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Interview

"Wenn es dunkel ist, gehen wir nicht mehr raus"

Im westafrikanischen Benin kommt es seit einer auf Video festgehaltenen Attacke auf drei trans Frauen zu LGBTI-feindlichen Ausschreitungen. Wir sprachen mit dem Aktivisten Luc Expédit Agblakou über die sich zuspitzende Lage im Land.


Ein Treffen der LGBTI-Menschenrechtsorganisation Hirondelle Club Benin (Bild: Hirondelle Club Benin)

Seit in der Nacht auf den 1. Mai drei transgeschlechtliche Frauen im westafrikanischen Benin von einem Mob in einen Hinterhalt gelockt, angegriffen und vor laufenden Kameras zum Entkleiden gezwungen wurden, fürchten sich queere Menschen im ganzen Land vor Gewalt. Auch die Unterkunft, in der die drei Frauen bislang lebten, wurde nach der Veröffentlichung der Clips attackiert und musste schließlich aufgegeben werden (queer.de berichtete).

Wir sprachen mit Luc Expédit Agblakou, dem Präsidenten der LGBTI-Menschenrechtsorganisation Hirondelle Club Benin mit Sitz in Cotonou, per Videochat über die sich zuspitzende Lage im Land.

Was ist in den vergangenen Tagen in Benin passiert?

Am 17. Mai haben in der Nacht erneut Angreifer versucht, unsere Notunterkunft für queere Obdachlose zu attackieren. Es wurden gegen zwei Uhr Steine und Flaschen über eine Mauer geworfen. Ich bin dann zur Unterkunft gekommen, da sind die Angreifer geflohen. Vorher haben sie mich beschimpft und gedroht, sie würden wiederkommen und mich umbringen. Das war der Punkt, an dem wir alle aus der Unterkunft evakuiert und zu Amnesty International gebracht haben. Die haben temporäre Unterkünfte für die Leute gefunden. Für unsere LGBTI-Notunterkunft suchen wir jetzt nach einem neuen Ort.

Schon in den Tagen zuvor war es zu ganz vielen Vorfällen gekommen. Wie ich selbst erst kürzlich erfahren habe, wurde eine Frau verprügelt. Sie war mit einem weißen Mitarbeiter einer anderen Organisation auf dem Markt, als sie vom Motorrad gerissen wurde

Agblakou kramt sein Mobiltelefon heraus und zeigt ein Foto der verletzten Frau in die Kamera.

Ein junger Mann wurde bedroht, nachdem er in sozialen Medien ein Plakat anlässlich des IDAHOBIT gepostet hatte. Dann wurde er auch tatsächlich angegriffen, die Täter haben ihn über den Boden geschliffen. Er hat jetzt überall Verletzungen.

Nachts, wenn es dunkel ist, gehen wir nicht mehr raus, aber eigentlich sind wir immer in Gefahr. Ständig kann irgendetwas passieren, ständig werden wir bedroht. Romuald, der neben mir sitzt, wurde vor ein paar Tagen von Leuten auf einem Motorrad verfolgt. Zum Glück konnte er ihnen entfliehen. Die Leute hier in Benin sind einfach nicht tolerant. Allein, dass ihr euch dafür interessiert, gibt uns richtig viel.

Wie viele solcher Unterkünfte betreibt der Hirondelle Club?

Es gibt in ganz Benin nur eine einzige Unterkunft dieser Art, und das ist unsere. Der Platz reicht natürlich nicht für alle aus, wir bringen auch manchmal Leute bei Unterstützern in Privathaushalten unter. Jedes Jahr werden 150 junge Menschen in Benin von ihren Familien wegen ihrer Sexualität auf die Straße gesetzt. Unsere Unterkunft hat nur 15 Plätze. Das reicht natürlich absolut nicht. Auf Dauer ist unser Wunsch, noch mehr Unterkünfte auch in anderen Landesteilen von Benin aufzubauen. Unsere Unterkunft war Tag und Nacht geöffnet, wir nehmen auch mitten in der Nacht Leute auf, die Opfer von Gewalt geworden sind. Ich denke, wenn die drei Frauen nicht bei uns untergekommen wären, würden sie wahrscheinlich nicht mehr leben.


Eine Szene aus der nun geräumten Unterkunft in Cotonou (Bild: Hirondelle Club Benin)

Was sind das für Täter, wie organisieren die sich?

