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Interview mit systemischer Paarberaterin

Die Beziehung in Zeiten der Corona-Pandemie

Was tun, wenn's zu Hause kracht? Die Kölner Paarexpertin Ines Schmücker gibt Tipps.


Einschneidende Ereignisse wie die Corona-Krise können auch Beziehungen belasten (Bild: StockSnap / pixabay)
  • 30. Mai 2021, 11:58h, noch kein Kommentar

Seit Beginn der Corona-Pandemie hat Ines Schmücker noch mehr zu tun: Die systemische Paartherapeutin aus Köln sieht aus erster Hand, welche Auswirkungen Lockdowns und Co. für die vertraute Zweisamkeit haben. Im Gespräch mit queer.de-Redakteur Dennis Klein erzählt Schmücker, auf was Paare (oder auch Throuples) jetzt achten müssen, was verschieden- und gleichgeschlechtlich Liebende unterscheidet und welch großen Einfluss die Eltern auf die Beziehung haben.

queer.de: Die Corona-Pandemie dauert inzwischen mehr als ein Jahr. Wie stark belastet das Paarbeziehungen?

Ines Schmücker: Sicherlich stellt diese besondere Situation Paarbeziehung besonders auf die Probe. Das alltägliche Leben ist anders, es gibt möglicherweise finanzielle Engpässe, die Angst vor Erkrankung ist größer und viele beobachten Veränderungen im sozialen oder auch im Liebesleben… All dieser Umbruch bringt einiges an Belastung.

Man ist sozusagen zurückgeworfen auf den innersten Kreis. Das Außen als Möglichkeit der Ablenkung besteht nur eingeschränkt. Das Leben ist vielleicht enger, purer, runtergefahrener. Beziehungsprobleme, die schon länger im Raum stehen, werden so sichtbarer. Welche Problemlösestrategien sich daraus entwickeln, ist sehr unterschiedlich und individuell.

Andererseits liegt auch eine Chance in der Krise. Manche Paare rutschen enger zusammen, geben sich Sicherheit, Geborgenheit und Stärke in der ungewissen Zeit und funktionieren als Team in der Krise sogar besser als vorher.

Gibt es einen Unterschied zwischen verschieden- und gleichgeschlechtlichen Paaren?

Es gibt meiner Erfahrung nach mehr individuelle Unterschiede zwischen den Paaren. Manche gleichgeschlechtliche Paare teilen aber einen gemeinsamen Erfahrungshorizont. Es geht dann beispielsweise um spezifische Themen der Selbstakzeptanz, weil in unserer Welt eine gleichgeschlechtliche Beziehung immer noch als etwas Exotisches angesehen wird. Gesellschaftliche Vorurteile und subtile Wertvorstellungen, auch und gerade innerhalb der eigenen Herkunftsfamilie, stellen – leider – für viele homosexuelle Paare eine Herausforderung dar.

Daneben geht es, wie bei eigentlich allen Paaren, um Sicherheit, Verbundenheit und Akzeptanz der eigenen und der Bedürfnisse des anderen. Gesehen und gehalten zu werden sind Voraussetzungen, auf der eine Liebesbeziehung entstehen und gelebt werden kann. Eine Beziehung verfolgt immer das Ziel der Erhaltung, auch wenn manchmal die Mittel, dieses Ziel zu erreichen, nicht gesund sind für den einen oder anderen Teil des Paares. Streitereien, Kämpfe und Wut sind Symptome eines Ungleichgewichtes, Zeichen einer wohmöglich nötigen Veränderung.

Wieso können derartige Verletzungen eine Beziehung Jahre später beeinflussen?

Es lohnt sich hier oftmals, in die Familiengeschichte von Paaren zu schauen. Transgenerative Prozesse, also weitergegebene Werte, Kontexte und Situationen der Eltern und Großeltern zu beleuchten, das bringt oft überraschende Erkenntnisse für Paare über die eigenen zum Teil unterbewussten Verhaltensmuster.

