchem Raum der Vorfall passiert sei und ob die Tür versperrt gewesen sei. Der Zeuge erwiderte, dass er heute keine Erinnerung mehr daran habe. Der Richter konfrontierte ihn daraufhin mit seinen Aussagen im Protokoll der Polizei von 2014. Der Zeuge hatte zum Beispiel angegeben, dass er sich auf einen Untersuchungsstuhl habe knien müssen oder dass er den Kopf des Arztes zu seinen Brustwarzen gedrückt und der daran "gesaugt" habe. "Oh ja", entfuhr es da dem Zeugen. Wie er dieses "Oh ja" gemeint habe, wollte der Richter wissen. Das mit den Brustwarzen sei etwas, "was ich von mir kenne", erwiderte der Zeuge.

Hingewiesen auf seine ausführliche Aussage bei der Polizei, erklärte der Zeuge, dass das, was im Protokoll stünde, der Wahrheit entsprechen müsse. Damals sei seine Erinnerung noch frischer gewesen. Heute habe er nur mehr das "Bild im Kopf", wie er es auf die ersten Fragen des Vorsitzenden Richters geschildert habe. Bei diesen Beschreibungen blieb er, trotz vieler weiterer Nachfragen.

Er habe sich damals bei der Polizei als Zeuge angeboten, obwohl er den Vorfall nicht "als störend empfunden" habe, weil ihm ein "guter Bekannter", mit dem ihm eine "einfache Freundschaft" bis heute verbinde, von einem ähnlichen Vorfall erzählt habe. Dieser Bekannte war als Nebenkläger am vierten und fünften Verhandlungstag unter Ausschluss der Öffentlichkeit befragt worden (queer.de berichtete). Dem Bekannten sei der Vorfall im Nachhinein auf der "Seele gelegen", und er habe erklärt, "gerichtliche Schritte" unternehmen zu wollen. Deshalb habe der Zeuge bei der Polizei eine Aussage gemacht, weil es "Schwachsinn" sei, als "einzelner Patient gegen einen angesehenen Arzt vorzugehen".

Scherze über den #ArztOhneNamen

Ob er mit weiteren Männern Kontakt gehabt habe, die über einen mutmaßlichen Vorfall in der Praxis des Arztes berichtet hätten, wollte die Staatsanwältin wissen. Der Zeuge antwortete, dass auch sein damaliger Partner eine ähnliche Erfahrung gemacht habe. Als dieser dem Angeklagten aber "nein" gesagt habe, habe er von ihm abgelassen. Von seinem ehemaligen Partner wisse er, dass er nicht aussagen wolle. Der Zeuge habe damals nicht viel "Wert auf den Vorfall gelegt", weil in der Szene auch Scherze über den #ArztOhneNamen kursiert seien. Als die Staatsanwältin mehr darüber erfahren wollte, rief Anwalt Eisenberg dazwischen, dass diese Scherze "nicht zur Sachverhaltsklärung beitragen" würden und "Phantasmagorien nicht der Sinn einer Befragung" seien.

Der Vorsitzende Richter ließ die Staatsanwältin noch einmal "offener" fragen. Danach antwortete der Zeuge, dass man damals schwule Männer "in bestimmten Zirkeln" mit Beschwerden zum #ArztOhneNamen geschickt habe, weil "du dort schnell einen Termin bekommst und bei der Untersuchung noch mehr Extras". Ob er diese Zirkel näher beschreiben könne? Südländisch aussehende Männer, so der Zeuge.

Zeuge von Verteidigung über Nebenkläger ausgefragt

In der folgenden Befragung durch die Verteidigung ging es überraschenderweise ruhig und gesittet zu – ganz anders als beim Zeugen vom dritten Verhandlungstag (queer.de berichtete). Anwalt Eisenberg wollte nichts zum mutmaßlichen Vorfall wissen und fragte nach der Beziehung des Zeugen zum "guten Bekannten". Der Zeuge antwortete offen, ob er eine Alkoholabhängigkeit des Nebenklägers in der Zeit des mutmaßlichen Vorfalls beobachtet habe und wie er damals dessen psychischen Gesundheitszustand eingeschätzt habe.

Anwalt Stefan König sprach den Zeugen auf unterschiedliche Angaben zu seinem Alter im Protokoll der Polizei und vor Gericht an. Der Zeuge antwortete, dass er sich als Zwanzigjähriger Vorteile davon versprochen habe, sich in Deutschland als minderjährig auszugeben. Das sei jedoch alles nach 2014 mit den Behörden "bereinigt" worden.

Im weiteren Verlauf stellte König einen Widerspruch fest. Der Zeuge hatte ausgesagt, dass der Bekannte ihm knapp vor 10 Uhr vormittags bei einem zufälligen Treffen von dem mutmaßlichen Vorfall in der Praxis erzählt habe. In der Krankenakte des Bekannten sei der Termin aber für 12.30 Uhr eingetragen. Der Zeuge blieb bei seiner Aussage, weil er wegen des Arbeitsbeginns um 10 Uhr in Eile gewesen sei.

