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Doppel-Jubiläum

Dieser Mann half Tausenden beim Coming-out

Thomas Grossmann wird heute 70 Jahre alt. Vor 40 Jahren veröffentlichte er mit "Schwul – na und?" den ersten Coming-out-Ratgeber. Wir sprachen mit ihm über die Entstehung des Bestsellers mitten im Streit zwischen "Integrationisten" und "Lustfraktion".


Thomas Grossmann und sein 1981 bei rororo erschienener Klassiker "Schwul – na und?"

Der Psychologe, Psychotherapeut und Sachbuchautor Thomas Grossmann hat in seinem Leben schon mehrere gute Bücher zum Thema Schwulsein geschrieben. Auch seine Dissertation handelt von Homosexualität: "Prä-homosexuelle Kindheiten. Eine empirische Untersuchung über Geschlechtsrollenkonformität und -nonkonformität bei homosexuellen Männern in Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter" (2000, hier online).

In die Breite wirken konnte er aber vor allem mit seinem Coming-out-Ratgeber "Schwul – na und?" (1981), der sich schnell zu einem Bestseller entwickelte. Wir haben uns mit Thomas Grossmann am Telefon über frühere Zeiten unterhalten, u.a. über die Siebzigerjahre, als er in der Hamburger Schwulenbewegung wichtige Impulse setzen konnte. Es ist ein Interview mit jemandem, der sich nie als Schriftsteller verstand, aber durch eine Verkettung glücklicher Umstände trotzdem ein erfolgreicher Autor wurde.


Thomas Grossmann im Jahr 1976

Wie war dein eigenes Coming-out!

Ich bin 1951 geboren. 1968 war ich also 17 Jahre alt, als die Filme von Oswalt Kolle auf den Markt kamen. Als Schüler habe ich u.a. die Studierendenbewegung, die Proteste gegen die Springer-Presse und den Vietnam-Krieg mitbekommen. Durch die Studierendenbewegung und den ganzen Aufbruch, auch in teilweise gewalttätiger Form, wurde ich beeinflusst und bin dadurch politisiert worden. 1970/71 war ich mir bewusst, dass ich als schwuler Mann nicht versteckt leben will.

Wie waren die Anfänge der Bewegung in Hamburg?

Bis zum Beginn der Siebzigerjahre gab es in Hamburg nur die 1969 gegründete IHWO ("International Homosexual World Organisation"), deren Mitglieder jedoch ähnlich wie die "Mattachine Society" in den USA nur sehr ängstlich auftraten und allenfalls leise demonstrierten, indem sie mit Plakaten schweigend auf- und abgingen.

Das veränderte sich erst mit Rosa von Praunheims Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt", der auch in Hamburg den Beginn einer neuen Schwulenbewegung darstellte. Dieser Film wurde 1972 in Hamburg gezeigt und mit Rosa von Praunheim anschließend leidenschaftlich diskutiert. Der Film hatte eine Aussage, die wir absolut unterstützten: Wir müssen etwas verändern und wir müssen auf die Straße gehen. Anschließend haben wir eine Gruppe gegründet und uns später den Namen HAH (Homosexuelle Aktion Hamburg) gegeben.

In den ersten Jahren gab es ein gemeinsames Ziel: die ersatzlose Streichung des § 175 StGB. Im Rahmen einer bundesweiten Aktion organisierte die HAH im April 1973 in der Hamburger Innenstadt und an der Uni mehrere Informationsstände, um Unterschriften gegen den § 175 zu sammeln. Ich war einer der Beteiligten und habe auf der Mönckebergstraße und vor dem Eingang der "Internationalen Gartenbauausstellung '73" im Park "Planten un Blomen" Unterschriften für die Abschaffung gesammelt. Fotos dieser Aktion wurden später in der Schwulenzeitschrift "him" abgedruckt.


Thomas Grossmann sammelt Unterschriften in der Hamburger Mönckebergstraße

Gab es Veränderungen nach der Reform des Paragrafen?