Im Zusammenhang mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen kommt es beispielsweise vor, dass mögliche traditionelle Wertvorstellungen oder Schablonen in den Herkunftsfamilien es den Paaren nachhaltig schwer machen, in ihren späteren Beziehungen glücklich zu werden. Ein Beispiel hierfür ist die tatsächliche oder empfundene Scham der Eltern, Großeltern oder anderer nahestehender, wichtiger Menschen bezüglich der eigenen Person.

Traumatische Erlebnisse, die sich wie schlecht verheilte Narben anfühlen, fließen in die Paarbeziehung ein. Diese wunden Stellen brauchen Raum, Vertrauen und Sicherheit, damit sie heilen können. Viele seelische Verwundungen durch geliebte Personen liegen in der Kindheit und Jugend, schmerzende Erlebnisse in späteren Beziehungen können solche Narben erneut aufreißen.


Paartherapeutin Ines Schmücker hilft in ihrer Praxis in Köln dabei, Beziehungen wieder auf Vordermann zu bringen (Bild: privat)

Was sind Warnhinweise für eine Beziehung, die auf Klippen zusteuert?

Wenn man sich die Frage: "Will ich nach Hause zu meinem Partner" mit "Nein, lieber nicht" beantwortet.

In den meisten Beziehungen gibt Zeiten der Auseinandersetzung, des Streites, des Schmerzes. Wenn man aber gar nicht mehr aus dem "Kampfmodus" herauskommt, ist eine Paarberatung durchaus hilfreich, um Perspektiven zu wechseln. So kann man zu lernen, sich wieder nah zu kommen, zuzuhören und zu kommunizieren.

Entscheidend ist aber die Frage: "Fühle ich mich nach einiger Zeit wieder angezogen, hingezogen" zu meinem Partner oder meiner Partnerin? Oder geht es mir eigentlich besser ohne ihn oder sie? Schaffe ich nur den "Absprung" nicht? Gehe ich, trotz spürbaren Widerstands, aus Angst vor Veränderung oder aus Gewohnheit zurück? Auch hier hilft Paartherapie dabei, die Beziehung auszuloten und zu entscheiden, sich unter gegenseitigem Respekt zu trennen, wenn es sein muss.

Was kann jede*r tun, um die eigene Beziehung zu pflegen?

Man kann sich zunächst einmal die Frage stellen: "Was brauche ich eigentlich?", statt immer zuerst mal die Schuld für sein Unglück beim Partner oder der Partnerin zu suchen. Das heißt also: Selbstfürsorge kultivieren in Form von Meditation, Achtsamkeit, Zeit. Man sollte die Beziehung proaktiv gemeinsam gestalten, also Rituale erschaffen oder feste Redezeiten einplanen. Man sollte tatsächlich jeden Tag im Austausch sein. Beispiele für gemeinsame Rituale und Beziehungspflege sind gemeinsame Spaziergänge beispielsweise mit dem Austausch über die drei schönsten Dinge, die man am Tag erlebt hat. Auch ein gemeinsames Essen, Blickkontakt halten, ausreden lassen, gemeinsame Atemmeditation oder ähnliches sind Dinge, die man leicht etablieren kann.

Wie sieht es bei Polyamorie aus?

Wenn man in einer Dreier- oder Viererbeziehung lebt, muss man sehr gut im Kontakt sein, um diese Form frei und für alle glücklich leben zu können. Das Risiko von Unsicherheitsgefühlen und
Verletzungen ist größer. Je größer das System Liebender, desto störungsanfälliger und fragiler wird es. Gleichzeitig habe ich großen Respekt und schaue mit viel Neugierde auf diese Beziehungen.

Offene Beziehungen sind wegen des erhöhten Corona-Ansteckungspotenzials derzeit problematisch. Sprechen Ihrer Meinung nach auch andere Gründe dagegen?