Die Aussagen des Zeugen bringen insgesamt eine neue Facette in das Strafverfahren, leichter wird eine rechtliche Betrachtung dadurch nicht. Begründet die Einwilligung in einen Sexualkontakt auch eine Strafbarkeit nach Paragraf 174 c (Missbrauch eines Behandlungsverhältnisses)? Das erweiterte Schöffengericht muss sich für die Urteilsfindung in diesem einzelnen Fall noch eingehender mit dem Sinn und Zweck des Paragrafen auseinandersetzen, als bei den bisher gehörten mutmaßlichen Opfern.

Die Verhandlung wird am 27. Mai mit der Befragung eines vierten mutmaßlich Geschädigten fortgesetzt.



#1 GodzillaAnonym
  • 18.05.2021, 08:51h
  • Auch wenn die sexuellen Handlungen mit diesem Zeugen einvernehmlich waren, so wurde meines Erachtens dennoch die Grenze zwischen Arzt und Patient überschritten. Außerhalb der Räumlichkeiten würde ich das evtl anders bewerten.
    Dass das Gericht sich nun mit dem Rechtlichen bzgl dieser Aussage auseinandersetzen will erschließt sich mir nur so halb.
    Mir zeigt sie jedenfalls auf, dass der Arzt durchaus Grenzen des Arzt-Patienten-Verhältnis überschreitet/überschritten hat und da ist es durchaus vorstellbar, dass er dies auch ohne Einwilligung tut/tat (und selbst wenn er sie hätte, diese Grenze muss gewahrt bleiben) oder in dem Glauben eine Einwilligung zu erkennen.

    So oder so hat er nach dieser Aussage keine Eignung als Arzt, zumindest nicht in diesem Bereich, wenn gewisse Grenzen übertreten werden.

    Was mich allerdings interessieren würde, ob es nur in diesem Zeitraum zu Vorfällen gekommen sein soll oder auch noch später. Ich finde es nämlich auffällig, dass danach keine Anzeigen mehr eingingen, was dafür spricht, dass es danach wahrscheinlich keine Vorfälle mehr gab.
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#2 MatthiassssssAnonym
  • 18.05.2021, 10:38h
  • Rechtlich ist das eigentlich recht klar. Wenn man auf eine Yacht entführt wird und das dann da eigentlich ganz nett findet, ist es dennoch eine Entführung gewesen. Wenn du angefasst wirst, ohne es zu wollen, es aber im Nachhinein okay findest, ändert das nichts an der Ausgangssituation. Wenn du etwas klaust und der Eigentümer sagt danach "Egal, behalte es!", war es doch ein Diebstahl. Da muss kein Jurist lange überlegen.
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#3 Ralph
  • 18.05.2021, 12:22h
  • Alljährlich geh ich zur Routineuntersuchung beim Urologen. Dazu gehört als üblicher Untersuchungsschritt auch das Anfassen und Abtasten des Penis. Das ist in Ordnung. Vor 18 Jahren landete ich mit einer Nierenkolik im Krankenhaus. Angesichts der Symptomatik war Penisuntersucnung nicht zielführend, zumal Wasserlassen rein mechanisch nicht das Problem war. Gleichwohl wurde wiederholt von verschiedenen Ärzten mein Penis begrabscht mit der Begründung, das gehöre -auch wenn konkret gar nicht indiziert- zu einer ordnungsgemäßen urologischen Untersuchung. Ich empfand das als sexuelle Belästigung, mag sie gewollt gewesen sein oder nicht, und stellte schließlich klar: "Da lassen Sie die Finger weg."
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#4 StaffelbergblickAnonym
  • 18.05.2021, 15:49h
  • Antwort auf #3 von Ralph
  • bei einer Nierenkolik ist die größte Wahrscheinlichkeit einer Abflußstörung im Harntrakt .. und der beginnt in der Niere und endet am Harnröhrenausgang. Bei multiplen Steinen können diese im Harnleiter, vor Harnblase und vor dem Blasenausgang .. und auch in der Harnröhre liegen. Durch die Palpation können Steine in der Harnröhre ganz simple festgestellt werden ... an der Stelle !"tuts weh". Urologen sehen tagtäglich so viel nackte Tatsachen ... für die ist es eher langweilig, als sich daran zu ergötzen.
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#5 LotiAnonym
#6 MinnaProfil
#7 LotiAnonym
#8 Ralph
  • 19.05.2021, 12:12h
  • Antwort auf #4 von Staffelbergblick
  • Sicher. Aber dafür ist es nicht nötig, dass vier Ärzte nacheinander die selbe Untersuchung durchführen. Das war mir ganz einfach zu viel der Penisfixiertheit. Außerdem kommt es immer darauf an, wie etwas auf den Betroffenen wirkt. Ob die Untersuchenden ein sexuelles Interesse haben, ist zweitrangig. Allerdings war das natürlich kein Anlass für eine Strafanzeige. Da müsste schon deutlich mehr gewesen sein.
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#9 SöderAnonym
  • 19.05.2021, 17:01h
  • Ich finde es sympathisch von diesem Mann, dass er aus Solidarität mit seinem Freund zur Polizei ging, um eine Aussage zu machen. Er scheint ja außer Scherereien nichts davon zu haben.

    Wenn ich mir die Artikelserie zum Prozess so durchlese: Wie viele Männer sagen denn, dass dieser ominöse Arzt ohn Name sie missbraucht hat?

    Ich komme auf ein Ergebnis: Verdammt viele.
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