Letztlich sind wir mit unserer Forderung gescheitert, der § 175 wurde lediglich etwas "modernisiert", indem das "Schutzalter" von 21 auf 18 Jahre gesenkt wurde. Der Frust über den Misserfolg ließ viele darüber nachdenken, ob wir uns nicht andere Ziele setzen sollten, zum Beispiel konkret etwas an uns persönlich und unserem Leben ändern müssten. So entstanden etwa die "Rosa Hilfe" als Selbsthilfegruppe, die Theatergruppe "Brühwarm" und anderes. Das blieb nicht ohne Auswirkung auf die Vorstellungen, welches "die richtige" Aktionsform schwuler Emanzipation sei, und die internen Kämpfe wurden heftiger. In anderen bundesdeutschen Städten war das nicht anders – ich erinnere nur mal an die "Tuntenstreit" genannte Auseinandersetzung in der Homosexuellen Aktion Westberlin (HAW). Diese Auseinandersetzungen gipfelten schließlich 1980 darin, dass eine vor der Bundestagswahl 1980 geplante Parteienbefragung in der Bonner Beethovenhalle von einer größeren Zahl von "Fundis" per Trillerpfeifenkonzert gesprengt wurde.

Einer dieser Fundis war Corny Littmann?

Ob er selbst in Bonn war, weiß ich nicht, aber Corny war von Anfang an in der HAH dabei und hat bereits 1972 bei einer vergleichbaren Befragung zur Hamburger Bürgerschaftswahl den damals sehr prominenten CDU-Politiker Dietrich-Wilhelm Rollmann geoutet. Corny stand auf und zeigte sich empört darüber, dass dieser nicht offen schwul lebte. Die Veranstaltung wurde sofort unterbrochen und die Journalisten wurden aufgefordert, nicht darüber zu berichten, woran sie sich auch brav hielten. Wenn man so will, hat damit nicht Rosa von Praunheim, sondern Corny Littmann das Outing von Prominenten gestartet. Ich fand es damals nicht in Ordnung, da "Didi" nie gegen Schwule und Lesben aufgetreten ist, sondern im Gegenteil engagiert die Rechte der Homosexuellen – und damit auch seine – vertreten hat. Aber Corny hatte es eben mehr mit der Provokation, genauso wie Rosa. Und letztlich haben Provokationen ja schon öfter etwas verändert, ohne Rosas provokanten Film 1972 hätte es die HAH und viele andere Gruppen nicht so bald gegeben.

Man kann sich mit Provokationen natürlich auch gut in Szene setzen, wie es bei der sogenannten "Spiegel-Affäre" von 1980 geschehen ist. Wir wussten, dass in verschiedenen Hamburger Klappen die Polizei mit Hilfe von Einwegspiegeln Schwule bespitzelte. Als nach der ersten "Stonewall"-Woche nach der Demo und beim anschließenden Picknick im Schanzenpark die Bespitzelung durch Polizeifotografen u.a. sehr offensichtlich wurde, kamen einige HAHler in bierseliger Stimmung abends in der Kneipe von "Pauline Courage" auf die Idee, den Spiegel in der Reeperbahn-Klappe einzuschlagen. Das ging schief, also plante man einen zweiten Versuch in der Klappe am Jungfernstieg, diesmal in Anwesenheit der Presse in Form von Philipp Salomon von der "Du & Ich" als Fotograf. Da es sich immerhin um eine Sachbeschädigung handelte, wurde Corny gefragt, ob er als aktueller Hamburger Spitzenkandidat der Grünen für den Bundestag die Rolle des "Täters" übernehmen würde, in der Hoffnung, dass er nicht angeklagt werden würde. So entstand das Bild, dass es eine Aktion von Corny gewesen sei…


Thomas Grossmann (rechts am Transparent) beim Hamburger CSD 2019 (Bild: Klaus-Dieter Begemann)

Du hast auch bei der "stern"-Aktion "Wir sind schwul" mitgemacht?

Ja, der "stern" wollte mit "Wir sind schwul" 1978 offenbar an seine Aktion "Wir haben abgetrieben" von 1971 anknüpfen und hatte im Vorfeld gefragt, wer offen schwul lebte. Für das Titelbild wurden Martin Schulz und sein damaliger Freund fotografiert, die beide HAH-Mitglieder waren. Ich gehörte mit zu denen, deren Namen und Fotos im Innenteil abgedruckt wurden. Dieser Artikel hat das Coming-out in meiner Verwandt- und Bekanntschaft erheblich vorangetrieben. Kurz danach bin ich meinem schwulen Onkel begegnet. Der fand das gar nicht gut und sagte sinngemäß: "So was macht man nicht", eine Ansicht, die viele versteckt lebende Schwule damals teilten. Andererseits habe ich viele positive Rückmeldungen für meine Beteiligung bekommen und es bestärkte mich, weiter diesen Weg zu gehen.