Offene Beziehungen sind emotional vielschichtig und möglicherweise schwerer im Gleichgewicht zu halten. Man braucht z. B. gute Abstimmungen, abgesprochene Regeln und Handlungsräume als Basis für eine funktionierende Beziehung. Schwierig wir es vor allem dann, wenn ein Partner dem anderen zuliebe Regeln lebt, hinter denen er eigentlich gar nicht wirklich steht.

Ab wann muss man eine Expertin wie Sie bei der Problemlösung hinzuziehen?

Es gibt keine Faustregel. Wann ich kontaktiert werde, ist sehr unterschiedlich. Manche Paare spüren, dass Wärme und Verbunden verloren geht, manche möchten einfach glücklicher sein, andere wollen weniger diskutieren, wiederum andere streiten laut, brüllen, schlagen und sind sehr wütend und aggressiv. Den Zeitpunkt, an dem man spürt, dass eine Veränderung notwendig ist, ist aber für die Betroffenen meist recht deutlich.

Eine neue Entwicklung ist, dass Paare oftmals lieber früher als zu spät zur Paarberatung kommen, einfach um die Beziehung gut zu pflegen und sich neue Impulse für ein glückliches Zusammenleben zu holen.

Wie spielt sich eine Paartherapie ab?

Gegenwärtig meist coronakonform online. Man kann bei Paartherapeuten einfach per E-Mail oder telefonisch Kontakt aufnehmen und einen Kennenlerntermin vereinbaren.

Wer zu mir kommt, findet dann zeitnah einen Raum für die jeweiligen Anliegen und Problemlagen. Gemeinsam werden neue Möglichkeiten für Kommunikation und Interaktion herausgearbeitet. So entsteht die Chance eines Perspektivwechsels und des gegenseitigem Verständnisses. Das Entdecken von Nähe durch Gespräche stellt den Kernaspekt der Therapie dar.

In meiner systemischen Therapie oder systemischen Beratung geht es um die Verbindung und Vernetzung von Dingen, Menschen und Systemen. Man kann sich das wie ein Mobile vorstellen, was sich leicht im Wind bewegt. Der Wind führt dazu, dass, wenn sich ein Faden des Mobiles bewegt, sich alles mitbewegt. Es entsteht Bewegung und Veränderung.

Es geht mir um den größtmöglichen Respekt vor dem anderen, um Begegnungen auf Augenhöhe, um Wertschätzung. Ich möchte erreichen, dass Gefühle wieder gefühlt werden können, Worte wieder gesagt und Dinge wieder liebevoll und lustvoll getan werden können.

Sie reden oft von systemischer Therapie. Was ist das eigentlich?

Wir sind zwar Individuen, leben aber alle in Systeme. Dabei kann es sich um Familie, Partnerschaft, Beruf oder Gesellschaft handeln, mit denen wir vernetzt sind. Aus systemischer Sicht ist das wahrgenommene Problem bereits ein Versuch zur Lösung. Die systemische Arbeit ist sehr ressourcen- und lösungsorientiert und kann schnell und nachhaltig zu Erfolgen führen. Ich schaue in meiner Therapie: wer hat ein Problem, was kann ich, er, sie und wir gemeinsam tun, um es zu verändern?

Meine systemische Haltung zeichnet sich durch Offenheit und tiefen Respekt gegenüber den Menschen und seinen individuellen Entscheidungen und Lösungsstrategien aus. Meine Klienten sind ja die Experten in eigener Sache. Gleichzeitig möchte ich durch die Achtsamkeitselemente in meinen Beratungen einen Raum zum Spüren, zum Entspannen, gemeinsamen Genießen, zum gemeinsamen Meditieren bieten. Diese Elemente können im Privaten weiterverfolgt und in den Alltag bzw. die gemeinsamen Rituale übernommen werden. Sie werden helfen, die Fähigkeit wieder zu erwecken, Nähe und Frieden zu teilen.

Wöchentliche Umfrage

» Wie hat sich deine Beziehung während der Corona-Krise verändert?
    Ergebnis der Umfrage vom 31.05.2021 bis 07.06.2021