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Heimkino

Wie man einen monogamen Schwulen aus der Fassung bringt

In "A Stormy Night" von David Moragas sitzen zwei schwule Fremde eine stürmische Nacht lang in einem Haus fest und verhandeln dabei mit vollem Körpereinsatz die Modelle Treue vs. offene Beziehung.


Zwölf Stunden in Schwarzweiß: Der treue Alan (Jacob Perkins, li.) und One-Night-Stand-Fan Marcos (David Moragas) kommen sich emotional immer näher (Bild: GMfilms)

Eine nette Idee im Drehbuch: eine völlig anonyme Dating-App für Schwule. Sie zeigt an, wo sich um einen herum andere homosexuelle Männer bewegen. Betritt man zum Beispiel das Kölner Museum Ludwig, zeigt einem die App, wie viele andere schwule Männer ebenfalls gerade Pop-Art betrachten. "Mit der App entdecken wir, wo schwule Männer die Mehrheit sind", sagt Alan, eine Hauptfigur im Film "A Stormy Night". Der freiberufliche Web-Designer arbeitet in New York an dem Launch dieser (fiktiven) App.

Seine verreiste Mitbewohnerin unterbricht ihn dabei telefonisch, um ihm einen spontanen Hausgast anzukündigen. Ein schwuler Freund von ihr, der Spanier Marcos, ist während eines Stop-overs am Flughafen gestrandet und sucht eine Bleibe für die Nacht. Alle Weiterflüge sind wegen eines aufziehenden Sturms gecancelt, die Wettervorhersage warnt vor einer "stürmischen Nacht".

So begrüßt Alan bald amerikanisch-freundlich Marcos mit seinem Rucksack an der Haustür. Die Konversation zwischen den beiden Fremden läuft jedoch nicht optimal an. Dem schweigsamen Marcos steht ein nervös plappernder Alan gegenüber.

Zwei Küsse aus heiterem Himmel

Den Gast hat Alan über Telefon seinem festen Freund als "Pornoregisseur" beschrieben, sich dann aber kichernd zu "Cinéma vérité" korrigiert. Kennzeichen dieses Dokumentarfilmgenres ist die direkte Interaktion zwischen Filmemacher und Gefilmtem. Marcos ist auf dem Weg nach San Francisco, wo sein erster Film bei einem Festival gezeigt werden soll. Inhalt: Marcos, ein Befürworter von "Casual Sex", filmt die Männer, nachdem er mit ihnen körperlich intim gewesen ist. Alan darauf so: "Ich habe noch nie in einem Film mitgespielt."

Schlüssig folgt darauf ein kleiner Eklat. Als Alan dem Gast das Badezimmer zeigt, küsst er Marcos aus heiterem Himmel. Sofort entschuldigt er sich dafür. Er wisse nicht, was in ihn gefahren sei, und dass es ihm sehr leidtue. Dass er ihn gleich darauf noch einmal küsst, ist eine der witzigsten Szenen des Films. Vor allem weil er einfach weiter plappert, dass er schon wieder nicht wisse, warum er ihn ein zweites Mal geküsst habe. Marcos gibt sich cool und serviert in die peinliche Situation das Kompliment, dass Alan ein guter Küsser sei.

Werden die beiden Männer miteinander schlafen?


Poster zum Kammerspiel: GMfilms hat "A Stormy Night" mit deutschen Untertiteln auf DVD und digital veröffentlicht

Im Folgenden entwickelt sich zwischen den beiden ein Dialog, der die Modelle Monogamie (Alan) und offene Beziehung (Marcos) gegenüberstellt. Zwei schwule Männer, einer vergeben, einer nicht, sind eine Nacht lang allein in diesem Haus. Was kann da gehen? Alan und Marco tun so, als bemerkten sie den rosaroten Elefanten im Raum nicht. Durch den Sturm kommt es auch zu einem Stromausfall. Jetzt müssen sie für diese zwölf Stunden noch enger zusammenrücken.

Die Gespräche zwischen Küchentisch, Wohnzimmersofa und Treppe gehen dabei tiefer. Die Männer kommen sich emotional näher. Sie erzählen immer mehr Wahrheiten über sich und vertrauen einander Geheimnisse an. Manche davon sind überraschend. Eine Panikattacke stellt dann einen Wendepunkt dar. Werden die beiden Männer miteinander schlafen? Daraus bezieht das in unaufgeregtem Schwarzweiß gedrehte Kammerspiel seine gelungene Spannung.

Was kann geschehen, wenn ein Monogamer horny ist und ein "Offener" Liebeskummer hat? Smart, dass Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller David Moragas (Marcos) auf Antworten verzichtet, aber einen Feldversuch zeigt.