Ein Jahr später hast du "Homolulu" mitorganisiert?

Die Vorgeschichte von "Homolulu" fing schon Mitte der Siebzigerjahre an. Im Rahmen des sogenannten "Russell-Tribunals", das Menschenrechtsverletzungen in der Bundesrepublik Deutschland anprangerte, setzten sich Schwule dafür ein, dass auch die rechtliche Diskriminierung von Schwulen berücksichtigt werden sollte. Dieselbe Gruppe von Einzelkämpfern aus dem ganzen Bundesgebiet hatte danach die Idee eines internationalen schwul-lesbischen Festivals, das unter dem Namen "Homolulu" 1979 realisiert wurde. Hier wurde das gemacht, was später auch in anderen Städten verwirklicht wurde: eine ganze Woche mit Theater, Filmen, Arbeitsgruppen und Festen.

Diese Tage waren eine großartige Erfahrung, wobei es viele vorbereitete, aber auch eine Menge spontane Angebote gab. Ich hatte dabei die Rolle des Pressesprechers, was zunächst gar nicht geplant war, aber durch die vielen Anfragen von Presse und Radio/TV notwendig wurde. "Homolulu" wurde – auch medial – viel größer, als wir uns das alle vorgestellt hatten. Vor allem aber war es unglaublich motivierend, auch danach weiterzumachen. Infolge dieser positiven Energien wurden ja später das Waldschlösschen – heute "Akademie Waldschlösschen" – und der Hamburger Buchladen "Männerschwarm" gegründet.

Hattest du engen Kontakt zum "Männerschwarm"?

Zu Anfang war der Kontakt nicht sonderlich eng, im Prinzip von beiden Seiten, obwohl ich die Gründer gut kannte, Henning Rademacher von der HAH her und Dieter Telge über "Homolulu". Unsere schwulenpolitischen Ansätze waren halt verschieden, und jeder hat sein Ding gemacht. Über die Szene und über die Unabhängige Homosexuelle Alternative (UHA), die 1983 das Magnus-Hirschfeld-Centrum (MHC) aufgebaut hat, hingegen kannte ich die beiden Betreiber des "Revolt Shops", ursprünglich ein Pornoshop, den sie später um eine Buchabteilung erweitert haben.

Keine Ahnung, ob die "Männerschwarm"-Männer zunächst nicht so interessiert waren an "Schwul – na und?", jedenfalls waren die "Revolt"-Männer diejenigen, die mich beim Erscheinen des Buches zur allerersten Lesung einluden – allerdings in deren Wohnung über ihrem Laden, weil Jugendliche ja nicht in den Pornoshop hätten kommen dürfen. Später machte dann auch der "Männerschwarm" Lesungen mit mir, was mich genauso gefreut hat.

Ich hatte eigentlich wenig Berührungsängste gegenüber beiden Ansätzen und habe deshalb auch bewusst versucht, in "Schwul – na und?" zwischen diesen beiden unterschiedlichen Lagern – also den "Integrationisten" und der "Lustfraktion" – die es ja nicht nur in Hamburg gab, keinen Widerspruch aufzubauen. Allerdings habe ich aus dem Lager der "Lustfraktion" wesentlich mehr Ablehnung und Häme erlebt, so wirkte manch einer vom Berliner "Prinz Eisenherz"-Buchladen geradeso, als ob sie die Zähne zusammenbeißen müssten, nur weil die eine Lesung mit mir veranstalten "mussten".

Warst du auch in der Aids-Hilfe engagiert?

