Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?39026

Interview

"Ich wusste, dass ich einen Schwulen verkörpern kann"

In "Beyto" spielt der heterosexuelle Newcomer Burak Ates einen schwulen Schweizer mit türkischen Wurzeln, der von seinen Eltern zwangsverheiratet wird. Wir sprachen mit ihm über Heimlichtuerei beim Dreh in der Türkei, die Reaktion seines Onkels und seine Traumrolle.


Szene aus dem Film: Beyto (Burak Ates, re.) verliebt sich in seinen Schwimmtrainer Mike (Dimitri Stapfer) (Bild: Salzgeber)

Liebe versus "Tradition" und "Ehre": Mit "Beyto" läuft in diesem Monat in der queerfilmnacht online ein mitreißender wie berührender Film über einen jungen Schwulen in der Schweiz, der von seinen strenggläubigen türkischen Eltern zwangsverheiratet wird. Premiere feierte das queere Drama von Gitta Gsell, das auf dem Roman "Hochzeitsflug" von Yusuf Yesilöz basiert, bereits im vergangenen September beim Zurich Film Festival (queer.de berichtete). Durch die Coronakrise verzögerte sich der deutsche Kinostart, nun hat der Verleih Salzgeber den 1. Juli bekanntgegeben.

Die Hauptrolle in "Beyto" spielt – ein absoluter Glücksgriff! – der Newcomer Burak Ates. Der 25-Jährige hat selbst türkische Wurzeln: Geboren und aufgewachsen ist Ates in Solothurn, bereits sein Großvater kam aus der Türkei in das Kanton Wallis. Der Vater folgte im Alter von 13 Jahren in die Schweiz. Bis zu seiner ersten Kinorolle arbeitete Burak Ates als Produktionsmechaniker, mittlerweile hat er ein Schauspielstudium an der Filmschauspielschule Zürich aufgenommen.

Mit dem leidenschaftlichen Fitness-Sportler unterhielt sich Dieter Oßwald.


Produktionsmechaniker wird queerer Filmstar: Burak Ates

Herr Ates, vom Produktionsmechaniker zum Hauptdarsteller – das erinnert an die Geschichte vom Tellerwäscher. Wie fühlt sich die neue Karriere an?

Das fühlt sich fantastisch an. Früher vor der Maschine und jetzt vor der Kamera: Kein schlechter Tausch! (lacht)

Wie sind Sie an die Hauptrolle von "Beyto" gekommen?

Ich wurde von meinem Trainer Dominique Bellabarba und der Theaterregisseurin Manuela Glanzmann auf den Casting-Aufruf aufmerksam gemacht, habe mich darauf beworben und wurde prompt eingeladen. In der dritten und letzten Casting-Runde habe ich zusammen mit meinem Filmpartner Dimitri Stapfer geprobt. Die Chemie zwischen uns hat sofort gestimmt, und ich hatte ein sehr gutes Gefühl. Danach erhielt ich die telefonische Zusage der Regisseurin Gitta Gsell.

Die Regisseurin erzählt, es hätte viele Absagen gegeben, weil die Rolle schwul sei. Hatten Sie ähnliche Bedenken?

Nein, ich habe nicht lange gezögert. Ich wusste, dass ich einen Schwulen verkörpern kann und wollte das gerne spielen. Mir war völlig egal, was andere darüber denken, diese Chance wollte ich unbedingt nutzen.

Wie waren die Reaktionen von Familie und Freunden auf Ihre schwule Rolle?

Meine Freunde haben das gefeiert. Auch von meiner Familie bekomme ich mittlerweile die volle Unterstützung. Am Anfang gab es noch Skepsis, meine Eltern fragten, ob ich mir wirklich sicher sei, eine schwule Rolle zu spielen. Aber mir war von Anfang an klar: Das ist Schauspiel. Es ist Kunst. Ich kann das machen.


Poster zum Film: "Beyto" läuft im Juni 2021 in der queerfilmnacht online und ab 1. Juli im Kino

Bei den Dreharbeiten in der Türkei musste geheim bleiben, worum es in dem Film geht...

In der Türkei wusste niemand so genau, wovon der Film handelt. Meinen Freund Mike hielt man für eine Michaela, eine Freundin aus der Schweiz. Wie die Reaktionen gewesen wären, wenn wir das schwule Thema offen angesprochen hätten, kann ich nicht beurteilen. Für mich machten die Bewohner einen ziemlich modernen Eindruck.

Mit den intimen Szenen im Film hatten Sie keine Probleme?

Zwischen meinem Filmpartner Dimitri Stapfer und mir hat sich eine sehr gute Freundschaft und großes Vertrauen aufgebaut. Natürlich war es am Anfang nicht ganz so leicht, es war schließlich das erste Mal für mich, einen Mann zu küssen! (lacht) Aber wir hatten genügend Zeit für die Proben. Die lange Schauspiel-Erfahrung von Dimitri hat auch mir bei diesen Szenen sehr geholfen.

Für mich ist die sexuelle Orientierung nie ein Problem. Die Menschen sollen sich lieben, völlig egal in welcher Konstellation. Ob Mann und Mann, Frau und Frau oder wie auch immer. Liebe ist das schönste Gefühl überhaupt, das sollten alle genießen können.

Welche Schnittmenge gibt es zwischen Ihnen und Ihrer Figur?