Schwule Beziehungsmodelle und die Evolution

Nach dem Ende des Films klingen einige Fragen im geneigten Publikum nach. Muss ich als schwuler Mann in einer Post-68er Gesellschaft befreit den inneren Bonobo zu jeder Zeit rauslassen, um mein Sperma evolutionsgetrieben so breit wie möglich zu streuen? Soll ich für die Stabilität einer Beziehung nicht in jedes Stück Schokolade beißen, das mir begegnet, auch wenn mein Körper evolutionär auf Süßes gepolt ist? Diesbezüglich lastet viel Druck auf den allgemein üblichen Zweierbeziehungen unter Männern.

Zwar soll uns ein lustfeindliches Christentum das Ideal einer lebenslang exklusiven Ehe eingebrockt haben. Vom ausschließlichem Streben nach diesem Ideal haben sich queere Menschen jedoch zurecht befreit. Neueste Forschungen der Paläoanthropologie glauben aber, dass Monogamie ein entscheidender Faktor gewesen sei, damit sich das Gehirn des Homo Sapiens zu seiner Größe entwickeln konnte. Erst damit soll er fähig geworden sein, Kooperationen einzugehen, ein Meilenstein für die Menschwerdung überhaupt. Es gibt also viel Nachzudenken nach der Sichtung von "A Stormy Night".

Eine kleine Hürde muss man beim Schauen dennoch nehmen. Schauspieler Jacob Perkins (Alan) gibt als in Versuchung geratener Verfechter der romantischen Liebe sein Bestes. David Moragas hat sich mit dem schweigsam erotischen Marcos auch die leichtere Rolle auf den Leib geschrieben. Dennoch ist die Chemie zwischen den beiden nicht stimmig, was sich schwer begründen lässt. Die spannungsgeladene Frage "Schlafen die noch miteinander?" möchte man streckenweise gar nicht so recht beantwortet haben. Diese Einschätzung mag aber durchaus im Auge des jeweilig Betrachtenden liegen.

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Infos zum Film

A Stormy Night. Kammerspiel. Spanien 2020. Buch und Regie: David Moragas. Darsteller*innen: David Moragas, Jacob Perkins, Jordan Geiger, Elena Martín, Marc DiFrancesco. Laufzeit: 74 Minuten. Sprache: Originalfassung in Englisch, Kastilisch und Katalanisch mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: GMFilms. Seit 21. Mai 2021 online und auf DVD
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A Stormy Night
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#1 SöderAnonym
#2 AtreusProfil
  • 23.05.2021, 12:46hSÜW
  • So kompliziert ist das ja nicht. Wer weis, dass er mit einem Geschlechtspartner nicht zufrieden sein wird, geht keine Beziehung mit einem Menschen ein, der sich bewusst für Monogamie entschieden hat, sondern wählt stattdessen einen Partner, der sich bereitwillig in eine offene Beziehung begibt und dasselbe Mindset teilt. Wer wissentlich die erstere Sorte Partner wählt, kalkuliert die Verletzung desselben von vorneherein mit ein und vernichtet auf dem Weg zur Sollbruchstelle wertvolle Lebensjahre zweier Menschen.
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#3 PiakAnonym
  • 23.05.2021, 13:18h
  • Antwort auf #2 von Atreus
  • Na ja, das ist jetzt aber etwas arg vereinfacht. Für die Konstellation mag es ja zutreffen, aber wer weiß schon mit Sicherheit, welche Bedürfnisse man 20 Jahre später oder so hat.

    Die Beschreibung des Films klingt nach einer interessanten Grundidee, die aber offenbar durch das relativ willkürliche und dazu übergriffige Verhalten des monogamen Parts banalisiert wird, bzw. seine Figur zum Tartüff stempelt.
    Mag aber vielleicht an der Verknappung durch die Inhaltsangabe liegen. So reizt es jedenfalls nicht zum sehen.
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#4 Dont_talk_aboutProfil
  • 23.05.2021, 13:42hFrankfurt
  • Antwort auf #2 von Atreus
  • Naja, so einfach ist es ja wohl nicht.

    Am Anfang einer Liebe sind ja wohl die meisten "monogam". Die Wege gabeln sich dann später. Außerdem gibt es bei der Partnerwahl ganz viele Kriterien, so dass es meistens bei irgendeinem nicht passt.
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#5 AtreusProfil
  • 23.05.2021, 14:41hSÜW
  • Antwort auf #3 von Piak
  • Ich schrieb ja auch vom Gegenteil. Nämlich über einen Menschen, der schon vor Eintritt in eine Partnerschaft weis, dass er nicht monogam leben will, in Anlehnung an Herrn Fuchs' Aussagen im Artikel. Also jemand, der Promiskuität als Lebensphilosophie zur Überwindung christlicher Partnerschaftskonzepte lebt.
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#6 JaydenAnonym
  • 24.05.2021, 19:55h
  • Antwort auf #2 von Atreus
  • Polyamorie/Polygamie bedeutet, dass man sich zu mehreren Menschen gleichzeitig, mit der selben Intensität hingezogen fühlt, nicht, dass man mit dem/der Partner*in unzufrieden ist.
    Bei dem Punkt mit den Verletzungen stimme ich voll und ganz zu
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