Als Anfang der Achtzigerjahre Aids auftauchte, stand ich in der Abschlussphase meines Psychologiestudiums mit Diplomarbeit, "nebenbei" war ich öfter noch zu Veranstaltungen in anderen Städten eingeladen. Meine verbleibende freie Zeit musste ich gut einteilen, und da ich den Eindruck hatte, dass die gesamte schwule Emanzipationsarbeit vom Thema "Aids" überschattet wurde, habe ich mich vor allem auf die Arbeit in der Schwulenbewegung fokussiert – zumal ich guten Kontakt zu den anderen hatte, die die Aids-Hilfe Hamburg gegründet haben.

Ein Bereich, wo ich die Arbeit der Hamburger Aids-Hilfe besonders unterstützt habe, war die erste große Hamburger Benefiz-Aktion "Nacht für die Aids-Hilfe", die am 20. November 1985 stattfand. Im Vorfeld hatte ich Rosa von Praunheim um Hilfe gebeten, weil wir Prominente zur Unterstützung suchten und er in Berlin zuvor eine ähnliche Veranstaltung organisiert hatte. Rosa kannte ja viele dieser bei Schwulen so beliebten älteren Damen und aufgrund seiner Vermittlung sind dann u.a. Brigitte Mira und Lotti Huber bei uns aufgetreten. Trotz des eher schleppenden Kartenverkaufs haben wir auch in Hamburg eine gute Mischung aus Information und Unterhaltung hinbekommen. Es gab mehrere Gesprächsrunden, Musik von Plüsch bis Rock à la "Felix de Luxe", und Helga Feddersen brachte mit ihrem Humor den Saal ebenso zum Kochen wie Lotti Huber, Ingrid van Bergen kam extra mit ihrem VW aus Husum angereist, der Sexualwissenschaftler Prof. Erwin J. Haeberle aus San Francisco, Björn Engholm saß mit seiner Frau im Publikum. Evelyn Hamann, die vor allem als Loriots Sketch-Partnerin bekannt ist, hat unglaublich empathisch Briefe aus den USA über das katastrophale Sterben unter Schwulen in San Francisco vorgelesen.

Besonders wichtig war uns Heidi Kabel, weil sie nicht nur wie keine zweite für Hamburg stand, sondern weil sie auch eine konservative und Schwulen ebenso wie Aids-Kranken gegenüber distanzierte Schicht ansprach. Sie war mit dem – damals noch nicht geouteten – Nachrichtensprecher Wilhelm Wieben befreundet und wurde von ihm an diesem Abend auf der Bühne interviewt. 1985 war es wichtig, die Diskussion um HIV und Aids zu versachlichen und den Menschen ihre Ängste zu nehmen. Insofern war es auch gut, dass sich Heidi Kabel so deutlich positionierte: "Lasst Menschen nicht alleine, wenn sie Aids haben. Kümmert euch um sie statt sie zu diskriminieren."


Cover der überarbeiteten Neuausgabe von 1994

Wie ist die Idee zu "Schwul – na und?" entstanden?

Das lag zum einen daran, dass ich mich um die Post der HAH (Homosexuelle Aktion Hamburg) gekümmert habe und dadurch mit jedem Brief damit konfrontiert war, wie schwierig die Situation von Schwulen war, die außerhalb der Großstädte lebten. Als 1980 Martin Siems' Buch "Coming out" herauskam, dachte ich: Genau so was brauchen wir! Umso mehr war ich enttäuscht, weil es eigentlich nur eine Anleitung für Selbsthilfegruppen war. Über diese vertane Chance habe ich mich geärgert. Also habe ich versucht, ein Coming-out-Buch zu machen, das eher meinen Vorstellungen entsprach, um junge Schwule zu ermutigen, das auch zu leben.

Ich selbst war inzwischen zwar bereits 30 Jahre alt, hatte aber noch gut in Erinnerung, welche Gedanken und inneren Kämpfe ich so zwischen 14 und 20 gehabt hatte bzw. durchgestanden habe. Zudem hatte ich in den davor liegenden Jahren eine Vielzahl an Artikeln, u.a. für die Schwulenzeitschrift "Du & Ich", geschrieben. Damals versuchten wir, d h. Hans-Georg Stümke, der auch aus der HAH kam, und weitere, über die "Du & Ich" andere Schwule außerhalb der Gruppen zu erreichen und ihnen Mut zu machen. Hans-Georg Stümke hat übrigens zu der Zeit gemeinsam mit Rudi Finkler an dem Buch "Rosa Winkel, Rosa Listen" gearbeitet, welches dann im selben Monat herauskam wie "Schwul – na und?".