Das kommt eigentlich aus vielen Teilen der Gesellschaft. Es gibt Gruppen junger Männer, die sich organisieren für solche Angriffe, aber auch ältere Personen oder Journalisten, die Hetze veröffentlichen. Es gibt leider nur sehr wenige Leute, die tolerant sind. Die Angriffe, die passieren, werden von großen Teilen der Gesellschaft geduldet und getragen.

Was ist mit den betroffenen Frauen?

Unsere Organisation hat sie mit Hilfe von Afrique Occident Solidaire sowie der Organisation Front Line Defenders außer Landes gebracht. Im Benin sind sie nun personae non gratae. Sie mussten hier einfach raus, damit sie gerettet werden.

Was denken die Menschen in Benin über das Coronavirus in Bezug auf LGBTI? In Berichten war davon die Rede, dass da ein Zusammenhang konstruiert wird.

Romuald, ausführender Direktor beim Hirondelle Club, schaltet sich in das Gespräch ein: Es ist generell so, dass hier schlechte Dinge oder Dinge, die sich die Leute nicht erklären können, auf übernatürliche Dinge zurückgeführt werden. Wenn etwas passiert, haben die Leute die Tendenz, zu sagen, dass es eine Strafe von Gott sei. Sie denken, das Coronavirus ist eine Strafe Gottes dafür, dass es LGBTI gibt.

Luc Expédit Agblakou: Die Gesellschaft hier ist sehr konservativ. Die Menschen wollen nicht verstehen, dass Männer mit Männern, Frauen mit Frauen zusammen sein können. Wenn es darum geht, zitieren sie das biblische Sodom und Gomorrha. Deswegen haben wir im vergangenen Jahr die Unterkunft eröffnet. Weil durch das Coronavirus die Zahl der Leute zugenommen hat, die zu ihren Kindern Dinge sagen wie: "Wenn wir dich bei uns behalten, bekommen wir Corona, weil Gott wütend auf euch ist. Deshalb schmeißen wir dich raus". Das hat uns dazu gebracht, die Unterkunft einzurichten. Ein Beispiel: Eine Familie hat die Geburtsurkunde ihres Kindes bei uns eingeschickt.

Stimmt es, dass LGBTI als Erscheinung des globalen Nordens respektive Westens wahrgenommen werden, wie es teilweise berichtet wird?

Ja, das stimmt absolut. Das wird wahrgenommen als etwas Importiertes. Ein Journalist hat mich zum Beispiel einmal gefragt, wo plötzlich die ganzen Homosexuellen in Benin herkommen, weil er denkt, die Leute seien alle aus dem Ausland importiert, um die hiesige Gesellschaft zu kontaminieren.

Afrika ist die Wiege der Menschheit, wenn der Westen etwas hierhergebracht hat, dann ist es die Homophobie. Wir haben selbst auch ein wenig Recherche angestellt zu diesem Thema, wir haben gesehen, dass es in präkolonialer Zeit Könige gab, die mit Männern zusammen waren, dass es "Männer" gab, die Frauenkleider trugen. Oder es gab Männer, bei denen man sagte, sie seien die Ehefrauen von Gottheiten aus hiesigen, indigenen Religionen. Es stimmt also überhaupt nicht, dass Homosexualität eine westliche Erfindung ist. Es gibt in den indigenen Sprachen des Benin auch eigene Wörter für Homosexualität, es gab auch mal eine Amazonenarmee, eine Armee nur aus Frauen, in denen auch Lesben gedient haben. Wir verwenden jetzt das Wort "homosexuell" und die Leute denken "Ah, das ist ein französisches Wort", deswegen wäre es importiert. Auf längere Sicht haben wir auch das Ziel, nicht mehr "LGBTI" zu verwenden, sondern Begriffe aus den indigenen Sprachen, weil wir hoffen, dass es dann mehr Toleranz gibt, dass die Leute sehen: Das ist Teil unserer Kultur, das ist nichts Fremdes.

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Was sind eure politischen Ziele?

