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Missbrauchsprozess

Hat der #ArztOhneNamen Akten nachträglich manipuliert?

Im Prozess gegen einen szenebekannten Berliner Mediziner wunderte sich die Staatsanwältin am Montag über zwei Versionen einer Patientenakte. Die Befragung eines Belastungszeugen fiel aus.


Symbolbild: Die Berliner Staatsanwaltschaft wirft einem in der schwulen Szene bekannten Mediziner und HIV-Spezialisten vor, fünf Patienten in seiner Praxis sexuell missbraucht zu haben. Insgesamt sind 22 Verhandlungstage anberaumt. Der Arzt bestreitet die Vorwürfe (Bild: gustavo-fring / pexels)

Der achte Verhandlungstag im Strafprozess gegen den #ArztOhneNamen vor dem Berliner Amtsgericht Tiergarten am Montag war kurz. Eigentlich sollte die Befragung des mutmaßlich Geschädigten vom vergangenen Donnerstag fortgesetzt werden (queer.de berichtete). Der Mann wurde jedoch einen Tag nach seiner Aussage stationär in einem Berliner Krankenhaus aufgenommen. Noch ist unklar, wann er wieder vor Gericht erscheinen kann.

Die Zeit ohne Befragungen nutzte der Vorsitzende Richter Rüdiger Kleingünther, um Entscheidungen des Gerichts zu Beweisanträgen bekanntzugeben. So lehnte er unter anderem ab, einen mutmaßlich Geschädigten aus Wien zur Befragung nach Berlin zu laden. Der Mann hatte sich per E-Mail gemeldet, weil ihm durch die Berichterstattung klar geworden war, dass ein Prozess gegen den #ArztOhneNamen läuft (queer.de berichtete). Kleingünther begründete die Ablehnung damit, dass eine Befragung des Mannes die fünf zur Anklage stehenden Fälle weder bestätigen noch widerlegen könnte.

Eine Patientenakte in zwei Versionen

Im weiteren Verlauf beantragte die Staatsanwältin, die Patientenakte des Zeugen vom vergangenen Donnerstag in Augenschein zu nehmen. Darin dokumentierte der Angeklagte sowie das medizinische Personal die Krankengeschichte des Zeugen. Vor dessen Vernehmung berichtete die Verteidigung ausführlich aus diesem Dokument, um die vorgenommenen Untersuchungen als medizinisch notwendig zu begründen und den Angeklagten von den Vorwürfen zu entlasten.

Die Staatsanwältin wies daraufhin, dass diese Dokumentation an zwei Stellen innerhalb der Gerichtsakten in unterschiedlicher Form auftauche. So sei in einer Variante die Analuntersuchung enthalten, in der anderen nicht. Anwältin Gilda Schönberg der Verteidigung begründete dies durch die unterschiedliche Einstellung von Filterregeln zur Abrechnung mit den Krankenkassen.

Die Staatsanwältin sieht dies jedoch als Beleg, dass "alles bearbeitbar" sei und man den Eindruck haben könne, die Akte sei "frisiert" worden. Es sollte ein Sachverständiger der Praxissoftware befragt werden, ob Patientenakten nachträglich manipulierbar seien. Außerdem sollte es eine genaue Erklärung geben, was bestimmte Kürzel in der Akte bedeuten (zum Beispiel der Buchstabe H). Darüber hinaus sollten Praxisangestellte als Zeugen "mit Realitätsbezug" aussagen, wer was in die Patientenakte eintrage.

Masturbieren des Patienten nicht vermerkt

Verteidiger Johannes Eisenberg kritisierte, dass die Staatsanwältin damit das "Kainsmal der Manipulation" gegen den Angeklagten in das Hauptverfahren eingebracht habe. Er schlug vor, dass stattdessen die Krankenkasse des Zeugen mitteilen solle, ob damals eine proktologische Untersuchung abgerechnet worden sei. Das Gericht wird nun darüber entscheiden.

Barbara Petersen, die Anwältin des mutmaßlich Geschädigten, beantragte ebenfalls, dass die Patientenakte dem Gericht vollständig zur Kenntnis gebracht werden soll. Die Verteidigung hatte vor der Befragung des Zeugen erklärt, der Angeklagte könne sich deshalb an die Untersuchung 2013 erinnern, weil sich der Patient provokant verhalten habe. So habe er vor dem Angeklagten masturbiert und sei deswegen von ihm der Praxis verwiesen worden.

Laut Barbara Petersen sei das überraschenderweise nicht in der Patientenakte dokumentiert. Es sei üblich, so schwerwiegende Vorkommnisse schriftlich festzuhalten, damit nachbehandelnde Ärzt*innen darauf vorbereitet seien. Es stehe daher die Frage im Raum, warum so ein gravierender Vorfall nicht Eingang in die Patientenakte gefunden habe.

Der Prozess wird am 3. Juni fortgesetzt.



#1 SöderAnonym
#2 StaffelbergblickAnonym
  • 02.06.2021, 10:29h
  • Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, bei der weiteren Berichterstattung hierzu, dass ich mit einem vorherigen Kommentar womöglich gar nicht so falsch lag. Einmal Analuntersuchung eintragen, dann wieder nicht, dann wird das Kontrollprogramm der Krankenkasse vorgeschoben. Sprich es wurde scheinbar sehr bewußt eine Akte frisiert, um einersatz "glatt" durch die Kassenprüfung zu kommen, andererseits spezielle Untersuchungen medizinisch zu begründen, die wiederum mit der abzurechnenden Hauptdiagnose nie und nimmer in Einklang zu bringen waren.
    Und ein Patient, der bei einer Untersuchung "sehr auffällig" ist und das nicht zu dokumentieren ... wäre gradezu sträflich. Entweder aus eigener Sicherheit, andererseits in einer Gemeinschaftspraxis auch zur Information durch andere mitbetreuenden Ärzte. Und schlichtweg ... hätte es für die Praxis weitere Konsequenzen????
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