Hattest du positive Vorbilder für dieses Buch?

Ich war ja bei weitem nicht der Erste, der Sexualaufklärung für Jugendliche anbieten wollte. Es gab ja schon die Zeitschrift "Twen" sowie Martin Goldstein und Will McBride mit ihrem "Lexikon der Sexualität" (1970). Oder Günter Amendt mit "Das Sex-Buch" (Weltkreis-Verlags-GmbH 1979). Rowohlt war übrigens danach auf Amendt zugegangen, weil der Verlag in seiner Jugendbuchreihe "rororo panther" gerne ein schwules Coming-out-Buch herausbringen wollte. Amendt hätte das auch gemacht, wollte sich jedoch in seinem Buch nicht als schwul outen, woraufhin Rowohlt ablehnte.

Ich hatte das Glück, dass Rowohlt in diesem Jahr genau das suchte, was ich bieten konnte, weil ich ja nicht nur als Fachmann, sondern auch als offen schwuler Autor auftrat. Und mein Konzept, das ich ihnen schickte, fanden sie sehr gut. Mir war vor allem wichtig, dass es als billiges Taschenbuch auf den Markt kam, damit es sich jeder Jugendliche leisten konnte, und dass es auch in jedem kleinen Buchladen abseits der Großstädte zu kriegen war. Da lag Rowohlt als der größte Taschenbuchverlag einfach nahe. Wie mir häufiger berichtet wurde, war "Schwul – na und?" trotzdem einer der meistgeklauten Titel, die Leute hatten einfach Schiss, damit an die Kasse zu gehen …

Wie kam es zu dem Titel?

Beim Titel und bei der Umschlaggestaltung hat der Autor eigentlich nichts mitzureden, diese Dinge entscheiden der Verlag und seine Marketingleute. Rowohlt wollte als Titel "Homosexuell – wie man es wird und wie man es bleibt". Das fand ich gruselig, und es passte überhaupt nicht zum Konzept meines Buches. Der Spruch "Schwul – na und?" stand auf einem Transparent, welches meines Wissens im Juni 1980 bei einer Münchner Demo aufgetaucht war, und den fand ich genial! Glücklicherweise hat die "rororo panther"-Redaktion den Titel akzeptiert.


Ein Transparent wird zum Buchtitel: CSD München am 28. Juni 1980

Ein Problem entstand dadurch, dass ich gerne auch zwei Coming-out-Berichte von jungen Frauen aufnehmen wollte, was zum Titel nicht passte. Zudem wollte die Redaktion auch ein Buch von und für lesbische Frauen herausbringen. Weil sie jedoch keine Lesbe fanden, die ein ähnliches Buch nur für Lesben schreiben wollte, haben sie mein Buch in dieser Form akzeptiert.

Kam die Idee mit dem Waschbecken auf dem Cover auch von dir?

Ich hatte mir für das Cover eine Häuserwand gewünscht, an die der Titel gesprüht ist. Das Cover mit dem Waschbecken, das an eine Klappe erinnert, fand ich gar nicht gut, weil ich ja gerade "raus aus den Klappen" wollte. In diesem Punkt konnte ich mich gegenüber dem Verlag aber leider nicht durchsetzen. Immerhin akzeptierten sie meine Idee, dass dann wenigstens beide Wasserhähne rot = warm sind. Erst mit der Neuausgabe des Buches 1994 – mit neuen Coming-out-Geschichten, neuen Adressen und vor allem einem neuen Kapitel über Aids – wurde dann zum Glück auch das Cover ausgetauscht.

Wie kam es zu deinem Auftritt in der Jugendsendung "Doppelpunkt" von 1988 (hier auszugsweise online, 26:12-26:32 Min.)?