Wir erhoffen uns in Zukunft Unterstützung von der Regierung. Wir würden uns freuen, wenn zum Beispiel der IDAHOBIT zum Feiertag gemacht wird. Sie müssen wissen, solche Feiertage werden hier groß zelebriert, z.B. der Tag gegen Aids, alle zivilgesellschaftlichen Organisationen kommen dann zusammen. Wenn die Regierung das in irgendeiner Form anerkennen würde, wäre uns sehr geholfen. Das würde vielleicht die anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen ins Boot holen oder motivieren. Ich wünsche mir Gesetze gegen Homophobie, die die Community schützen. Der Staat sagt zum Thema Homosexualität einfach nichts. Sie tun so, als würde es das überhaupt nicht geben. In anderen Fällen, wenn z.B. Frauen Opfer von Belästigung oder Gewalt werden, hat der Staat in der Vergangenheit schon Statements veröffentlicht, dass sie das verurteilen und dass sie zu Solidarität mit den Opfern aufrufen. Wenn sowas aber unserer Community passiert, sagt der Staat nichts. Wir werden so behandelt, als wären wir überhaupt keine Beniner*innen.

Wir wollen im Parlament entsprechende Gesetze einbringen, dazu Abgeordnete kontaktieren. Und wir möchten noch weitere Unterkünfte eröffnen. Wir versuchen, auch über allgemeine Menschenrechte Leute zu gewinnen und versuchen darin, LGBTI-Rechte zu thematisieren. Wenn die Leute über ihre eigenen Rechte informiert sind, sind sie vielleicht eher bereit, auch LGBTI ihre Rechte zuzugestehen. Zum Beispiel unsere Unterkunft: Bei einem ersten Anlauf musste sie schnell umziehen, weil der Vermieter uns wieder rausgeschmissen hat. Weil er keine queeren Menschen im Haus haben wollte. Er hat gesehen, wie Menschen rein und raus sind, manchmal "als Frau", manchmal "als Mann". Das hat er absolut nicht verstanden, also mussten wir raus. Deshalb wollen wir für Gesetze gegen Diskriminierung kämpfen.

Wir hatten auch schon Erfolge auf diesem Weg. Es gibt zum Beispiel ein nationales Programm zur Bekämpfung von Aids. Wir hatten in diesem Zusammenhang Kontakt mit der Politik und mit Ministerien gehabt, seitdem werden LGBTI im Programm zur Bekämpfung von Aids explizit erwähnt. LGBTI müssen in den Entwicklungsplänen, die der Staat erstellt, berücksichtigt werden.


Aktivist*innen von Hirondelle klären über Menschenrechte auf (Bild: Hirondelle Club Benin)

Auf welchen Feldern seid ihr noch aktiv?

Wir haben eine eigene Gruppe für Eltern von LGBTI, und ich wünsche mir, dass die auch einen festen Sitz oder Räumlichkeiten bekommen, so dass dort Eltern andere Eltern informieren und dazu bringen können, ihre Kinder zu akzeptieren. Sie könnten dort etwa auch Bildungsveranstaltungen machen. Viele Eltern sind wahrscheinlich auch überfordert oder verstehen nicht, was passiert, wenn ihr Kind LGBTI ist, und es würde ihnen helfen, sich mit anderen Eltern auszutauschen, die die Situation vielleicht schon kennen. Wenn jemand aus dem Norden des Landes kommen will, kann es sehr lange dauern, bis er hier ist. Darum wäre es wichtig, dass es auch Anlaufstellen in anderen Regionen Benins gibt und Transportmöglichkeiten, damit wir schnell intervenieren können. Für uns ist es besonders wichtig, die Opfer von homo- und transfeindlicher Gewalt zu unterstützen, damit sie wieder Selbstbewusstsein bekommen. Ein großer Teil der LGBTI-Verfolgung wird religiös begründet, egal ob christlich, muslimisch oder von traditionellen Regionen. Es gibt viele homophobe Prediger hier, und man muss auch im religiösen Kontext dagegen etwas tun. Ich hoffe, dass wir irgendwann friedlich mit der Gesellschaft zusammenleben können.

Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.

Vielen Dank für eure Zeit. Es ist mir wichtig, dass wir auch international gesehen werden, und das hilft uns sehr. Wir sind eine der ersten Organisationen, die sich in Benin für LGBTI-Rechte einsetzen. Leute im Ausland denken vielleicht, dass es hier für Homosexuelle in Ordnung sei, weil es nicht bestraft wird. In den Nachbarländern ist es ja verboten. Aber das Gegenteil ist der Fall. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir Kontakt zu Organisationen aus Deutschland bekommen, auch, um von ihren Erfahrungen zu lernen. Erreichbar sind wir via Mail unter hirondelleclubbenin@yahoo.fr.

