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Roman

Schwule Sehnsucht im 17. Jahrhundert

Ein Professor hat in einem Londoner Freudenhaus eine bizarre wie folgenschwere Begegnung mit einem Lord: "Die Kunst der Bestimmung" von Christine Wunnicke ist ein bemerkenswerter historischer Roman voller ungewöhnlicher Menschen.


Mehr als eine Kulisse für den historischen Roman: Versammlung der Royal Society in London im 17. Jahrhundert (Bild: Science Museum Group / wikipedia)
  • Von Fabian Schäfer
    30. Mai 2021, 05:09h, noch kein Kommentar

Moos löst wahrscheinlich in den wenigsten etwas aus. Es ist da, es ist grün. Wer eine Einfahrt oder einen Rasen besitzt, den stört es wahrscheinlich mehr oder weniger. In hippen Cafés hängt es immer häufiger an der Wand, soll dekorativ sein. Naja, Moos halt.

Simon Chrysander jedoch ist fasziniert vom Moos. Der schwedische Naturforscher widmet fast jede Sekunde einem lappländischen Moos, das sogar nach ihm benannt ist. Die Chrysandria will sich nicht vermehren, das Gewächs ist keusch. Als der Schwede jedoch von der Londoner Royal Society berufen wird, die Sammlung dort zu ordnen, verändert sich das Moos. Kaum in England angekommen, bildet es Samenkapseln unter dem Glassturz. So viel sei verraten: Auch sein Namensgeber wird es ihm gleichtun.

Chrysanders Abneigung wandelt sich ins Gegenteil


Der Albino Verlag hat den lange vergriffenen Roman neu aufgelegt

In der Royal Society diskutieren gebildete Herren über den Schleim von Aalen oder die menschliche Verdauung. Ihre umfassende Sammlung jedoch ist ein einziges Chaos. Da kann nur Simon Chrysander helfen, die Marie Kondō des Jahres 1678 – ein ordnungsliebender Professor in seinen Dreißigern.

Untertags bestimmt er, was ihm in die Hände kommt, und wirft allerhand Kram auf den Müll. In der Nacht besucht er Mutter Bushells Hurenhaus. Dort kommt es zu einer Begegnung, die sein Leben verändern wird. Der exzentrische Lord Lucius Fearnall geht mit ihm aufs Zimmer, als Frau verkleidet. Fortan nervt der Earl ihn im Kabinett, stattet ihm andauernd Besuche ab. Der Professor will doch eigentlich nur arbeiten.

Es passiert noch allerlei mehr in Christine Wunnickes Roman "Die Kunst der Bestimmung". Die zwei Männer duellieren sich, Fearnall wird verletzt. Vor allem aber wandelt sich Chrysanders anfängliche Abneigung schnell ins Gegenteil. Plötzlich geht es um echte Liebe, um Sehnsucht, Begierde. Kitschig wird es trotzdem nie. Der Roman erschien erstmals 2003 und wurde nun neu aufgelegt, nachdem er jahrelang vergriffen war.

Zeichnungen einer "zweiköpfigen monströsen Männlichkeit"


Christine Wunnicke, geboren 1966, lebt in München (Bild: Christine Wunnicke / wikipedia)

Chrysander, so nüchtern, vernunft- und wissenschaftsgetrieben er ist, muss sich erst an seine Emotionen gewöhnen. Lucius nennt er lange Zeit Lucy, auch wenn der betont, kein verkleidetes Mädchen zu sein. Der Earl spielt viele Rollen, liebt die Verkleidung und die Maskerade. "Bestimme mich!", befiehlt Lucius ihm, er sei als ein Monstrum auf die Welt gekommen. Der Titel wird nicht nur hier seiner Doppeldeutigkeit gerecht.

Wunnicke, so steht es im Klappentext, schreibe "über ungewöhnliche Menschen". In "Die Kunst der Bestimmung" wimmelt es davon. Nicht nur die zwei Hauptpersonen sind charakterstark und verschroben. Auch Kauppi, der aus Lappland stammende junge Diener Chrysanders, hat eine ganz eigene Geschichte zu erzählen. Und der Stenograf der Society, Josiah Blane, der viel lieber zeichnet als mitzuschreiben, hat besonderen Gefallen daran, Mr Hookes "zweiköpfige monströse Männlichkeit" aufs Papier zu bringen.

Christine Wunnickes historischer Roman nutzt seine Zeit nicht nur als Kulisse. Hier treffen Welten und Horizonte aufeinander. Die Erzählung entwickelt sich schnell, bleibt dabei aber glaubwürdig, aufrichtig, unvorhersehbar, vor allem aber: unterhaltsam und doch tiefgründig. Ein bemerkenswertes Lesevergnügen.

Infos zum Buch

Christine Wunnicke: Die Kunst der Bestimmung. Roman. 264 Seiten. Albino Verlag. Berlin 2021. Gebundene Ausgabe: 22 € (ISBN 978-3-86300-309-8). E-Book: 15,99 €