Die ZDF-Redaktion recherchierte für eine Sendung mit dem Titel "Mein Sohn ist schwul!". Neben Schwulen, die aus ihrem Leben erzählten, sollte wohl auch ein "Fachmensch" mit dabei sein, und weil "Schwul – na und?" weit verbreitet war, lud mich das ZDF ein. Michael Steinbrecher hat die Sendung bestens moderiert, was mir sehr gefallen hat. Aber das Konzept, quasi als Alibi-"Fachmann" gegen Ende ein paar Sätze beitragen zu dürfen, fand ich den Aufwand nicht wirklich wert. Immerhin habe ich feststellen dürfen, dass Michael Steinbrecher tatsächlich so kompetent und sympathisch ist, wie er im Fernsehen immer rüberkam.


Thomas Grossmann in der Jugendsendung "Doppelpunkt" von 1988

Wie drückt sich der Erfolg des Buches in Zahlen aus?

"Schwul – na und?" war letztlich – ebenso wie das 1984 erschienene Elternbuch "Eine Liebe wie jede andere" – fast 20 Jahre mit jeweils überarbeiteten Neuausgaben auf dem Markt, zusammen haben beide es auf eine Auflage von über 100.000 Stück gebracht.

Das dritte Buch in der Reihe, "Beziehungsweise andersrum" über schwule Beziehungen von 1986, kam an diesen Erfolg leider nicht heran, da war ich wohl vom Thema her etwas "zu früh" dran – schwule Beziehungen und ihre Besonderheiten bzw. Probleme waren 1986 noch nicht so das Thema, mit der "Hamburger Ehe" bzw. der "eingetragenen Partnerschaft" ging es ja erst zehn Jahre später los.

Welche Bedeutung hat das Buch heute für dich?

Auch wenn ich mich nie als Schriftsteller verstanden habe, bedeutet der Erfolg des Buches viel für mich und war eine wunderbare Erfahrung. Mir ging es darum, Jugendlichen im Coming-out Mut zu machen. Ich habe den Eindruck, dass dies auch wirklich für viele funktioniert hat. Insofern bin ich stolz darauf, dass mein Konzept und die Umsetzung so viel Zustimmung gefunden haben.

Zum Weiterlesen

Bernhard Rosenkranz, Gottfried Lorenz: "Hamburg auf anderen Wegen. Die Geschichte des schwulen Lebens in der Hansestadt" (2005) mit dem Kapitel "Aufbruch nach 1969" (S. 149-224) und u. a. diesen Themen: Homosexuelle Aktion Hamburg (ab S. 150), die Kampagne zur Streichung des § 175 im April 1973 (S. 152-153), die Hamburger Spiegel-Affäre (S. 163-166), der Revolt Shop (S. 177-181) und Pauline Courage (S. 200-202).
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#1 ElfolfProfil
  • 01.06.2021, 06:43hHamburg
  • Erstmal herzlichen Glückwunsch. Ich war damals im ersten Semester und hatte mich meiner WG gegenüber schon geoutet. Damals war ich auch Stammgast der einzigen Schwulenkneipe im Umkreis von fünfzig Kilometern. Eines Tages hielt Thomas Großmann dann eine Lesung im Buchladen, die sehr gut besucht war. Dort habe ich auch sein Buch gekauft und es meiner Mutter am nächsten Wochenende in die Hand gedrückt. Sie meinte dann am nächsten Morgen, du musst doch nicht jede Mode mitmachen, aber im Grunde hatte sie es immer schon geahnt. Ihr war nur wichtig, dass ich damit gut leben kann. Sein Buch hat dann noch vielen Freunden geholfen, sich zu outen. Auch viele, der erwähnten Mitstreiter kenne ich noch aus dem Hamburg der frühen achtziger Jahre und bin ihnen dankbar, schwul sein als Normalität empfinden zu dürfen.
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#2 StaffelbergblickAnonym
  • 01.06.2021, 09:04h
  • "Für das Titelbild wurden Martin Schulz und sein damaliger Freund fotografiert, die beide HAH-Mitglieder waren." Jo an die beiden kann ich mich auch gut erinnern, die waren soweit mir bekannt auch Mitbegründer der Schwusos in Hamburg. Und regelmässig beim Sammeln von Unterschriften zur Streichung des § 175 stGB, auch an der Mönckebergstraße beteiligt.
    Die Veranstaltung in der Beethovenhalle war allerdings im wesentlich durch das Versprühen von Buttersäure zerstört worden. Was bei den meisten Teilnehmern eine ziemliche Enttäuschung auslöste.
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#3 LotiAnonym
  • 01.06.2021, 09:50h
  • Ich gratuliere Thomas von ganzen Herzen. Sein Photo von 1976 ist mir in guter Erinnerung geblieben. Lieben Dank auch für diesen wundervollen Artikel. Habe mich gleich wieder zurückgefühlt in eine Zeit die ich nicht vergessen werde. Vor allem mein Date mit Corny. Mensch was waren wir beide betrunken. Schön wars trotzdem.
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#4 Ach damalsAnonym
  • 01.06.2021, 11:06h
  • Thomas Grossmann hat mir mit "Schwul, na und?" beim Coming-out 1981 unglaublich geholfen. Ohne seine Gedanken wäre ich als 16-/17-Jähriger sicher ein Stück weit vor die Hunde gegangen. Das Buch hat mir damals sehr viel Kraft gegeben.
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#5 snafuAnonym
  • 01.06.2021, 12:03h
  • Auch von mir herzlichen Glückwunsch und herzlichen Dank! Nein, ich habe das Buch nicht geklaut, sondern mit Shakespeare (!) abgedeckt. Gleich noch was für die klassische Bildung getan. Wichtig auch die Arbeit zu prähomosexueller Kindkeit/Jugend. Das Äquivalent für Lesben ist leider weniger bekannt.
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#6 RuntAnonym
  • 01.06.2021, 12:30h
  • Ich habe zwiespältige Erinnerungen an das Buch. Die Aufklärung zu sexuellen Fragen, die Tipps zum Comingout waren o.K. , aber die psychologischen Themen, wie eine langfristige Beziehung aussehen kann, ob die bekannten Beziehungsmuster aus der Heterowelt für Schwule eine Orientierung darstellen können und wo sie vermutlich hinderlich sind, die Frage, wie man sich vor Einsamkeit im Alter schützt etc. wurden zu wenig behandelt, vermutlich auch, weil es dazu noch wenig Erfahrungswerte und offene Diskussionen gab und auch die rechtlichen Fortschritte im Adoptions- und Eherecht nicht absehbar waren.