Nach Führen des Interviews wurde einer der Männer, die die drei Beninerinnen in der Nacht auf den 1. Mai angegriffen hatten, festgenommen. Ein Gericht hörte Vertreter*innen von Hirondelle als Zeug*innen und ordnete für den mutmaßlichen Täter Untersuchungshaft an. Der Prozess geht Anfang Juni weiter. Um Benins LGBTI-Organisation auch für Anwaltskosten zu unterstützen, wurde eine Spendenmöglichkeit eingerichtet.

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#1 Sven100Anonym
  • 30.05.2021, 11:51h
  • In Benin ist Homosexualität immerhin nicht gesetzlich verboten, da das Land früher französisch war und dort der Code Napoleon gilt.
    Eine Entwicklung wie in anglophonen Staaten Afrikas (Uganda, Tanzania, Zimbabwe usw) ist daher kaum vorstellbar. Die Mitglieder der verschiedenen evangelikalen Sekten, von den Mormonen über die Zeugen Jehovas und den Pfingstgemeinden. sind noch nicht von amerikanischen evangelikalen Aktivisten aufgehetzt worden - noch nicht. Der Islam, der Homosexualität ablehnt, ist in diesem Land aber weit verbreitet.
    Insgesamt eine Entwicklung wie sie auch schon in anderen Ländern Afrikas stattgefunden hat bzw noch stattfinden wird.
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#2 YannickAnonym
  • 30.05.2021, 12:20h
  • Was für Heteros ein sicheres Land ist, ist es nicht unbedingt auch für LGBTI.

    Auch wenn Union und SPD das immer noch ignorieren und dieses und andere Staaten als "sichere Herkunftsländer" deklarieren, ohne nach der geschlechtlichen und sexuellen Identität zu unterscheiden.
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#3 _hh_Anonym
  • 30.05.2021, 13:19h
  • Vielen Dank für dieses informative Interview! Vor allem: Allergrößter Respekt gebührt den Menschen, die in Benin (und anderen Ländern mit ähnlichen gesellschaftlichen Gegebenheiten) unter Gefahr für Leib und Leben diese Hilfs- und Aufklärungsarbeit leisten!
    Es ist wichtig, LGBTI*-Stimmen aus afrikanischen und anderen (ehemals) kolonisierten Ländern hier direkt zu lesen. Denn in "westlichen" Medien wird oft eine angebliche Dichotomie zwischen "uns", den "Aufgeklärten", einerseits und den "Primitiven", "Unaufgeklärten" andererseits konstruiert (auch in nicht wenigen Kommentaren zu queer.de-Artikeln). Texte wie dieses Interview zeigen, dass das Phänomen Homo- und Transphobie komplexer ist und dass Kolonialismus auch heute noch sehr viel damit zu tun hat.
    Wichtig ist auch die Information darüber, was in vielen angeblich "sicheren" Herkunftsländern von Geflüchteten wirklich geschieht, so etwas gehört den für die hiesige Flüchtlingspolitik Verantwortlichen um die Ohren gehauen (z. B. dem BAMF mit seinen zynischen und menschenverachtenden Praktiken).
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#4 goddamn liberalAnonym
  • 30.05.2021, 14:38h
  • Antwort auf #3 von _hh_
  • Deutschland ist kein westliches Land, sondern das Land Heideggers, der so antiwestlich war, dass er indirekt sogar zum Zivilisationsbruch im Iran von 1979 beitrug.

    Der Mut der Aktivist*innen im Benin ist bewunderswert.

    Die argumentative Strategie des Hinweises auf die praekoloniale Epoche finde ich sehr sinnvoll.

    Sie ist dem traditionellen Verweis früher LGTBI-Aktivist*innen auf die vorchristliche Antike im Mittelmeerraum (griechische Mythologie, aber auch historische Figuren wie Sappho, Sokrates oder Hadrian) ähnlich.

    Die homophobe 'Argumentation', dass Homosexualität ein West-Import sei, findet man übrigens nicht nur die Afrika, sondern auch im Heimatland Tschaikowskys.
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