Beyto ist der softe Typ, der alles macht, was seine Eltern von ihm verlangen. Davon bin ich weit entfernt. Ich mache lieber das, was mir gefällt – zum Beispiel diesen Film! Was die Sportlichkeit anlangt, sind wir beide jedoch ausgesprochen ähnlich. Ich liebe Kebab, das esse ich zwei bis drei Mal die Woche. Beyto arbeitet in einem Kebab-Laden – so schließt sich der Kreis.

Was wäre die wichtigste Eigenschaft für Ihren neuen Beruf des Schauspielers?

Mut, Fantasie, Improvisation sowie die Lust, sich treiben zu lassen, wenn man spielt.

Wie kam Ihre Entscheidung zum Jobwechsel?

Schon als Kind wollte ich Schauspieler werden und träumte davon, in türkischen Serien aufzutreten. In der Schule war ich immer der Clown – und bin es heute noch. Schon vor fünf Jahren wollte ich an die Schauspielschule, was jetzt endlich geklappt hat. Unsere Regisseurin Gitta Gsell hat mich da sehr unterstützt und motiviert. "Du kannst das schaffen!", machte sie mir Mut. Es war großartig, jemanden zu haben, der an mich glaubt – mehr als ich selbst. Nach der bestandenen Aufnahmeprüfung studiere ich seit Januar an der Filmschauspielschule Zürich.

Gibt es Vorbilder?

James Franco finde ich sehr stark, der spielt seine Rollen für mich absolut überzeugend. Wenn ich mir eine Traumrolle aussuchen könnte, wäre das "Spiderman" – das würde ich sofort spielen.

Welche Reaktionen haben Sie auf "Beyto" erlebt?

Ich bekomme viele Nachrichten von Leuten, die den Film sehr mochten. Sogar mein Onkel aus der Türkei hat angerufen und zum Trailer gratuliert – was natürlich eine schöne Motivation für mich ist. Schwule türkische Kollegen haben gesagt: "Buri, richtig krass, dass du das durchziehst. Du spielst meine Geschichte!" – darauf bin ich schon ein wenig stolz.

Mussten Sie beim Zurich Film Festival auf dem Grünen Teppich erste Selfie-Wünsche erfüllen?

Es stand tatsächlich jemand am Teppich, der hatte sechs Fotos von mir aus Instagram kopiert und laminiert. Auf jedes Bild wollte er ein Autogramm "Für Martin" und dann auch noch ein Selfie haben – da war schon ein spezieller Moment für mich! (lacht)

Mit welchen Gefühlen haben Sie sich auf der großen Leinwand gesehen?

Das Gefühl ist unbeschreiblich und ergreifend – allerdings sieht man da auch jeden kleinen Pickel im Gesicht.

Vimeo / Salzgeber Club | Trailer zum Film und Möglichkeit, ihn direkt anzuschauen
Datenschutz-Einstellungen | Info / Hilfe

Infos zum Film

Beyto. Drama. Schweiz 2020. Regie: Gitta Gsell. Darsteller*innen: Burak Ates, Dimitri Stapfer, Ecem Aydin. Laufzeit: 98 Minuten. Sprache: Originalfassung auf Schweizerdeutsch und in Türkisch, teilweise mit deutschen Untertiteln. FSK 12. Verleih: Salzgeber. Kinostart: 1. Juli 2021. Im Juni bereits in der queerfilmnacht online.
Galerie:
Beyto
10 Bilder


#1 AtreusProfil
  • 03.06.2021, 13:24hSÜW
  • Ich konnte den Film bereits sehen und habe ihn nicht so stark in Erinnerung, wie die Romanvorlage. Das Buch war wirklich ein gut investierter Nachmittag. Wer vorab lesen mag: Hochzeitsreise von Yusuf Yesilöz (Limmat Verlag)
  • Antworten » | Direktlink »
#2 LotiAnonym
#3 SebiAnonym
  • 04.06.2021, 11:36h
  • Antwort auf #2 von Loti
  • Wobei man auch dazu sagen muss, dass es oft auch davon abhängt, was man als erstes konsumiert hat: das Buch oder den Film.

    Denn es liegt in der Natur eines Buches, dass viel mehr der Phantasie überlassen bleibt: Wie sehen die Personen aus? Wie sprechen sie? Wie bewegen sie sich? Welche Klamotten tragen sie? Wie sehen die Orte aus? Welche Geräusche gibt es an diesen Orten? Wie ist das Licht? Etc. etc.

    Da hat man nach dem Lesen eines Romans sehr genaue Vorstellungen vor seinem geistigen Auge. Und wenn es dann im Film, der eine konkrete Realisierung dieses Stoffes ist, (zwangsweise) Abweichungen gibt, sorgen diese kognitiven Dissonanzen dafür, dass man den Film immer als schlechter empfindet.

    Dazu kommt noch, dass ein Film aus Zeitgründen oft einzelne Handlungsstränge eines Buches weglassen muss, o.ä. Denn während man kein Problem damit hat (oder es sogar erwartet) an einem Buch länger als 2-3 Stunden zu lesen, sind bei Filmen oft 2 - 2,5 Stunden das Maximum, was noch toleriert wird. Für letzteres muss es schon ein sehr guter Film sein.

    Wenn man dagegen zuerst den Film sieht und dann das Buch liest, kongruieren die Vorstellungen beim Lesen des Buches mit den Bildern des Films und dann werden die zusätzlichen Handlungsstränge des Buches eher als Zusatz-Szenen (ähnlich einem Director's Cut) gesehen und als weitere Bereicherung wahrgenommen.
  • Antworten » | Direktlink »