    Auch danach hat es noch ganz schön lange gedauert, bis die Comingoutratgeber "ganzheitlicher" wurden.

    Klar sollte das flapsige "na und?" Mut machen, aber ich finde es ehrlicher, jungen Menschen zu sagen, dass sie durch ihr Anderssein vermutlich bestimmte voraussehbare Hürden zu überwinden haben - dass man sich aber darauf gut vorbereiten und seine Resilenz trainieren kann und dass das Hürden nehmen zum Erwachsenwerden dazugehört.
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#7 Felix-baerlinAnonym
  • 01.06.2021, 12:48h
  • Ich möchte Thomas auch ganz herzlich danken. Ich war jung und konnte in der örtlichen Bücherei unauffällig das Buch verschlingen. Das war toll!

    Auch im Interview fand ich einiges Neues interessant- zum Beispiel über die Hamburger Veranstaltung unter anderen mit Evelyn Hamann und Helga Feddersen. Ich war schon immer von ihnen begeistert. Nun, weiß ich, dass sie nicht nur das Herz am rechten Fleck (okay, hört sich heutzutage komisch an), sondern auch schon damals solidarisch agierten. Danke!
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#8 SöderAnonym
#9 ElfolfProfil
  • 01.06.2021, 14:24hHamburg
  • Antwort auf #6 von Runt
  • Es gab ja für junge Leute damals kaum frei zugängliche Literatur zu diesem Thema. Die meisten von uns waren irgendwie wie Duffy Thomas, der einzige Schwule im Dorf. Aber gerade für junge Leute ist es wichtig zu wissen, wenn sie erst geoutet sind, ist schwul oder lesbisch sein nicht mehr ihr Problem, sondern ein PAL. Ein Problem anderer Leute. Sollen die doch sehen, wie die mit meiner Homosexualität klar kommen und sich für ihr Verhalten eventuell rechtfertigen müssen.
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#10 mesonightAnonym
  • 01.06.2021, 14:42h
  • Ich hätte das Buch damals gerne gekauft, aber da das Wort "schwul" im Titel war, hatte ich mich nicht getraut.
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